Max Peller, * 10.08.1907 Apolda, † 14.07.1945 Theresienstadt an Entkräftung nach Befreiung (wohnte eigentlich bei seiner Verhaftung und späteren Deportation in Weimar, Rittergasse 21)
Friedrich (Fritz) Burkhardt, * 16.10.1890, Beruf: Stricker, letzte Wohnadresse: Ludendorffstraße 18/20
Jenny Burkhardt geb. Hoffmann, * 26.12.1900 Ulrichshalben, 1936 zu ein Jahr Gefängnis in Hohenleuben verurteilt, letzte Wohnadresse: Luisenstraße 34, † 24.9.1977
Lina Burkhardt geb. Hartung, * 14.06.1975 Apolda, Mutter von Max Burkhardt, 1936 zu ein Jahr Gefängnis in Hohenleuben verurteiltletzte Wohnadresse: Bergstraße 56, † XX.XX.XXXX
Max Burkhardt, * 14.07.1897 Apolda, Beruf. Schlosser, als KPD-Mitglied mehrfach verhaftet, nach 1945 in zahlreichen staatlichen und gesellschaftlichen Funktionen tätig, letzte Wohnadresse: Luisenstraße 34, † 19.04.1969
Anna Burmeister, * XX.XX.XXXX, Beruf: Angestellte, letzte Wohnadresse: Stobraer Straße 31 Verbleib unbekannt
Fritz Chr. ..........., * XX.XX.XXXX, Verbleib unbekannt
Otto Conrad, * 13.10.1893, Verbleib unbekannt
Paul D. ..............., * XX.XX.1874, Verbleib unbekannt
Otto Denner, * XX.XX.XXXX, Lehrer, 1933 aus dem Schuldienst entfernt, vermutlich SPD-Mitglied, letzte Wohnadresse: Bismarckstraße 5
Walter Dreßler, * XX.XX.XXXX, Beruf: Dreher?, letzte Wohnadresse: Wielandstraße 7?,
Otto E. .............., * XX.XX.XXXX, Verbleib unbekannt
Heinz Eckardt, * XX.XX.XXXX, letzte Wohnadresse: Schillerstraße 19, Verbleib unbekannt
Ewald Fischer, * XX.XX.XXXX, Verbleib unbekannt
Hermann Fischer, * 18.01.1912 Asch/Böhmen, Beruf: Zimmermann, nach 1933 mehrfach inhaftiert, nach 1945 in verschiedenen staatlichen und gesellschaftlichen Funktionen, Arbeitersportler: Ringer, letzte Wohnadresse: Zappstraße 11, † 23.11.1984
Willi Flach, * 17.05.1901, Beruf: Zementeur, letzte Wohnadresse: Hermstedter Straße 53, † 31.10.1974
Kurt Förster, * 10.03.1920, † 27.06.1976
August Friedrich, * 11.02.1898 Apolda, Beruf: Strickermeister, wegen SPD-Mitgliedschaft und als Gewerkschafter nach 1933 verfolgt und mehrfach verhaftet, nach 1945 in verschiedenen staatlichen und gesellschaftlichen Funktionen tätig, † 23.05.1975
Johanna Frische, * XX.XX.1925 Verbleib unbekannt
August Frühwirth, * XX.XX.XXXX Verbleib unbekannt
Karoline Fuchs, * 16.08.1893, versteckte die KPD-Instrukteurin Helene Fleischer, dafür mit Gefängnis bestraft, letzte Wohnadresse: TeubnerstraßePorträt Oskar Jancke
Franz G. ................, * XX.XX.XXXX, Verbleib unbekannt
Fritz Georgy, * XX.XX.XXXX, Verbleib unbekannt
Rudolf Gerhardt, * XX.XX.XXXX, Beruf: Arbeiter?, letzte Wohnadresse: Flurstedter Marktweg 11?, Verbleib unbekannt
Hermann Giede, * 12.06.1902, † 19.01.1958
Rudi Gräf, * XX.XX.XXXX, Verbleib unbekannt
Fritz Guckenburg, * XX.XX.XXXX, Geschäftsführer des Deutschen Textilarbeiterverbandes, letzte Wohnadresse 1933: Niederroßlaer Straße 83, Verbleib unbekannt
Richard Gutewort, * XX.XX.XXXX, Fabrikant, Mitinhaber der Firma Doms & Gutewort, letzte Wohnadresse: Ludwigsplatz 8
Hermann Hager, * XX.XX.XXXX Verbleib unbekannt
Max Hahn, * 05.12.1889, Beruf: Gartenmeister, letzte Wohnadresse: Stobraer Straße 12, † 12.01.1978
Paul Hasenbein, * 29.12.1897, Beruf: Heizer, wegen kommunistischer Tätigkeit zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, letzte Wohnadresse: Wickerstedt Nr.29, † 01.01.1962
Hermann Haupt, * XX.XX.XXXX, Druckerei von kommunistischen Schriften, letzte Wohnadresse 1933: Jägerstraße 27, † zwischen 1933 und 1938
Richard Härtel, * XX.XX.XXXX, Verbleib unbekannt
Hermann Heuland, * XX.XX.XXXX, Beruf: Melker Bergsulza, 1933 zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt, letzte Wohnadresse: Bergsulza Nr. 48
Friedrich Heyme, * XX.XX.XXXX, letzte Wohnadresse: Nauendorf Nr. 28, Verbleib unbekannt
Josef Hitschfel(d), * XX.XX.XXXX, Verbleib unbekannt
Alfred Hornbogen, * XX.XX.XXXX Verbleib unbekannt
Robert Hübner, * 17.07.1908, Beruf: Stricker, letzte Wohnadresse: Am Nußberg 6, † 20.02.1979
Alfred Illge, * 28.11.1906, Beruf: Steinsetzerpolier, Verurteilt zu 4 Jahren Zuchthaus, anschließend Strafbataillon 999, nach 1945 in der Stadtverwaltung beschäftigt, letzte Wohnadresse: Ludwigsplatz 6, † 14.02.1977
Jan J. ...................., * XX.XX.XXXX, Verbleib unbekannt
Friedrich K. ................., * XX.XX.XXXX, Verbleib unbekannt
Erna Kalupke, * XX.XX.XXXX, Verbleib unbekannt
Paul Kerneck, * XX.XX.XXXX, Beruf: Verwaltungsobersekretär, nach 1933 Berufsverbot, letzte Wohnadresse: Utenbacher Straße 25, Verbleib unbekannt
Albin Kirchner, * XX.XX.XXXX, Verbleib unbekannt
Otto Kleine, * 16.11.1898 Apolda, Beruf: Stricker, als KPD-Mitglied tätig in der Widerstandsgruppe Brümmer/Kleine, zu 14 Jahren Zuchthaus verurteilt, überlebte Evakuierungstransport nach Theresienstadt; nach 1945 beim Aufbau der Volkspolizei tätig, letzte Wohnadresse: Alexanderstraße 2, † 07.11.1968
Johannes Kühnrich, * 28.08.1898, Verbleib unbekannt
Artur Künstler, * XX.XX.XXXX, Beruf: Malermeister, wegen regimefeindlicher Äußerungen 1935 mit mobilem Prangerzug durch die Stadt gefahren, letzte Wohnadresse: Stobraer Straße 5
Walter Laßmann, * XX.XX.XXXX, Verbleib unbekannt
Heinrich Lenk, * 31.01.1884, Beruf: Schlosser, Mitbegründer der KPD in Apolda, sechs Jahre in KZ interniert, letzte Wohnadresse: Wiedemannstraße 3, † 30.05.1950
Paul Liebetrau, * 12.06.1905 Utenbach, Beruf: Dreher, 1942 für ein Jahr inhaftiert, nach 1945 Bürgermeister von Utenbach, letzte Wohnadresse: Utenbach Nr.131, † 14.11.1961
Alma Liebscher geb. König, * 06.03.1885 Moschwitz bei Greiz, Beruf: Heimarbeiterin, Ehefrau von Emil Liebscher, wegen kommunistischer Widerstandstätigkeit zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, letzte Wohnadresse: Eckenerstraße 13, † 15.04.1946
Willi Liebscher, * 16.04.1907, Beruf: Stricker, wegen kommunistischer Widerstandstätigkeit zu zweieinhalb Jahren
Zuchthaus verurteilt, letzte Wohnadresse: Niederroßlaer Straße 54
Franz Moericke, * 29.03.1885 Apolda, Beruf:Modelltischler, KPD, Reichstagsabgeordneter der 5. Wahlperiode 1930, in der DDR Gewerkschaftsfunktionär, † XX.XX.1956
Arno Müller, * XX.XX.XXXX, Beruf: Oberlehrer, wegen SPD-Mitgliedschaft nach 1933 zeitweise vom Dienst suspendiert, letzte Wohnadresse: Niederroßla, Hermann-Göring-Straße 21
Johann Müller, * 17.11.1895, † XX.XX.1972
Curt Müller-Hollenhorst, * XX.XX.XXXX, Nichtjüdischer Ehemann von Cella geb. Gumpert, nach 1945 als Treuhänder für enteignete Immobilien tätig, letzte Wohnadresse: Am Brückenborn 14
Adam N. ....................., * XX.XX.XXXX, Verbleib unbekannt
Franz Nerre, * 08.02.1891, Beruf: Stricker, 1936 als Kommunist zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, letzte Wohnadresse: Bergstraße 19
Georg Neumann, * XX.XX.XXXX, Verbleib unbekannt
Franz Nikodem, * XX.XX.XXXX Verbleib unbekannt
Otto Pfeiffenbring, * 09.03.1906, Beruf: Landarbeiter, 1934 wegen kommunistischer Tätigkeit zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, letzte Wohnadresse: Schanzenweg 5
Otto Pfeiffer, * XX.XX.XXXX, Beruf: Rammer, letzte Wohnadresse: Hermannstraße 16, Verbleib unbekannt
Richard Preußger, * 22.09.1898, Beruf: Maurer, 1934 wegen kommunistischer Betätigung zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, letzte Wohnadresse: Schützenstraße 39Richard Schmiedel mit Familie
A. .................. R. ......................, * 08.12.1900, Verbleib unbekannt
S. ...................R. ......................., * XX.XX.XXXX, Verbleib unbekannt
Paul Reuter, * XX.XX.XXXX, Beruf Fabrikant?, letzte Wohnadresse: Schrönplatz 1?, Verbleib unbekannt
Franz Riemann, * XX.XX.XXXX, Beruf: Dreher Verbleib unbekannt, letzte Wohnadresse: Weimarische Straße 61
Richard Ringel, * 13.04.1881, Beruf: Schriftsetzer, letzte Wohnadresse: Brandesstraße 12, † XX.XX.1965
Fritz Ritter, * XX.XX.XXXX, Beruf: kaufmännischer Angestellter?, letzte Wohnadresse: Sandgrube 13?, Verbleib unbekannt
Arno Roßner, * XX.XX.XXXX, Beruf: Brauer?, letzte Wohnadresse: Heynestraße 15?, Verbleib unbekannt
Albin Rotter, * 30.10.1909, † 20.09.1886
Ernst Römer, * 26.02.1900 Jena, Beruf: Polsterer und Dekorateur, im kommunistischen Widerstand tätig und deswegen verfolgt, nach 1945 Polizeichef in Apolda und Jena und in anderen Funktionen, letzte Wohnadresse: Niederroßlaer Straße 6, † 27.11.1982
Toni Römer geb. Geiße, * 21.04.1903 Kölleda, versteckte die KPD-Instrukteurin Helene Fleischer in ihrer Wohnung, dafür zwei Jahre Gefängnis in Gräfentonna und Hohenleuben, nach 1945 in gesellschaftlichen Funktionen tätig, letzte Wohnadresse: Niederroßlaer Straße 6, † 11.02.1989
Reinhold Runge, * 16.02.1901, Beruf: Gärtner, letzte Wohnadresse: Niederroßlaer Straße 38, † 09.12.1965
Gustav Ruppe, * XX.XX.XXXX, Beruf: Schäfer?, letzte Wohnadresse: Unterm Schloß 5?, Verbleib unbekannt
Richard Schmiedel, * 09.08.1896, Beruf: Arbeiter, letzte Wohnadresse: Bergsulza Nr. 28, † 18.11.1975
Wilhelm Schneider, * XX.XX.XXXX, Beruf: Schriftsetzer, als SPD-Stadtrat tätig, letzte Wohnadresse: Moltkestraße 9, Verbleib unbekannt
Paul Schulle, * XX.XX.XXXX, Beruf. Stricker?, letzte Wohnadresse: Marienstraße 7?, Verbleib unbekannt
Max Schreyer, * XX.XX.XXXX, Beruf: Arbeiter, letzte Wohnadresse: Bad Sulza, Gustav-Zunkel-Straße 36, Verbleib unbekannt
Hans Schubärth, * XX.XX.XXXX, Beruf: Lehrer, als SPD-Mitglied 1933 seines Dienstes enthoben, letzte Wohnadresse: Ludendorffstraße 21?, Verbleib unbekannt
Hermann Seeliger, * 02.01.1900, † 26.05.1978
Kurt Seidel, * 11.05.1902, Beruf: Wirker?, letzte Wohnadresse: Dornburger Straße 30?, Verbleib unbekannt
Paul So. ................., * XX.XX.XXXX, Verbleib unbekannt
Franz Speck, * XX.XX.XXXX, Verbleib unbekannt
Franz St. .............., * 31.05.1896, Verbleib unbekannt
Paul Stütz, * XX.XX.XXXX, Ehemann von Ida Stütz?, letzte Wohnadresse: Sophienstraße 14?, Verbleib unbekannt<
Gerhard Taubeneck, * XX.XX.XXXX, Verbleib unbekannt
Franz Te. ...................., * XX.XX.XXXX, Verbleib unbekannt
Karl Thierolf, * XX.XX.XXXX, Verbleib unbekannt
Walter Tietz, * 28.07.1905, Beruf: Schlosser, 1933 wegen kommunistischer Betätigung zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, letzte Wohnadresse: Bad Sulza, Gustav-Zunkel-Straße 25 Verbleib unbekannt
Otto Tobermann, * 27.08.1887, Beruf: Feilenhauer?, letzte Wohnadresse: Erfurter Straße 91? Verbleib unbekannt
Rudolf Treczok(s), * 25.12.1901, † 23.08.1984
Franz Thyrolf, * XX.XX.XXXX, Beruf: Schneider?, letzte Wohnadresse: Schützenstraße 39?, Verbleib unbekannt
August Vent, * XX.XX.XXXX, Verbleib unbekannt
Kurt Vogel, * XX.XX.XXXX, Beruf: Stricker, 1933 wegen kommunistischer Betätigung zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, letzte Wohnadresse: Johannisgasse 9, Verbleib unbekannt
P. ................. W. ......................., * 14.01.1895, Verbleib unbekannt
Eduard Wagner, * 29.04.1897, Beruf: Werkmeister, 1936 wegen kommunistischer Tätigkeit zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, letzte Wohnadresse: Oberroßla, Alzendorfer Straße 21, Verbleib unbekannt
Paul Weilepp, * 01.06.1904, Beruf: Stricker, 1937 wegen kommunistischer Betätigung zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt, letzte Wohnadresse: Bernhardstraße 10
Ernst Werner, * XX.XX.XXXX, Beruf: Schlosser? Oder Mechaniker?, letzte Wohnadresse: Dietrich-Eckart-Straße 7? oder Teichgasse 15/17?, Verbleib unbekannt
Hermann Wettig, * 17.03.1883, Beruf: Wirkermeister, letzte Wohnadresse: Utenbacher Straße 60, † 04.05.1952
Paula Wettig, * 31.03.1883, letzte Wohnadresse: Utenbacher Straße 60?, † 28.07.XXXX
Ernst Wohlrab, * 26.01.1915, Verbleib unbekannt
Josef Wojcicki, * 08.11.1920, † 02.11.1975 Verbleib unbekannt
Adolf Aber, * XX.XX.1893 Apolda, Beruf: Musikforscher und Verleger, Dr. phil., Emigration 1933 nach England, letzte Wohnadresse: Bahnhofstraße 7, † XX.XX.1960 London
Leo Braunschild, * XX.XX.XXXX, letzte Wohnadresse: Bernhardstraße 34, Verbleib unbekannt
Lothar Braunschild, * 02.05.1879 Gaukönigshofen bei Ochsenfurt, Beruf: Pferdehändler, Seit 1937 in den KZ Dachau und Buchenwald interniert, letzte Wohnadresse: Bernhardstraße 34, 1939 Emigration mit Ehefrau Rosa nach La Paz/Bolivien, von dort aus unterstützte er mit Zeugenaussagen die Beweisaufnahme im Buchenwald-Prozess von Frankfurt/Main, †.............
Rosa Braunschild geb. Weiss, * XX.XX.XXXX, letzte Wohnadresse: Bernhardstraße 34, Emigration 1939 mit Ehemann Lothar nach La Paz/Bolivien
Bruno Czarlinsky, * XX.XX.XXXX, Onkel von James C., letzte Wohnadresse: Dornburger Straße 10, Verbleib unbekannt
James Czarlinsky, * XX.XX.XXXX, Neffe von Bruno C., letzte Wohnadresse: Ritterstraße 9, Verbleib unbekannt
Charlotte Dattelbaum verh. Maudrich, * 18.11.1903 Hanau, Tochter von Paul und Helene Dattelbaum, Ehefrau von Hermann Maudrich, letzte Wohnadresse: Müllerstraße 10, Verbleib unbekannt
Erika Dattelbaum, * 31.12.1905(7?) Goldberg/Schlesien, 1935 im KZ Bad Sulza interniert, letzte Wohnadresse: Müllerstraße 10, Verbleib unbekannt
Fritz Dattelbaum, * 27.08.1912 Apolda, Verbleib unbekannt
Helene Dattelbaum geb. Meyer, * XX.XX.XXXX, letzte Wohnadresse: Müllerstraße 10, Verbleib unbekannt
Paul Dattelbaum, * XX.XX.XXXX, Beruf: Kaufmann, letzte Wohnadresse: Müllerstraße 10, Verbleib unbekannt
Albert Dublon, * 07.12.1855 Wittlich bei Trier, lebte von 1892-1900 in Apolda, † 03.08.1940 Erfurt (?)
Herbert Fleischmann, * 31.07.1910 Apolda, nach 1933 mehrfach inhaftiert, letzte Wohnadresse: Bernhardstraße 34, 1939 nach Scheinehe erleichterte Ausreise nach Palästina, danach Scheidung, 1945 nach Apolda zurück, in den 1940er Jahren nach Frankfurt/Main, wo er eine neue Firma gründete, † XX.XX.1981 Frankfurt/Main
Käthe Fulsche verh. Knabe, * 26.06.1923 Apolda, Tochter von Hermann und Frieda Fulsche, Enkeltochter von Walter Löwenstein, letzte Wohnadresse: Niederroßlaer Straße 45, † 29.06.1998 Apolda
Berthold Fulsche, * 25.05.1872, Beruf: Kesselschmied, letzte Wohnadresse: Herbert-Norkus-Straße 1
Hermann Fulsche, * XX.XX.XXXX, Beruf: Wirkermeister, wegen Festhalten an der Ehe mit der Halbjüdin Frieda geb. Löwenstein 1944 deportiert zur Zwangsarbeit nach Leuna, letzte Wohnadresse: Niederroßlaer Straße 89, † XX.XX.1981
Kurt Fulsche, * XX.XX.XXXX, Beruf: Kaufmann, wegen Festhalten an der Ehemit einer Halbjüdin 1944 deportiert zur Zwangsarbeit nach Leuna, letzte Wohnadresse: Jenaer Straße 75
Frieda Fulsche geb. Löwenstein, * 04.03.1894 Apolda, halbjüdische Ehefrau von Hermann Fulsche, letzte Wohnadresse: Niederroßlaer Straße 89, † 21.02.1963 Apolda
Heinz Ginsburg, * 14.10.1920 Apolda, Ehemann der Nichtjüdin Charlotte Christa Hauer, wegen halbjüdischer Abkunft 1944 deportiert ins Dreiwegelager Weißenfels, nach 1945 bei der Volkspolizei tätig, † 12.08.2000 Apolda
Lisbeth Ginsburg, * 13.11.1923 Apolda, durfte als Halbjüdin nicht heiraten, † 04.03.2002 Weimar
Arthur Glaser, * XX.XX.XXXX, Beruf. Kaufmann, Inhaber der Firma W.& A.Glaser, letzte Wohnadresse in Apolda 1933: Feodorastraße 24/26, letzte Wohnadresse in Weimar: .................................., Emigration um 1938 nach New-York/USA
Willi Glaser, * XX.XX.XXXX, Kaufmann, Inhaber der Firma W.& A.Glaser, letzte Wohnadresse in Apolda 1933: Feodorastraße 24/26, letzte Wohnadresse in Weimar: .................................., Emigration um 1938 über England nach New-York/USA
Adelheid Götze verh. Wunderlich, * XX.XX.1942, Tochter des Halbjuden Kurt Götze, letzte Wohnadresse: Friedrichstraße 7
Gertrud Götze geb. Linke, * 07.05.1906, Nichtjüdische Ehefrau des Halbjuden Kurt Götze Verbleib unbekannt
Karl-Heinz Götze, * 27.04.1927 Apolda, Sohn des Halbjuden Kurt Götze, letzte Wohnadresse: Friedrichstraße 7
Kurt Götze, * 13.12.1902 Apolda, Sohn von Bertha Götze und des jüdischen Viehhändlers Fleischmann, Ehemann von Gertrud geb. Linke, Beruf: Schneidermeister, wegen halbjüdischer Abkunft 1944 deportiert nach Buna, letzte Wohnadresse: Friedrichstraße 7
Bertha Götze, * XX.XX.XXXX, Hatte ihren Sohn Kurt von dem jüdischen Viehhändler Fleischmann und musste daher ihr Geschäft 1938 aufgeben, letzte Wohnadresse: Friedrichstraße 7, † XX.XX.1963
Hans Gutmann, * XX.XX.XXXX, verheiratet mit Jeanne geb. Gutmann, letzte Wohnadresse 1938: Adolf-Hitler-Straße 54, als Jude ausgewandert nach den USA
Jeanne Gutmann geb. Gutmann, * XX.XX.XXXX, verheiratet mit Hans Gutmann, letzte Wohnadresse 1935: Bismarckstraße 24, Verbleib unbekannt
Siegbert Heymann, * 28.06.1887 Hennigsdorf, Beruf: Inhaber einer Kurzwarenhandlung, verheiratet mit Lyba geb. Uhawty, letzte Geschäftsadresse 1938: Adolf-Hitler-Straße 54, Verbleib unbekannt
Lyba Heymann geb. Uhawty, * 02.12.1889, verheiratet mit Siegbert Heymann, letzte Wohnadresse: Amalienstraße 14, Verbleib unbekannt
Benjamin Hofmann, * 25.01.1868 Kleinbardsdorf bei Königshofen, Beruf: Kuhhändler, verheiratet mit Sara geb. Sachsendorfer, letzte Wohnadresse: Bernhardstraße 14, 31.03.1939
Ernst Hofmann, * XX.XX.XXXX, letzte Wohnadresse: Bernhardstraße 14, Verbleib unbekannt
Hildegard Hofmann geb. Sichel, * 23.06.1909 Kleinheubach bei Würzburg, verheiratet mit Willy Hofmann, letzte Wohnadresse: Bernhardstraße 14, emigrierten am 29.6.1939 nach New York/USA
Inge Hofmann, * XX.XX.XXXX, Tochter von Hildegard und Willy Hofmann, letzte Wohnadresse: Bernhardstraße 14, emigrierten am 29.6.1939 nach New York/USA
Max Hofmann, * XX.XX.XXXX, Beruf: Geschäftsgehilfe, letzte Wohnadresse: Bernhardstraße 14, emigrierte am 10.11.1939 nach New York/USA
Siegfried Hofmann, * 21.03.1899 Apolda, letzte Wohnadresse: Bernhardstraße 14, emigrierte mit der Familie seines Bruders Willy am 29.6.1939 nach New York/USA
Willy Hofmann, * 16.09.1900 Apolda, Beruf: Kuhhändler, verheiratet mit Hildegard geb. Sichel, nach der Pogromnacht 1Porträt Alfred Lichtenstein
938 im KZ Buchenwald interniert, letzte Wohnadresse: Bernhardstraße 14, emigrierten am 29.6.1939 nach New York/USA
Gerhard Holzmann, * 11.09.1860 Groß-Komorze/Polen, Beruf: Inhaber eines Manufaktur-, Woll- und Kurzwarengeschäfts, verheiratet mit Elly geb. Plaut; ihre Tochter: Erna gesch. Rosenthal,letzte Wohnadresse: Blücherstraße 2, † 10.01.1937 Apolda
Julius Jacob, * 31.08.1890 Gießen, Beruf: Mitinhaber der Firma Becker & Salinger, letzte Wohnadresse: Adolf-Hitler-Straße 53, emigrierte nach Sacramento/Kalifornien USA
Rubin (Roman) Jarin, * XX.XX.XXXX, Beruf: Kaufmännischer Angestellter, letzte Wohnadresse: Erfurter Straße 13, Verbleib unbekannt
Richard Kahn, * 19.07.1908 Metz, Beruf: Journalist, Ehemann von Klara geb. Herrmann, letzte Wohnadresse: Moltkestraße 5, Verbleib unbekannt
Klara Kahn geb. Herrmann, * 27.04.1910 Frankfurt/Main, Beruf: Klavierlehrer, Ehefrau von Richard Kahn, letzte Wohnadresse: Moltkestraße 5, Verbleib unbekannt
Leopold Krisch, * 03.03.1885 Rogowo, Beruf: Kaufmann, Inhaber eines Herren- und Knabenbekleidungsgeschäfts, Ehemann von Erna geb. Guth gesch. Appel, letzte Wohnadresse: Johannisgasse 9, Emigration in die USA, später Südamerika
Erna Krisch geb. Guth gesch. Appel, * XX.XX.XXXX, Ehefrau von Leopold Krisch, letzte Wohnadresse: Johannisgasse 9, Emigration in die USA, später Südamerika
Alfred Lichtenstein, * 19.01.1897 Halle/Saale, Beruf: Schneidermeister, Ehemann der Nichtjüdin Gertrud geb. Heinecke, lange durch privilegierte Mischehe geschützt, vor bevorstehender Deportation in Oettersdorf bei einem Kriegskameraden aus dem Ersten Weltkrieg für ein Jahr versteckt, 1945 Konfektionsbetrieb eröffnet, letzte Wohnadresse: Karl-August-Straße 10, 1947 den nach USA ausgewanderten Kindern in die USA gefolgt, † 27.10.1978 Bloomingdale/Illinois USA
Eva Lichtenstein verh. Jacobson, * XX.XX.XXXX, Tochter von Alfred und Gertrud Lichtenstein Apolda, letzte Wohnadresse: Karl-August-Straße 10, nach Rückkehr des Vaters aus dem Versteck nach 1945 Weggang in die USA; Heirat und angestellt bei einem Luftfahrtunternehmen in Chicago/Illinois
Frank Lichtenstein, * 22.02.1931 Apolda, Sohn von Alfred und Gertrud Lichtenstein, letzte Wohnadresse: Karl-August-Straße 10, nach Rückkehr des Vaters aus dem Versteck nach 1945 Weggang in die USA
Gertrud Lichtenstein geb. Heinecke, * 12.04.1898, Nichtjüdische Ehefrau des Juden Alfred Lichtenstein, letzte Wohnadresse: Karl-August-Straße 10, Ist zusammen mit ihrem Mann 1947 den nach USA ausgewanderten Kindern in die USA gefolgt
Walter Löwenstein sen., * XX.XX.XXXX, Beruf: Fotograf und Wollwarenfabrikant, letzte Wohnadresse: Weststraße 16
Walter Löwenstein jun., * 16.05.1902, Beruf: Friseur, wegen seiner halbjüdischen Abstammung seit 1943 in Straflagern, letzte Wohnadresse: Richthofenstraße 20, † 10.07.1981
Hermann Maudrich, * XX.XX.XXXX, Ehemann von Charlotte Dattelbaum, Verbleib unbekannt
Dr. Rudi Moser bei der Kindersprechstunde in Manila, um 1947
Rudi Moser, * 06.04.1898 Berlin, Beruf: Vertrauensarzt, 1933 Verlust der Approbation, letzte Wohnadresse: Schötener Grund 20, 1938 Heirat mit Eva Witepski und Emigration über England nach den Philippinen, später Professor für Röntgenologie + 15.04.1979 Brisbane/Australien
Eva Moser geb. Witepski, * 07.11.1908 Kassel, Beruf: Sprechstundenhilfe, Ehefrau von Rudi Moser, letzte Wohnadresse: Schötener Grund 20, Emigration über England nach den Philippinen
Cella Müller-Hollenhorst geb. Gumpert, * 06.09.1900 Buchholz, Ehefrau des nichtjüdischen Curt Müller-Hollenhorst, durch privilegierte Mischehe geschützt. Als sie im November 1944 deportiert werden sollte, täuschte sie Suicid vor und wurde von Marie Lukat in einem Wollenschrank ihrer Strickerwerkstatt versteckt, letzte Wohnadresse: Am Brückenborn 14
Olga Nordheimer geb. Buchmann, * 17.05.1913 Nürnberg, Ehefrau von Werner Nordheimer, 1939 Emigration nach Palästina
Werner Nordheimer, * 28.08.1909 Niedermarsberg/Brilon, Ehemann von Olga geb. Buchmann, 1939 Emigration nach Palästina
Joachim-Peter Otto, * 07.11.1929 Apolda, Sohn der Jüdin Elfriede Fleischmann und des Nichtjuden Johannes Otto, als Halbjude von der Schule entfernt, Beruf: Kaufmann, im November 1944 mit seiner Mutter unter falschem Namen in Franken versteckt, 1945 zurück, letzte Wohnadresse: Niederroßlaer Straße 8, 1947 mit den Eltern nach Westdeutschland
Johannes Otto, * 18.07.1901 Dreba, Beruf: Kaufmann, Gehörte 1936 dem „Jüdischen Kulturbund Deutschlands“, Ortsgruppe Apolda an. Weil er sich von seiner jüdischen Ehefrau nicht scheiden ließ, wurde er im November 1944 zur Zwangsarbeit bei Weißenfels abgeordnet, letzte Wohnadresse: Niederroßlaer Straße 8, 1947 mit seiner Familie nach Westdeutschland übersiedelt
Elfriede Otto geb. Fleischmann, * 23.07.1904 Apolda, Tochter des jüdischen Viehhändlers Berthold Fleischmann und seiner Frau Ida, Beruf: Händlerin mit Strick- und Wirkwaren, verheiratet mit dem Nichtjuden Johannes Otto, im November 1944 mit dem Sohn unter falschem Namen untergetaucht, 1945 Rückkehr nach Apolda, letzte Wohnadresse: Niederroßlaer Straße 8, nach dem Tod des Vaters 1947 Übersiedlung nach Westdeutschland, wo sie wieder eine Textilfirma eröffnete, † 27.02.1986 Frankfurt/Main
Anna Peller geb. Maschke, * XX.XX.XXXX, Nichtjüdische Ehefrau des Juden Rubin Peller, letzte Wohnadresse: Weimarische Straße 3, XX.XX.1940
Gerda Peller geb. Hoffmann gesch. Heydrich, * XX.XX.XXXX Jena, Beruf: Kontoristin, seit 1941 mit dem Juden Max Peller verlobt, nach dessen Tod nahm sie seinen Namen an, letzte Wohnadresse: Weimar, Rittergasse 21
Gerhard Peller, * 20.09.1924 Apolda, Ehemann von Hildegard geb. Frühauf, letzte Wohnadresse: Weimarische Straße 3
Hildegard Peller geb. Frühauf, * XX.XX.XXXX, Ehefrau von Gerhard Peller, letzte Wohnadresse: Weimarische Straße 3
Johanna Peller geb. Götz, * XX.XX.XXXX Eibenstock, leibliche Mutter von Wolfgang Peller, Max Pellers erste Ehefrau, † XX.XX.1938
Paul Peller, * 18.03.1904(5?), Beruf: Kaufmann, letzte Wohnadresse: Hanfstraße 6
Rubin (Robert) Peller, * XX.XX.XXXX, Ehemann der Nichtjüdin Anna geb. Maschke, Vater der Halbjuden Max, Paul und Heinz, letzte Wohnadresse: Weimarische Straße 3, Verbleib unbekannt
Wolfgang Peller, * 14.05.1933 Apolda, Beruf: Jurist, stellvertretender Justizminister der DDR, wohnhaft in Berlin
Adele Piper geb. Waldhorn, * XX.XX.XXXX, mit Ehemann Mendel und Tochter Helene als Staatenlose im Oktober 1938 nach Polen abgeschoben, letzte Wohnadresse: Faulborn 32, Verbleib unbekannt
Helene Piper, * 06.01.1923, mit ihren Eltern Mendel und Adele als Staatenlose im Oktober 1938 nach Polen abgeschoben, letzte Wohnadresse: Faulborn 32 Apolda, Verbleib unbekannt
Max Piper, * XX.XX.XXXX, letzte Wohnadresse: Bergstraße 1, Verbleib unbekannt
Mendel Piper, * XX.XX.XXXX, Beruf: Strickermeister, mit seiner Frau Adele und Tochter Helene als Staatenlose im Oktober 1938 nach Polen abgeschoben, letzte Wohnadresse: Faulborn 32, Verbleib unbekannt
Else Raphael, * XX.XX.XXXX
Käte Raphael, * 25.04.1924 Weimar, Beruf: Kindergärtnerin, wohnhaft in Jena
Lieselotte Raphael, * 07.07.1925 Weimar, nach Polen verheiratet, † XX.XX.XXXX
Wolfgang Raphael, * 19.04.1927 Weimar, Ingenieur, wohnhaft in Sömmerda
Familie Rechtmann auf einer Fahrt durch die Schweiz
Margot Rechtmann verh. Gumener, * 19.12.1922 Jena mit ihren polnischen Eltern im Oktober 1938 ins Ghetto Litzmannstadt deportiert, 1943 geheiratet, 1945 von einem Außenlager des KZ Auschwitz nach Apolda zurück, in den 1940er Jahren nach Israel ausgewandert, letzte Wohnadresse: Miltschstraße 14
Thaddäus Rechtmann, * 20.08.1913 Leipzig, 1934 vom Gymnasium relegiert, letzte Wohnadresse Apolda: Miltschstraße 14, nach Palästina ausgewandert, dort Stadtkämmerer, letzte Wohnadresse Israel: Herzlia POB 5115 Chovevei Zion 15
Albert Risse, * 13.05.1897 Oberullersdorf, in privilegierter Mischehe verheiratet mit Irene geb. Heymann, wegen Festhalten an seiner Ehe eingesetzt zu Zwangsarbeit, u.a. in Eisenach beim Abbruch der zerstörten Synagoge, nach Rückkehr seiner Frau aus dem KZ Theresienstadt Auswanderung nach Australien, letzte Wohnadresse: Lessingstraße 57
Christa Risse, * XX.XX.1934 oder 1935, Tochter von Irene und Albert Risse, nach 1945 mit den Eltern nach Australien ausgewandert, letzte Wohnadresse: Lessingstraße 57
Peter Risse, * 29.09.1942 Apolda, Sohn von Irene und Albert Risse, nach 1945 mit den Eltern nach Australien ausgewandert, letzte Wohnadresse: Lessingstraße 57
Irene Risse geb. Heymann, * 23.06.1905 Bad Polzin/Westpommern, verheiratet mit dem Nichtjuden Albert Risse; 1943 wegen Nichtbeachtung der Vorordnung den Zusatznamen Sara zu tragen, zu Gefängnis, ersatzweise Geldstrafe verurteilt, wegen Stillen ihres Kindes Peters strafausgesetzt, jedoch 1944 nach dem KZ Theresienstadt deportiert, woher sie 1945 zurückkehren konnte, danach Auswanderung mit der Familie nach Australien, letzte Wohnadresse: Lessingstraße 57
Samuel Rosenthal, * 21.01.1871 Hochheim, Beruf: Viehhändler, letzte Wohnadresse: Bergstraße 1, † 04.12.1940 Apolda
Alfred Rosewitz, * 04.03.1907 Hohensalza/Preußen, Beruf: Kaufmann, letzte Wohnadresse Apolda: Schötener Grund 2, Emigration 1936 nach Südafrika, letzte Wohnadresse Südafrika: Johannesburg POB 4885, † XX.XX.XXXX
Ilse Rosewitz verh. Rosenbaum, * XX.XX.XXXX, Heirat 1936, letzte Wohnadresse: Schötener Grund 2, Emigration mit den Brüdern nach Südafrika, Verbleib unbekannt
Max Rosewitz, * XX.XX.XXXX, letzte Wohnadresse: Schötener Grund 2, Emigration 1936 nach Südafrika
Siegbert Rosewitz, * XX.XX.XXXX, Beruf: kaufmännischer Angestellter, letzte Wohnadresse: Schötener Grund 2 Verbleib unbekannt
Wilhelm Rosewitz, * 04.04.1880 Wilhelmsbrück, Beruf: Kaufmann, letzte Wohnadresse: Schötener Grund 2, emigrierte mit seiner Frau 1938 zu seinen Kindern nach Südafrika
Doris Rosewitz geb. Lenczynski, * 21.03.1886 Snowrazlaw, emigrierte mit Ehemann Wilhelm 1938 zu den Kindern nach Südafrika, letzte Wohnadresse: Schötener Grund 2
Otto Rothenberg, * 26.04.1886(96?) Berlin, Beruf: Händler, letzte Wohnadresse: Rauchstraße 1, Verbleib unbekannt
Anna Salinger verh. Hirschel, * XX.XX.XXXX, Eheschließung mit Bernhard Hirschel, Emigration nach Temuco/Chile
Ernst Salinger, * XX.XX.XXXX, Studium der Medizin, Auswanderung nach New York/USA
Eugen Salinger, * 06.09.1863(9?) Suwalki, Beruf: Mediziner und Kaufmann, letzte Wohnadresse: Adolf-Hitler-Straße 15, musste 1935 zwangsweise aus dem gemeinsamen Geschäft mit dem Nichtjuden Otto Becker ausscheiden, mit der Familie nach Dresden verzogen, † 16.10.1937 Dresden
Minna Salinger geb. Braun, * 18.11.1868 Ortelsburg/Ostpreußen, Ehefrau von Eugen Salinger, letzte Wohnadresse: Adolf-Hitler-Straße 15, † 09.12.1943 KZ Theresienstadt
Max Samuel, * XX.XX.XXXX, Wohnanschrift und Verbleib unbekannt
Alfred Schmieder, * XX.XX.XXXX, Beruf: Kaufmann, Inhaber der Firma J & A. Schmieder, als Halbjude Repressionen ausgesetzt, die kryptisches Handeln hervorriefen, letzte Wohnadresse: Straße der SA 38
Ilse Schmieder geb. Moths, * XX.XX.XXXX, Ehefrau des Halbjuden Alfred Schmieder, letzte Wohnadresse: Straße der SA 38
Regina Schwabe, * XX.XX.XXXX, Verbleib unbekannt
Irene Seiler geb. Scheffler, * 26.04.1910 Guben, Ehefrau des Handelsvertreters Johann Seiler, Beruf: Photographenmeisterin, † Juli 1984 in Apolda
Ludwig Sievert, * 21.09.1852 Potzlow/Templin, Nichtjüdischer Ehemann von Betty geb. Frauenglas, 1945 als Ausgebombte von Berlin nach Apolda evakuiert, Ehemann in Apolda von seiner Ehefrau getrennt, die ins Jüdische Krankenhaus nach Berlin zurückgeschickt wurde, er fand Aufnahme im Carolinenheim, † 13.06.1945 Apolda
Max Sommer, * 06.04.1892, Beruf: Architekt, Stadtbaurat, mit der Halbjüdin Rosa geb. Chrzanowsky in privilegierter Mischehe verheiratet, 1944 zur Zwangsarbeit nach Buna verpflichtet, letzte Wohnadresse: Admiral-Scheer-Straße 20a
Rosa Sommer geb. Chrzanowsky, * XX.XX.XXXX, Halbjüdische Ehefrau von Max Sommer, letzte Wohnadresse: Admiral-Scheer-Straße 20a
Arno Storch, * 08.07.1910, Vater von Egon Storch, als Jude von der Geschäftsführung bei Firma Karstadt entbunden, danach Kompagnon von Julius Rechtmann, Vorsitzender der Ortsgruppe des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“, Emigration nach England, letzte Wohnadresse: Adolf-Hitler-Straße 50
Egon Storch, * 01.09.1929, Sohn von Arno und Ehemann von Hilde geb. Wallach, letzte Wohnadresse: Adolf-Hitler-Straße 50, Emigration nach England
Henny-Hilde Storch geb. Wallach, * XX.XX.XXXX, Ehefrau von Egon Storch, letzte Wohnadresse: Adolf-Hitler-Straße 50, Emigration nach England
Gertrud Strasser, * XX.XX.XXXX, Beruf: Sängerin, als Halbjüdin Auswanderung nach Jugoslawien, letzte Wohnadresse: Grünstraße 1
Heinrich Strasser, * 08.07.1908 Halle/Saale, Beruf: Kaufmann, halbjüdischer Ehemann von Rosalia geb. Scheuermann, wegen seiner Abkunft seit 1941 im KZ Buchenwald, 1944 zu Zwangsarbeiten in Buna und Goddula eingesetzt, nach 1945 Aufbau der Apoldaer HO, Versorgung der FDJ und LDPD-Mitglied, letzte Wohnadresse: Grünstraße 1, † 15.02.1976
Rosalia Strasser geb. Scheuermann, * XX.XX.XXXX Frankfurt/Main?, Beruf: Diätköchin, Ehefrau des Halbjuden Heinrich Strasser, konnte erst 1947 den Vater ihrer Kinder Heinrich Strasser heiraten, letzte Wohnadresse: Grünstraße 1
Paul Strasser, * 07.03.1879 Wettin, Beruf: Bonbonkocher, Nichtjüdischer Ehemann der Jüdin Berta Strasser geb. Rochocz, letzte Wohnadresse: Grünstraße 1, † 11.11.1946
Ernst Thielebein, * XX.XX.XXXX, Beruf: Wollwarenfabrikant, Nichtjüdischer Ehemann der Halbjüdin Katharina geb. Friedländer, letzte Wohnadresse: Erfurter Straße 9
Eva Thielebein, * 18.12.1910 Apolda, Tochter von Katharina und Ernst Thielebein, letzte Wohnadresse: Erfurter Straße 9
Lore Thielebein, * 29.12.1914 Apolda, Tochter von Katharina und Ernst Thielebein, letzte Wohnadresse: Erfurter Straße 9, † 27.02.1993 Henstedt-Ulzburg
Katharina Thielebein geb. Friedländer, * 12.02.1886 Apolda, Ehefrau von Ernst Thielebein, letzte Wohnadresse: Erfurter Straße 9
Art(h)ur Werner, * 02.12.1882 Gotha, Geschäftsführer, Teilhaber des Kaufhauses Becker & Salinger, nach Herausdrängung an der Beteiligung Emigration in die USA, letzte Wohnadresse: Adolf-Hitler-Straße 59
Lejzor Wiszenko, * 08.12.1901 Lukowie, Beruf: Schneidermeister, Ehemann der nichtjüdischen Linda geb. Liebold, musste als Halbjude 1938 sein Geschäft aufgeben, 1939 KZ Buchenwald, 1939 an der Saaletalsperre und 1944 zur Zwangsarbeit in Wörmlitz abgeordnet, letzte Wohnadresse: Kaiser-Wilhelm-Straße 10 † XX.XX.XXXX
Linda Wiszenko geb. Liebold, * XX.XX.XXXX, nichtjüdische Ehefrau des Halbjuden Lejzor Wiszenko, letzte Wohnadresse: Kaiser-Wilhelm-Straße 10
Louis Würtenberg, * 10.10.1864, Beruf: Kaufmann, vormaliger Besitzer des späteren Kaufhauses Rosewitz, † 16.02.1941
Schulem Zimbalista, * XX.XX.XXXX, Beruf: Schneider, Ehemann der Nichtjüdin Anna Maier, letzte Wohnadresse: Schulbergstraße 10, emigrierte um 1934 nach Buenos Aires/Argentinien
Anna Zimbalista geb. Maier, * XX.XX.XXXX, Ehemann des Juden Schulem Zimbalista, letzte Wohnadresse: Schulbergstraße 10, Verbleib unbekannt
Leopold Zucker, * 23.03.1910, letzte Wohnadresse in Apolda unbekannt und Verbleib unbekannt
Hjalmar Carlsson, * 24.05.1896, Beruf: ev.luth. Pfarrer, Mitglied im Pfarrernotbund der Bekennenden Kirche, ein Monat Gestapohaft, 1938 nach Gebstedt strafversetzt, letzte Wohnadresse: Gebstedt, Pfarrhaus, † XX.03.1943 Gebstedt
Wilhelm Koch, * 03.09.1999, Beruf: evangelischer Pfarrer, Gründung einer Bekenntnisgemeinde in Herressen-Sulzbach, 1937 ein Monat Gefängnishaft, im gleichen Jahr von der Kirchenleitung des Dienstes enthoben und von der Gestapo des Landes verwiesen, letzte Wohnadresse: Sulzbach, Pfarrhaus, † 09.04.1886 Müllheim-Feldberg
Arno Liebe, * 30.11.1882, Beruf: evang.-luth. Pfarrer, wegen des Beitritts zum Pfarrernotbund seiner Pfarrstelle Ebeleben enthoben, seit 1935 Pfarrstelle Mattstedt, Unterstützer und Freund seines Amtskollegen Koch in Sulzbach, † 16.05.1962 Apolda
Johannes Wolter, * 15.12.1892 Schneidemühl/Westpreußen, Beruf: evangelischer Pfarrer, seit 1931 Pfarrer in Auerstedt, wegen regimefeindlichen Verhaltens 1939 zwangsweise in den Wartestand versetzt, später woanders noch einmal beruflich aktiv, letzte Wohnadresse: Auerstedt, Pfarrhaus, † 16.05.1964 Schönebeck/Elbe
Rudolf D. ...........(iesel?), * XX.XX.XXXX, Beruf: Wirker?, verfolgt wegen Betätigung als Zeuge Jehovas, letzte Wohnadresse: Königstraße 6?, Verbleib unbekannt
Hedwig L. ....................., * XX.XX.XXXX, verfolgt wegen Betätigung als Zeugin Jehovas, Verbleib unbekannt
Frieda R. .................................., * XX.XX.XXXX, verfolgt wegen Betätigung als Zeugin Jehovas, Verbleib unbekannt
Authentische Überlieferungen von Verfolgten und Entkommenen Bearbeiten
Erlebnisbericht des SPD-Gewerkschaftssekretärs Friedrich Burkhardt über das Geschehen im Mai 1933 Bearbeiten
Am 30. April 1933 gingen die Mitglieder des Deutschen Textilarbeiterverbandes Willy Wünscher und Friedrich Burkhardt in das Neuengönnaer Tal und schliefen im Walde, denn sie wollten nicht von der SA gezwungen werden, am 1. Mai hinter der Hakenkreuzfahne am Umzug teilzunehmen. Am 2. Mai 1933 um 9 Uhr besetzte die SA das Büro des Deutschen Textilarbeiterverbandes in der Sandgasse, jetzt Bernhard-Prager-Gasse, und verlangten vom Gewerkschaftssekretär Friedrich Burkhardt den Kassensturz. Es ergab sich ein Manko von 48 Pfennigen. Der Führer dieser Kolonne sagte:
“Ihre Kasse stimmt, Sie können weiterarbeiten.“
Er bekam von Burkhardt die Antwort:
“Das mache ich nicht, ich wechsle meine Gesinnung nicht wie ein dreckiges Hemd.“
Der SA-Mann sagte:
“Was erlauben Sie sich, mir eine derartige Antwort zu geben?“
Burkhardt antwortete:
“Über meinem Schreibtisch hängt das Bild von August Bebel. Ich komme zu Ihnen, und über Ihrem Schreibtisch hängt das Bild von Adolf Hitler. Ich verlange von Ihnen, dass Sie Adolf Hitler entfernen und das Bild von August Bebel hin hängen. Tun Sie das?“
Antwort:
“Im Auftrag des Thüringer Innenministers müssen wir Sie in Schutzhaft nehmen.“
Auch die Sekretäre der anderen Gewerkschaften, welche die Weiterarbeit verweigerten, wurden ins Gefängnis geschafft.
Am 24. Mai 1933 bekam der Gewerkschaftssekretär vom Beauftragten der NSBO (Nationalsozialistische Betriebszellen-Organisation) die fristlose Entlassung:
“Berlin O 34, 24. Mai 1933
Herrn Friedrich Burkhardt, Apolda, Sandgasse 5
Wie mir der Beauftragte der NSBO der Ortsgruppe des Deutschen Textilarbeiterverbandes in Apolda mitteilte, haben Sie sich trotz mehrmaliger Aufforderung geweigert, die Arbeit wieder aufzunehmen. Sie wollen sich auf Grund dessen mit Erhaltung dieses Schreibens als fristlos entlassen betrachten.
(gez.) Belding
Der Beauftragte der NSBO"
Laut Vereinbarung auf der Internationalen Textilarbeiter-Konferenz in Stuttgart 1912 hatten die Mitgliedsbücher bis 1932 Gültigkeit für die Länder Dänemark, Holland, Österreich, Schweden, Schweiz und die Tschechoslowakei.
Jeder, der Mitglied in der NS-Deutschen Arbeitsfront wurde, musste diese wichtigen internationalen Gewerkschaftsbücher der Arbeitsfront übergeben. Diese und andere wichtige Dokumente wurden auf dem Markt verbrannt.
...aber hinten stechen die Bienen! Der Bekenntnispfarrer Wilhelm Koch in Sulzbach und sein „blaues Wunder“ Bearbeiten
VORWORT
Heute kann sich kaum noch jemand – auch von den geschichtlich Interessierten – vorstellen, welche Rolle die Kirchen und Christen in der Zeit der Nazidiktatur gespielt haben. Zwei ziemlich kontroverse Sichtweisen stehen sich gewöhnlich gegenüber, wenn es zu nachfragenden und streitbaren Gesprächen über diese Zeit kommt.
Die eine Position – zumeist von Kirchentreuen, darunter vielen Geistlichen und engagierten Laien vertreten – lässt sich in der These zusammenfassen: Die „nationalsozialistische“ Führungselite in Deutschland führte von Anfang an einen Kampf gegen die christlichen Konfessionen und ihre Anhänger mit dem Ziel, diese Kirchen schließlich zu vernichten und durch einen neugermanischen Mysterienkult zu ersetzen. Leider haben sich zahlreiche Gemeindeglieder dieser Kirchen von der NS-Ideologie verführen lassen, die die Möglichkeit eines „Deutschen Christentums“, einer „Deutschen Nationalkirche“ zu versprechen schien. Doch bald erhoben sich biblisch erweckte Gegenkräfte unter Geistlichen und Laien, die sich in der Bekennenden Kirche zusammenfanden und den Kampf in den Kirchen gegen die NS-Ideologie, aber auch gegen den NS-Staat führten. Sie konnten damit zwar nicht das faschistische Herrschaftssystem als ganzes überwinden, aber haben die Ehre der deutschen Christenheit gerettet und damit auch die Möglichkeit eines demokratischen Neuanfangs nach 1945 vorbereitet. Darin gründet sich hervorgehobene Status der christlichen Kirchen, der ihnen im Rahmen des Grundgesetzes und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zugesprochen wird.
Die andere Position – vor allem von bekennenden Atheisten, Freidenkern, aber auch von kritischen Christen vertreten – äußert sich in der These: Christen und Kirchen waren ursächlich daran beteiligt, dass der Faschismus in Deutschland zur Herrschaft kam, sie haben die Legitimation der NS-Ideologie in breiten Volksschichten vorbereiten helfen, die u.a. in ein Bekenntnis der NSDAP zum „positiven Christentum“ mündete. Der theologische Antijudaismus und der gemeinchristliche Antisemitismus haben den völkischen Rassismus der Nazis erst ermöglicht und damit dem Völkermord an Juden, Sinti und Roma sowie slawischen Volksgruppen Vorschub geleistet. Die obrigkeitshörigen Kirchenleitungen haben den Vernichtungskrieg des deutschen Faschismus bis zuletzt mitgetragen, indem sie der Wehrmacht Feldgeistliche beigaben, die militärischen Siege durch Gebete und Glockenläuten feierten und nicht nur die Soldaten, sondern sogar ihre Geistlichen auf Hitler vereidigten. Die wenigen christlichen Widerstandskämpfer, auch wenn ihr persönliches Opfer hoch zu würdigen ist, haben z.T. gegen die eigene Kirche oder von ihr behindert und sogar diffamiert ihren Beitrag für die 1945 nötige Neukonstituierung einer humanistischen Gesellschaft geleistet. Dieses antifaschistisch-demokratische Deutschland konnte nur verfasst sein in strikter Trennung von Staat und Kirche, wobei den Kirchen keinerlei Einfluss mehr auf die Ausgestaltung einer säkularen Gesellschaft zugestanden werden konnte.
Es lässt sich unschwer feststellen, dass sich diese Positionen auch in etwa dem vorherrschenden Zeitgeist bzw. der Meinungsführerschaft der einflussreichen Eliten in den beiden deutschen Staaten zuordnen lassen. Nach meinem Dafürhalten enthalten beide Positionen bedenkenswerte Einsichten und Überzeugungen, die allerdings immer wieder durch faktengestützte Untersuchungen ihren Wahrheitsgehalt erweisen müssen.
Die hiermit vorgelegte Berichterstattung von dem geistigen und körperlichen Kampf eines evangelischen Pfarrers und seiner Ehefrau gegen die Einflussnahme der NSDAP gibt einen anschaulichen Einblick in die damaligen kontroversen Denk- und Verhaltensweisen. Was die unter seiner Leitung handelnden Frauengruppen einer evangelischen Gemeinde gegen eine hartnäckige Einflussnahme von Nazifunktionären und DC-Aktivisten auf das kirchliche Leben in Herressen, Sulzbach und Oberndorf bei Apolda bewirken konnten, aber auch ohnmächtig hinnehmen mussten, kann uns helfen, eine differenzierte Sicht auf die damaligen Verhältnisse zu bekommen. Auch zur eigenen Orientierung im Widerstreit der beiden oben dargelegten Antithesen könnte eine konkrete Besichtigung dieses „Kirchenkampfes“ in der thüringischen Provinz dienen.
Zum besseren Verständnis seien einige Informationen über Herkunft, Bildungsweg und geistiger Verortung dieses Mannes vorausgeschickt, der in den vorliegenden Dokumenten sein pfarramtliches und persönliches Leben zwischen 1933 und 1938 ausbreitet:
Wilhelm Koch war Sohn des evangelischen Pfarrers von Berstadt, heute Gemeinde Wölfersheim im oberhessischen Wetteraukreis. Er besuchte hessische Gymnasien, bekam aber sein Abitur erst zugesprochen, nachdem er vom Heeresdienst im Ersten Weltkrieg als Feldwebel zurückgekehrt war. Sein Theologiestudium absolvierte er in Heidelberg und Gießen, für ein halbes Jahr unterbrochen durch einen Einsatz als „freier Helfer“ in der Diakonieanstalt Bethel. Nach dem ersten Examen besuchte er das Predigerseminar im hessischen Friedberg. Vor dem Landeskirchenamt in Darmstadt legte er sein zweites Examen ab. Im oberhessischen Lißberg wurde er Vikar und dort 1924 zum Pfarrer ordiniert. Die dortige Pfarrstelle hatte er ein Jahr inne, danach wurde er zum Pfarrassistenten in Worms und wenig später im rheinland-pfälzischen Mainz ernannt. Die ungünstigen Aussichten einer Anstellung in seiner Hessischen Heimatkirche wie auch schlechte Wohnverhältnisse drängten den jungen, eben verheirateten Pfarrer, sich um eine Pfarrstelle in Thüringen zu bewerben, die er im Juli 1926 in Sulzbach antrat, wo er im September zum Ortspfarrer gewählt und im Oktober in sein Amt eingeführt wurde.
Peter Franz
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Der Kirchenkampf in Thüringen, wie wir ihn erlebten (1933-1938). Auf Wunsch meiner Kinder aufgeschrieben im Frühjahr 1973
Die Vorgeschichte: Wie wir nach Thüringen kamen und was wir dort vorfandenBearbeiten
Dank der fürsorglichen Kirchenbehörde in Darmstadt waren wir ausgerechnet acht Tage nach unserer Hochzeit von Worms nach Mainz strafversetzt worden, damit wir merken sollten, was es bedeutet, den Rat einer Kirchenbehörde zu missachten. Sie hatten uns geraten, mit unserer Hochzeit zu warten, bis wir in einem Pfarrhaus auf dem Lande eine angemessene Wohnung für ein junges Paar und für die zu erwartenden Nachkömmlinge gefunden hätten. Zur Strafe mussten wir uns in Mainz, dem Hauptquartier der französischen Truppen, wo die damalige Wohnungsnot in Hessen am größten war, mit einer engen Mietwohnung begnügen. Oberkirchenrat Zentgraf, der mir in Worms den guten Rat der Kirchenbehörde überbracht hatte, war ein Verwandter der Familie Dittmar und war in Friedberg als Kandidat des dortigen Predigerseminars ein bei uns oft gesehener Gast. Als er uns in Mainz in unserer engen Behausung besuchte und erfuhr, dass wir ein Kindlein erwarteten, erbot er sich sofort, bei der Kirchenbehörde in Darmstadt vorstellig zu werden, damit wir in Bälde in ein Landpfarrhaus kommen könnten. Doch in Darmstadt stieß er mit seinem Antrag auf taube Ohren und harte Herzen: Der hat nicht gehorcht, nun muss er büßen, nun muss er sehen, wie er sich in Mainz zurecht findet. Als Zentgraf mir diese Entscheidung eröffnete, fragte ich ihn spontan:
"Was sollen wir machen? Wie sollen wir uns hier zurecht finden?"
Er antwortete:
"In Thüringen herrscht Pfarrermangel. Dort werden Pfarrer gesucht."
Da sagte ich sofort:
"Da werde ich mich in Thüringen um eine Pfarrstelle bewerben."
Doch Zentgraf dämpfte meinen Eifer:
"Schon gut. Aber hinten stechen die Bienen. Man wird dich freundlich aufnehmen, aber du wirst dann vor leeren Bänken predigen und in unkirchlichen Gemeinden Dienst tun müssen."
Ich dachte: Laß sie nur stechen, wenn du nur ein Haus hast für dich und die Deinen.
Bei unserem ersten Urlaub in Hessen gleich nach Pfingsten im Jahre des Herrn 1926 steckte ich meine Prüfungspapiere in die Tasche und fuhr mit meiner lieben jungen Frau nach Eisenach. Dort suchte ich den „Landesoberpfarrer“ auf, zeigte ihm meine Zeugnisse und brachte mein Anliegen vor. Nachdem er meine Zeugnisse gelesen hatte, war er sofort bereit, mich in den Dienst der Thüringer Kirche aufzunehmen. Ich sollte mich nach den freien Stellen erkundigen, sie besichtigen und mich dann entscheiden. Ich wählte aus und entschied mich für Sulzbach bei Apolda. Schon Mitte Juni durften wir in das dortige Pfarrhaus einziehen.
Wir wurden wirklich freundlich willkommen geheißen von unserem Nachbarn, Herrn Preis, und auch vom Herrn Bürgermeister. Aber: „Hinten stechen die Bienen.“ Vor dem ersten Gottesdienst kam der Lehrer, der zugleich auch Organist war, zu mir, um die Lieder herauszusuchen. Doch bei fast jedem vorgeschlagenen Lied erklärte er:
"Das können wir nicht singen."
Nach einigen vergeblichen Vorschlägen war eine bekannte Melodie für das Eingangslied gefunden worden. Nun ging es an die noch mühsamere Suche nach einer bekannten Melodie für das Hauptlied. Nach wiederholten vergeblichen Vorschlägen meinte ich:
"'Ich will dich lieben, meine Stärke', das kann doch die Gemeinde sicherlich singen."
"Auch diese Melodie ist unbekannt, aber wir werden's einmal versuchen."
Am Ende des 17. und noch am Anfang des 18. Jahrhunderts herrschte die Orthodoxie. Jährlich dreimaliger Abendmahlsbesuch war Pflicht eines rechten Christen. Am Ende des Jahres wurden in den Statistiken die aufgezählt, die diese Pflicht nicht erfüllt hatten, mit der Bitte: Gott behalte ihnen diese Sünde nicht. In den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts kam ein überzeugter Pietist als Pfarrer nach Sulzbach. Die Zahl der Abendmahlsfeiern und der Abendmahlsgäste stieg rapide an und hielt sich beachtlicher Höhe bis zum Jahre 1797. Dann fiel sie ebenso rapide ab. Ein Rationalist, der statt von Gott immer nur von der Vorsehung sprach, war nach Sulzbach gekommen. Anfang der zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts erholte sich die Besucherzahl etwas, fiel aber von der Mitte des Jahrhunderts langsam aber stetig wieder, bis sie in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts ihren tiefsten Stand, ja fast den Nullpunkt erreichte. Als ich nach Sulzbach kam, gab es jährlich drei Abendmahlsfeiern, die von 20-30 Gemeindegliedern besucht wurden.
Diese Statistik entsprach auch den Ergebnissen meiner kirchengeschichtlichen Studien. Der Pietismus kam von Halle her nach Sulzbach, und seine Anhänger wurden später von den Herrnhutern betreut. Der Rationalismus fand verhältnismäßig spät Eingang in Thüringen und behauptete sich dort durch das ganze 19. Jahrhundert. Die Erweckungsbewegungen nach den Freiheitskriegen hielten die thüringischen Fürsten zwangsweise von ihren Hoheitsgebieten fern: In Bad Sulza ein pietistische gesinnter Arzt, in anderen Gemeinden Pfarrer wurden aus dem Land hinausgedrängt. Der Direktor des Staatsarchivs in Weimar, mit dem ich mich öfter über solche Fragen unterhielt, nannte mir mehrere Beispiele mit Namen und Ort. Spuren des Pietismus gab es auch in unseren Gemeinden: Frau Witasek in Sulzbach und Frau Häßner in Herressen mit einem kleinen Anhang. Für sie hielt ich auch regelmäßige Bibelstunden.
Als ich nach Sulzbach kam, gab es die „Heimatglocken“, ein kirchliches Informationsblatt, das alle zwei Monate Nachrichten aus dem Kirchenbezirk brachte. Sie wurden nur von wenigen gelesen. Ich bestellte später das Sonntagsblatt von Bethel. Die letzte Seite blieb ungedruckt. Ich füllte sie wöchentlich mit Hilfe eines Vervielfältigungsapparates aus. Das waren nun die „Heimatglocken für Sulzbach, Oberndorf und Herressen“. Neben lokalen kirchlichen Nachrichten veröffentlichte ich auch alle vierzehn Tage ortsgeschichtliche Aufsätze.
Diese Einleitung ist nötig, um das folgende recht zu verstehen.
Der Kirchenkampf in Thüringen, erster TeilBearbeiten
Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten kam es zuerst zu einer scheinbaren Neubelebung des kirchlichen Lebens. Viele, die unter dem Einfluss der Kommunisten aus der Kirche ausgetreten waren, baten um Wiederaufnahme. Am 1. Mai, der zum „Tag der nationalen Arbeit“ erklärt worden war, kam die recht stattlich gewordene SA in voller Uniform geschlossen zum Gottesdienst. Die beiden Emporen füllten sich mit den braunen Uniformen. Bei einer Männertagung in Apolda sprach Oberkirchenrat Otto[1] in bewegten Worten von der politischen Neubesinnung unseres Volkes, die nun auch eine kirchliche Neubesinnung nach sich ziehe. Das Wirtschaftsleben wurde neu angekurbelt, vor allem in der Automobilindustrie, die billige Autos lieferte, die von der Kraftfahrzeugsteuer befreit blieben. Die Zahl der Millionen von Arbeitslosen sank stetig. Im November erklärte Hitler den Austritt aus dem arbeitsunfähigen Völkerbund. Das alles löste große Begeisterung aus. Selbst mein Bruder Friedrich, der noch Anfang 1933 eine sehr gute Broschüre über die Gefahren einer Diktatur veröffentlicht hatte – seine Prophezeiungen haben sich später alle erfüllt – schrieb mir im Herbst 1933:
"Wir haben doch wohl manches falsch gesehen."
Im Sommer war ein neuer junger Lehrer nach Herressen gekommen. Als überzeugter Nationalsozialist zeigte er sich doch auch rege interessiert für das kirchliche Leben. Er ließ bald nach seiner Ankunft in Herressen sein jüngstes Kind taufen. Taufpate war sein Freund und einstiger Nachbarkollege, jetzt zum Kreisleiter[2] in Weimar ernannt. Selbstverständlich wurde auch der Pfarrer zur Tauffeier eingeladen. Lehrer Lindner übernahm auch gleich den Organistendienst in Herressen anstelle des schon ergrauten langjährigen Organisten, Landwirt Wünscher, und ließ sich auch in den Kirchenvorstand wählen. Die beiden Lehrer in Sulzbach und Oberndorf verhielten sich erst recht zurückhaltend und kritisch gegenüber dem neuen Regime. Doch Lehrer Lindner riss sie mit sich in seinem jugendlichen Elan – leider auch den Pfarrer. Auf Anregung von Lindner kamen der Pfarrer und die drei Lehrer zu regelmäßigen Arbeitsbesprechungen im Pfarrhaus zusammen. Mit Hilfe von staatlichen Zuschüssen wurden die Kirchen innen und außen neu hergerichtet und mit Heizungen versehen. In den Gottesdiensten wurde ein neuer Introitus ausprobiert: Nach dem Ausläuten wurden die Türen fest verschlossen, damit niemand durch sein Zuspätkommen die Stille des Gottesdienstes störe. Zum Beginn verkündigte der Pfarrer mit erhobener Hand:
"GOTT ist in seinem heiligen Tempel. Es sei vor IHM stille alle Welt!"
Danach setzte das Orgelspiel pianissimo ein, um dann crescendo stärker zu werden.
In diesen „Frühling“ fiel im Februar 1934 ein dicker kalter Reif. Der Reichsschulungsleiter der Partei, Alfred Rosenberg[3], hielt in der neu erbauten Weimar-Halle eine zündende Rede und rief auf zum Kampf gegen die drei Feinde, die vom Nationalsozialismus noch überwunden werden müssen: Die Deutschnationalen unter Hugenberg[4] mit ihrem zähen Festhalten an überlebten nationalen Idealen; dann die Generäle, die ebenso noch befangen sind in alten soldatischen Überlieferungen; und schließlich der reaktionärste Feind, die Kirchen, die sich noch den neuen Idealen des Nationalsozialismus verschließen. Lindner, der diese Rede gehört hatte, kam ganz erfüllt von dem Gehörten zu unserer nächsten Zusammenkunft. Es sei nun an der Zeit, dass sich nun auch hier in unseren drei Gemeinden die Kirche sich dem Neuen gegenüber weit aufgeschlossen zeige und darin den Nachbargemeinden als leuchtendes Beispiel vorangehe. Das galt natürlich in erster Linie dem Pfarrer, der sich wohl schon gegenüber dem Neuen geöffnet habe, sich aber dem primären und absolutenAbzeichen der Evangelischen Frauenhilfe anlässlich ihres zehnjährigen Bestehens
Anspruch des NS noch entziehe. Das zeige sich vor allem an dem zähen Festhalten an der Selbständigkeit der Ev.Frauenhilfe, die er nicht in die NS-Frauenschaft[5] einzugliedern bereit war. Hier musste für Lindner der Kampf beginnen. Und hier stieß er auf energischen Widerstand, der im Verlauf des „Kampfes“ immer zäher wurde, nicht nur beim Pfarrer, sondern noch viel mehr bei der Pfarrfrau und durch das entschlossene und geschlossene Nein der Mitglieder unserer Frauenhilfe. Die Lehrer von Sulzbach und Herressen blieben vorerst noch „neutral“, denn sie hatten keine Verbindung zu unseren Frauenhilfen. In welcher Weise dieser Kampf gegen uns geführt wurde, zeigt der folgende Auszug aus einem Bericht, den ich am 24.2.1936 dem damals neu ernannten Reichskirchenausschuss[6] in Berlin über die kirchlichen Verhältnisse in unseren Gemeinden überreicht habe. Darin heißt es:
"Ende Oktober 1933 fand hier eine Gründungsversammlung der NS-Frauenschaft statt. Da meine Frau an diesem Abend noch im Wochenbett lag, nahm ich für sie an dieser Versammlung teil und hatte auch eine verständnisvolle Aussprache mit der Kreisleiterin Fräulein Asmus. Auf meine Bitte hin erklärte sie noch einmal der Versammlung, dass trotz der Gründung der Frauenschaft die Frauenhilfen weiter bestehen und weiter ihre Arbeit treiben sollen. Trotz dieser Zusicherung tauchten bald in den Gemeinden Gerüchte von der baldigen Auflösung der Frauenhilfen auf. Immer häufiger wurde mit gewisser Geringschätzung den Frauenhilfen ein rasches Ende prophezeit. Um diesen Gerüchten noch mehr Nachdruck zu verleihen, wurde der 1. April 1934 als Tag der Auflösung genannt. Auch als dieser Tag verstrichen war, hörten die Angriffe auf die Frauenhilfe nicht auf. Bei einem Werbeabend der NS-Frauenschaft Sulzbach Mitte Mai 1934 ließ sich der damalige Ortspropagandaleiter, Herr Lehrer Lindner aus Herressen, zu heftigen Angriffen gegen Kirche, Pfarrer und Frauenhilfen hinreißen. Unter dem 17. Mai 1934 schrieb ich daraufhin an Herrn Lehrer Lindner: 'Sie haben beim Werbeabend der Frauenschaft Sulzbach am Sonntag, dem 6. Mai, im hiesigen Gasthof Ludwig etwa folgendes ausgeführt, was durch mehrere Zeugen belegt ist: „Da stellt er sich am 1. Mai auf die Kanzel und schimpft darüber, dass so wenige Leute zur Kirche gekommen sind (was ich niemals getan habe!). Die Leute haben heute anderes zu tun, als zur Kirche zu kommen. Die Kirche bildet sich noch immer ein, an erster Stelle zu kommen, sie kommt noch lange nicht an zweiter Stelle. Was hilft es, wenn sie in die Kirche gehen und zum Herrn Jesus beten... Die Vereine müssen verschwinden, auf welche Weise ist ja ganz gleich. Aber verschwinden müssen sie. Es darf nur noch eines geben: die Frauenschaft.“ Wie konnten Sie als Amtswalter, als Kirchenvorsteher und als Kirchenmusikbeamter solche Äußerungen tun? Sie haben damit große Erregung in der hiesigen Gemeinde wachgerufen. Ich habe bis jetzt, da es mir um den rechten Frieden in den Gemeinden ernstlich zu tun ist, zu vielem geschwiegen, was mir von Ihnen zu Ohren gekommen ist. Die Verhältnisse sind nun so geworden, dass ich nicht länger mehr schweigen kann.'Am Tage darauf ersuchte mich Herr Lindner um eine Aussprache, die am Nachmittag des 18. Mai in meinem Amtszimmer stattfand. Als Ergebnis dieser zweistündigen Aussprache wurde für den nächsten Abend eine gemeinsame Besprechung zwischen der Leitung der NS-Frauenschaft und der Ev.Frauenhilfe unter der Führung des damaligen Ortsgruppenleiters, Herrn Lehmann aus Herressen verabredet. Es sollte eine gemeinsame Erklärung von allen Beteiligten unterzeichnet werden, die alle entstandenen Spannungen zwischen den beiden Frauenorganisationen lösen sollten. Ich erklärte mich dazu bereit, trotz der Fülle der Arbeit zu den kommenden Pfingsttagen – 20. und 21. Mai – diese Erklärung aufzusetzen und sie sofort am kommenden Morgen Herrn Lindner zu einer rechtzeitigen Stellungnahme zu unterbreiten. Die von mir aufgesetzte Erklärung hatte folgenden Wortlaut:“Erfüllt von dem ernsten Willen, den Frieden unter den Frauen unserer Gemeinden wiederherzustellen und für die Zukunft zu sichern, haben die Führer der beiden Frauenorganisationen, NS-Frauenschaft und Ev.Frauenhilfe, unter der Leitung des Ortsgruppenleiters der NSDAP gemeinsam verhandelt, haben die entsprechenden Wirrnisse zu klären versucht und haben folgendes miteinander vereinbart:
1. Die beiden bestehenden Organisationen, staatlich anerkannt und geschützt, im Deutschen Frauenwerk[7] zusammengeschlossen und unter einheitlicher Führung stehend, wollen in gegenseitiger Achtung zusammenarbeiten zum Wohle unserer Gemeinden und unseres Volkes. Es soll nicht heißen, dass die eine der beiden Organisationen wichtiger oder höher stehender sei als die andere. Es wird hinfort auch nicht mehr gesagt werden, dass die Ev.Frauenhilfe aufgelöst wird.
2. Die beiden Organsisationen machen es ihren Mitgliedern zur Pflicht, in keiner Weise von der anderen Organisation abfällig zu urteilen. Alles was bis heute an Streitigkeiten und Erregungen zwischen beiden Organisationen stand, soll hiermit ausgelöscht und vergessen sein.
3. Die Führer der beiden Organisationen kommen zur Besprechung gemeinsamer Aufgaben wie Mütterdienst[8] und Wohlfahrtspflege mindestens zweimal im Jahre unter Vorsitz des Ortsgruppenleiters der NSV[9] zusammen. Bei diesen Zusammenkünften werden auch etwa auftauchende Streitfälle beseitigt. Herr Lindner erklärt, dass seine Ausführungen am Werbeabend der NS-Frauenschaft Sulzbach keine Schmähung oder Angriff gegen die Person des hiesigen Pfarrers oder der Kirche gewesen sein soll."
Nachmittags um einhalb drei Uhr, nach einer Trauung in Herressen, frug ich Herrn Lehrer Lindner, ob er etwas an der aufgesetzten Erklärung auszusetzen habe. Er machte nur zu Punkt 3 den Vorschlag, jeden Monat einmal zusammen zu kommen. Die Besprechung am Abend brachte eine niederschmetternde Überraschung. Herr Lehrer Lindner stand zu nichts mehr von dem, was er mir zuvor versprochen hatte. Er bestritt jeden Angriff gegen Kirche und Ev.Frauenhilfe in seinem Vortrag. Die Mitglieder der Ev.Frauenhilfe, die bei dem Werbeabend zugegen waren, wurden als Spitzel bezeichnet. Die Zusammenkunft war ergebnislos verlaufen.
Die Angriffe gegen die Ev.Frauenhilfe hielten an, ja wurden immer heftiger. Eine wahre Flut von Lügen und Verleumdungen ergoss sich vor allem über die Vorstandsfrauen unserer Ev.Frauenhilfe. Die Atmosphäre wurde immer unerträglicher. Am 2. Dezember 1934 sprach ich deshalb bei dem hiesigen Lehrer Herrn Benker vor. Die mehrstündige Aussprache drehte sich vor allem um die Existenzberechtigung der Ev.Frauenhilfe, die vonseiten der NS-Frauenschaft immer wieder bestritten wird. Man sah in der Frauenhilfe keine Nebenorganisation mit rein kirchlichen Aufgaben, sondern eine lästige Konkurrentin, die man beseitigen muss. Man argumentierte dabei so: Es wird festgestellt, dass durch das Bestehen beider Organisationen großer Unfriede in den Gemeinden entstanden ist, der den Aufbau der Volksgemeinschaft stört. Darum muss eine Organisation beseitigt werden. Das kann nur die Ev.Frauenhilfe sein. Die Frage, von wem der Unfriede ausgegangen ist, schaltet dabei ganz aus. Ich musste in dieser Aussprache erklären: Es drängt sich mir immer mehr der Gedanke auf, dass man den Frieden nicht will, dass man den Unfrieden künstlich erzeugt, um einen Grund zur Auflösung der Frauenhilfe zu haben. Herr Lehrer Benker lenkte schließlich ein und erklärte sich zu einer Vermittlungsaktion bereit. Es sollte noch einmal eine gemeinsame Besprechung zwischen den Führern der beiden Frauenorganisationen in Sulzbach stattfinden, und zwar in aller Bälde. Da ich die ganze nächste Woche nichts mehr von dieser baldigen Zusammenkunft hörte, frug ich am 8. Dezember noch einmal nach und erfuhr, dass die Frauen der NS-Frauenschaft sich noch „zu tief gekränkt“ fühlten und darum zu einer Besprechung noch nicht bereit seien. Wodurch sie gekränkt waren, erfuhr ich nicht.
In den kommenden Wochen hörten wir wieder nichts. Am 8. Januar 1935 wurde ich noch einmal vorstellig und erhielt den Bescheid, dass die Leiterin der NS-Frauenschaft jetzt für einige Wochen verreise und darum die gemeinsame Besprechung verschoben werden müsse. Am 7. März, unmittelbar nach ihrer Rückkehr, war ich wieder bei Herrn Benker, und endlich ward die Besprechung auf den 11. März festgesetzt. Diese Zusammenkunft hatte den Erfolg, dass nun endlich Frieden ward!!! Den ganzen Sommer und Herbst über bis tief in den Winter hinein war alles üble Gerede verstummt, die Angriffe gegen die Ev.Frauenhilfe schwiegen.
In Herressen stand allerdings diese Bereinigung noch aus, obwohl ich Herrn Lindner im April bei einer Kirchenvertretersitzung auf die Notwendigkeit einer Aussprache hingewiesen hatte. Umso mehr freuten wir uns, dass bei einem evangelischen Mütterabend in Herressen am 11. Dezember 1935 die NS-Frauenschaft geschlossen erschien. Ich brachte diese Freude auch in meiner Begrüßungsansprache zum Ausdruck und betonte noch einmal unsere stete Bereitschaft zu einer friedvollen Zusammenarbeit. Die Vortragende des Abends ließ sich der Leiterin der NS-Frauenschaft, Frau Lehrer Lindner persönlich vorstellen und unterhielt sich auch nach ihrem Vortrag noch einmal mit ihr. Frau Lehrer Lindner dankte dann am Schluss im Namen der NS-Frauenschaft in herzlichen Worten für alles, was sie an diesem Abend mit nach Hause nehmen dürften. Wie groß aber war unsere Überraschung, als am Freitag darauf Herr Lehrer Lindner im Gasthaus in sehr scharfen Worten an dieser Veranstaltung Kritik übte und erklärte, er wolle eine Beschwerde an mich richten und in Zukunft jeden Mütterabend verbieten. Diese Beschwerde ist bei mir nicht eingegangen, und ich wüsste auch nicht, was sie hätte enthalten sollen. Ein Konfirmanden-Mütterabend, den ich Herrn Lehrer Lindner anzeigte – der inzwischen Ortsgruppenleiter geworden war – , wurde in keiner Weise beanstandet.
Am Sonntag, dem 26. Januar 1936, feierte die NS-Frauenschaft in Herressen ihr Jahresfest. Dabei hielt ein Herr Schulrat Frank aus Weimar einen Vortrag, in dem er die Arbeit der Ev.Frauenhilfe herabwürdigte und die Frauen der Frauenhilfe, von denen neun zugegen waren, den Abseits-Stehenden zurechnete, die man „wie die Viecher“ in verschiedene Klassen einteilen könne.
Am Sonntag darauf feierte die Herressener Ev.Frauenhilfe – wie all die vergangenen Jahre am 1. Sonntag im Februar – ihr Jahresfest. Man nahm wohl an, dass ich bei dieser Gelegenheit auf die Angriffe des Herrn Schulrat Frank einginge. Das war nicht der Fall. Ich sprach ganz allgemein über die Aufgaben der Frauenhilfen. Man suchte aber doch vonseiten der NS-Frauenschaft und des Ortsgruppenleiters wohl irgend ein Verfehlen meinerseits festzustellen. In der Woche darauf durchschwirrten plötzlich Gerüchte unsere Gemeinden, dass ich wegen des Jahresfestes in das Konzentrationslager in Bad Sulza[10] eingeliefert werden soll. Wie ich erfuhr, hatte der stellvertretende Ortsgruppenleiter bei einem Zellenabend[11] in dem anderen Filial Oberndorf diese Drohung ausgesprochen und dabei als Begründung angegeben, in unserem Theaterstück beim Jahresfest habe sich deutlich die Reaktion gezeigt. Es wäre ein König mit Hurra-Rufen und mit Girlanden, in denen sich auch ein schwarz-weiß-rotes Papierfähnchen befand, empfangen worden. Am Mittwoch, dem 12. Februar, wurden diese Drohungen im Zellenabend in Sulzbach wiederholt. Frau Lehrer Lindner äußerte sich in einem Gespräch in den gleichen Tagen: Man werde in den nächsten Tagen etwas erleben, worüber das ganze Dorf staunen werde. In der darauf folgenden Woche teilte Herr Lehrer Benker seinen Schülern mit – zu denen auch unsere Kinder gehörten: Der Führer wolle die Ev.Frauenhilfe nicht, sie müsse aufgelöst werden, damit der „Hackemark“[12] zwischen den beiden Frauenorganisationen endlich einmal aufhöre. Durch alle diese Äußerungen war die Erregung in unseren Dörfern aufs höchste gestiegen. Um zu einem klaren Bild zu kommen und um die entsetzliche Atmosphäre zu bereinigen, beschloss ich einmal in Weimar bei der NS-Kreisleitung vorstellig zu werden. Pg.Ronniger, Leiter der NS-Volkswohlfahrt, und Pg.Karpe, Bürgermeister und Blockleiter[13] in Sulzbach, erklärten sich bereit mit mir zu gehen. Durch den Kreisleiter und Landrat Hofmann erfuhren wir dann, dass der Ortsgruppenleiter Herr Lehrer Lindner unmittelbar vor seiner Abreise zu einem vierwöchigen Schulungskurs einen ausführlichen Bericht über mich, den Leiter der Ev.Frauenhilfen, abgegeben hatte. Zur Charakterisierung des Geistes, der in der Frauenhilfe herrsche, führte er einige angebliche Äußerungen der Frau Ronniger, Ehefrau des Amtsleiters und Mitglied der Ev.Frauenhilfe an. Anlässlich des Reichsparteitages[14] habe sie erklärt: „Da fahren die Brummochsen nach Nürnberg, und Frau und Kind müssen daheim hungern.“ Ein anderes mal habe sie den Ortsgruppenleiter ein „großes Schwein“ genannt. Frau Ronniger, schon viele Jahre vor der Machtergreifung überzeugte Nationalsozialistin, bestreitet entschieden, solche Äußerungen getan zu haben. In dem Bericht war dann auch weiterhin die Rede davon – es wurden uns nur Bruchstücke daraus vorgelesen - , dass bei unserem Jahresfest ein König mit Hurra empfangen worden sei. Doch Herr Landrat Hofmann legte dem keine große Bedeutung bei. Hingegen enthielt nach seiner Auffassung die Berichterstattung über unser Jahresfest in unseren kirchlichen Gemeindenachrichten zwei deutliche Spitzen gegen die NS-Frauenschaft und gegen den Staat: Die Frauenhilfe hatte beim Jahresfest das Lied gesungen „Die Sach' ist dein, Herr Jesus Christ, und weil es deine Sache ist, kann sie nicht untergehn“, und das andere Lied „Der alte Gott, der lebet noch“. Außerdem kam ein Gedicht zum Vortrag: „Die gute alte Zeit“, in dem in humorvoller Weise die Beschwerlichkeiten und Gefahren in früherer Zeit geschildert wurden, um zu zeigen, dass die so genannte „gute alte Zeit“ gar keine so gute Zeit war. In dem Wort „Sache“ sah man eine Spitze: Ich hätte damit die Partei treffen wollen. Mit der „guten alten Zeit“ hätte angedeutet werden sollen, dass die Gegenwart keine gute Zeit mehr sei. Obwohl ich diese Missverständnisse richtig stellte und darauf hinwies, dass Herr Lehrer Lindner von dem, was sich auf unserem Jahresfest zutrug, und auch von dem Inhalt des Gedichtes durch seine Frau unterrichtet wurde, die bei unserem Jahresfest zugegen war; obwohl durch mich und meine Begleiter all die Angriffe zur Sprache kamen, die gegen mich und gegen die Ev.Frauenhilfe im Lauf der Jahre gerichtet wurden, fanden wir doch kein Gehör mit unseren Darlegungen. Es wurde uns lediglich eine nochmalige Verhandlung im Beisein des NS-Ortsgruppenleiters in Aussicht gestellt. Doch wurde auch vonseiten des Herrn Landrats erneut mit polizeilichem Eingreifen gedroht, falls nicht Ruhe werde in den Gemeinden. Herrn Ronniger und Herrn Karpe, die zum Jahresfest der NS-Frauenschaft nicht gekommen waren, aber am Jahresfest der Ev.Frauenhilfe teilgenommen hatten, wurde eröffnet, dass sie für die Partei nicht tragbar seien, wenn sie sich mehr zum Pfarrer hielten als zur Partei.
So ist auch durch diese Vorstellung bei dem Herrn Landrat und Kreisleiter die Spannung in den beiden Gemeinden nicht gelöst, sondern noch mehr gesteigert worden. Nach dem Eindruck, den ich in Weimar empfing, kann ich in jedem Augenblick mit meiner Inhaftnahme rechnen. Um die dringende Notwendigkeit der Aufgaben der Frauenhilfen in unseren beiden Gemeinden zu erhellen, sei noch mitgeteilt, dass seit Anfang 1934 in den beiden Gemeinden in der Schule der Unterricht nicht mehr wie früher mit einem Choral begonnen wird, dass auch die Kinder nicht mehr in der biblischen Geschichte unterrichtet werden, dass im Gegenteil im Unterricht stärkste Angriffe gegen die Grundlagen unseres christlichen Glaubens gerichtet werden. So wurde in der Schule in Herressen im Sommer 1935 zum Zweiten Glaubensartikel erklärt, Jesus sei nicht Gottes Sohn, es sei noch niemand von den Toten auferstanden, und dass Jesus wiederkommen werde – das glaube er, der Lehrer nicht. Im Januar dieses Jahres äußerte er sich im Unterricht, dass Paulus ein niederträchtiger Jude sei, der keinerlei Beachtung für unseren Glauben verdiene. Schließlich wurden auch die Kinder in Herressen gefragt, wozu sich ihre Eltern bekennten: zum Staat oder zur Kirche – als ob eines das andere ausschließe. Dabei gehören beide Lehrer dem Kirchenvorstand an, sind neuerdings Listenführer der „Deutschen Christen“[15] und haben für sie die Kirchenvertreter zu ernennen.
Der Kirchenkampf in Thüringen, zweiter TeilBearbeiten
Meinen Bericht an den Reichskirchenausschuss übergab ich persönlich in Berlin seinem Vorsitzenden, Herrn Generalsuperintendent D.Eger. Er las ihn aufmerksam durch und schickte mich mit ihm zu einem Beamten im Reichskirchenministerium. Auch der las meinen Bericht durch und sagte mir:
"Wir werden nach Weimar schreiben. Ohne unsere Einwilligung kommt kein Pfarrer mehr ins Konzentrationslager. Wenn nichts Schlimmeres gegen Sie vorliegt, können Sie beruhigt sein, wird Ihnen nichts geschehen."
Als ich von Berlin zurückkehrte, war große Freude bei allen treuen Gemeindegliedern, doch Freund Ronniger war besorgt: Wenn Lindner Anfang März von seinem Schulungskurs zurückkehre, werde sich sein Zorn über ihn ergießen. Er dachte nicht daran, nach dem Gespräch mit dem Kreisleiter klein beizugeben. Mir leuchteten seine Bedenken ein, und ich versprach ihm, nochmals nach Berlin zu fahren und mich dort auch für ihn zu verwenden. Der Sohn unserer treuen Frau Witasek war in Berlin Direktor bei der Allianz-Versicherung und hoher SA-Führer. Ihm, der unsere Verhältnisse kannte, trug ich meine Sorge um Ronniger vor. Er war sofort bereit zu helfen. Er rief einen Freund, Ministerialdirektor im Reichsunterrichtsministerium telefonisch an, erhielt aber keine Verbindung. Während er noch überlegte, was nun zu machen sei, stürzte der Gesuchte ins Zimmer herein, ließ sich in einen Klubsessel fallen und rief:
"Alfred, ich bin entlassen, fristlos entlassen vom Minister ohne Angabe eines Grundes. Hinten herum habe ich erfahren, dass die Reichsjugendführung[16] dahinter steckt, der ich schon mehrmals wegen ihrer Übergriffe in die schulischen Angelegenheiten in den Arsch getreten habe."
Und nun brach eine Fülle von Anlagen aus ihm hervor:
"Alles korrupt hier in Berlin! Alles Intrigenwirtschaft!"
Und dann erzählte er:
"Ich war selbst dabei, wie der Führer seine Reichsstatthalter[17] und Gauführer[18] angeschrien hat, aber das alles ist an ihnen abgelaufen wie Wasser an einer Ölhaut. Die gehen heim und saufen und huren weiter."
Und auf meine schüchterne Frage: “Wie soll das weitergehen?“ antwortete er spontan:
"Ich vertraue auf unser Volk. Eines Tages wird es aufstehen und seine Peiniger totschlagen."
Und auf meine weitere Frage „Wie soll das geschehen?“:
"Ich hoffe auf unsere Wehrmacht und ihre Generäle."
Erst nach diesen Zornesausbrüchen kamen wir auf mein Anliegen zu sprechen. Er erklärte kurz und bündig:
"Da ist nichts zu machen. Will man an ihn heran als Lehrer, verschanzt er sich hinter seinem Amt als Ortsgruppenleiter. Und umgekehrt, will man ihn von der Partei aus belangen. Und inzwischen ist der Amtsschimmel schon längst stehen geblieben."
Trotz diesem traurigen Bescheid, den ich mit nach Hause brachte, blieb doch Ronniger unserer Kirche treu. Vom Kreisleiter erhielt er ein Schreiben, datiert vom 28.9.1936:
"Ich enthebe Sie mit sofortiger Wirkung von Ihrem Amt als Ortsgruppenamtsleiter für Volkswohlfahrt, und zwar deshalb, weil Sie durch Ihre offene Stellungnahme gegen den Ortsgruppenleiter der NSDAP die nationalsozialistische Gemeinschaft empfindlich gestört haben. Ich habe gegen Sie ein Kreisgerichtsverfahren eingeleitet. Heil Hitler!"
Was war geschehen? In seiner Sitzung vom 8.9.1936 hatte der Kirchenvorstand in Herressen Lindner aus dem Amt eines Kirchenmusikers entlassen, weil er wiederholt seine Pflichten vernachlässigt und versäumt und schließlich den Gottesdienst durch sein Verhalten auf das empfindlichste gestört hatte. Ronniger hatte als Kirchenvorsteher das Protokoll mit unterschrieben. Lindner hatte wohl Einspruch gegen diesen Beschluss erhoben, der aber als unbegründet zurückgewiesen wurde. Prompt am 1. Oktober erschien wieder einmal der Gendarmeriebeamte in meinem Arbeitszimmer, um anzufragen, wer in Zukunft in Herressen den Organistendienst versehen würde, und ob der Betreffende auch der Reichsmusikkammer angehöre. Ich erwiderte ihm, dass wir bis jetzt noch niemand angestellt hätten und dass vorläufig meine Frau in Herressen die Orgel spiele.
Anders als Herr Ronniger reagierte Herr Karpe auf die Aussprache mit dem Kreisleiter. Seine Androhung, ihn aus der Partei auszuschließen, hatte ihm einen solchen Schock versetzt, dass er hinfort der ergebenste Diener des Ortsgruppenleiters wurde. Sehr bald nach unserer Rückkehr aus Weimar erhielt ich von ihm als „Schiedsmann“ die Vorladung zu einer „Sühneverhandlung“, die der Maurer Paul Remde beantragt hatte. Dieser gab an, von mir beleidigt worden zu sein, da ich in einer Kirchenvertretersitzung behauptet hätte, er hätte im Zellenabend der NSDAP die Äußerung gebraucht, „der Pfarrer Koch müsste erschossen werden“. Es hieß dann weiter:
"Ein Ausbleiben ohne zwingende Gründe kann eine Geldstrafe bis zu 20 RM zur Folge haben. Zwingende Gründe berücksichtige ich nur, wenn sie mir vorher schriftlich als Entschuldigung mitgeteilt werden."
Ich antwortete schriftlich auf diese Vorladung:
"...Ich sprach in der Kirchenvertretersitzung über die ernste Lage, in der sich augenblicklich unsere Kirche befinde und die von jedem Kirchenvertreter eine klare Entscheidung darüber verlange, ob er den Kampf, der der Kirche heute aufgezwungen ist, auf Seiten der Kirche oder ihrer Gegner führen wolle. Als der Kirchenvertreter Paul Remde erklärte, er stehe treu zum Christenglauben und zur Kirche und habe auch nichts gegen seinen Pfarrer, frug ich ihn: 'Herr Remde, ist das nicht ein Angriff gegen die Kirche und den Pfarrer, wenn Sie sagen, der Pfarrer gehöre erschossen?' Als Herr Remde auf meine Frage hin sofort bestritt, diese Äußerung getan zu haben und im Verlauf der weiteren Verhandlungen erklärte, er habe an dem fraglichen Abend gesagt 'Ich kann den Pfarrer nicht verstehen. Wenn der Kommunismus gekommen wäre, wäre er zuerst erschossen worden!', war für mich die Sache erledigt. Ich habe in der Folgezeit keinerlei Gebrauch mehr von dieser angeblichen Äußerung gemacht. In meiner in der Kirchenvertretung an Herrn Remde gerichteten Frage eine Beleidigung zu erblicken, ist völlig abwegig. Auch nach dem Urteil meines zu Rate gezogenen Rechtsanwaltes war mein Handeln durchaus korrekt. Der Vorladungsbescheid zu einer Sühneverhandlung ist darum unbegründet und unverständlich."
Ende Februar wurden die Deutschen Christen in unseren Gemeinden aktiv. Sie hielten im Gasthof Ludwig einen Werbeabend ab, bei dem der neu ernannten Jugendpfarrer von Thüringen sprach, Pfarrer Rönck[19] aus Weimar. Ich schrieb darüber an den Vorsitzenden des Reichskirchenausschusses D.Eger nach Berlin:
"Was ich an diesem Werbeabend erlebte, hat mich aufs tiefste erschüttert. Dass ein Pfarrer heute noch so wenig Verständnis aufbringen würde für das, worum es im sogenannten Kirchenkampf geht, hätte ich nicht für möglich gehalten. Der Vortragende tat das ernste Anliegen der Bekennenden Kirche kurzerhand ab, indem er sie zu den „Schriftgelehrten“ rechnete, gegen die schon Jesus und Luther gekämpft hätten... Doch noch viel schlimmer als diese niedrige Art der Auseinandersetzung mit Menschen, die um die Reinerhaltung des Evangeliums ihre ganze Existenz aufs Spiel setzten, war die völlig unevangelische Art seiner Darlegungen über das, was Jesus und Luther gebracht haben. Er führte nach den Aufzeichnungen, die ich machte, folgendes aus: 'Jesus zeigte Gott ohne Schriftbuchstaben, ohne Dogmen als den gütigen Vater, wie wir ihn draußen in der Natur finden, und nicht als den finsteren Richter. Kam einmal einer zu ihm, der sich nicht mehr bei den Schriftgelehrten zurecht finden konnte und fragte ihn: Was muss ich tun, dass ich selig werde? Jesus antwortete ihm: Vertraue nur auf Gott, dass er dich segne, wenn du nur Gottes Willen tust. Und Jesus erzählte ihm das bekannte Gleichnis von dem, der unter die Mörder gefallen war. Der Priester und der Levit, die in den heiligen Schriften gut Bescheid wussten, gingen an ihm vorüber. Der Halb-Heide, der nicht studiert hatte, die Dogmen nicht kannte, erbarmte sich seiner. Jesus war der einzige Religionsstifter, der keine Lehre, kein Dogma hinterlassen hat. Doch nach seinem Tode kamen die Schriftgelehrten und haben wieder eine Lehre aus ihm gemacht. Da kam Luther, der sich durch den Wust der Kirchenlehren und Dogmen hindurch gerungen hatte. Eines Tages wandte sich eines seiner Beichtkinder an ihn, der Sohn eines reichen Bauern. Doch sein Vater hatte sein ganzes Besitztum der Kirche vermacht, weil er große Sorge um sein Seelenheil trug. Nun kam der Ablasskrämer[20] und verkündigte ihm: Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegfeuer in den Himmel springt. Dort hat er sich nun auch für alles Geld, was er nur zusammenbringen konnte, einen Ablass für seinen verstorbenen Vater gekauft. Nach diesem Zettel ist doch nun die Seele seines Vaters im Himmel, und die Kirche muss gerechterweise das väterliche Bauerngut wieder herausgeben. Luther erkannte die Not seines deutschen Bruders, und in der Liebe zu ihm stand er auf, gegen den Ablasshandel zu streiten. Er ging auf den Reichstag zu Worms im Vertrauen zu Gott, der den segnet, der es redlich meint mit seinen Brüdern.' Der Vortragende versicherte uns, dass die Deutschen Christen das Evangelium nicht verkürzen wollten, doch die Kirche, die wir hätten, sei nicht die Kirche der Deutschen Christen. Sie hätten Ehrfurcht vor dem Alten, doch seien sie auch aufgeschlossen für das Neue. Und wie dies Aufgeschlossen-sein für das Neue zu verstehen sei, machte der Vortragende an folgendem Beispiel deutlich: Wenn er an einem sonnigen Sommersonntag mit einem Hitlerjungen[21] durch die Felder gehe, alles so still und andachtsvoll, und er spräche nun zu dem Jungen von der gefallenen Schöpfung, so antwortete dieser: Damit weiß ich nichts anzufangen. Und er wisse auch wirklich nichts damit anzufangen, man müsse ihm darin recht geben. Und wenn er einen solchen Hitlerjungen singen lasse „Tochter Zion, freue dich“, so würde ihm mit Recht die Antwort: Zion ist etwas Jüdisches, was geht das mich an?
Der Vortragende erläuterte das Gleichnis von den beiden ungleichen Söhnen so: Wie der Sohn, der zuerst Nein sagte zum Vater und dann doch seinen Willen tat, so waren auch die SA-Männer. Die sagten Nein zur Kirche und zu Gott und gingen doch hin in Gottes Weinberg, der Deutschland heißt. Und viele, die Ja sagten zu Kirche und Gott, gingen nicht in den Weinberg Deutschland. Viele sagen heute: Politik und Religion sei zweierlei. Das ist falsch. Politik und Religion sind heute nicht mehr zu trennen, denn im Nationalsozialismus haben wir die Erfüllung von Gottes Willen.
Wer kann den Schaden ermessen, der durch solche Ausführungen angerichtet worden ist? Welch eine Erschwerung meiner Arbeit brachte mir dieser Vortrag des Landesjugendpfarrers. Er züchtete bei seinen Zuhörern das Gefühl der Selbstgerechtigkeit, das sie für die Botschaft des Evangeliums weiter verstockt. Wie kann man sich dagegen wehren? Der Vortragende berichtete von Verhandlungen, die in Weimar mit dem Ministerium für kirchliche Angelegenheiten geführt worden seien. Dabei sei von den Herren aus Berlin ausdrücklich anerkannt worden, dass die Kirchenregierung der Deutschen Christen in Eisenach heute noch die einzige gesetzmäßige Kirchenleitung in Deutschland sei. Sollte das wirklich wahr sein?
Nehmen Sie bitte meinen Notschrei freundlich auf! Ich will niemanden anklagen und schlecht machen, muss mich aber doch wehren, wenn mir meine Arbeit in meinen Gemeinden zerstört werden soll."
Kurz darauf erhielt ich folgendes Antwortschreiben:
"Sehr verehrter Herr Amtsbruder! Auf den Inhalt Ihres Schreibens vom 2. Mai will ich heute nicht näher eingehen. Ich habe dieses Schreiben dem Sachbearbeiter des Reichskirchenausschusses übergeben, werde mich aber selbst auch einsetzen. Die Verhandlungen sind verschoben. Der Reichskirchenausschuss ist aber zur Zeit stark beschäftigt mit der Frage, was in Thüringen geschehen soll und geschehen kann. Leider ist die Verfassung der Thüringer Kirche in punkto Bekenntnis recht unklar (milde ausgedrückt). Das erschwert m.E. Das Vorgehen des Reichskirchenausschusses, da er nach der Verfassung der Deutschen Evangelischen Kirche in die Bekenntnisfragen der einzelnen Landeskirchen einzugreifen kein Recht hat."
Am 28.7.1936 wandte ich mich an den Reichskirchenausschuss und bat ihn dringend um Schutz gegenüber den dauernden Anfeindungen unseres NS-Ortsgruppenleiters, der nun auch Gemeindeleiter der Deutschen Christen sei. Ich schrieb:
"Bereits am 24.2.1936 habe ich dem Vorsitzenden des Reichskirchenausschusses in einem ausführlichen Bericht geschildert, wie Herr Lehrer Lindner seit Mai 1934 die Arbeit unserer Ev.Frauenhilfen bekämpft und dabei auch mich durch dauernde unbegründete Anschuldigungen bei den Parteistellen verdächtigt hat.
Ende Februar war ich durch eine junge Frau, die Tochter der Leiterin der NS-Frauenschaft aufs schwerste beleidigt worden. Im Blick auf meine Arbeit in der Frauenhilfe hatte sie erklärt: 'Ich müsse mich doch wohlfühlen in meinem Harem.' Dadurch dass Herr Lindner als NS-Ortsgruppenleiter sich in die Verhandlungen meines Rechtsanwalts in Apolda einschaltete, der die Unterstützung der Kirchenleitung in Eisenach besaß, hat er es verhindert, dass mir Genugtuung ward und der Fall bereinigt wurde.
In einem anderen Fall, als ein Kirchenvertreter, Mitglied der Deutschen Christen, auf Grund einer falschen Darstellung eine Beleidigungsklage gegen mich anstrengen wollte, hat dieser Kirchenvertreter auch die Unterstützung von Herrn Lehrer Lindner erhalten, so dass es soweit kam, dass sogar die Partei als Nebenklägerin auftreten wollte. Durch Richtigstellung der Tatsachen brach dann die Anklage zusammen.
Als ich mich zur Fortführung unserer kirchlichen Frauenarbeit in unserem Filial Oberndorf zur Gründung einer Frauenhilfe entschloss, lief er auch gegen dieses Stück kirchlicher Arbeit Sturm und setzte bei dem Landrat und NS-Kreisleiter in Weimar – einem Duzfreund von ihm – ein Verbot für die Gründung einer Frauenhilfe in Oberndorf durch. Zu Pfingsten dieses Jahres entschloss ich mich, der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft in Thüringen [22] beizutreten, um der ungehinderten Propaganda der DC in meinen Gemeinden entgegen zu wirken. Ich warb zugleich in meinem Hause und bei einigen kirchlichen Familien um Beitritt. Daraufhin erstattete Herr Lehrer Lindner sofort Anzeige beim Thüringischen Kreisamt in Weimar wegen angeblich verbotener Unterschriftensammlung. Nachdem während meines Urlaubs zwei meiner Gemeindeglieder und Herr Pfarrer Liebe[23] in Mattstedt, an den die Beitrittserklärungen gesandt worden waren, durch den zuständigen Gendarmeriebeamten zu der Sache vernommen worden waren, wurde auch ich am 24. Juli einem Verhör unterzogen.
Am vergangenen Sonntag, dem 26.7.1936, erschien um einhalb acht Uhr, eine halbe Stunde vor Beginn des ersten Gottesdienstes, wiederum der Gendarmeriebeamte, um mir im Auftrag des Kreisamtes jegliche Kanzelabkündigung zu verbieten. Eine nähere Erklärung für dies Verbot gab er mir nicht, warnte mich nur vor den 'schlimmen Folgen', die eine Kanzelabkündigung nach sich zöge und verließ mich sehr schnell. Durch das Abwehren dieser dauernden Anfeindungen wird viel Unruhe in meine Gemeinden getragen und verliere ich viel Nervenkraft, die ich für die kirchliche Arbeit in drei einst völlig entkirchlichten Gemeinden so notwendig brauche. In den gegenwärtigen kirchlichen Auseinandersetzungen in Thüringen steigt von Tag zu Tag diese Belastung durch den Ortsgruppenleiter, der zugleich Gemeindeleiter der DC und guter Freund des Herrn Landrats und Kreisleiters ist. Ich bitte darum den Reichskirchenausschuss dringend, sich bei den zuständigen Stellen dafür einzusetzen, dass solche Sabotage kirchlicher Aufbauarbeit in Zukunft unterbleibt."
Ergänzend schrieb ich am 11.8.1936 an den BK-Bruderrat[24] in Gotha:
"... Der Gendarmeriebeamte überwachte wieder alle drei Gottesdienste und machte sich Notizen während des Gottesdienstes. Sein Erscheinen hat in den Reihen der Kirchenbesucher wieder große Beunruhigung hervorgerufen. Ein Kirchenvorsteher erzählte mir, dass er vor Aufregung die folgende Nacht nicht hätte schlafen können. Man getraue sich gar nicht mehr zur Kirche zu kommen. Ich sagte ihm, dass er nun erst recht kommen müsse. Doch wieviele andere werden durch die wiederholte Polizeiaufsicht im Gottesdienst vom Kirchenbesuch zurückgehalten werden! Zur Frage der verbotenen Kirchenvertretersitzung ist zu sagen, dass ich nicht vorgehabt habe, die DC-Mitglieder aus der Sitzung auszuweisen. Ich wüsste auch nicht, wie ich auf einen solchen Gedanken hätte kommen sollen. Es waren alle Mitglieder ordnungsgemäß eingeladen worden und hatten damit auch das Recht, an der Sitzung teilzunehmen. Da die Sitzung nur für den einen Abend verboten wurde, werde ich eine neue Sitzung auf Donnerstag abend einberufen."
Der Bruderrat sandte mein Schreiben an den Reichskirchenausschuss in Berlin und erhielt von dort unter dem 25.8.1936 folgendes von Mahrenholz[25] gezeichnetes Antwortschreiben:
"Auf Ihre Eingabe vom 12. August betreffend polizeiliches Verbot von amtlichen Kirchenvertretungssitzungen erwidern wir ergebenst, dass wir schon am 10. August folgendes Schreiben an den Herrn Reichs- und Preußischen Minister für die kirchlichen Angelegenheiten gerichtet haben: 'In der Anlage überreichen wir eine Eingabe des Pfarramts Sulzbach in Thüringen, gezeichnet Pfarrer Koch, aus der hervorgeht, dass am 29. Juli 1936 vom Thüringer Kreisamt in Weimar eine ordnungsgemäß einberufene Sitzung der amtlichen Kirchenvertretung verboten worden ist. Es ist unseres Wissens das erste Mal, dass von einer staatlichen Stelle die Sitzung einer amtlichen kirchlichen Körperschaft verboten wurde. Wir bitten Sie, Herr Reichsminister, ergebenst wegen der grundsätzlichen Bedeutung der Sache bei denn zuständigen Stellen in Thüringen dahin wirken zu wollen, dass Sitzungen von Kirchenvertretungen künftig unbehelligt stattfinden dürfen.' Wir sind auch bei den augenblicklichen Verhandlungen mit dem Ministerium betreffend Thüringen bestrebt, eine sofortige Befreiung der amtlichen Versammlungen kirchlicher Körperschaften von polizeilicher Beaufsichtigung zu erreichen."
Am 11. August 1936 richtete ich folgendes Schreiben an den Landrat Hofmann in Weimar:
"Heute wende ich mich einmal an Sie persönlich und bitte Sie um Ihren Schutz für eine deutsche Mutter. Der Nationalsozialismus hat den kinderreichen Müttern besondere Pflege zugesagt. Meine Frau erwartet nun ihr fünftes Kind. In diesen Tagen heiligen Werdens soll eine Mutter möglichst vor großen Aufregungen verschont bleiben. Nun sind aber – wie Ihnen bekannt ist – gerade in diesen Tagen große Erregungen durch die häufigen Besuche des Gendarmeriebeamten über unser Pfarrhaus und über unsere Gemeinde gekommen. In allen bisherigen Fällen hat es sich um falsche Angaben gehandelt, auf die hin das polizeiliche Eingreifen erfolgte.
Ich habe keine verbotene Unterschriftensammlung durchgeführt oder angeregt, als ich Mitglieder für die Lutherische Bekenntnisgemeinschaft warb. Ich bin dazu erst gekommen, nachdem der hiesige Gemeindeleiter der DC, Herr Lehrer Lindner, in groß aufgezogener Versammlung Mitglieder für die Deutschen Christen geworben hatte. Da ich glaubens- und gewissensgemäß die Anschauungen der Thüringer DC ablehnen muss, musste ich auch etwas unternehmen, um dem weiteren ungehinderten Ausbreiten der DC in meinen Gemeinden einen Riegel vorzuschieben. Ich habe deshalb getan, was Herr Lehrer Lindner schon vor mir getan hatte, nur in sehr viel kleinerem und unauffälligerem Rahmen als er.
Ich habe niemals erklärt, dass eine Kanzelabkündigung verlesen werden solle mit der Aufforderung an die Gemeinden, aus der Thüringer evangelischen Kirche auszutreten. Solch ein Unsinn ist niemals in meinen Kopf, geschweige denn in meinen Mund gekommen. Ich wollte lediglich das Wort des Reichskirchenausschusses 'An die Gemeinde' verlesen, das im Gesetzblatt der Deutschen Evangelischen Kirche erschienen ist, was ich auch auftragsgemäß am vorigen Sonntag hier und in Oberndorf getan habe. Wie mir durch den Bruderrat der Bekenntnisgemeinschaft mitgeteilt worden war, hatte die Geheime Staatspolizei[26] auf eine entsprechende Anfrage hin ausdrücklich diese Verlesung gebilligt.
Ich habe niemals vorgehabt, in der Kirchenvertretersitzung, die mir verboten wurde, die DC-Mitglieder aus der Sitzung auszuschließen. Ich habe so etwas nicht gedacht und nicht geäußert. Die DC-Mitglieder waren wie alle anderen auch mit zur Sitzung geladen und hatten darum auch das Recht, an der Sitzung bis zu ihrem Ende teilzunehmen. Auch hier handelt es sich um eine falsche Berichterstattung.
Nun bitte ich den Herrn Landrat – nicht um meinetwillen, sondern um meiner Frau, meiner Familie und meiner Gemeinde willen - , um künftig doch solche starke Aufregungen zu vermeiden, vor jedem weiteren polizeilichen Einschreiten zu erforschen, ob und wieweit die Meldungen aus den hiesigen Gemeinden, aus denen bisher soviel Falsches berichtet wurde, auf Wahrheit beruhen. Ich stehe Ihnen jederzeit zur gewissenhaftesten Auskunft und Erwiderung zur Verfügung. Die Bürde meiner Frau, die vier Kinder, ein großes Hauswesen und einen großen Garten zu versorgen hat und mir bei der Betreuung meiner drei Gemeinden treulich zur Seite steht, ist schon groß genug. Darf ich Sie nicht im Namen des Nationalsozialismus bitten, das Ihre zu dazu zu tun, dass ihre Bürde nicht noch schwerer gestaltet wird?"
Der Kirchenkampf in Thüringen, dritter TeilBearbeiten
Am 2. September 1936 richtete ich folgenden Protest an das Reichsministerium für die kirchlichen Angelegenheiten:
"Das Schreiben des Herrn Ministers an den Bruderrat in Gotha vom 21.8.1936 (der sogenannte 'Schnellbrief', der eine lange Diskussion über die Befugnisse des Bruderrats auslöste) ist durch die Bürgermeister unserer Gemeinden auf Betreiben des Landeskirchenrats in Eisenach öffentlich bekannt gegeben worden, und zwar in einer Weise, die die größte Verwirrung gebracht hat. Wir Bekenntnispfarrer sind öffentlich als Lügner und Rechtsbrecher gebrandmarkt worden. Das Vertrauen, die erste Voraussetzung für unsere kirchliche Arbeit, wird in unerhörter Weise zerstört. Dass man dabei mit einer Fülle falscher Aussagen arbeitet, sei nebenbei erwähnt: Wir Bekenntnispfarrer seien aus der Kirche ausgetreten. Es handele sich nur um sieben Bekenntnispfarrer in Thüringen. Der Bruderrat sei aufgelöst, usw.usw. Uns ist keine Möglichkeit gegeben, uns in derselben breiten Öffentlichkeit zu rechtfertigen. So wird das 'kirchliche Anliegen der Bekenntnisgemeinschaft', das der Herr Minister in seinem Schreiben zu 'gewährleisten' verspricht, restlos niedergeknüppelt und totgeschlagen. Dagegen müssen wir schärfsten Einspruch erheben."
Nun ging es auch an unsere „Heimatglocken“. Am 24.9.1936 schrieb ich an den Bruderrat:
"Am heutigen Tage wurde ich durch die Geheime Staatspolizei – im Auftrag des Kommandeurs der Länder in Berlin, wie mir der Gendarmeriebeamte mitteilte – wegen der Veröffentlichung in der Nummer 30 unserer Heimatglocken vom 26.7.1936, die dem Bruderrat bereits vorliegt, 'nachdrücklich verwarnt'. Ich musste durch Unterschrift bestätigen, dass ich diese Verwarnung zur Kenntnis genommen habe. Die Verwarnung wurde ausgesprochen, weil ich durch die gerügte Veröffentlichung 'neue Beunruhigung in die evangelische Bevölkerung getragen' hätte. Kann ich gegen diese Verwarnung Einspruch erheben, oder habe ich sie lediglich zur Kenntnis zu nehmen? Für baldige Antwort wäre ich sehr dankbar."
Pfarrer Bauer, der Leiter des Bruderrats, antwortete mir umgehend:
"Lieber Bruder Koch, derartige Verwarnungen, wie sie Ihnen gegenüber ausgesprochen worden sind, sind keine Seltenheiten. Man kann sie nur zur Kenntnis nehmen. Einspruch dagegen ist nicht möglich."
Worum es sich in dieser Nummer der „Heimatglocken“ handelte, weiß ich heute nicht mehr. Nun war man an höchster Stelle auf unsere „Heimatglocken“ aufmerksam geworden und verlor sie nicht mehr aus den Augen. In einem Brief vom 26.9.1936 teilte mir Pastor Ronike vom Blätterverlag in Bethel mit:
"Die Presse- und Nachrichtenstelle der Thüringer ev.Kirche bittet mich, ihr ein Exemplar der 'Heimatglocken' vom 6. September zukommen zu lassen, weil sie nicht - ohne das Stück gesehen zu haben – entscheiden könne, ob man sich mit dieser Richtigstellung begnügen dürfe. Bitte schicken Sie mir doch ein solches Exemplar noch schnell zu, damit ich es von hier aus dann dorthin gebe."
Um was für eine Richtigstellung es sich dabei handelte, kann ich heute nicht mehr feststellen. Am 6.11.1936 schrieb mir Pastor Ronike:
"Heute bekomme ich vom Präsidenten der Reichspressekammer[27] eine Verwarnung, dass ein Stück der 'Heimatglocken' Sulzbach ohne das vorgeschriebene Impressum[28] erschienen ist. Seit der Nr.43 ist das Impressum ja nun in Ordnung. Ich möchte doch Ihnen diese Sache mitteilen, damit Sie sehen, in welche Schwierigkeiten wir geraten, wenn unsere Freunde unsere Bitten nicht erfüllen."
Ich durfte dann doch noch fast ein Jahr lang die „Heimatglocken“ weiter schreiben, bis ich unter dem 25. Oktober 1937 folgenden Bescheid aus Utenbach vom Oberpfarramt Apolda-Land erhielt:
"Es ist gegen Sie Beschwerde geführt worden, dass Sie trotz Ihrer Beurlaubung die 'Heimatglocken' für das Kirchspiel Sulzbach herausgeben. Falls dies noch zutrifft, üben Sie mit dieser Herausgabe eine pfarramtliche Funktion aus, die dem Charakter der Beurlaubung widerspricht. Sie wollen dieselbe daher sofort einstellen."
Wie ich zur Kenntnis des folgenden Schreibens gekommen bin, weiß ich heute nicht mehr, aber ich freue mich noch heute darüber, dass es auf irgendeine Weise so zu mir gelangt ist, dass ich eine Abschrift davon fertigen konnte. Am 24.10.1936 schrieb der Herr Landrat Hofmann in Weimar an den Herrn Reichsstatthalter in Thüringen:
"Monatelang bis auf den heutigen Tag habe ich Bericht auf Bericht über die Tätigkeit des Pfarrers Koch, dem Gründer und Betreuer der evangelischen Frauenhilfen in Herressen und Sulzbach, dem Geheimen Polizeiamt zustellen müssen. Seine Pfarrgemeinden bieten das Bild trostloser Zerrissenheit so, wie wir es in den Jahren der unseligen Systemzeit[29] erleben mussten. Statt dass es sich der Herr Seelsorger hätte angelegen sein lassen, die im NS gewonnene Gemeinschaft zu fördern und zu pflegen, hat er den größten Unfrieden herauf beschworen. Ich bitte, zum Beweis meiner Ausführungen das angehäufte Material bei der Geheimen Staatspolizei, beim Thür.Kreisamt und der Kreisleitung in Weimar anzufordern. Der Pfarrer benutzt die Frauen der Ev.Frauenhilfen dazu, um über sie die Ziele der Bekenntnisfront in den Dörfern durchzusetzen, die besonders in den Pfarrgemeinden des Pfarrers Koch nicht die Autorität des Staates, sondern allein die ihrer Kirchengruppe anerkennt. Übrigens haben die Frauen in Oberndorf absolut kein Bedürfnis für eine Ev.Frauenhilfe, sie sollen ausschließlich für die Ziele des Pfarrers eingespannt werden. Solange ich mich für die n.s. Gemeinschaft, für Ruhe und Ordnung mit meiner Kraft einzusetzen habe, werde ich es verhindern, dass reaktionäre und oppositionelle Gruppen gebildet werden. Ich werde deshalb das Verbot zur Gründung einer Ev.Frauenhilfe in Oberndorf solange nicht aufheben, als ich nicht davon überzeugt bin, dass sie kein Unglück mehr für die Gemeinde bedeutet, und als ich nicht andere Weisungen meiner vorgesetzten Dienststelle erhalte."
Wir hatten uns nach Rücksprache mit dem Landesverband der Frauenhilfe in Eisenach dazu entschlossen, auch in Oberndorf eine Frauenhilfe zu gründen, um den kirchlich gesinnten Frauen einen Rückhalt zu geben in den Auseinandersetzungen mit den DC, zu denen nun auch in Oberndorf der sehr einflussreiche Lehrer Schellenberg gestoßen war.
Fräulein Eitner[30] vom Landesverband in Eisenach schrieb noch am 24.10.1936 an den Landrat in Weimar:
"Wie uns seinerzeit Herr Pfarrer Koch in Sulzbach mitteilte, hatten Sie Bedenken gegen die Gründung einer Evangelisch-kirchlichen Frauenhilfe in der Filiale Oberndorf. Wir haben uns daraufhin mit dem Reichskirchenministerium in Berlin, und zwar mit dem Referenten für kirchliche Frauenarbeit, Herrn Ministerialrat Barner, in Verbindung gesetzt und von diesem bestätigt bekommen, dass Neugründungen von Evangelischen Frauenhilfen, die heute keine eigentlichen 'Vereine' mehr sind, sondern die Zusammenfassung der Frauen, die zur treuen Mitarbeit in einer Kirchengemeinde bereit sind, jederzeit erlaubt wären. Wir nehmen an, dass Ihnen die gleiche Mitteilung vom Reichskirchenministerium bereits zugegangen ist. Infolgedessen ist in Oberndorf eine Frauenhilfe gegründet worden, damit nun der Ortspfarrer die Möglichkeit hat, in der Gemeinde wirklich kirchliches Leben zu fördern. Wir erlauben uns, Ihnen zur gefl. Kenntnis eine Abschrift der Verfügung des Reichskirchenministeriums vom 4.7.1936, die Ev.Frauenhilfe betreffend, beizulegen."
Der Kirchenkampf in Thüringen, vierter TeilBearbeiten
Die Frauenhilfe in Oberndorf war nun gegründet, doch welche Schikanen wurden ihr nun bereitet: Am 26.10.1936 erhielt ich von dem Gastwirt Hinkelmann folgendes Schreiben:
"Wie mir am Sonntag meine Frau mitteilte, wollen Sie am 5. und 19. November bei mir Frauenabende abhalten. Es tut mir leid, dass ich meine Zustimmung dazu nicht geben kann, weil ich dadurch mit der Partei und Gemeindevertretung in die größten Schwierigkeiten käme. Meines Geschäftes wegen möchte ich auch in keinen Streit kommen und bitte Sie, mir deswegen meinen Entschluss nicht übel auszulegen."
Ich sandte diesen Brief mit folgendem Begleitschreiben an den Landesverband der Frauenhilfe in Eisenach:
"Als ein besonders laut sprechendes Zeitdokument bitte ich diesen Brief in das Archiv des Landesverbandes aufzunehmen. Der Brief stammt von einem Oberndorfer Gastwirt, dessen Frau uns nach Rücksprache mit ihrem Vater, dem Besitzer des Gasthofes, zugesagt hatte, unsere Frauenhilfsabende bei sich aufzunehmen. Der andere Gasthof ist der Gemeindegasthof. Hier hat der Bürgermeister dem Wirt verboten, uns seine Räume zur Verfügung zu stellen. Der Bürgermeister ist Kirchenvorsteher! Was man dem Kaninchenzüchterverein, jedem Skat- und Kegelklub ohne weiteres gewährt, wird der kirchlichen Frauenarbeit versagt!! Wir kommen nun in den Häusern der Mitglieder zusammen."
Am 30.10.1936 erhielt ich von dem Herrn Ortsgruppenleiter Werner Lindner folgenden höflichen Brief:
"Die für nächsten Donnerstag in Oberndorf geplante Zusammenkunft der evangelischen Frauenhilfe bitte ich aufzuheben, da an diesem Abend in Sulzbach eine öffentliche Versammlung der NSDAP im Zuge der Propagandawelle[31] stattfindet. Ich erwarte, dass die Frauenhilfen aufgefordert werden zu erscheinen, damit sie aus berufenem Munde über den Nationalsozialismus aufgeklärt werden."
Doch es sollte noch schlimmer kommen. Da der Bürgermeister dem Wirt des Gemeindegasthofes die Zusammenkünfte im Gemeindegasthof verboten hatte, kamen die meist recht wohlhabenden Bauern nicht mehr in den Gemeindegasthof, sondern fuhren lieber mit ihren Autos nach Apolda oder Weimar. Daraufhin klagte der Wirt beim Bürgermeister, dass ihm die besten Gäste fort liefen und er die Pacht nicht mehr zahlen könnte. Daraufhin durfte die Frauenhilfe wieder in den Gemeindegasthof. Wir kamen zu unserer Weihnachtsfeier auf Bitten des Wirtes in einem separaten Raum im oberen Stockwerk zusammen. Mitten in der Feier erschien ein Feuerwehrmann und forderte uns auf, das Fenster zu öffnen, da sie hier eine Feuerwehrübung abhalten müssten. Alle lauten Proteste halfen nichts. Der Feuerwehrmann öffnete selbst das Fenster. Von unten wurde eine Leiter ins Fenster gelegt, auf der bald ein zweiter Feuerwehrmann erschien. Es entstand ein peinliches Schweigen. Einige Frauen machten ihre Witze. Dann erklärte ich: „Wir machen weiter.“ Und wir führten, ohne uns um die Feuerwehrleute weiter zu kümmern, unsere Feier zu Ende. Schließlich waren ja auch sie getaufte Christen. Doch am nächsten Tag pflanzte sich der Sturm der Entrüstung noch fort und wurde noch weiter entfacht, als in der Thüringer Gauzeitung vom 24.12.1936 ein Artikel über diese Feuerwehrübung – von Herrn Lehrer Schellenberg verfasst – erschien:
"An einem Abend wurde hier kürzlich ein Gas- und Feueralarm durchgeführt. Die Übung klappte ausgezeichnet. Annahme war. Im Gemeindegasthof ist durch eine Fliegerbombe das Treppenhaus zerstört worden und in Brand geraten. Mit den Feuerleitern wurde nun in den oberen Saal eingestiegen, um zu retten, was noch zu retten war. Im Hinterzimmer zeigte es sich auf einmal, dass im Ernstfall die Feuerwehr dringend benötigt worden wäre, denn da überraschte man eine unerwartete Versammlung."
Dieser durch und durch verlogene Bericht hing rot angestrichen im Bekanntmachungskasten der Gemeinde aus. Die Aufregung bei allen Kirchlichen war groß, darum erhielt ich vom „Bürgermeister zu Oberndorf“ folgendes Verbot, datiert vom 5.1.1937:
"Nachdem zwei Drittel der kirchensteuerpflichtigen Gemeindeglieder Ihr Verhalten als Seelsorger in unserem Orte nicht billigen, verbiete ich Ihnen im Interesse der öffentlichen Ruhe und Sicherheit in meinem Ort vom heutigen Tage ab das Betreten des Gemeindegasthofes."
So erfuhren wir es immer wieder: Erst sorgt man für Erregung in den Gemeinden, dann macht man die völlig Unschuldigen dafür verantwortlich und verbietet ihre Zusammenkünfte. Nach dieser Methode wurde jahrelang ein zermürbender Kampf gegen uns geführt, und so wurde schließlich auch nach meiner Ausweisung aus Thüringen die Frauenhilfe in allen drei Gemeinden verboten.
Gegen das „im höchsten Grade beleidigende Schreiben des Bürgermeisters von Oberndorf“ erhob ich beim Kreisamt in Weimar schärfsten Einspruch:
"Ich bin kein Säufer und kein Raufbold, der durch das Betreten des Gemeindegasthofes die öffentliche Ruhe und Sicherheit gefährdet."
Am nächsten Sonntag, dem 10. Januar 1937, verlas ich im Gottesdienst in Oberndorf eine Kanzelabkündigung:
"Am vorigen Sonntag hat der Bürgermeister von Oberndorf durch den Gemeindediener eine Unterschriftensammlung gegen mich und die Ev.Frauenhilfe in Oberndorf durchführen lassen. Soweit mir bekannt geworden ist, war in dem zu unterzeichnenden Schriftstück gesagt: Durch mich sei mit der Gründung der Frauenhilfe der Unfriede in die Gemeinden gebracht worden. Die Beunruhigung unter der Bevölkerung sei noch dadurch gesteigert worden, dass wir unsere Weihnachtsfeier im Gemeindegasthof gehalten hätten. Die Gemeindeglieder sollten dafür stimmen, dass die Frauenhilfe nicht mehr im Gemeindegasthof zusammenkommen dürfe. Weit über die Hälfte der Gemeindeglieder haben sich unterschrieben, darunter Frauen, die sich im Frühjahr als Mitglieder einer neu zu gründenden Frauenhilfe unterschrieben hatten, darunter Frauen, die an unserer Weihnachtsfeier teilgenommen haben und damit auch die so genannte Beunruhigung mit verschuldet haben müssen. Alle die, die dieses Schriftstück unterzeichnet haben, haben damit bewusst oder unbewusst eine Lüge unterschrieben. Damit, dass ich in Oberndorf eine Frauenhilfe gegründet habe, mit den Frauen zusammen komme, um geistliche Lieder zu singen und die Bibel zu betrachten, störe ich den Frieden in der Gemeinde! Nicht ich störe den Frieden, der Friede ist aber dadurch gestört worden, dass man der Frauenhilfe den Zutritt zu den Gasthäusern sperrt, was man keiner anderen Vereinigung verwehrt. Und bei der Zusammenkunft der Frauenhilfe im Gemeindegasthof ist unsere Weihnachtsfeier gestört worden! Und damit, dass wir diese Störung ruhig über uns ergehen ließen, sollen wir die öffentliche Ruhe und Sicherheit gefährdet haben! Damit sind offensichtlich die Tatsachen auf den Kopf gestellt, die Wahrheit in Lüge verkehrt. In dem Bericht der Thür.Gauzeitung vom 24. Dezember über die Feuerwehrübung, durch die unsere Weihnachtsfeier gestört wurde, heißt es: '...Da überraschte man eine unerwartete Versammlung.' Auch dieser Satz enthält eine bewusste Lüge. Es war dem Bürgermeister von Oberndorf bekannt, dass wir an diesem Abend im Gemeindegasthof zusammen kommen.
So spricht der HERR: 'Leget die Lüge ab und redet die Wahrheit!'
So spricht der HERR: 'Die Rache ist mein, ICH will vergelten!'
So spricht der HERR: 'Es ist nichts verborgen, das nicht offenbar werde, und ist nichts heimlich, das man nicht wissen werde... Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und die Seele nicht können töten. Fürchtet euch vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben mag in die Hölle!'"
Die Antwort der Partei ließ nicht lange auf sich warten. Unter dem 12.1.1937 erhielt ich von dem Kreisamtsleiter des Amtes für Volkswohlfahrt den ersten Ausschlussbescheid:
"Hiermit schließe ich Sie mit sofortiger Wirkung als Mitglied aus der NSV aus, weil Sie den Zielen der NSDAP entgegen arbeiten (!!) und damit für die NSV untragbar geworden sind."
Eine Woche darauf schrieb mir der NS-Ortsgruppenleiter:
"Nachdem Sie durch Ihr bisheriges Verhalten uns den Beweis erbracht(!) haben, dass Sie nicht gewillt sind, sich in die nationalsozialistische Weltanschauung einzuordnen (!), habe ich Sie aus der Liste des Opferringes gestrichen."
Dieses Schreiben kam in den Augen treuer und gläubiger Parteigenossen einem Todesurteil gleich. Von der Partei hatte ich nichts Gutes mehr zu erwarten.
Doch blenden wir noch einmal etwas zurück. Trotz der Mitteilung von Herrn Mahrenholz vom 25.8.1936, dass der Reichskirchenausschuss „bei den augenblicklichen Verhandlungen mit dem Reichskirchenministerium bestrebt sei, eine sofortige Befreiung der amtlichen Versammlungen kirchlicher Körperschaften von polizeilicher Beaufsichtigung zu erreichen“, erhielt ich unter dem 29.10.1936 von der Kreisleitung in Weimar eine Drohung:
Es wird mir
"...mitgeteilt, dass Sie in letzter Zeit die beabsichtigten Kirchenvertreter- und Kirchenvorstandssitzungen nicht mehr beim Ortsgruppenleiter gemeldet haben. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass ich nach wie vor darauf bestehen muss, dass Sie die Veranstaltungen der Kirchengemeinde dem Ortsgruppenleiter melden. Bei Nichtbeachtung der Meldepflicht haben Sie unter Umständen mit dem Verbot der vorgesehenen Veranstaltungen zu rechnen, wenn eine Überschneidung mit gemeldeten Veranstaltungen vorliegt."
Nun regnete es „Überschneidungen“ mit Veranstaltungen der Partei. Der Bürgermeister von Sulzbach teilte mir „nach Rücksprache mit dem Ortsgruppenleiter“ mit,
"dass es nicht möglich ist, die für den 31.10. angesetzte Amtsleitersitzung zu verlegen. Sie müssen daher Ihren Gemeindeabend auf einen anderen Tag verlegen... Am 1. November wird es wohl ebenfalls schlecht passen, denn an diesem Tage ist bekanntlich unsere Nachkirmse. Gleichzeitig mache ich Sie darauf aufmerksam, dass mit Rücksicht auf den 9. November[32] lt. Anordnung des Kreisamtes Weimar Veranstaltungen am 8. und 9. November zu unterbleiben haben, außer den Veranstaltungen der NSDAP."
Am 3.12.1936 „ersuchte“ mich der Ortsgruppenleiter, die von mir...
"...angesetzten Veranstaltungen am 4., 9. und 20. Dezember auf einen anderen Tag zu verlegen, da an diesen Tagen seitens der NSDAP Veranstaltungen angesetzt sind, an denen sich alle (vom Ortsgruppenleiter zweimal unterstrichen) Volksgenossen beteiligen sollen."
Schon am 30.10.1936 hatte er mich „gebeten“:
"... die für kommenden Donnerstag in Oberndorf geplante Zusammenkunft der evangelischen Frauenhilfe aufzuheben, da an diesem Abend in Sulzbach eine öffentliche Veranstaltung der NSDAP im Zuge der Propagandawelle stattfindet. Ich erwarte, dass die Frauenhilfen aufgefordert werden zu erscheinen, damit sie aus berufenem Munde über den Nationalsozialismus aufgeklärt werden."
Am 11.November 1936 schrieb Bürgermeister Karpe:
"Nach einer Mitteilung des Ortsgruppenleiters kann am Donnerstag, dem 26.11., der Frauenabend in Sulzbach nicht stattfinden, da an diesem Abend bei Heuchels (Gasthof „Zum Hufeisen“) eine Veranstaltung der Deutschen Heimatschule[33] mit Lichtbildervortrag abgehalten wird. Die Frauenhilfe soll sich ebenfalls daran beteiligen."
Am 8.12.1936 schrieb ich an den Bruderrat in Gotha:
"Die Einschnürung und Einengung unserer kirchlichen Arbeit geht immer weiter. Nachdem am Reformationsfest die Abhaltung des herkömmlichen Gemeindeabends nicht genehmigt wurde und im November zwei kirchliche Veranstaltungen auf Ersuchen des NS-Ortsgruppenleiters abgesetzt werden sollten, ersuchte der Ortsgruppenleiter in einem Schreiben vom 3.12.1936 gleich drei kirchliche Veranstaltungen zu verlegen, von denen zwei nicht zu verlegen waren, da an diesem Abend auswärtige Redner sprechen sollten, die nur an diesem Abend da sein können. Bei der einen Veranstaltung handelt es sich um einen Abend unserer Evangelisationswoche[34], die im Pfarrhaus stattfand und darum nach unserer Kenntnis der gesetzlichen Bestimmungen nicht anmeldepflichtig war. Allerdings hat der Kreisleiter der NSDAP in Weimar in seinem Schreiben vom 26.10.1936 die Anmeldung aller kirchlichen Veranstaltungen mir zur Pflicht gemacht und mir im Unterlassungsfall mit dem Verbot der Veranstaltungen gedroht. Doch habe ich auf meine sofortige Anfrage, auf Grund welcher gesetzlichen Bestimmungen die Anmeldepflicht bestünde, bis heute noch keine Antwort erhalten. Die zweite Veranstaltung kreuzte sich mit keiner Versammlung in unseren Gemeinden, sondern in Apolda! Wie soll das weitergehen?"
Der Kirchenkampf in Thüringen, fünfter TeilBearbeiten
Der Bruderrat wandte sich an die Kirchenkanzlei der DEK in Berlin, und diese wandte sich mit einer Eingabe an das Reichskirchenministerium:
"In der Anlage übersenden wir in Abschrift eine Eingabe des Bruderrats in Thüringen vom 22.12.1936 betreffend kirchliche Verhältnisse in Sulzbach bei Apolda. Wir bitten, von dort aus die Angelegenheit zu untersuchen und insbesondere dem Kreis- bzw. Ortsgruppenleiter aufzugeben, unzulässige Eingriffe in das kirchliche Leben zu unterlassen. Eine Anmeldepflicht von kirchlichen Veranstaltungen besteht u.E. nicht. Um Mitteilung des von dort Veranlassten bitten wir ergebenst."
Es kam dann nur noch einmal am 23.4.1937 während der vom „Führer“ angeordneten Kirchenwahlen[35] in der gesamten DEK ein Schreiben vom Bürgermeister in Oberndorf:
"Am heutigen Tage sind hier im Ort von Haus zu Haus Einladungen zu einem evangelischen Abend, verbunden mit Aufklärung über die Kirchenwahlen in hiesiger Kirche für morgen, Sonnabend abend ausgeteilt worden. Da nun morgen Sonnabend abend eine Gemeindeversammlung stattfindet zwecks wichtiger Bekanntmachungen, werden Sie hierdurch gebeten, Ihren evangelischen Abend auf einen anderen Tag zu verlegen."
Solcher Bitte von solcher Stelle habe ich nicht mehr entsprochen.
Herr Lehrer Lindner erhielt im Dezember 1936 neben Kreisleiter und Partei noch einen starken Verbündeten in Dr. Franz[36] vom Landeskirchenrat in Eisenach. Ich zitiere ein Schreiben des Ev.Pfarramts Sulzbach an den Bruderrat der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft in Thüringen:
"In der Kirchenvertretersitzung am 7.12.1936 in Sulzbach kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung mit den Anhängern der DC. Es wurde ein Antrag der 'Bezirksgemeinde Apolda der Kirchenbewegung Deutsche Christen' um Überlassung der Kirche in Sulzbach zu einer deutsch-christlichen Gottesfeierstunde[37] vorgelegt. Zu diesem Antrag erklärte ich, dass nach der augenblicklichen kirchlichen Lage in Thüringen die Kirchenvertretung zu einer Beschlussfassung über diesen Antrag nicht zuständig sei, da es sich um die Wortverkündigung und um eine Frage der geistlichen Leitung handele, für die in unseren Gemeinden allein der Bruderrat der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft zuständig sei. Nach einer ernsten Aussprache über die schwebenden kirchlichen Fragen, die in ruhigem Ton geführt wurde, kam es bei der namentlichen Stellungnahme der einzelnen Mitglieder zu einem leidenschaftlichen Ausbruch der Anhänger der DC. Sie sprangen auf, schrien in den lautesten Tönen durcheinander, schlugen mit der Faust auf den Tisch, dass eine Tasse umflog, und verließen die Sitzung. Ein Mitglied der Kirchenvertretung ist vor kurzem verzogen, zwei Mitglieder fehlten entschuldigt, sechs verließen die Sitzung, zu vieren blieben wir zurück. Wir stellten dann das Protokoll fertig. Es ist zu erwarten, dass die Anhänger der DC nach dieser Sitzung alle Hebel in Bewegung setzen werden, mich zu Fall zu bringen."
Am 23.12.1936 schrieb mir Dr. Franz vom Landeskirchenrat:
"Herr Werner Lindner aus Herressen, der Leiter der Ortsgemeinde der Kirchenbewegung Deutsche Christen für das Kirchspiel Sulzbach, berichtet uns, dass in einer Sitzung der Kirchenvertretung Sulzbach vom 7. Dezember 1936 sich die Mehrheit dafür ausgesprochen habe, am Sonntag, dem 3. Januar 1937, abends zwischen sechs und neun Uhr die Kirche in Sulzbach zu einer Gottesfeier der Deutschen Christen zur Verfügung zu stellen, dass Sie sich aber dem Ansinnen gegenüber ablehnend verhielten. Wir machen Sie darauf aufmerksam, dass für die Entscheidung, ob die Kirche zu überlassen ist, nicht der Pfarrer, sondern der Kirchenvorstand zuständig ist und dass Sie deshalb kein Recht haben, die Kirche zu verweigern, wenn die Mehrheit des Kirchenvorstands oder der Kirchenvertretung sich für das Überlassen entschieden hat. Sie haben vielmehr dem Beschluss entsprechend dafür zu sorgen, dass die Kirche zu dem bestimmten Zeitpunkt in ordnungsmäßigem Zustand, also geheizt, beleuchtet usw. für die geplante Feier zur Verfügung steht. Wenn Sie es ablehnen sollten, einen Beschluss des Kirchenvorstands oder der Kirchenvertretung ordnungsmäßig auszuführen, so müssten wir das als ein Disziplinarvergehen betrachten, das entsprechend zu ahnden wäre."
Ich schickte dies Schreiben in Abschrift an den Bruderrat und schrieb dazu:
"Zu diesem Schreiben ist rein formal folgendes zu sagen: Nach §40 der Verfassung der Thür.ev.Kirche steht dem Pfarrer 'der Dienst an Wort und Sakrament[38] und damit die geistliche Führung der Gemeinde' zu. Daran kann ihn auch kein Kirchenvorstand oder Kirchenvertretung hindern oder einengen. Eine Ausnahme sieht das Minderheitenschutzgesetz vom 7.7.1921 in seinem §7 vor. Doch die Voraussetzung dieses Paragrafen waren in unserem Falle nicht gegeben. 1. Es lagen nicht die Unterschriften der 50 wahlberechtigten Mitglieder der Kirchengemeinde vor. 2. Ob die geplante 'Gottesfeier' evangelischen Charakter tragen würde, muss stark bezweifelt werden. Gegen die antragstellende Vereinigung wird von weiten Kreisen und von führenden Persönlichkeiten der Deutschen Evangelischen Kirche der Vorwurf erhoben, dass sie nicht mehr 'auf dem Boden der Kirche' stehen. 3. Die 'kirchliche Ordnung der Gemeinde' würde durch die geplante 'Gottesfeier' auf das empfindlichste gestört werden, da sie der Arbeit des Ortspfarrers stracks entgegen steht und für alle bibel- und bekenntnistreuen Gemeindeglieder eine Herausforderung bedeutet. Wir bitten um die Hilfe des Bruderrats."
Die Antwort vom 30.12.1936, die der Bruderrat gab, lautete:
"Nach eingehender Beratung sind wir wegen Ihres Schreibens vom 28.12. zu folgender Stellungnahme gekommen: Soweit aus Ihren Mitteilungen zu erkennen ist, haben Sie in der betreffenden Sitzung nicht den Antrag auf die Abhaltung einer 'Gottesfeier' von vornherein abgesetzt, sondern verhandeln lassen, obwohl zum mindesten die erforderlichen 50 Unterschriften hätten gefordert werden müssen, - <wenn ich davon gewusst hätte; ich bin doch von dem Begehren der DC überrumpelt worden!, W.K.> - bevor über einen entsprechenden Antrag zu verhandeln war. Nachdem nun aber der Kirchenvorstand den entsprechenden Beschluss mit Mehrheit gefasst hat, - <es kam in der Sitzung gar kein Beschluss zustande!, W.K.> - wird sich gegen die Durchführung des Beschlusses nicht mehr viel machen lassen. Wir erkennen selbstverständlich die von Ihnen angeführten Gründe gegen die Durchführung des Beschlusses an; praktisch wird Ihnen aber kaum anderes übrig bleiben als ihm zu entsprechen. Denn wir die Dinge heute liegen, wird man Ihnen nach Verweigerung seiner Durchführung die allergrößten Schwierigkeiten machen, die die Gemeinde noch mehr aufs Spiel setzen, als wenn Sie jetzt einfach der Gewalt weichen - das ist es ja. Selbst wenn das erste Mal aus Neugierde einige Leute hin laufen werden, ist es bisher doch sehr oft so gewesen, dass gerade eine solche Veranstaltung die Menschen endgültig abrücken ließ von einer solchen hohlen Sache. Und wir dürfen der lauteren und reinen Verkündigung des Evangeliums doch auch heute zutrauen, dass sie die willigen Hörer tiefer ergreift und packt als der seichte Aufkläricht[39] der DC. Bitte denken Sie bei dieser für Sie gewiss schmerzlichen Stellungnahme auch daran, dass bestenfalls zunächst einmal eine Lösung für Thüringen kommen würde, die den DC ebenso die Lebens- und Entfaltungsmöglichkeiten gäbe wie der lutherischen Kirche, praktisch auch im Großen beide Lehren, die kirchliche wie die unkirchliche in der Thür.ev.Kirche vertreten wären. Es müsste dann – darauf vertrauen wir – sich die kirchliche Lehre als die lebendigere und zukunftsträchtigere erweisen. Was da im Großen von uns zwar nicht erstrebt und erwünscht wird, aber doch im besten Fall zu erreichen sein wird, das müsste im Kleinen sich auch als irgendwie tragbar erweisen. Es liegt uns so viel daran, dass Sie, lieber Bruder Koch, der Gemeinde für die Zeiten erhalten bleiben, in denen es ganz gewiss sehr darauf ankommen wird, dass rechte Pfarrer da sind. Dass der Bruderrat mit dem LKR verhandelt, kommt nicht in Frage. Wir halten also dafür, dass Sie, der Gewalt weichend, den DC die Kirche überlassen. Der Gemeinde werden Sie ja bei nächster Gelegenheit die nötigen Eröffnungen machen. Über den Fortgang der Angelegenheit werden Sie uns berichten. Wir denken an Sie und Ihre Gemeinde mit den herzlichsten Wünschen. In der Gemeinschaft des Glaubens und der Fürbitte[40] grüßen wir Sie alle zum neuen Jahr aufs herzlichste."
Was die meisten Besucher zur „Gottesfeier“ bewegt hat, geht aus der Einladung des Kreisgemeindeleiters der DC hervor:
"Am Sonntag, dem 3. Januar 1937, findet nachmittags sieben Uhr in Sulzbach, Gasthof Sulzbach, eine Tagung der Bezirksgemeinde Apolda der Kirchenbewegung Deutsche Christen statt. Hauptvortrag: Der Kampf gegen die Verjudung[41] der Kirche. Ich erwarte zahlreichste Beteiligung. Es gilt dabei zugleich, die Sulzbacher Kameraden, die im schärfsten Kampfe stehen <!>, zu unterstützen. Für Gemeindeleiter und Vertrauensmänner ist die Teilnahme Pflicht."
Diese handgeschriebene Einladung, die ich euch gerne im Faksimile[42] vorgeführt hätte, spricht eine deutliche Sprache. Sie befindet sich auch in meiner Urkundenmappe.
Bürgermeister Karpe, Sulzbach, schrieb mir am 31.12.1936:
"Auf Grund des Beschlusses der Kirchenvertretung und laut Anordnung des Landeskirchenrates vom 23.12.1936 hält die Kirchenbewegung 'Deutsche Christen (Nationalkirchliche Bewegung)' am Sonntag, dem 3. Januar 1937, abends acht Uhr in der Kirche zu Sulzbach eine Gottesfeier ab. Sie wollen bitte hierzu für Beleuchtung, Heizung und Glockenläuten Sorge tragen und das dazu Erforderliche veranlassen."
Ich antwortete ihm:
"Wie Sie wissen, ist in der Sitzung der Kirchenvertretung am 7.12.1936 kein Beschluss über Ihre 'Gottesfeier' zustande gekommen. Auch liegt hier keine 'Anordnung' des Landeskirchenrats vor. Doch wird Sie niemand daran hindern, Ihre geplante 'Gottesfeier' morgen abend zu halten. Da wir aber – wie Ihnen bekannt ist – keinen Kirchendiener in unserer Kirchengemeinde haben, müssen Sie schon alles erforderliche selbst veranlassen."
Am 20. Januar 1937 sah ich mich genötigt, an den Landeskirchenrat in Eisenach zu schreiben:
"Die Deutschen Christen im Kirchspiel Sulzbach haben bei der Kirchenvertretung in Oberndorf den Antrag gestellt, dass ihnen für den 31.d.Mts. Die Kirche in Oberndorf zu einer 'Gottesfeier' überlassen wird, nachdem sie bereits am 3.d.Mts. Eine solche 'Gottesfeier' in der Kirche zu Sulzbach veranstaltet haben. Die Kirchenvertretung hat in ihrer gestrigen Sitzung diesem Antrag stattgegeben. Ich habe pflichtgemäß diesen Beschluss auf Grund von §26 Absatz 3 der Verfassung der Thür.ev.Kirche beanstandet, da ich ihn 'als dem Wohl der Gesamtkirche und der Kirchengemeinde schädlich' ansehen muss. Es geht den 'Deutschen Christen' unseres Kirchspiels bei der Veranstaltung dieser 'Gottesfeier' nicht um die Belebung kirchlichen Lebens, um das 'Wohl' der Kirche, sondern allein darum, die Arbeit des Pfarrers und damit auch die Kirche zu zerstören. Das geht klar und deutlich aus einer Äußerung des hiesigen Gemeindeleiters der 'Deutschen Christen', Herrn Lehrer Lindner in Herressen hervor, der im Oktober 1936 erklärte: 'Am besten eine Sprengpatrone unter die Kirche gelegt und die Kirche in die Luft gesprengt.' Ein Kirchenvorsteher und Parteimitglied steht mit seinem Eid für die Richtigkeit dieser Äußerung ein. Dass man augenblicklich noch einen Pfarrer zu diesen 'Gottesfeiern' braucht, sieht man nur als ein Übergangsstadium an. Dass man ihn bald hofft entbehren zu können, geht aus einer weiteren Äußerung des hiesigen Gemeindeleiters der 'Deutschen Christen' hervor. Am Sonnabend, dem 9., Montag, dem 11. und Dienstag, dem 12.d.Mts. Hat er im öffentlichen Unterricht der Schule immer wieder erneut die Konfirmanden aufgefordert, meinen Konfirmandenunterricht nicht zu besuchen und sich von jetzt ab von einem Pfarrer der 'Deutschen Christen' unterrichten zu lassen. Dabei hat er nach der übereinstimmenden Zeugenaussage mehrerer Konfirmanden und Konfirmandeneltern erklärt: 'Wenn euch der Pfarrer nicht konfirmiert, - ich kann euch auch konfirmieren, ich kann euch auch beerdigen.' Unverhüllter konnten die wahren Absichten der 'Deutschen Christen' unseres Kirchspiels nicht zum Ausdruck kommen. Da unser Kirchspiel wohl zum Musterbeispiel für andere Kirchspiele werden wird, sehe ich diesen Beschluss der Kirchenvertretung nicht nur für einen großen Schaden für unser Kirchspiel, sondern auch für einen großen Schaden für die Gesamtkirche an."
Der Landeskirchenrat antwortete am 25.1.1937:
"Ihr Einspruch gegen den Beschluss der Kirchenvertretung Oberndorf, die Kirche am 31. Januar 1937der Kirchenbewegung Deutsche Christen zu einer Gottesfeier zu überlassen, ist unbegründet und muss deshalb zurückgewiesen werden. Sie erheben, Ihre Beanstandung zu begründen, Vorwürfe gegen Herrn Lehrer Lindner in Herressen, die wir ihm selbstverständlich vorhalten werden. Aber selbst wenn alle diese Vorwürfe, die sich gegen eine Einzelperson richten, begründet sein sollten, können sie keinen Anlass bieten, den Beschluss der Kirchenvertretung als dem Wohl der Kirchengemeinde oder Gesamtkirche nachteilig aufzuheben. Denn es geht ja nicht um eine Veranstaltung des Herrn Lehrer Lindner oder darum, irgendwelche von ihm vertretenen Gedanken zu vertreten oder zu verwirklichen, sondern es geht darum, einer kirchlichen Gemeinschaft das Abhalten einer religiösen Feier zu ermöglichen. Wenn dagegen der Kirchenvorstand oder die an seiner Stelle handelnde Kirchenvertretung Einwendungen zu erheben hätten und deshalb die Kirche nicht zur Verfügung stellen wollten, müsste sie schon sehr schwerwiegende Gründe haben. Wenn sie aber dem Antrag stattgegeben, also offensichtlich keine Befürchtung für die Kirchengemeinde hegen, dass ihr die Feier irgendwie nachteilig sein könnte, so müssten erst recht außerordentlich schwerwiegende Gründe vorgebracht werden, wenn man diesen Beschluss auf Grund des §26 aufheben sollte. Ihre Einwendungen laufen aber im Grunde doch nur darauf hinaus, dass Sie eben die deutsch-christliche Auffassung als solche bekämpfen und deshalb auch jede deutsch-christliche Veranstaltung von Ihrem Standpunkt aus als nachteilig für Kirche und Kirchgemeinde betrachten. Gegensätzliche Auffassungen aber können selbstverständlich nicht die Grundlage dafür sein, dass die Kirche für eine solche Feier versagt wird."
Am 29.1.1937 schrieb ich an den Bruderrat in Gotha. Zuerst berichtete ich über meinen Einspruch gegen den Beschluss der Oberndorfer Kirchenvertretung, die dortige Kirche zu einer Gottesfeier der DC zur Verfügung zu stellen, und über die Zurückweisung dieses Einspruches durch den LKR und fuhr dann fort:
"Die Not des zweifachen Konfirmandenunterrichts ist überraschend schnell wieder von uns genommen worden. Die Konfirmanden haben sich alle wieder nach und nach eingefunden bis auf drei im ersten und zwei im zweiten Jahrgang, die nach Apolda gehen und dort den Konfirmandenunterricht besuchen. Pfarrer May kommt nun nicht mehr nach hierher zum Unterricht.
Am 21.d.Mts. waren fünf Männer aus unseren Gemeinden ohne mein Wissen beim Herrn Landrat und Kreisleiter in Weimar, um Einspruch zu erheben gegen die ständigen Anfeindungen gegen mich und meine Arbeit. Als ein Oberndorfer Kirchenvertreter in der Besprechung die durch die Feuerwehr in Oberndorf gestörte Weihnachtsfeier der Frauenhilfe erwähnte, erklärte nach dem übereinstimmenden Bericht der fünf Männer der Landrat, der Bürgermeister habe recht gehandelt; in Zukunft solle er auch noch die Feuerwehren von Kapellendorf und Großromstedt rufen und die Frauen ordentlich nass spritzen (!). Im Hinblick auf die kirchlichen Verhältnisse erklärte der Landrat wiederholt: es sei der Kirche in Thüringen vom Reichskirchenministerium eine Bewährungsfrist von einem Vierteljahr gelassen; innerhalb dieser Frist würden keinerlei Beschwerden und Eingaben aus Thüringen dort erledigt werden. Nach dieser Frist würde – wenn nicht inzwischen Ruhe eingetreten sei (!!!) - die jetzige Kirchenleitung als die einzig rechtmäßige bestätigt werden. Gegen alle, die dann noch nicht sich fügten, würde mit den schärfsten Mitteln eingegriffen werden. Ist das richtig, so bedeutet dies, dass unser Todesurteil schon gefällt, aber erst in einigen Wochen vollzogen wird."
Am 1. Februar 1937 schrieb mir der Landeskirchenrat:
"Wir haben Herrn Lehrer Lindner in Herressen zu den Vorwürfen, die Sie in Ihrem Schreiben vom 20. Januar 1937 gegen ihn erhoben haben, gehört. Er bestreitet die ihm vorgeworfenen Äußerungen zum größten Teil überhaupt. Namentlich erklärte er, den Ausspruch wegen der Sprengpatronen unter der Kirche nicht getan zu haben <!!!> und bemerkt dazu, dass ein Parteigenosse, der dafür eintreten wolle, den Ausspruch gehört zu haben, inzwischen wegen eines Eidesbruchs seines Amtes enthoben <Auch das ist verlogen. In der Begründung des Kreisleiters hieß es: 'Weil Sie durch Ihre offene Stellungnahme gegen den Ortsgruppenleiter der NSDAP die nationalsozialistische Gemeinschaft empfindlich gestört haben'; W.K.> und in ein Ausschlussverfahren verwickelt sei. <Das ihm angedrohte 'Kreisgerichtsverfahren' ist nie eingeleitet worden; vom 28.9.1936 bis zum 1.2.1937 waren immerhin schon vier Monate vergangen!; W.K.>. Daneben gibt Herr Lindner allerdings zu, dass bei bestimmten Unterhaltungen über kirchliche Angelegenheiten harte Worte gefallen seien, aber der Zusammenhang ergibt einwandfrei <!>, dass es sich dabei nicht um Ablehnen oder Bekämpfen der Kirche als solcher gehandelt hat, sondern immer nur um die Kritik Ihres Verhaltens gegangen ist.
Über den Konfirmandenunterricht macht Herr Lehrer Lindner Ausführungen, aus denen hervorgeht, dass er um der Einheit der Jugend willen sogar dafür eingetreten sei, dass die Konfirmanden den Unterricht weiter bei Ihnen besuchen sollten, obwohl bei anderen der Wunsch vorhanden gewesen sei, die Kinder zu einem anderen Pfarrer in den Konfirmandenunterricht zu schicken. <Auch dieser Satz ist durch die weitere Entwicklung Lügen gestraft worden!; W.K.>
Der ganze Bericht des Herrn Lindner ergibt klar und enthält die ausdrückliche Versicherung, dass er nicht etwa gegen die Kirche eingestellt sei, sondern dass ihm im Gegenteil viel an der Kirche liegt. <Darum ist L. 1938 aus der von DC geleiteten Kirche ausgetreten, nachdem der verhasste BK-Pfarrer aus Sulzbach beseitigt war; W.K.>"
Der Bruderrat antwortete mir auf meinen Bericht vom 29.1.1937 am 9.2.1937:
"Wir haben Ihr Schreiben erhalten und mit herzlichem Mitgefühl gelesen, was an neuen Bedrückungen und Erschwerungen der Gemeinde und Ihnen auferlegt ist. Immerhin ist erfreulich, dass der zweifache Konfirmandenunterricht sich noch nicht hat durchsetzen lassen. Wir haben während des soeben abgeschlossenen 'Lutherischen Tages' (Synode) immer wieder auch Ihrer und Ihrer Gemeinde Not gedacht. Der letzte Absatz Ihres Schreibens veranlasst mich, Ihnen mitzuteilen, dass der Lutherische Rat wie von allem, was wir in Thüringen erleben, so auch von allem, was Sulzbach betrifft, von Anfang an regelmäßig durch uns unterrichtet wurde."
Der Bruderrat schickte mir gleichzeitig in Abschrift eine Eingabe des Reichskirchenausschusses vom 11.2.1937 an das Reichskirchenministerium zu:
"Wir nehmen Bezug auf das Ihnen unmittelbar zugegangene Schreiben des Thüringer Landesbruderrats vom 29.1.1937 betreffend kirchliche Zustände in Sulzbach bei Apolda. Wir haben uns wiederholt in Sachen Sulzbach an Sie, Herr Reichsminister gewandt. Wir bitten noch einmal dringend, sich der Verhältnisse dieser Kirchengemeinde anzunehmen. Wir halten es für völlig unzulässig, dass Lehrer während der Schulzeit irgendwelche Propaganda bezüglich des Konfirmandenunterrichtes treiben. Die in dem Schreiben des Pfarrers Koch-Sulzbach vom 15.1.1937 geschilderten Vorgänge wirken sich nach unserer Meinung nicht etwa nur zum Nachteil für Pfarrer Koch aus, den Schaden haben vielmehr die Gemeinden und die Seelen der Kinder, vor denen derartiges geschieht. Wir bitten dringend, uns von dem von Ihnen Veranlassten Mitteilung zu machen."
Der Bruderrat fügt diesem Schreiben hinzu:
"Unmittelbare Wirkung werden Sie von dem Schreiben des RKA in der jetzigen Lage kaum erwarten können. Immerhin kann niemand sagen, man habe die Verhältnisse nicht gekannt. Wir gedenken Ihrer herzlich."
Der Kirchenkampf in Thüringen, sechster TeilBearbeiten
Ein neuer Angriff der DC bedeutete ihr Ansinnen, am „Heldengedenktag“[43] wieder eine „Gottesfeier“ in Sulzbach zu halten. Der Löwe hat Blut geleckt! Am 11.2.1937 schrieb ich an Bürgermeister Karpe:
"Ein Antrag der 'Deutschen Christen' um Überlassung der hiesigen Kirche zu einer Heldengedenkfeier am diesjährigen Volkstrauertag und Heldengedenktag, dem 21.d.Mts., liegt hier nicht vor. Ein solcher Antrag müsste auch nach den gesetzlichen Bestimmungen zurückgewiesen werden. Ein Sondergottesdienst kann nur unter der Voraussetzung stattfinden, 'dass die kirchliche Ordnung der Gemeinde keinerlei Störung dadurch erleidet.' Eine zweite Heldengedenkfeier an dem Tage, an dem die Gedenkfeier der Gemeinde stattfindet, würde eine empfindliche Störung der kirchlichen Ordnung der Gemeinde bedeuten. Die offizielle Feier unserer Gemeinde findet am 21. Februar vormittags neuneinhalb Uhr statt. Eine weitere Gedenkfeier an demselben Tage würde der Weihe dieses Tages ins Gesicht schlagen. Wollten wirklich die 'Deutschen Christen' an diesem Tage, der dem Gedächtnis unserer gefallenen Brüder gewidmet ist, die Gemeinde zerreißen? Soll uns das Gedächtnis der Gefallenen nicht mehr zu einer Gedächtnisfeier vereinen können? Wollen die 'Deutschen Christen' wirklich das Gedächtnis an die Gefallenen benutzen, um Gegensätze auszutragen, von denen die Toten noch nichts wussten? Auch ich habe zwei Brüder unter den Gefallenen. Soll in ihr Gedächtnis die Zerrissenheit der Gemeinde getragen werden? Ich denke, dass ein ruhiges Nachdenken dieser Fragen die 'Deutschen Christen' selbst von der Unmöglichkeit ihres Vorhabens überzeugt."
Ein tolles Stück leistete sich Herr Lehrer Benker. Einen kurzen Urlaub von mir benutzte er dazu, eine Kirchenvertretersitzung in dieser Frage einzuberufen, obwohl er in keinem Falle dazu ermächtigt war. Ich schrieb ihm am 11.2.1937:
"Sie sandten mir mit dem gestrigen Tage das Protokoll einer Kirchenvertretersitzung zu, die Sie einberufen und geleitet haben. Ich muss Sie darauf aufmerksam machen, dass dieser Sitzung und ihrem Beschluss keine Rechtskraft zukommt. Ich hatte nicht Sie mit meiner Vertretung beauftragt, sondern Herrn Pfarrer Liebe in Mattstedt. Bei ihm hätten Sie die Einberufung einer Sitzung beantragen müssen. Meinen Vertreter hätten Sie von meiner Frau oder vom Oberpfarramt jederzeit erfahren können."
Noch toller war es, dass der Landeskirchenrat – immer Herr Dr. Franz – diesen Husarenstreich des Herrn Benker akzeptierte. Er schrieb am 16.2.1937 über den Kreiskirchenrat in Utenbach:
"Nach den uns übersandten Unterlagen scheint <!> der Beschluss der Kirchenvertretung, die Kirche am 21. Februar 1937 den Deutschen Christen zu einer Sonderfeier zur Verfügung zu stellen, ordnungsgemäß zustande gekommen zu sein. Es liegt uns noch kein Einspruch des Pfarrers Koch vor. Danach ist die Sache geordnet <!>. Die Kirche steht zur Verfügung. Eine diesbezügliche Entscheidung des Landeskirchenrats ist vorläufig nicht erforderlich."
Ich antwortete ihm umgehend:
"Das Schreiben des Landeskirchenrats hat uns sehr überrascht. Wir fragen an: Wer hat dem LKR Unterlagen übersandt? Um was für Unterlagen handelt es sich dabei? Weder dem Unterzeichneten noch dem Oberpfarramt ist etwas von diesen Unterlagen bekannt. Gibt es außer dem Dienstweg noch einen anderen Weg zum LKR? Besteht neben dem geordneten Pfarramt noch eine andere kirchliche Behörde in Sulzbach, die mit dem LKR direkt – ohne Vermittlung des Oberpfarramtes – in Verbindung steht? Während meines kurzen Urlaubs hat Herr Lehrer Benker hier ohne mein Wissen und ohne meine Einwilligung eine Kirchenvertretersitzung einberufen, die den Beschluss fasste, dass den 'Deutschen Christen' am Heldengedenktag abends die Kirche zu einer zweiten Gedenkfeier zur Verfügung gestellt wird. Mein Vertreter war – mit Zustimmung des Oberpfarramtes – Pfarrer Liebe in Mattstedt. Er war allein befugt, eine Kirchenvertretersitzung einzuberufen, und ihm stand allein der Vorsitz in einer Sitzung nach dem klaren Wortlaut von § 24 Absatz 1 der Verfassung zu. Die Sitzung war daher gesetzwidrig und daher unfähig, rechtskräftige Beschlüssen zu fassen. <...>Wäre der Beschluss der Kirchenvertretung wirklich ordnungsgemäß zustande gekommen, so hätte ich sofort Einspruch erhoben. Eine Abschrift dieses Schreibens geht dem Oberpfarramt in Utenbach zu, das von diesem Schreiben von mir vorher in Kenntnis gesetzt wurde und mir die Erlaubnis gab, wegen der Kürze der Zeit mich direkt an den LKR zu wenden. Eine weitere Abschrift werde ich durch Vermittlung des Bruderrats der Thür.ev.Kirche dem Reichskirchenministerium zuleiten."
Noch am Nachmittag des gleichen Tages berichtete ich dem LKR:
"Wohl im Vertrauen auf die Unterstützung durch den Landeskirchenrat gehen die 'Deutschen Christen' immer unbekümmerter um die gesetzlichen Bestimmungen vor, zerstören immer mehr die Autorität des geordneten Pfarramtes, übergehen die Person des Pfarrers, als ob sie überhaupt nicht mehr da wäre. Wie ich durch Zufall erfuhr, sind seit heute vormittag drei Monteure der Überlandzentrale Oberroßla am Werk, um eine elektrische Lichtleitung, eine feste Leitung, in die Kirche zu legen. Als ich die Monteure frug, wer sie dazu beauftragt habe, antworteten sie: Herr Lehrer Benker. Obwohl ich sie darauf aufmerksam machte, dass solche Arbeiten nur nach vorheriger Genehmigung durch die Kirchenvertretung und durch den Landeskirchenrat stattfinden könnten, arbeiteten sie eine halbe Stunde weiter an ihrer Leitung. Ich traf bei ihnen den Vertrauensmann der hiesigen 'Deutschen Christen', Herrn Bürgermeister Karpe und Lehrer Benker. Als ich auch sie auf die gesetzlichen Bestimmungen aufmerksam machte, erklärten sie, dass sie hier allein zu entscheiden hätten <!> und sie allein die Verantwortung für die Arbeiten trügen.
Die kirchlichen Verhältnisse nehmen bei dem brüsken Vorgehen der DC, gestützt auf die Hilfe des Landeskirchenrats, mit dem man in unmittelbarerem Schriftverkehr steht als das geordnete Amt, einen solchen chaotischen Zustand an, dass von einer geordneten kirchlichen Arbeit nicht mehr die Rede sein kann. Eine Abschrift auch dieses Schreibens geht dem Oberpfarramt in Utenbach zu, mit dessen Einwilligung ich mich wegen der Dringlichkeit der Sache direkt an den LKR wende. Eine weitere Abschrift leite ich dem Bruderrat der Thür.ev.Kirche zu."
Am 17.2.1937 berichtete ich dem Bruderrat unter Beifügung meiner beiden Schreiben an den LKR auch noch:
"Am gestrigen Tage wurde ich während der Stunden des Konfirmandenunterrichts von zwei bis fünf Uhr nachmittags einem langen polizeilichen Verhör unterzogen. Zuerst wurde ich vernommen wegen eines Aufsatzes in unseren 'Heimatglocken'. Ich sollte angeben, was in den rot angestrichenen Sätzen mit den Worten 'Traurigen', 'tapfer', 'Saat auf Hoffnung' und 'Unwetter' gemeint sei. Zum anderen wurde ich verhört wegen der Konfirmandenstunde am 8. Januar 1937, in der ich die Konfirmanden vor den großen Ernst ihrer Entscheidung gestellt hatte, vor die sie durch den Plan eines DC-lichen Konfirmandenunterrichts gestellt worden waren. Ich hatte den Konfirmanden erzählt – um ihnen nichts zu verheimlichen und nichts zu beschönigen - , wie gegen mich und die Bekennende Kirche gearbeitet wird. Ich habe ihnen dies gezeigt an den Vorgängen in Erfurt am 2.1.1937 (als Polizei in die Kirche kam und dem Bischof Meiser[44] verbot, im Gottesdienst zu sprechen) und in Oberndorf (durch Feuerwehr gestörte Weihnachtsfeier). Bei der Schilderung dieser Vorgänge frug ich die Kinder spontan: In welchem anderen Land ist so etwas noch möglich? Einige der Konfirmanden antworteten – ohne dass ich auf eine Antwort gerechnet hatte – sofort: in Russland und in Spanien. Ich antwortete darauf: In Spanien unter General Franco[45] sei dies wohl nicht möglich gewesen, denn General Franco sei ein frommer katholischer Christ. Die Kinder waren am anderen Tag in der Schule im Beisein von Lehrer Lindner über diese Konfirmandenstunde verhört worden durch den Gendarmeriebeamten aus Oberroßla. Dabei hatten drei Konfirmanden angegeben, ich hätte gesagt, dass es in Deutschland wie in Russland sei. Bei der Vernehmung stellte ich dies richtig und erklärte, dass ich abgesehen von diesem einen besonderen Fall noch niemals mit den Konfirmanden über die gegenwärtigen kirchlichen Kämpfe gesprochen habe, während im Schulunterricht in Sulzbach und Herressen und in den vom hiesigen Lehrer geleiteten Heimabenden des Jungvolks wiederholt Propaganda für die DC getrieben worden sei und die Bekenntnisgemeinschaft in empörender Weise herabgewürdigt wurde.
Seit dieser Woche findet nun doch wieder in der Schule in Sulzbach Unterricht für Konfirmanden durch einen auswärtigen Pfarrer statt. Drei Konfirmanden haben sich wieder von meinem Unterricht abgemeldet, die den Unterricht des DC-Pfarrers besuchen. Von 37 Konfirmanden besuchen jetzt acht meinen Unterricht nicht mehr. Bei einem Hausbesuch des hiesigen Lehrers bei Bekenntnis-Leuten erzählte er, die Konfirmanden hätten Schmutzgeschichten im Alten Testament gelesen. Ich hätte daraufhin in ihren Bibeln die betreffenden Seiten herausgerissen. Das ganze stellt einen ungeheuerlichen Schwindel dar, an dem nicht ein Wort wahr ist. Von den letzten empörenden Vorgängen berichtet in der Anlage meine Eingabe an den LKR vom 17.2.1937. Die Zustände in unseren Gemeinden werden immer unerträglicher.
Dem Bruderrat danke ich aus tiefstem Herzen, dass er die Gemeinden zur Fürbitte für uns ermuntert hat. Sie tut uns dringend not. Man fühlt sich oft am Ende aller Kräfte. Unter all diesen andauernden starken Erregungen hat die ganze Familie bis hinunter zum Vierwöchigen zu leiden. GOTT helfe uns! "
In dem Gefühl seiner Überlegenheit über den armen ohnmächtigen BK-Pfarrer schrieb mir der Herr Ortsgruppenleiter in hochmütig-zurechtweisender Art am 19.2.1937:
"Von Ihren Schreiben, die Sie an den Herrn Bürgermeister und Zellenleiter Pg.Karpe (am 11.2.), an Herrn Lehrer Benker (am 16.2.) und an das Thür.Kreisamt (am 17.2.) gerichtet haben, habe ich Kenntnis genommen. Grundsätzlich ist dazu zu sagen, dass die offizielle Feier am Heldengedenktag von der NSDAP angesetzt und durchgeführt wird. Wenn Sie also in einem Ihrer Schreiben von der 'Heldengedenkfeier der Gemeinde' schreiben, so nehme ich an, dass Sie damit nicht die politische Gemeinde meinen, denn über die zu bestimmen steht Ihnen kein Recht zu. <!!> Auch kann ich nicht annehmen, dass Sie damit die Kirchengemeinde meinen, denn diese Kirchengemeinde besteht ja heute aus zwei verschiedenen Richtungen: der Bekenntnisfront und den Deutschen Christen. Ich kann nur annehmen, dass Sie als Vertreter <!> der Bekenntnisfront auch dieselbe meinen, da Sie ja selbst öffentlich die Deutschen Christen abgelehnt haben. Ihr Gottesdienst ist also – auch wenn Sie die Pfarrstelle haben – ein Gottesdienst der Bekenntnisfront. Andererseits können die Deutschen Christen verlangen – gleiches Recht für alle <auch für die Unkirche!; W.K.> - dass auch sie ihren Gottesdienst und eine geistliche Versorgung <!!> erhalten, was ja der Landeskirchenrat in Eisenach auch inzwischen getan hat, und können auch an diesem Tage ihre Gottesfeier abhalten. <...> Wenn Sie heute selbst das Gefühl haben, dass an einem solchen Tage nur eine einzige Gedenkstunde stattfinden dürfe, so hatten Sie ja die Möglichkeit gehabt, Ihrerseits dafür Sorge zu tragen, das keine Sonderfeier in der Kirche, sondern in jedem Dorfe nur eine Feier durch die autorisierten <!> Stellen stattfanden. Sie müssen sich, trotz aller Auseinandersetzungen, die früher gewesen sind, darüber klar sein – auch wenn Sie weiter das Gegenteil behaupten -, dass Sie durch Ihre Art, wie Sie sich zur Bekenntnisfront geschlagen haben <gezwungen durch die Angriffe des Ortsgruppenleiters und der zuerst gegründeten 'Ortsgemeinde der DC'; W.K.> - Sie wollten ursprünglich ein Mittler zwischen beiden Richtungen sein <Das habe ich nie sein wollen; W.K.> - die Spaltung in unsere drei Dörfer hinein gebracht haben und die Bildung einer Dorfgemeinschaft unmöglich machen! Die Zeiten, wo von der Kanzel herunter über die Köpfe der Gemeindeglieder hinweg einfach bestimmt wird, dass sie, weil Sie als Pfarrer der Bekenntnisfront angehören, auch die drei Kirchen dazugehören, sind endgültig vorbei. Die NSDAP übt in Fragen der Kirche und der Konfessionen Toleranz. Sie handeln nicht im Sinne des Führers, auf den Sie sich immer so gern berufen <Hört! Hört!; W.K.>, wenn Sie Volksgenossen als Irrlehrer und Ketzer bezeichnen, die nicht Ihrer kirchlichen Überzeugung sind <was ich nie getan habe; W.K.>! Der Ausspruch Ihrerseits von der Sabotage <dies Wort habe ich nicht ausgesprochen; W.K.> am evangelischen <davon habe ich auch nicht geredet; W.K.> Befriedungswerk des Führers trifft nur Sie und zwar so lange, bis Sie zu einer toleranten Haltung den Deutschen Christen und den Andersgläubigen auf religiösem Gebiete gegenüber kommen. Es liegt nur an Ihnen, durch eine entsprechende Erklärung den Rahmen zu schaffen, in welchem beide Richtungen innerhalb unserer Kirchengemeinden Gerechtigkeit <!!> widerfährt. Sie können dadurch entscheidend den Frieden auf kirchlichem Gebiet fördern. Zum Schluss darf ich noch feststellen, dass die NSDAP und der Staat von jedem seiner Staatsbürger erwartet, dass er der Führung der NSDAP und des Staates folgt und mit hilft am Aufbau unseres Vaterlandes und dass er jedwede internationale Bindungen <was meint er damit?; W.K.> ablehnt, die – wie die Geschichte zur Genüge bewiesen hat – immer nur zum Schaden für unser deutsches Volk gewesen sind!"
Nach diesem Brief waren alle Brücken der Verständigung restlos abgebrochen. Es war sein letztes Schreiben an mich, und er erhielt kein Schreiben mehr von mir.
Am 13. April 1937 berichtete ich dem Bruderrat in Gotha auf dessen Bitte hin:
"Ein Hilfsprediger Walter[46] aus Jena entfaltet im Auftrag unserer DC eine sehr eifrige illegale Tätigkeit in unseren Gemeinden. Er hat vor Ostern wöchentlich zweimal in der hiesigen Schule Konfirmandenunterricht erteilt. Am Palmsonntag vormittag hat er in der Kirche in Oberndorf sechs Konfirmanden aus allen drei Gemeinden konfirmiert und hat am Karfreitag abend eine Abendmahlsfeier in Oberndorf veranstaltet. Hier und in Herressen hat er drei Taufen und eine Beerdigung vorgenommen. Bei dem allen bin weder ich noch ein Kirchenvorstand gefragt worden. Nach der ersten Taufe sandte mir dieser Herr Walter die Unterlagen zur Eintragung der Taufe in das Kirchenbuch, die ich nicht vorgenommen habe, da kein Dimissoriale[47] vorlag. Dass die Konfirmation in Oberndorf stattfand, wurde mir am Tage zuvor durch den Oberndorfer Lehrer 'im Auftrag des Landeskirchenrats' <!!> mitgeteilt. Zur Konfirmationsfeier und zum Abendmahl der DC war mit großen roten Plakaten an den öffentlichen Plakattafeln eingeladen worden. <...> Mit dem Beginn des neuen Konfirmandenlehrgangs haben auch die DC mit ihrem Konfirmandenunterricht in der hiesigen Schule begonnen. Zu mir kamen zehn Kinder, zu dem DC-Unterricht neun Kinder. Die Lehrer werben eifrig nicht nur in den Schulen, sondern auch in den Häusern und auf der Straße für den Unterricht der DC. In manchen Familien spielen sich erschütternde Szenen ab: Kinder gegen Eltern, Enkel gegen Großeltern. In der Aussprache mit einer Mutter erzählte sie mir, ihr Junge bekäme keine Lehrstelle, und er habe in der HJ darunter zu leiden, wenn er sich nicht bei den DC konfirmieren lasse.
Die Aufspaltung der Gemeinde ist nun bald vollkommen. Die Schulkinder im dritten Schuljahr unterhalten sich schon darüber, zu welchem Pfarrer sie einmal in den Konfirmandenunterricht gehen werden: zum alten Pfarrer oder zum neuen Pfarrer. Es wird hier deutlich, dass es sich bei den DC um eine neue Konfession handelt."
Eine neue Not brach in Oberndorf an mit einem Schreiben, das ich am 26.4.1937 an den Kreiskirchenrat in Utenbach richtete:
"Nachdem der Kirchrechnungsführer von Oberndorf, Herr Lehrer Schellenberg, offensichtlich zu erkennen gegeben hat, dass er meine kirchliche Arbeit in Oberndorf ablehnt, ja nachdem er wiederholt diese meine Arbeit zu hindern versucht hat, ist mir jede weitere Zusammenarbeit mit ihm als Kirchrechnungsführer unmöglich geworden. Schon im Januar dieses Jahres hat er die Konfirmanden von Oberndorf aufgefordert, den Konfirmandenunterricht bei mir nicht mehr zu besuchen. - Er hat in diesem Frühjahr unsere 'Heimatglocken', die regelmäßig die Nachrichten der Kirchengemeinden bringen, abbestellt. - Er ist wiederholt dabei beobachtet worden, dass er während der Predigt ostentativ vor der Gemeinde in einem Buch oder Zeitschrift liest. - Er hat sich geweigert, zu einem Evangelischen Abend, bei dem der Oberpfarrer unseres Kirchenkreises sprechen wollte, die Orgel zu spielen, und hat in diesem Zusammenhang bei einer von ihm einberufenen Besprechung mit den Kirchenvertretern erklärt, dass er den Oberpfarrer unseres Kirchenkreises als kirchliche Behörde nicht mehr anerkenne.
Die Kirchkasse von Oberndorf ist von mir zum letzten Male im Februar 1936 geprüft worden. Da sich die Schellenbergische Kassenführung in einem sehr unordentlichen Zustand befindet, halten wir eine baldige Nachprüfung für unbedingt erforderlich und bitten den Kreiskirchenrat, diese Prüfung vornehmen zu wollen."
Der Kreiskirchenrat antwortete am 27.4.1937:
"Der Herr Rechnungsprüfer benötigt vor der Feststellung der Kirchrechnung 1935 dir Urschrift des dortigen Kassebuches. Wir ersuchen dieselbe umgehend und direkt an Herrn Hemmann, Weimar, <...> einsenden zu wollen."
Ich schickte dieses Schreiben durch einen Boten „urschriftlich an den Rechnungsführer Herrn Lehrer Schellenberg in Oberndorf mit dem Ersuchen, dem Überbringer dieses das Kassebuch in Urschrift mitzugeben, damit ich es umgehend einsenden kann“. Am 17.5.1937 beantragte Lehrer Schellenberg zusammen mit sechs Mitgliedern der Kirchenvertretung eine Sitzung der Kirchenvertretung und stellte für diese Sitzung den Schulsaal zur Verfügung. Da ich gerade in Urlaub war, fand ich erst bei meiner Rückkehr am Abend des 21. den Antrag vor. Es eilte mir nicht, sofort einen neuen Termin zu benennen, da erst am 10.5. eine Sitzung stattgefunden hatte. Lehrer Schellenberg wandte sich sofort mit einem Hilferuf an den LKR nach Eisenach, der sofort mit einem Drohbrief antwortete, der mich über den Kreiskirchenrat in Utenbach am 2.6. erreichte:
"Eisenach, den 31. Mai 1937. Aus einem Schreiben von Herrn Lehrer Schellenberg erfahren wir, dass Sie als Vorsitzender des Kirchenvorstandes Oberndorf einem nach § 25 Satz 2 der Verfassung gestellten Antrag, die Kirchenvertretung einzuberufen, nicht stattgegeben haben. Wir geben Ihnen noch Frist bis zum 7. Juni 1937. Wenn Sie bis dahin sich nicht mit den Antragstellern über einen Zeitpunkt der Sitzung verständigt und die Sitzung einberufen haben, müssen wir feststellen, dass Sie es ablehnen, die Ihnen verfassungsmäßig obliegenden Pflichten zu erfüllen. In diesem Falle werden wir sofort alle gebotenen Mittel anwenden, um wieder verfassungsmäßige Zustände herzustellen."
Ich lud daraufhin zum 4.6. zu einer Sitzung der Kirchenvertretung – wie schon zweimal zuvor – im Konfirmandenzimmer von Sulzbach ins Pfarrhaus ein. Lehrer Schellenberg mit seinem Anhang lehnten, ermutigt durch den LKR, den Tagungsort sofort ab und „verlangten, dass die Sitzung in Oberndorf im Schulsaal stattfindet. Wir werden in Sulzbach nicht erscheinen.“ Am 4. Juni schrieb ich – das arrogante Schreiben der Oberndorfer Kirchenvertreter missachtend – an den Kreiskirchenrat in Utenbach:
"Unter dem 31.5.1937 sandte mir der LKR durch den Keiskirchenrat ein Schreiben zu über die Beschwerde des Lehrers Schellenberg wegen Nichteinberufung einer beantragten Kirchenvertretersitzung (hier eingegangen am 2.6.). Es muss mich sehr verwundern, dass bereits nach sieben Tagen <!> eine Beschwerde an den LKR gerichtet wird. Es muss mich sehr verwundern, dass der LKR dieser Beschwerde statt gibt, ohne sich vorher über den Grund der Verzögerung zu erkundigen. Welche andere Behörde würde so handeln?
Die Sachlage ist die: Am 17.5. stellten sieben Kirchenvertreter von Oberndorf einen Antrag auf eine Einberufung einer Sitzung am 21.5. In dieser Zeit war ich – wie dem Oberpfarramt bekannt – in Urlaub. Nach meiner Rückkehr am Abend des 21. fand ich den Antrag vor. Es hatte erst am 10.5. eine Sitzung stattgefunden. Die beantragte Tagesordnung war nicht erschöpfend für eine Sitzung. Ich wartete neuen Stoff für die Sitzung ab. Dieser lag nun auch vor, und ich plante eine Sitzung für die nächsten Tage, die ich dann auch zum heutigen Tage mit einer erweiterten Tagesordnung einberufen habe. Meine größte Verwunderung ruft der Schlusssatz in dem Schreiben des LKR hervor. Es wird mir darin angedroht, dass der LKR 'sofort alle gebotenen Mittel anwenden' wolle, 'um wieder verfassungsmäßige Zustände herzustellen'. Dem LKR sind die Zustände in unseren Gemeinden aufs beste bekannt. Auch der beiliegende Bericht schildert sie deutlich. Wie bereits in den beiden Schreiben des Kirchenvorstandes von Sulzbach vom 17.2.1937 an den LKR klar hervorgeht, hilft der LKR tatkräftig mit, jegliche Autorität des geordneten Amtes zu zerstören und mir, dem vom LKR bestätigten Pfarrer, das in der Verfassung dem Pfarramt deutlich zugestandene Führeramt in den Gemeinden (§§ 40 und 48) zu entreißen. Was soll da die Drohung mit der Wiederherstellung verfassungsmäßiger Zustände? Die Wiederherstellung verfassungsmäßiger Zustände wäre doch schon seit dem 17.2. Pflicht des LKR gewesen."
Auf die nochmalige Beschwerde von Lehrer Schellenberg und Anhang antwortete der LKR (immer Herr Dr. Franz) am 8.6. - wohl unter dem Einfluss von „Onkel Topf“[48] in sehr gemäßigtem Tone:
"Wie wir erfahren haben, haben Sie es abgelehnt, eine verfassungsmäßig beantragte Sitzung der Kirchenvertretung Oberndorf nach Oberndorf selbst einzuberufen, obwohl dort der Schulsaal für die Sitzung zur Verfügung gestellt worden ist. Sie sollen vielmehr darauf bestanden haben, die Sitzung im Pfarrhaus in Sulzbach abzuhalten. Da es allgemein üblich ist, dass Sitzungen der Körperschaften einer Kirchengemeinde in der Kirchgemeinde selbst, nicht aber am auswärtigen Sitze des Pfarramts stattfinden, ersuchen wir Sie, und alsbald über die Gründe Ihres Verhaltens zu berichten. Dabei wollen Sie auch angeben, wo früher die Sitzungen der Kirchenvertretung Oberndorf üblicherweise stattgefunden haben."
Ich antwortete dem LKR am 13. Juni:
"Unter Pfarrer Rödiger – bis 1922 – fanden die Sitzungen der Oberndorfer kirchlichen Körperschaften teils im Gemeinderatszimmer in Oberndorf, teils im Pfarrhaus in Sulzbach statt. Danach tagten die kirchlichen Körperschaften meist im Gemeindegasthof, ausnahmsweise auch in Privaträumen oder im Schulsaal. Nachdem mir von dem Bürgermeister von Oberndorf 'zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit' der Gemeindegasthof im Januar dieses Jahres verboten worden war, lud ich auf Vorschlag eines Kirchenvertreters von Oberndorf die Sitzungen ins Pfarrhaus nach Sulzbach ein, das nur zehn Minuten von Oberndorf entfernt ist. Die beiden ersten Male wurde diese Einladung ohne Widerspruch hingenommen. Erst jetzt weigert sich die Mehrzahl der Kirchenvertreter nach Sulzbach zu kommen. Ich versuchte daraufhin im Hause eines befreundeten Kirchenvertreters die Sitzung zu halten. Diese Bitte wurde mir mit der ganz richtigen Begründung abgeschlagen: Es ist zu erwarten, dass es in dieser Sitzung zu ernsten Auseinandersetzungen kommen wird; dazu wird niemand seine Wohnung zur Verfügung stellen. Aus dem gleichen Grunde erschien uns auch die Kirche als Tagungsort für ungeeignet. In die Schule zu kommen muss ich ablehnen, nachdem das einstige gute Vertrauensverhältnis zu Lehrer Schellenberg auf so schmerzvolle Weise zerstört worden ist. Auch die Kirchenvertreter Weise und Zeugner lehnen es entschieden ab, in die Schule zu kommen."
In der Woche nach dem 27.6.1937 fand endlich die am 17.5. von Schellenberg und Genossen beantragte Sitzung statt. Sie fand auf Vorschlag des LKR in der Kirche zu Oberndorf statt. Zur Unterstützung der bedrängten DC war Oberkirchenrat Lehmann[49], das Glanzstück des LKR, aus Eisenach erschienen, diese gefährliche Sitzung zu leiten. Lehmann hatte ich vor einiger Zeit im Haus der Thüringer Kirche bei Friedrichroda als Leiter einer kirchengeschichtlichen Arbeitsgemeinschaft zum ersten Mal kennen gelernt. Er feierte zum Beginn Hitler nicht nur als Führer unseres Volkes, sondern auch unserer Kirche. Ich konnte nicht umhin, meinen Nachbarn „Onkel Topf“ zu fragen:
"Ist es schon so weit?"
Seine Antwort:
"Hier darf man nicht die Worte auf die Goldwaage legen, sondern auf die Sauwaage."
Nach dieser Aussage wusste ich so ungefähr, was ich von einer Sitzung unter solcher Leitung zu erwarten hatte.
Am Sonntag, dem 27.6.1937, fand in Oberndorf ein Frauensonntag der Frauenhilfe statt. Zahlreiche Frauen waren aus der ganzen Umgebung gekommen. Die Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt. Als zum Gottesdienst von einigen Männern geläutet werden sollte, fand es sich, dass von allen drei Glocken die Stränge fehlten und dazu aus der großen und kleinen Glocke die Klöppel heraus geschraubt worden waren. Doch das störte uns nicht unser frohes, dankbares Zusammensein. Einer der Bauern hatte eine neu erbaute Scheune geleert, und Männer und Burschen hatten sie in einen Festsaal verwandelt: die Wände mit Grün ausgeschmückt und alle Tische weiß gedeckt. Ich erzähle dies Vorkommnis hier, weil es in unserer Sitzung den Auftakt bildete. Die Sitzung in der Kirche wurde mit einem langen Gebet des Oberkirchenrats eröffnet, in dem er den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist zum Beistand anrief, wohl um zu bekunden, dass er sich zu dem dreieinigen Gott bekenne. Dann aber frug er – als ob er von nichts wüsste - , warum eigentlich eine Sitzung der Kirchenvertretung in der Kirche, an solch einem ungewöhnlichen Ort stattfinde. Prompt antwortete ihm Schellenberg: Weil ich es abgelehnt hätte, in die von ihm zur Verfügung gestellte Schule zu gehen. Das konnte er nicht verstehen, solch ein großzügiges, freundliches Angebot auszuschlagen. Er stelle den Antrag, dass die weitere Sitzung im Schulsaal stattfinde. Solch einem verlogenen Spiel gegenüber blieb mir die Spucke weg. Ich merkte, hier ist für eine faire und sachliche Auseinandersetzung Hopfen und Malz verloren. Wir wanderten – die einen triumphierend, die anderen wie geschlagene Leute – in den Schulsaal hinüber, mit uns auch Pfarrer Liebe aus Mattstedt, der zum brüderlichen Beistand in dieser bitteren Stunde zu uns herüber gekommen war. Doch unser Freund Weise gab sich noch nicht geschlagen. Er brachte gleich bei der Fortsetzung unserer „Sitzung“ im Schulsaal den Skandal mit den beseitigten Glockenseilen und Glockenklöppel empört zur Sprache. Darauf Lehmann unter dröhendem Lachen:
"Was, die Glockenseile und Glockenklöppel abmontiert? Das ist ja ein toller Streich. Sowas habe ich ja noch nie gehört."
Damit war für ihn die Sache abgetan. Nun kamen von beiden Seiten alle Gravamina[50] zur Sprache.
Als Gegenschlag brachte Schellenberg vor, dass ich mir einen Kirchenschlüssel habe fertigen lassen, den er bisher allein besessen habe. Er habe damit die Möglichkeit verloren, das Innere der Kirche zu verwahren. Darauf Lehmann:
"Was haben Sie gemacht, Herr Amtsbruder: sich einen Schlüssel zur Kirche verschafft, ohne den Kirchenvorstand darum zu fragen?"
Und zu Bürgermeister Tänzer gewandt:
"Kamerad Tänzer, haben Sie einen Knecht?"
Antwort:
"Nein, aber Herr Stein."
Er wies auf ihn hin. Lehmann an Herrn Stein:
"Kamerad Stein, Sie haben einen Knecht?"
Bejahendes Kopfnicken.
"Nun denken Sie einmal: Ihr Knecht lässt sich ohne Ihr Wissen einen Schlüssel zu Ihrem Haus anfertigen. Was würden Sie dazu sagen?"
Verlegenes Kopfschütteln. Lehmann zu mir:
"Sehen Sie, Herr Amtsbruder, das ist dasselbe, wie wenn Sie sich ohne Wissen und Einverständnis des Kirchenvorstandes einen Schlüssel zur Kirche machen lassen."
Ich:
"Ich sah mich dazu gezwungen, nachdem ich einmal zum Beginn des Gottesdienstes mit den Kirchenbesuchern vor verschlossener Kirche stand, weil Herr Schellenberg nicht rechtzeitig aufgeschlossen hatte und verreist war."
"Aber Sie hätten doch zuvor den Kirchenvorstand fragen müssen."
Schweigen meinerseits („der redet nichts, der denkt sein Teil!“). Nun letzter Punkt der Tagesordnung: Prüfung der Kirchenkasse. Ich verlas den Bericht des Rechnungsprüfers. Darauf Lehmann:
"Zeigen Sie mir einmal das Kassenbuch her! Haben Sie auch, wie es Ihre Pflicht war, zuerst die Seiten des Kassebuches festgestellt und bescheinigt?"
Ich:
"Ja. Sie sehen es ja auf dem ersten Blatt."
Herr Lehmann besichtigt eingehend das Kassebuch. Währenddessen erwartungsvolles Schweigen. Dann das erwartete Urteil des Herrn Oberkirchenrats:
"Etwas genial geführt!"
Darauf sofort Schellenberg:
"Ich habe vor, mein Amt als Kirchrechnungsführer niederzulegen. Herr Ilmer ist bereit es zu übernehmen."
Herr Ilmer nickt bejahend mit dem Kopf. Lehmann zu Schellenberg:
"Wie lange führen Sie schon die Rechnung?"
Antwort:
"Es werden jetzt 14 Jahre."
Lehmann zu den Kirchenvertretern:
"Meine Herren! Wissen Sie, was es heißt, eine Schule gewissenhaft zu leiten? Welch schwierige Aufgabe das ist? Und nun haben Sie, Kamerad Schellenberg, so lange Jahre daneben auch noch die Kirchrechnungsführung übernommen. Meine Anerkennung und zugleich der Dank der Kirchenleitung, den ich hiermit ausspreche."
Danach kam die Verabschiedung. Sie verlief sehr zeremoniell. Vor jedem Kirchenvertreter blieb Lehmann stramm stehen, schlug hörbar die Hacken zusammen, streckte den Arm zum Hitlergruß empor und sprach ernst und fest „Heil Hitler!“. Zuletzt kam ich an die Reihe. Mit leichter Verbeugung schüttelte er mir die Hand und sprach salbungsvoll:
"Lieber Herr Amtsbruder, ich wünsche Ihnen weiterhin Gottes Segen zu Ihrer Arbeit."
Mir war es, als müssten sich alle Därme in meinem Leib herumdrehen. Ich hätte ihm auf solche Heuchelei hin ins Gesicht spucken können. Als ich auf dem Heimweg meine Empörung Bruder Liebe mitteilte, meinte er:
"Haben Sie etwas anderes von Lehmann erwartet? Ich nicht."
Der Kirchenkampf in Thüringen, siebter TeilBearbeiten
Einige Tage zuvor hatte ich wieder einmal dem Landesbruderrat mein Herz ausgeschüttet. Am 29.6.1937 hatte ich ihm geschrieben:
"Das Maß unseres Leides ist wohl noch nicht voll. Heute erschien der Gendarmeriebeamte bei mir mit einer Anzeige des Ortsgruppenleiters beim Gericht wegen versuchten Betrugs. Im Jahre 1930 wurde hier von dem damaligen Ev.Frauenverein, unserer heutigen Frauenhilfe, eine Säuglingsfürsorgestelle ins Leben gerufen und dann laufend unterhalten. Auf unsern Gesuch hin wurde uns anfangs eine staatliche Beihilfe von 100 RM gewährt zur Beschaffung der notwendigen Einrichtungsgegenstände, für die wir damals etwa 175 RM Ausgaben. Im November 1936 erhielten wir ein Schreiben, nach dem die Säuglingsfürsorgestelle in die Verwaltung der Gemeinde übergehen sollte. In diesem Schreiben war gesagt, dass die Einrichtungsgegenstände von der Gemeinde evtl. „gegen einen entsprechenden Betrag“ übernommen werden könnten. Wir besprachen in einer Mitgliederversammlung, was wir evtl. für die Einrichtungsgegenstände fordern könnten. Die Frauen kamen überein, zwei Drittel der Beschaffungskosten als angemessene Entschädigung zu verlangen. Kurz danach fand die Übergabe statt. Als Vertreter der drei Gemeinden waren erschienen: Der Ortsgruppenleiter, Lehrer Lindner von Herressen, der hiesige Bürgermeister und zwei Frauen der NS-Frauenschaft. Im Auftrag der Frauenhilfe erschien ich mit der stellvertretenden Vorsitzenden. Die Verhandlungen gingen äußerst rasch und glatt vonstatten. Lehrer Lindner frug nach dem Wert der Einrichtung. Wir sagten ihm, dass wir etwa 175 RM für die Einrichtung ausgegeben hätten. Er schlug einen 25%igen Abzug für die Abnutzung vor. Wir gingen auf diesen Vorschlag ein. Wieder einige Wochen später erschien eine Fürsorgeschwester vom Kreisamt, um mit uns noch einmal über die Entschädigungssumme zu sprechen. Dabei eröffnete sie mir, dass der einstige Staatszuschuss von 100 RM bei der Berechnung der Entschädigungssumme in Abzug gebracht werden müsse. Hier tauchte zum ersten Mal in der ganzen Diskussion dieser Staatszuschuss auf. Die Entschädigungssumme wurde nun auf 50 RM festgesetzt. Auf Grund dieser Tatsachen erhob nun der Ortsgruppenleiter seine schwere Anklage gegen mich. Ich hätte böswilligerweise nichts von dem Staatszuschuss gesagt, um die Gemeinden zu betrügen. Auf „Vorhaltungen“ des Kreisamtes hin hätte ich erklärt, von dem Staatszuschuss nichts gewusst zu haben. Das sei eine faule Ausrede. Ich hätte ja in unseren „Heimatglocken“ von diesem Staatszuschuss geschrieben. Diese Erwähnung geschah in einem Artikel der „Heimatglocken“ vom 14. Oktober 1934, also schon zwei Jahre vor unseren Verhandlungen. Mir sind niemals vom Kreisamt Vorhaltungen über mein Verhalten gemacht worden, und ich habe auch darum niemals erklärt, von dem Staatszuschuss nichts gewusst zu haben. Tatsache ist, dass wohl niemand von den an der Diskussion Beteiligten an den einstigen Staatszuschuss gedacht hat, obwohl sie alle den erwähnten Artikel in den „Heimatglocken“ gelesen hatten. Was war auch in den dazwischen liegenden Jahren an Aufregungen über unsere Gemeinden und vor allem über unser Haus dahin gegangen! In meiner Vernehmung gab ich zu Protokoll, dass ich mir nicht denken könnte, wie ich zu einem Betrugsversuch hätte kommen sollen: Es handelte sich ja nicht um meine Gelder, sondern um die Gelder der Frauenhilfe, und wie man leicht aus den Abrechnungen der Frauenhilfe feststellen könne, verwende diese ihre Gelder ausschließlich zu gemeinnützigen Zwecken. Es müsse mich auch wundern, dass dieser schwere Verdacht erst nach einem halben Jahr auftauche. Die Übergabe fand im Dezember 1936 statt, die Anzeige gegen mich datiert vom 10. Juni 1937."
Von jetzt an suchte Lindner in seinem „schärfsten Kampf“ gegen den verhassten BK-Pfarrer noch öfter außer Partei und LKR als starken Hilfsgenossen das Gericht gegen mich einzuspannen. Dies erste Mal war es ihm nicht gelungen, bei ihm Unterstützung zu finden. Die Anzeige wurde niedergeschlagen. Aber inzwischen hatte Lindner schon ein anderes Gerichtsverfahren gegen mich ins Szene gesetzt. Anfang Juli 1937 erhielt ich eine Vorlage vor das Sondergericht für den Oberlandesgerichtsbezirk Jena in Weimar:
"Ladung. Strafsache gegen Sie wegen Vergehen gegen das Heimtückegesetz[51] vom 20. Dezember 1934, werden Sie als Angeklagter auf Anordnung des Vorsitzenden des Sondergerichtes für den Oberlandesgerichtsbezirk Jena in Weimar auf Mittwoch, den 7. Juli 1937 vormittags neun einhalb Uhr geladen. Die Verhandlung findet im Gerichtsgebäude in Weimar statt. Im Falle Ihres Ausbleibens kann Ihre zwangsweise Vorführung erfolgen. Als Zeugen sind geladen:"
Nun folgen die Namen von vier Schülern und von vier Schulmädchen, die Bürgermeister von Sulzbach, Herressen und Oberndorf, Gendarmeriemeister Grau in Oberroßla und Sundhaus in Apolda. Nun fand ich in dem mir vom Bruderrat gestellten Anwalt, Herrn Rechtsanwalt Tunze[52] in Jena einen gütigen, klugen und tapferen Beistand und Freund. Er benannte am 3.7. dem Gericht neue Zeugen mit ihren Zeugenaussagen und schrieb dazu am 8.7. dem Gericht:
"Ich bitte darum, die in meinem Schriftsatz vom 3. Juli 1937 benannten Zeugen nicht durch die beiden Gendarmen Grau und Sundhaus vor dem Termine vernehmen zu lassen. Wie diese beiden Gendarmen – 'auf Grund erhaltener Anweisung', wie Grau in seinem Bericht vom 9. Januar sagt – dem Beschuldigten gegenüber eingestellt sind, ergeben deutlich ihre Berichte, nämlich der Bericht Graus vom 9. Januar 1937 und die 'Anmerkung' von Sundhaus zu dem Protokoll über die Vernehmung des Beschuldigten vom 16. Februar 1937. Bei dieser Einstellung der beiden Gendarmen gegenüber dem Beschuldigten ist also zu befürchten, dass die Vernehmung der Zeugen durch die Gendarmen nicht mit der nötigen Objektivität erfolgen würde, das ist nur zu menschlich und lehrt die Erfahrung."
Am Abend vor der angesetzten Gerichtsverhandlung war telephonisch die Verhandlung auf unbestimmte Zeit vertagt worden. Nun schreibt Tunze dem Gericht:
"Ich bitte darum, die Hauptverhandlung noch vor dem 25. Juli stattfinden zu lassen, da der Beschuldigte dann auf etwa einen Monat in Urlaub geht, und dann etwa vom 20. August an ich auf etwa einen Monat in Urlaub gehe."
Am gleichen Tage schrieb er an mich unter anderem:
"Von allem, was Sie in der Sache evtl. hören, also insbesondere auch von eventuellen Zeugenvernehmungen durch die Gendarmen bitte ich Sie, mir umgehend Kenntnis zu geben. Dass die Kinder am anderen Tage aus sich heraus über den Vorgang in der Konfirmandenstunde (am 8. Januar) haben Niederschriften machen müssen, die offenbar doch nicht 'wunschgemäß' ausgefallen sind, geht daraus hervor, dass sie in den Akten gar nicht in Erscheinung treten. Ich halte es darum für taktisch richtiger, vor dem Termin noch nichts zu sagen, um dem Lindner und den Gendarmen nicht Gelegenheiten zu irgendwelchen 'Erklärungen' und eventuellen Beeinflussungen der Kinder zu geben. Ich rate also, diese Frage nach diesen Niederschriften erst im Termine an die Kinder zu richten und von da ausgehend dann insbesondere die Vent, die Tittel und Remde ganz eingehend darüber zu befragen, wie es denn bei der Abfassung der in den Akten enthaltenen 'Protokolle' über ihre Vernehmung zugegangen ist, insbesondere, ob und wie da eventuell der Lehrer Lindner durch Suggestivfragen und dergleichen 'mitgewirkt' hat."
Der Bruderrat, der von Rechtsanwalt Tunze laufend unterrichtet wurde, schrieb mir am 9.7.1937:
"Lieber Bruder Koch, wir haben Ihrer in diesen Tagen mit besonderer Herzlichkeit gedacht und sind jetzt nur in Unruhe, weil eine wenn auch kurze Nachricht über den augenblicklichen Stand der Dinge von Ihnen fehlt. Wenn es möglich ist, uns solche kurze Nachricht zu geben, wären wir von Herzen dankbar. Wir hoffen, dass in Weimar Bruder Schanze[53] oder Bruder Lutz mit Ihnen zusammen war: wir hatten sofort nach Eingang Ihrer Nachricht <von meiner Vorladung; W.K.> entsprechende Anregung gegeben und dringlich gemacht. Seien Sie weiterhin unserer Fürbitte gewiss!"
Da nun unsere Abreise in unseren Urlaub nach Krünn näher rückte, fuhr ich mit Herrn Tunze auf dessen Vorschlag nach Weimar zur Geschäftsstelle des Sondergerichts, um uns persönlich nach dem Stand der Verhandlungen zu erkundigen. Dort wurde uns erklärt, dass die Ermittlungen in meiner Sache noch nicht abgeschlossen seien. Ich könne jedoch getrost in Urlaub fahren und später auch Herr Tunze. So fuhren wir getrost am 26. Juli nach Krünn. Da es bis dahin eine weite Fahrt war, reisten wir schon um fünf Uhr früh los. Kurz danach erschienen – wie wir später erfuhren – zwei Gendarmen im Pfarrhof, fanden aber das Haus leer und verschlossen.
Anfang August kam ein Brief von Herrn Tunze in Krünn an. Darin schrieb er:
"Der Oberstaatsanwalt teilt mir mit, dass mir 'die Akten z.Zt. noch nicht überlassen werden könnten, da die weiteren Ermittlungen (!?) <Ausrufungs- und Fragezeichen von Tunze; W.K.> noch nicht abgeschlossen seien.' Natürlich lass ich den Behörden keine Ruhe und verlange in acht bis 14 Tagen wieder die Vorlegung der Akten, um zu sehen, was inzwischen für 'Ermittlungen' erfolgt sind.
Sehr bewegen wird es auch Sie, dass am Sonntag, dem 25. und Montag, dem 26. Juli 1937 vier Thüringer Pfarrer verhaftet worden sind und seitdem in Untersuchungshaft sitzen. <...> Mir ist die Verteidigung dieser Herren vom Landesbruderrat übertragen worden."
Am Freitag, dem 13. August 1937, war unsere Urlaubszeit in Krünn zu Ende. Wir starteten nicht so frühe, weil ja Tante Lydel mitfuhr. Als wir abends gegen neun Uhr nach Sulzbach kamen, fing es schon an zu dunkeln. Etwa eine halbe Stunde später erschienen zwei Gendarmen, mich zu verhaften. Sie verlasen mir den auf rotem Papier geschriebenen Haftbefehl, den ich dann durch Herrn Tunze in Abschrift erhielt. Er lautete:
"Der Pfarrer Wilhelm Koch in Sulzbach, geb. am 3. September 1899 zu Berstadt, Kreis Büdingen, ist zur Untersuchungshaft zu bringen.
Er wird beschuldigt, am 11. Juli 1937 durch eine fortgesetzte Handlung in Herressen, Sulzbach und Oberndorf öffentlich gehässige und hetzerische Äußerungen über leitende Persönlichkeiten des Staates und der NSDAP, über ihre Anordnungen und die von ihnen gemachten Einrichtungen gemacht zu haben, die geeignet sind, das Vertrauen des Volkes zur politischen Führung zu untergraben und in Tateinheit damit, als Geistlicher in Ausübung seines Berufes in der Kirche vor Mehreren Angelegenheiten des Staates in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise zum Gegenstand einer Verkündigung und Erörterung gemacht zu haben.
Er hat in drei Gottesdiensten in Herressen, Sulzbach und Oberndorf in seinen Predigten u.a. folgendes gesagt: 'Herr, mach uns frei von unserem Weh, das uns unsere Mitmenschen bereiten. Herr, mach uns frei von allem Unglauben.' Er hat weiter geäußert, dass er vor einigen Tagen in einem Gespräch mit einem Manne mit diesem über die jetzige Kampfzeit gesprochen habe. Der Mann habe gesagt, dass wir heute einen Glauben brauchen, der dem Denken des Volkes entspreche. Er habe dem Mann gesagt, dass ein solcher Glaube nicht weiter reiche, als menschliche Kraft reiche. Koch ist dann auf die Bedeutung des Kreuzes zu sprechen gekommen und hat sich dahin geäußert, dass in unseren Tagen die Botschaft von Jesus, dem Gekreuzigten, in Spott und Schmach gegangen werde. Doch die Macht reiche nicht aus, diese Botschaft zu vertreiben, man solle nur fest zum Herrn stehen, mag kommen, was da kommen mag. Koch hat dann eine Anordnung des Evangelischen Lutherischen Kirchenrats bekannt gegeben, und zwar einen Beschluss, der von diesem Kirchenrat dem Führer unterbreitet werden sollte. Koch hat etwa folgendes verlesen: 'Als Diener der christlichen Kirche haben wir ein Wort an den Staat zu richten, wonach ein geordnetes Bestehen zwischen Volk und Staat unter den bestehenden Verhältnissen nicht zustande kommen kann. Wir dürfen uns keiner Maßregel unterwerfen, die uns an der Ausführung unseres Dienstes hindert. Betet für alle verhafteten Brüder und Schwestern und für die bedrängten und verwaisten Gemeinden. Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Im Glauben an Jesus, den Gekreuzigten, ist unser Glaube der Sieg.
Im Schlussgebet hat er nochmals vorgebracht: betet für die verhafteten Brüder und Schwestern, für die bedrängten und verwaisten Gemeinden, beschütze unser deutsches Volk und Vaterland, hilf zu einem gerechten Frieden zwischen Staat und Kirche, schütze den Reichskanzler, dass er sein schweres Amt wohl ausrichten möge.
In der Kirche zu Sulzbach hat er noch folgendes bekannt gegeben: Am Ausgang der Kirche wird eine Sammlung vorgenommen, die der christlichen Jugendarbeit zugeführt werden soll. Da sie zu nationalkirchlichen Zwecken verwendet werden soll, ist sie der Gemeinde nicht zu empfehlen. Dafür ständen zur Sammlung die Gustav-Adolf-Büchsen[54]aus, er bitte um recht reichliche Gaben.
Vergehen nach § 2 des Heimtückegesetzes vom 20.12.1934, §§ 130a, 73,74 StGB.
Er ist dieser Straftaten dringend verdächtig. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen. <Wie oft haben wir diesen Satz in den Schriftstücken der Gerichte gelesen!!!; W.K.> Es besteht deshalb Verdunklungsgefahr. Nach seiner ganzen Einstellung besteht aber auch die Gefahr, dass er seine Freiheit benutzt, auch weiterhin gegen Staat und Partei zu hetzen, die einschlägigen Maßnahmen der Staatsführung als Christenverfolgung hinzustellen und so die Bevölkerung in eine nicht mehr tragbare Erregung zu versetzen.
Gegen diesen Haftbefehl ist das Rechtsmittel der Beschwerde zulässig.
Weimar, den 23. Juli 1937.
Der vom Vorsitzenden beauftragte Richter des Sondergerichts.
gez. Werther, Landgerichtsrat."
Wenn ich heute diesen Haftbefehl lese, empört es mich, wie es sich die Gerichtsbehörde bei seiner Abfassung so leicht gemacht hat. Sie hat wohl einfach die Nachschrift vom Gendarmeriemeister Grau nachgeschrieben. In solch primitivem Stil habe ich gewiss nicht geredet. Nur der letzte Absatz des Haftbefehls stammt von der Gerichtsbehörde und ist das Empörendste an diesem Haftbefehl.
Nun zuerst einmal hier, was ich auf „Anordnung des evangelisch-lutherischen Kirchenrates“ - gemeint ist der Bruderrat der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft in Thüringen – tatsächlich verlesen habe:
"Die durch die Kirchenführerkonferenz, durch den Lutherischen Rat und die Vorläufige Leitung der DEK vertretenen Kirchenregierungen, Kirchengemeinden und freien kirchlichen Verbände richten folgendes Wort an die Gemeinden der DEK:
Gebunden an den Herrn der Kirche und an den Auftrag, den wir erhalten haben, wenden wir uns in dieser Stunde schwerer Not unserer Kirche an alle evangelischen Gemeinden Deutschlands. Wir haben uns zu gemeinsamem Wort und gemeinsamem Handeln zusammengeschlossen. Als Glieder der christlichen Kirche und unseres deutschen Volkes haben wir ein Wort an den Staat gerichtet. Wir mussten darauf hinweisen, dass auf den bisher eingeschlagenen Wegen ein geordnetes Verhältnis zwischen Staat und Kirche nicht zustande kommen kann. Im Blick auf die von uns unternommenen Schritte versagen wir es uns, heute alle die ernsten Anliegen, die Euch und uns bewegen, aufzuzählen. Wir bezeugen einmütig und feierlich, dass wir unseren Dienst in Kirchenregiment und Gemeinde nach der Heiligen Schrift und den Bekenntnissen unserer Kirche weiter ausüben werden. Wir dürfen uns keiner Maßregelung unterwerfen, die uns an der Ausübung dieses Dienstes hindert.
Wir nehmen unsere Pfarrer, Ältesten und Gemeindeglieder erneut in die Pflicht des Gelübdes, das sie bei ihrer Konfirmation und bei der Übernahme ihres kirchlichen Amtes abgelegt haben und fordern sie auf, gemeinsam mit uns in dem Kampf, der uns verordnet ist, dem Herrn Jesus Christus als dem alleinigen Herrn der Kirche die Treue zu halten.
Betet für unsere Regierung, dass sie ihre schwere Aufgabe zum Wohle des deutschen Volkes erfülle und dass sie Gott gebe, was Gottes ist! Betet für die Herstellung eines ehrlichen Friedens zwischen Staat und Kirche! Betet für alle verhafteten Brüder und Schwestern und für die bedrückten und verwaisten Gemeinden! Betet auch für uns, dass wir allezeit die Ehre unseres Herrn Jesu Christi vor Augen haben und dass wir der Obrigkeit geben, was sie nach Gottes Ordnung von uns fordern kann.
Unser Herr Jesus Christus hat uns die Verheißung gegeben: 'Ihr seid das Salz der Erde.' Luther hat uns gesagt, dass Gottes Wort und der Christen Gebet die Welt erhält. An der Christenheit, die betet, hängt die Zukunft unseres Volkes. Wir kämpfen für Christus und seine Herrschaft in unserem Volke. Lasset uns festhalten am Bekenntnis und nicht müde werden! 'Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat."
Und nun lese man noch einmal nach, was in dem Haftbefehl aus diesem Wort geworden ist. Und nun auch das, was ich Herrn Tunze auf seine Bitte hin zu meiner Erwiderung auf den Haftbefehl in meiner Gefängniszelle geschrieben habe:
"In Ergänzung unseres gestrigen Gesprächs teile ich Ihnen mit, was ich auf die Beschuldigungen, die in dem gegen mich ergangenen Haftbefehl erhoben worden sind, zu sagen habe. Ich kann den Haftbefehl nicht wörtlich zitieren, da ich keine Abschrift habe. Sie wird inzwischen wohl in Ihre Hände gekommen sein.
Ich soll in meiner Predigt am 11.7.1937 ausgeführt haben: 'Herr, mach uns frei von all dem Weh, das uns unsere Mitmenschen bereiten, Herr mach uns frei von allem Unglauben!' Diese Worte kamen nicht in einer Predigt vor, sondern in einem Eingangsgebet, das ich nun schon viele Jahre benutze. Bei dem 'Weh, das uns unsere Mitmenschen berieten', dachte ich an all das, was tagein, tagaus die Menschen einander bereiten in Familie, Nachbarschaft und am gemeinsamen Arbeitsplatz. Bei dem 'Mach uns frei von allem Kleinglauben' stand mir der Unglaube vor Augen, der sich im Leben eines jeden Menschen, auch des frömmsten, findet.
Es wird weiter eine Unterredung angeführt, die ich mit einem Manne gehabt habe. Der sagte mir: Wir brauchen keinen Glauben, der dem Denken unseres Volkes entspricht. Ich erwiderte ihm darauf: Ein Glauben, der menschlichem Denken entspricht, reicht nicht weiter als Menschenkraft reicht. Wir wollen aber einen Glauben, der uns gerade da hilft, wo Menschenkraft aufhört. Diese Unterredung werde ich wohl in meiner Predigt verwertet haben. Leider fehlen mir hier die Skizzen zu dieser Predigt. Außerdem liegt die Zeit des Urlaubs dazwischen, die uns von allem Geschehen zuhause weit weggeführt hat. Werder bei dieser Unterredung noch bei ihrer Erwähnung in der Predigt habe ich je an den Staat gedacht. Ich wüsste nicht wieso. Doch bei dieser in der Unterredung aufgeworfenen Frage handelt es sich um den Angelpunkt der geistigen Auseinandersetzung unserer Tage: Ist der Mensch allein mächtig auf dem Gebiet seines Lebens, oder ist er hier auf Gott angewiesen? Wir sind verpflichtet, darüber zu reden.
Weiter soll ich gesagt haben: Das Kreuz Christi 'werde heute in Schande und Spott gegangen'. Dieser Ausdruck stammt sicherlich nicht von mir, denn so drücke ich mich nicht aus. Wohl werde ich davon geredet haben, dass die Botschaft vom Kreuz heute verspottet werde. Das ist leider wahr. Man denke nur an die radikalen Kreise der Deutschen Glaubensbewegung[55], an Zeitschriften wie 'Der Durchbruch' oder 'Der Blitz'. Die Apologetische Zentrale in Berlin wird Ihnen reichliches Beweismaterial dafür liefern können. In ihrer Monatsschrift 'Wort und Tat' hat sie des öfteren entsprechende Zitate gebracht.
Weiter soll ich gesagt haben: Die Botschaft vom Kreuz sei durch keine Macht der Welt zu verdrängen. Das ist die biblische Botschaft! Ich weise nur hin auf Matth. 24,35: 'Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht'; Hebr. 13,8: 'Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit'; Offb. 1,17+18: 'Ich bin der Erste und der Letzte <...> und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit.' Auch hier war der Ausdruck 'Macht der Welt' ganz allgemein gefasst. Es gibt viele Mächte, die wider Gott streiten: die Macht des Bösen, die Macht unchristlichen Glaubens, die Macht menschlichen Wissens, menschlicher Künste. Und wir sehen hinter all dem die eine große Macht, die von Anbeginn der Welt gegen Gott steht. Epheser 6,12: 'Wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen...'
Weiter soll ich gesagt haben: Man solle nur fest zum Herrn stehen, mag kommen, was da kommen mag. 'Mag kommen, was da kommen mag' ist ein von mir oft gebrauchter Ausdruck. Wir wissen alle nicht, 'was kommen mag', was die Zukunft uns bringt an Freudvollem oder Leidvollem, an Glanz und Herrlichkeit oder dunkler Nacht. Und in dem allen steckt für uns die Versuchung, unserem Herrn untreu zu werden.
Sodann wird die Erklärung der Kirchenführer angeführt, die mit dem Bibelwort schloss: 'Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat' (1.Joh.5,4). Danach soll ich die Predigt geschlossen haben ungefähr mit den Worten: Der Glaube an das Kreuz Christi ist der Glaube, dem der Sieg gehört. Selbstverständlich war gemeint: der Sieg in der Welt, in dem Kampf zwischen Gott und Finsternis, an dem wir im Glauben teilhaben dürfen. Auch das ist biblische Botschaft.
In der Erklärung der Kirchenführer war auch die Aufforderung zur Bitte um einen 'rechten Frieden zwischen Kirche und Staat' enthalten. Wie kann man zu einem rechten Frieden kommen mit jemandem, gegen den man hetzt?! Wie konnten wir mit dieser Erklärung gegen den Staat hetzen? Ich habe die Erklärung aufgefasst in dem Sinn: einen Weg zu finden, der zu diesem Frieden führt. So wird sie sicherlich auch von denen gemeint gewesen sein, die sie verfasst haben. Und das ist doch das Gegenteil von Hetze.
Die Erklärung enthielt auch die Aufforderung zur 'Fürbitte für die verhafteten Brüder und Schwestern'. Nach 1.Tim.2,1 sind zur Fürbitte 'für alle Menschen' aufgerufen. Nach Gal.6,10 werden wir ermahnt, 'Gutes zu tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.' Und nach Matth.25,36 will Jesus beim Jüngsten Gericht auch nach unserer Fürsorge für die Gefangenen fragen – also schon Verurteilte! Er will sich selbst in ihnen wiedererkennen. Hier wird der staatlichen Gerichtsbarkeit nicht vorgegriffen, und sie wird nicht eingeschränkt. Doch der Christ hat bei seiner Fürsorge und Fürbitte nicht nach menschlichen Maßstäben über schuldig oder unschuldig zu fragen. Er weiß, dass wir vor Gott alle schuldig sind und alle angewiesen auf die Erlösung, die in Christus geschehen ist (Röm.3,23+24).
Am Schluss des Haftbefehls sind noch eine ganze Reihe schwerer Beschuldigungen erhoben worden: Ich hetzte beständig gegen Staat und Partei, die Maßnahmen des Staates würde ich als Christenverfolgung hinstellen und würde eine nicht mehr tragbare Erregung in meine Gemeinden tragen. Von dem allen ist mir nichts bewusst. Ich hetze nicht. Das wäre gegen meine Natur und gegen meine ganze Lebensauffassung. Ich habe noch nie von Christenverfolgung des Staates gesprochen, solch eine Torheit ist mir noch nicht in den Sinn gekommen. Über die Erregung in meinen Gemeinden könnten ja die Gottesdienstbesucher am besten Auskunft geben.
Als ich mit einer Frau am 11.7. nach Herressen zum Gottesdienst um acht Uhr ging, sahen wir den Gendarmeriewachtmeister Grau und wussten, dass er zur Kirche kam. Ich wusste, dass er während der Predigt nachschrieb, wusste, dass er auch in den beiden anderen Gottesdiensten zugegen war. Es wäre ja Selbstmord gewesen, hätte ich nun vor den Ohren des Vertreters der Staatsgewalt eine Hetze gegen den Staat vom Stapel gelassen, und das vier Tage, nachdem ich nach derselben Beschuldigung vor Gericht hatte stehen sollen! Nein, ich war meiner Sache ganz sicher, dass in diesem Gottesdienst nichts Anstößiges oder Verdächtiges vorkomme. Ich bin umso erschrockener, dass man gerade diesen Gottesdienst zur Grundlage einer neuen Anschuldigung nimmt. Möge es Ihnen gelingen, die maßgebenden Stellen von meiner völligen Unschuld zu überzeugen in den mir zur Last gelegten Dingen. Gott helfe Ihnen dazu!
Hoffentlich gelingt es Ihnen auch, eine häufigere Sprecherlaubnis für meine Frau zu erwirken. Bis ihre Briefe über die Zensur zu mir kommen, dauert es oft sieben Tage, und meine Antwort ist dann auch wieder mehrere Tage unterwegs. Was kann in dieser Zeit alles in einer großen Familie geschehen sein! Und meine Frau hat öfters Anfragen über die Haushaltsführung, die nun ganz allein auf ihr ruht – zum ersten Mal in unserer Ehe - : Da sind Rechnungsbeträge zu überweisen, Post zu erledigen und viel Fragen: Wo liegt dies? Wo hast du das? Auch unerledigte Sachen, die das Pfarramt betreffen. Nun ich weiß, Sie tun schon alles, was in Ihren Kräften steht. Haben Sie herzlichen Dank für all Ihre Mühe und auch für Ihren Besuch bei mir. Gott möge es Ihnen reichlich lohnen! ER schenke Ihnen weiterhin rechte Kraft und rechte Weisheit!"
Ja, Tunze tat, was in seinen Kräften stand. Er fuhr auch zum Reichsjustizminister nach Berlin, legte ihm – wie er mir später erzählte – meinen Haftbefehl vor und fragte ihn, was er davon hielte. Er habe ihm geantwortet: „Ja, hat sich das Sondergericht aufs Glatteis begeben.“ Er begab sich auch in die Höhle des Löwen, zu dem Vorsitzenden des Sondergerichts und frug ihn unter anderem: „140 Pfarrer haben in Thüringen das Wort der Kirchenführer verlesen. Nur acht davon sind in Untersuchungshaft genommen worden. Warum dies?“ Aus seiner ausweichenden Antwort habe er die Überzeugung gewonnen, dass der LKR die acht Pfarrer benannt hat. In Adelshofen[56] fand ich dann dies Wort im Pfarrarchiv. Aus dem Begleitschreiben geht hervor, dass es von der Kirchenleitung an sämtliche Pfarrer in Baden verschickt wurde mit der Aufforderung, es im nächsten Gottesdienst zu verlesen. Dort ist keinem Pfarrer, der es verlas, etwas geschehen.
Am 3. September feierte ich im Gefängnis meinen Geburtstag. Es war ein schwerer, aber auch ein schöner Tag. Ständig brachte mir der Wachtmeister Geschenke von Gemeindegliedern in meine Zelle, immer mit strahlendem Gesicht, als ob er Geburtstag hätte: Blumen und Süßigkeiten. Allmählich verwandelte sich meine Zelle in einen Blumenladen. Die nächsten Tage brachten zahlreiche Glückwunschschreiben, die meisten aus meinen Gemeinden. Sie mussten alle die Zensur in Weimar durchlaufen. Unter ihnen befand sich auch ein Brief von Freund Tunze – datiert vom 2.9., empfangen am 8.9.1937!:
"Zu Ihrem Geburtstag am Freitag, dem 3. September, bringe ich Ihnen zugleich im Namen meiner Frau unsere herzlichsten Wünsche dar. Nächst den Geburtstagen, die Sie im jugendlichen Alter als Soldat an der Front erlebt haben, wird dieser Geburtstag vielleicht der härteste sein, den Sie erlebt haben. Aber Gott möge Ihnen weiterhin Gnade verleihen, dass Sie mit Kraft und Fassung die Gegenwart ertragen!
In Ihrer Strafsache sende ich Ihnen anbei eine Abschrift der von mir gegen die Verkürzung der Sprecherlaubnis beim Sondergericht erhobenen Vorstellung zu Ihrer Kenntnisnahme. Den Antrag auf Gewährung der Schreibmaschine habe ich gleich in der Geschäftsstelle in Apolda gestellt, als ich am Dienstag bei Ihnen war."
Ich antwortete ihm sofort:
"Haben Sie herzlichen Dank für Ihre lieben Geburtstagswünsche. Ja, es war ein seltsamer Geburtstag, der mir zeitlebens im Gedächtnis bleiben wird.
Meine Erwiderung auf den Haftbefehl werden Sie wohl inzwischen erhalten haben. Ich habe sie noch am gleichen Tage geschrieben, an dem Sie hier waren. Ich denke, dass ich nichts vergessen habe. Höchstens die Kollekte, die merkwürdigerweise auch im Haftbefehl erwähnt ist. Es handelte sich natürlich auch hier um eine rein kirchliche Sache. Wir waren vom Bruderrat angewiesen worden, der Gemeinde bei der Bekanntmachung der Kollekte zu sagen, dass diese Sammlung nicht empfohlen werden könne, da sie nur rein nationalkirchlichen (deutsch-christlichen) Zwecken zugeführt werde. Meinen Hinweis auf die Gustav-Adolf-Vereins-Büchse habe ich nicht mit der Bitte 'um recht reichliche Gaben' verbunden, sondern habe es bei dem bloßen Hinweis belassen. In Herressen kam diese Bekanntmachung nicht in Frage, da dort seit altersher bei jedem Gottesdienst auch die Büchsen für die Ortskirche aufstehen. In Oberndorf ist der Kollektenbetrag so gering, dass ich mir diese Bekanntmachung schenken konnte.
Sollte in irgendeinem Punkte noch eine Unklarheit bestehen, so werden Sie ja noch einmal mündlich oder schriftlich bei mir anfragen.
Wie Sie ja schon gesehen haben, ist dem Antrag auf Benutzung der Schreibmaschine stattgegeben worden. Ich habe nun auch eine wärmere, nach Süden gelegene Zelle, in der ich die Glocken von Sulzbach hören kann.
Haben Sie herzlichen Dank für all Ihre Mühe. Gott gebe, dass sie zum gewünschten Erfolge führe!
Bitte empfehlen Sie mich Ihrer werten Frau Gemahlin. Besten Dank auch für ihre Geburtstagswünsche!"
Am 13. August abends war ich ins Amtsgerichtsgefängnis in Apolda eingeliefert worden. Bereits am 3. August hatte der LKR an mich geschrieben:
"Wir erfahren amtlich, dass Sie verhaftet sind <Also schon zehn Tage vor meiner Einlieferung ins Gefängnis, als ich noch in Oberbayern war und noch keine Ahnung hatte, was zuhause auf mich wartete. Das Schreiben wurde am Tage nach meiner Inhaftnahme meiner Frau zugestellt; W.K.>, sind aber nicht darüber unterrichtet, ob schon ein gerichtliches Strafverfahren gegen Sie eingeleitet ist. Von dem Augenblicke an, in dem Ihre Inhaftung im Rahmen eines gerichtlichen Strafverfahrens besteht, sind Sie nach § 29 des Dienstvergehensgesetzes kraft Gesetzes vorläufig des Dienstes enthoben, und diese vorläufige Dienstenthebung dauert bis zum Ablauf des 10. Tages nach Wiederaufhebung des Haftbefehls.
Da wir, wie gesagt, nicht wissen, ob schon ein gerichtliches Strafverfahren gegen Sie eröffnet ist und damit die gesetzlichen Wirkungen eingetreten sind, da aber Ihre Verhaftung auf jeden Fall den Verdacht schwerer Verfehlungen begründet, untersagen wir Ihnen aufgrund des § 32 des Dienstvergehensgesetzes vorläufig die Ausübung Ihres Amtes auch für den Fall, dass die Haft aufgehoben werden sollte. In diesem Falle wollen Sie uns sofort berichten."
Nun war dieser „Fall“ da, ich war aus der Haft entlassen. Ich wollte „sofort“ am nächsten Tage dem LKR berichten. Doch der kam mir zuvor. Schon am nächsten Tage nach meiner Heimkehr erhielt ich ein Schreiben des LKR: Ich sei auch weiterhin beurlaubt und dürfe keinerlei Amtshandlungen vornehmen, solange noch das Verfahren gegen mich schwebe.
Am 5.11.1937 erhielt ich folgenden Bescheid des Oberstaatsanwalts:
"Ich habe das gegen Sie wegen der Kanzelabkündigung vom 11. Juli 1937 eingeleitete Ermittlungsverfahren aus Mangel an Beweis eingestellt."
Ich schickte gleich am nächsten Tage eine Abschrift dieses Schreibens dem LKR und fügte dazu:
"Damit wäre der Grund meiner Beurlaubung hinfällig und ich hoffe, dass ich nun bald wieder meinen Dienst in meinen Gemeinden aufnehmen kann, damit auch wieder eine gewisse Befriedung in unsere Gemeinden einziehen kann."
Doch es kam auf dieses Schreiben keine Antwort. Der LKR schwieg sich aus. Da machte sich Anfang Dezember eine Abordnung von zwölf Männern aus allen drei Gemeinden auf die Fahrt nach Eisenach, um dort meine Wiedereinsetzung in das Pfarramt zu verlangen. Sie wurden von OKR Lehmann empfangen, der es sehr bedauerte, dass sie in meiner Sache immer noch keine Entscheidung treffen könnten, da die Akten des Staatsanwalts leider noch nicht vorlägen.
Der Kirchenkampf in Thüringen, achter TeilBearbeiten
Kurz danach kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel meine Ausweisung aus Thüringen am 7. Dezember, also mitten in der Adventszeit. Ich würde gegen zwölf Uhr auf das Bürgermeisteramt bestellt. Dort stellte sich mir ein Herr vor als Beamter der Geheimen Staatspolizei und wies sich durch eine Blechmarke aus. Er verlas ein rot umrändertes Schreiben. Mir wird ein Aufenthalts- und Redeverbot für das ganze Land Thüringen und für die angrenzenden preußischen Gebiete erteilt, und ich musste diese Gebiete innerhalb von 24 Stunden verlassen haben. Er trug die genaue Uhrzeit dieser Eröffnung in sein Schreiben ein und erklärte mir dazu:
"Sorgen Sie dafür, dass Sie diese Frist genau einhalten, denn alle Polizeiposten sind von uns angewiesen, auf die Einhaltung dieser Frist acht zu geben."
Ich wies ihn darauf hin, dass ich verheiratet und Vater von fünf Kindern sei. Bei solchen Familienverhältnissen sei doch die Frist sehr kurz. Er antwortete frech:
"Ihre Familienverhältnisse kennen wir. Wir wissen aber auch, dass Sie einen Personenwagen“ - er schaute in seinen Papieren nach - „mit dem Kennzeichen TH 105 277 besitzen, mit dem Sie sich schnell fortbewegen können. Bei Unverheirateten setzen wir nur eine Frist von zwölf Stunden."
Meine Bitte um eine Abschrift seines Schreibens wurde kurz abgewiesen. Er könne es mir nochmals vorlesen, wenn ich dies wünschte. Ich wünschte es.
Zu Hause rief mein Bericht – wie nicht anders zu erwarten – große Bestürzung hervor. Die erste Frage: Wo soll ich mich hinwenden? Gut, dass ich eine Mutter in Darmstadt hatte, bei ihr konnte ich Unterschlupf finden. Und die nächste Frage: Fahre ich allein? Wer fährt mit? Um ein Stück Heimat zu haben, nahm ich unsere vierjährige Annedore mit.
Am Abend kamen viele ins Pfarrhaus, die von meiner Ausweisung gehört hatten, um bewegt Abschied von mir zu nehmen. Wir hielten vor dem Auseinandergehen noch eine kurze Andacht miteinander. Am anderen Morgen fuhren wir mit unserem Auto früh fort, um die gesetzte Frist pünktlich einzuhalten. Trotz vereister Straßen und trotz eines kurzen Abschiedsbesuches bei Frau Kirchenrat Pfeiffer[57], der Vorsitzenden der Frauenhilfen, die all unsere Nöte treulich mit uns trug, kamen wir von Eisenach aus noch rechtzeitig über die „Grenze“. Um vier Uhr waren wir in Darmstadt. Mein erster Gang war zum Postamt, um ein Telegramm nach Sulzbach aufzugeben, das zu Hause unsere gute Ankunft meldete.
Einige Wochen zuvor hatte schon ein Mitglied der Kirchenleitung von der Möglichkeit dieser Ausweisung gesprochen. Man hatte es damals für einen Scherz gehalten, nun war es bittere Wahrheit geworden.
Doch nun schalten wir nochmals zurück zu dem Tag meiner Haftentlassung: 10. September abends. Die Frauen der Frauenhilfe kamen in unseren geräumigen Hausflur und sangen: „In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesus Christ...“ Doch schon am anderen Tag kam eine Vorladung des Amtsgerichts in Apolda:
"Über eine gegen Sie eingegangene Anzeige sollen Sie vernommen werden. Sie werden daher nach gerichtlicher Anordnung auf Mittwoch, den 15. ...1937, vormittags 11 Uhr vor das Amtsgericht hierselbst, Abteilung III, Zimmer Nr.17, geladen."
Mit der Schreibmaschine geschrieben stand unter dem gedruckten Formular die Drohung:
"Erscheinen Sie nicht, so haben Sie Ihre Vorführung zu gewärtigen."
Mutter war kurz vor einer Entlassung mit dem neunjährigen Gebhard zusammen vor das Amtsgericht zur Vernehmung geladen worden. Lehrer Benker hatte im Unterricht vor den Kindern das Märchen vom Rotkäppchen behandelt. Er schrieb auf der einen Seite der Wandtafel diejenigen, die zum guten Rotkäppchen gehören: der Führer, die Partei, die Volkswohlfahrt..., auf der anderen Seite die Bösen, die zum Wolf gehören und auch erschossen werden müssten. Unter ihnen ward auch die Frauenhilfe genannt. Als Gebhard uns davon erzählte, legten wir es still zu dem übrigen, was wir schon von Benker erfahren hatten. Einige Mütter kamen aber voll Empörung ins Pfarrhaus: Zu solchen Aussagen dürfe man nicht schweigen, der Lehrer gehöre angezeigt. Wir versprachen zu ihrer Beschwichtigung, einen Bericht an die Landesleitung der Frauenhilfe nach Eisenach zu schicken, um es der Landesleitung zu überlassen, was sie mit diesem Bericht anfange. Sie schickten ihn mit einer Beschwerde an das Kultusministerium nach Weimar. Dieses verhörte Benker. Benker erklärte alles für reine Phantasie von Gebhard, von dem ihm seine Mutter erzählt habe, dass er eine große Phantasie besessen habe. Das Kultusministerium erhob daraufhin Anzeige gegen uns beide wegen „falscher Beschuldigung“. Mehrere Mütter begleiteten Mutter und Gebhard zum Amtsgerichtsgebäude in Apolda und erklärten: Auch sie seien bereit, als Zeugen zu erzählen, was sie durch ihre Kinder von dieser Unterrichtsstunde erfahren hatten. Sie warteten im Flur, bis zuerst Gebhard und dann auch noch Mutter vom Amtsrichter vernommen worden waren. Der Amtsrichter nahm alles zu Protokoll und schwieg sich aus.
Ich berichtete über mein Verhör unserem Freund Tunze am 16.9.1937:
"Gestern war ich in derselben Sache wie meine Frau zur Vernehmung vor's Amtsgericht geladen. Ich bin mit angeklagt wegen 'falscher Beschuldigung'. Das Verhör war wesentlich zahmer als bei meiner Frau. Ich habe den Eindruck, dass man die Sache ad acta legen wird – zu dem anderen – für bessere Zeiten. Für Ihren Brief herzlichen Dank! Wir stimmen in allem Ihnen zu. Die Vollmacht meiner Frau liegt bei. Von einer Anzeige gegen Benker versprechen wir uns nichts."
Erst am 7. Dezember 1937, dem Tage meiner Ausweisung, erhielten wir beide, Mutter und ich, vom Oberstaatsanwalt in Weimar folgendes Schreiben:
"Ich habe das gegen Sie wegen leichtfertiger Anschuldigung eingeleitete Ermittlungsverfahren aus Mangel an Beweis eingestellt."
An dem gleichen Schicksalstag schrieb ich an Freund Tunze:
"Heute kam nun auch der Bescheid des Oberstaatsanwaltes, dass das Verfahren wegen falscher Anschuldigung eingestellt ist. Wir sind von Herzen dankbar dafür, dass auch hier das Recht zu seinem Sieg gekommen ist. Wann wird das letzte noch schwebende Verfahren eingestellt werden? Auch hier wird ja mit der Länge des Hinausschiebens die Beweisführung immer schwieriger werden. Meines Erachtens kann dies Hinausschieben für uns nur günstig sein.
Gestern hatten wir wieder einmal den Besuch des Gendarmeriebeamten in unserem Haus. Wir hatten bis jetzt alljährlich vor Weihnachten abgetragene Kleidungsstücke aus der Gemeinde zur gemeinsamen Sendung nach Bethel bekommen. In diesem Jahr sagte es nun meine Frau in der biblischen Erzählstunde ('Kindergottesdienst' durfte sie nicht halten): Wenn ihre Eltern auch diesmal wieder Sachen für Bethel hätten, sollte sie die die Kinder das nächste Mal mitbringen. Zehn Kinder brachten nun am Sonntag kleine Päckchen mit getragenen Kleidungsstücken für Bethel. Gestern erschien nun der Bürgermeister mit dem Gendarmeriebeamten und holten während meiner und meiner Frau Abwesenheit die Sachen weg mit der Begründung, es sei eine verbotene Sammlung. Die Sachen kämen an die NSV nach Apolda. Soweit ich die Bestimmungen kenne, ist es auch heute noch erlaubt, dass ein bestimmter Personenkreis für Anstalten sammelt, die er auch bisher unterstützt hat. Die Erregung in den Kreisen der Bethelfreunde ist groß. Hoffentlich bleiben wir wenigstens über die Weihnachtsfeiertage von neuen Aufregungen verschont. (Nachmittags um 12 Uhr erhielt ich den Ausweisungsbescheid!).
Mutter hörte dann nichts mehr von dieser 'verbotenen Sammlung', bis ihr der Oberstaatsanwalt beim Landgericht in Weimar am 18. Februar 1938 schrieb: 'Das Verfahren gegen Sie wegen Vergehens gegen das Sammlungsgesetz und Begünstigung habe ich eingestellt.'"
Doch nun wieder zurück zum 4. Oktober 1937. Ich schrieb an diesem Tage an den Bruderrat in Gotha:
"Unsere Lage hier hat sich neuerdings wieder verschärft. Ab 1. Oktober ist ein DC-Hilfsprediger Streitberger[58] mit der Verwaltung des hiesigen Pfarramts beauftragt worden. Unsere Gemeinden sind darüber sehr bestürzt und wollen nun auf Grund von § 8 des Minderheitenschutzgesetzes eine geregelte Versorgung ihrer Glaubenshaltung verlangen. Die erste Auswirkung ist eine große Vermehrung unseres Mitgliederstandes. (Er schnellte von 50 auf über 200 empor.) Darin zeigt sich, wie sehr die Gemeindeglieder an einer lauteren Wortverkündigung festhalten. Möge Gott ihnen helfen in dem ihnen neu aufgezwungenen Kampf!
Es war geplant, dass am vergangenen Sonntag (dem Erntedankfest) noch einmal Bruder Benner aus Apolda hier und in Herressen den Gottesdienst halten sollte. Das Oberpfarramt und der neue Hilfsprediger waren damit einverstanden. Die Gemeinden freuten sich sehr darüber, und die Frauen schmückten mit viel Liebe und Eifer die beiden Kirchen am Sonnabend nachmittag. Da erfuhren wir abends um einhalb zehn Uhr, dass vom LKR in Eisenach diese Predigtordnung umgestoßen und der neue DC-Prediger mit der Abhaltung der Gottesdienste beauftragt worden sei. Im Nu verbreitete sich diese Kunde. In bitterem Weh räumten die Frauen die Kirchen wieder aus. In Sulzbach brachten sie die Erntedankfestgaben ins Pfarrhaus und bauten sie in unserem geräumigen Flur neu auf. Als der 'neue Pfarrer' früh um acht Uhr nach Herressen kam, fand er im Gottesdienst sieben Leute vor. In Sulzbach wurde am Sonntag Morgen noch schnell zu den Mitgliedern der Partei und NS-Frauenschaft herumgeschickt mit dem Erfolg, dass etwa 30 Erwachsene zur Kirche kamen. Am Sonntag abend hatte ich eine gut besuchte Bibelstunde in meiner Wohnung.<Am Montag wurden die Frauen, die die Kirche ausgeräumt hatten, vor das Bürgermeisteramt geladen und dort von dem Gendarmen verhört. Für jede wurde ein „Fragebogen für Beschuldigte“ ausgefüllt; W.K.>
Die neue Regelung des LKR zeigt, dass man in Eisenach wohl mit einer längeren Dauer des jetzigen Zustands rechnet. Das letzte Ziel ist ja schon lange klar und deutlich. Wir sind auf alles gefasst. Sollten wir uns nicht mehr in Sulzbach halten können – was wir ja nicht hoffen wollen - , so möchten wir uns wieder unserer Heimat in Süddeutschland zuwenden. Mir wäre es am liebsten, wenn ich in der Kirche in Württemberg unterkommen könnte, wir haben aber auch schon an Baden gedacht, die unmittelbare Heimat meiner Frau. Darum sprachen wir letzthin einmal bei Bischof Wurm[59] und Kühlewein vor und fanden großes Entgegenkommen. Mein Haftbefehl wirkte als ein sehr klarer Ausweis. Wurm erklärte spontan, als er ihn gelesen hatte: 'Das predigen wir hier jeden Sonntag von unseren Kanzeln und beten so vor unseren Altären.' Doch wünschte er die für uns selbstverständliche Zustimmung des Landesbruderrates. Ich denke, dass man sie mir im Notfall nicht versagen wird. Bis jetzt ist meine Zeit trotz meiner Beurlaubung überreich ausgefüllt. Wir sind dankbar für jeden Tag, den wir hier zubringen dürfen. Es ist tief bewegend, die Treue und Liebe dieser einst kirchlich so gleichgültigen und toten Gemeinden in so reichem Maße verspüren zu dürfen. Gott hat uns damit so reich gemacht. IHM gebührt Dank und Ehre!"
Der Landesbruderrat antwortete mir umgehend:
"Es ist richtig, dass Ihre Gemeinden versuchen, auf Grund des Minderheitenschutzgesetzes eine geregelte Versorgung im Sinne der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft zu erlangen. Sie müssen aber die nötigen Schritte (Eingabe mit Unterschriften, eventuell Abordnung zum LKR usw.) von der Gemeinde her veranlassen. Empfehlenswert ist auch ein Schreiben an das Reichskirchenministerium. Ob dabei etwas erreicht wird, ist zweifelhaft. Das ist aber nicht das Entscheidende. Von einem freiwilligen Verlassen der Gemeinde möchte ich Ihnen dringend abraten. Die Gemeinde bedarf jetzt mehr denn je Ihrer Hilfe. Es wird dem LKR auch schwer fallen, Sie jetzt herauszudrängen. Sein Ziel ist zweifellos, die Pfarrer mürbe zu machen, dass sie von selbst gehen. Diesen Gefallen dürfen wir ihnen auf keinen Fall tun. Um der Sache willen dürfen wir nicht weichen. Der Zustand kann freilich noch lange dauern. Es ist sogar möglich, dass sich die Lage noch schwer verschärft, wenn der LKR sieht, dass er so nicht zum Ziel kommt. Gott wird aber Ihnen und Ihrer lieben Frau auch die Kraft geben, die Unsicherheit zu ertragen."
Am 5.10.1937 ging eine Eingabe der Bekennenden Kirche Sulzbach an Pfarrer Schanze in Weimar, der auch dem Landesbruderrat angehörte:
"Der LKR hat am 1. Oktober dem Hilfsprediger Streitberger die vorläufige Verwaltung des Kirchspiels Sulzbach für die Zeit der Beurlaubung des Ortspfarrers Koch übertragen. Streitberger gehört den Thüringer DC als Mitglied an. Durch diese Mitgliedschaft setzt er sich in scharfen Gegensatz zu dem größten Teil der Kirchengemeindemitglieder in allen drei Kirchengemeinden, die die Lehre dieser Richtung ablehnen müssen um ihres christlichen Glaubens willen, der sich auf Bibel und Bekenntnis gründet. Es ist diesen Kirchengemeindemitgliedern unmöglich, an den Gottesdiensten des Hilfspredigers Streitberger teilzunehmen. Sie fordern daher für ihre geistliche Versorgung einen Pfarrer, der auf dem gleichen Bekenntnis-Boden steht wie sie, der regelmäßig Gottesdienste in allen drei Kirchen hält und die Amtshandlungen übernimmt sowie den Konfirmandenunterricht. Am 29. Juni hat Herr Kirchenrat Lehmann in der Sitzung der Kirchenvertretung in Oberndorf dieses Bedürfnis für die kleine und unkirchliche Schar der DC ohne weiteres anerkannt und befriedigt, sogar mit der Zur-Verfügung-Stellung seiner eigenen Person. Wieviel mehr liegt in der gegenwärtigen Lage der Kirchengemeinden ein wirklicher Notstand vor, der auf Grund des Minderheitenschutzgesetzes eine sofortige Abhilfe fordert. Nur so kann in die verstörten Gemeinden der Friede und das Vertrauen zurückkehren, die durch das unverantwortliche Verhalten der DC vernichtet worden sind, unterstützt durch Personen, die nach dem Gesetz sich von aller Einmischung in kirchliche Angelegenheiten der Gemeinden frei halten müssten. In der Kirche Jesu Christi darf nicht die brutale Gewalt herrschen, sondern hier muss bestimmend sein der Gehorsam gegen Gott, sein Wort und den Herrn dieser Kirche, wenn anders noch von einer christlichen Kirche geredet werden soll.
Für die bedrängten Kirchengemeinden '
I.A. Wilhelm Friedrich, Oskar Scheide, Erich Wieduwilt."'
Am 8.10.1937 schrieb mir Pfarrer Bauer vom Landesbruderrat in Gotha:
"Bruder Schanze schickte mir die Eingabe aus Sulzbach zur Weiterbehandlung. Ich halte es durchaus für richtig, dass sie zunächst an den LKR geht. Von uns kann sie jedenfalls nicht ausgehen. Wenn sich Männer finden, die den Antrag persönlich vor dem LKR vertreten können, wäre die gleichzeitige Abordnung das Richtige. Die Männer würden dann nach oder bei ihrer Vorsprache das Schriftstück auf den Tisch des Hauses legen. Würde der LKR Schwierigkeiten machen, so würde sofort an das Reichskirchenministerium heranzugehen sein. Das könnte aber schriftlich geschehen. Ich schicke Ihnen die Eingabe also wieder zu."
Auf diese Weise erfuhr ich erst von der „Eingabe“. Ich weiß nicht, wer sie verfasst hat und auch nicht, was weiter mit ihr geworden ist.
Der Kirchenkampf in Thüringen, neunter TeilBearbeiten
Mit Herrn Hilfsprediger Streit – berger erschien ein neuer Streiter auf dem Hauptkampfplatz, der sich aber zuerst in seine Rolle unter dem Beistand der Partei einarbeiten musste. Er tat es als ein williger und gelehriger Schüler. Er wohnte bei Bürgermeister Karpe und arbeitete unter seiner Betreuung. Am 4. Oktober 1937 erschienen die beiden zur amtlichen Übergabe des Pfarrarchivs und der Registratur[60]. Es wurde ein Übernahme-Protokoll aufgesetzt und unterschrieben:
"Der Hilfsprediger Streitberger hat mit dem heutigen Tage das Pfarrarchiv mit seinem gesamten Bestand, die Registratur der drei Kirchgemeinden und der Pfarrei, die pfarramtlichen Formulare und die Kirchensiegel übernommen. Die Bestände des Archivs und der Registratur wurden anhand der Verzeichnisse auf ihre Vollständigkeit geprüft und alles vorhanden gefunden. Außerdem erhielt Streitberger den Schlüssel zum Depositenkasten, der die Schuldscheine, Sparbücher und Versicherungspapiere der Kirchgemeinden und Pfarrei enthält."
Am 18.10.1937 erhielt ich ein Schreiben vom Oberpfarramt Apolda-Land, den Konfirmandenunterricht in Sulzbach betreffend:
"Nach einem fernmündlichen Bericht des Hilfspredigers Streitberger an den Landeskirchenrat haben Sie in den Gemeinden des Kirchspiels Sulzbach für die Teilnahme an einem von Pfarrer Liebe-Mattstedt zu erteilenden Kofirmandenunterricht geworben. Der Landeskirchenrat teilt mir daraufhin soeben fernmündlich durch Herrn Kirchenrat Stüber[61] für Sie als Warnung mit, dass Sie sich, solange Ihre Beurlaubung dauert, jeglichen Eingriffes in die Entwicklung der dortigen kirchlichen Verhältnisse zu enthalten haben."
Dazu erhielt ich ein persönliches Schreiben von Oberpfarrer Topf:
"Lieber Herr Amtsbruder! Ich vermute, dass die Dinge etwas anders liegen und dass Sie wieder als Verantwortlicher vorgeschoben werden. Im übrigen wissen Sie ja, dass man nach einer Ursache sucht, um gegen Sie disziplinarisch vorzugehen. Man wird wahrscheinlich auch Streitberger die Dinge so erzählt haben, als hätten Sie im Dorf herum geschickt, und er ist sehr dienstbeflissen darauf eingegangen."
Ich hatte gewiss es nicht notwendig, für den Konfirmandenunterricht von Pfarrer Liebe zu werben. Man sehnte sich ja danach. Wer seine Kinder zu Pfarrer Liebe in den Unterricht schicken werde, war von vornherein klar.
Am 20.10.1937 schrieb mir Herr Streit – berger:
"Nach Aussprache mit den Kirchenvertretern und nachdem ich mich über die örtlichen Verhältnisse informiert <!> habe, sind wir <!> zu dem Entschluss gekommen, dass ich einen Dienstraum im Pfarrhaus erhalten muss. Hierzu geeignet ist das Konfirmandenzimmer, das ich zugleich als Archiv einrichten kann, da mir z.Zt. kein verschließbares, ordnungs- und vorschriftsmäßiges Archivzimmer übergeben worden ist. Vielmehr gehen Sie ja täglich immer hindurch <was nicht stimmt, denn durch's Amtszimmer geht es einem unserer Fremdenzimmer, das den ganzen Winter über nicht benutzt wird; W.K.> und haben auch Schränke von sich darin stehen. Deshalb ersuche ich: 1. um Räumung dieses Konfirmandenzimmers, das Sie z.Zt. als Wohnzimmer benutzen, bis 1. November 1937; 2. um Übergabe der Schlüssel dieses Raumes; 3. um Übergabe eines Schlüssels für die hintere Haustür. Heil Hitler! N.B. Mit Befremden habe ich erfahren müssen, dass Herr Lehrer Benker die Gesangbücher, die der Kirchgemeinde gehören, erst durch Kinder von Ihnen abholen lassen müssen, obgleich Sie mir doch versprochen hatten, dass Ihr Mädchen diese in die Kirche tragen würde. Sie haben den Kindern nur fünf Gesangbücher ausgehändigt. Wie mir gesagt wurde, müssen zehn Stück da sein. Ich ersuche Sie um Aufklärung oder die fehlenden zehn Bücher bis zum 31. Oktober 1937 vor dem Reformationsgottesdienst in die Kirche bringen zu lassen."
Ich antwortete ihm:
"Hiermit übersende ich Ihnen das eine Gesangbuch der Kirche und ein Gesangbuch des Pfarramtes, das noch hier in unserem Haus geblieben ist. Ich hatte unserem Mädchen aufgetragen, die Bücher zum Gottesdienst in die Kirche zu bringen. Dabei vergaß sie leider die beiden Bücher. Zwei Bücher sind in den zehn Jahren der Benutzung abhanden gekommen, - ähnlich wie in Oberndorf, wo es leider noch mehr als zwei sind. Ein Buch befand sich immer auf der Orgel und eins in der Sakristei.
Wegen Ihrer Forderung auf Räumung unseres Wohnzimmers habe ich mich an Herrn Oberpfarrer Topf gewandt. Sie werden wohl bald von ihm hören."'
An Oberpfarrer Topf schrieb ich:
"Anbei übersende ich Ihnen einen Brief Streitbergers, den ich heute erhalten habe, mit der Aufforderung zur Räumung unseres Wohnzimmers. Ich bitte um Ihre Vermittlung in der Sache. Sie kennen unser Haus und unsere Verhältnisse. Wir haben im unteren Stock nur die beiden ineinander gehenden Wohnräume, die wir bei unserem großen achtköpfigen Haushalt dringend benötigen. Das von Herrn Streitberger geforderte Zimmer ist das Spiel- und Lernzimmer unserer Kinder, in dem wir täglich unsere Mahlzeiten einnehmen. Auch sonst ist das ganze Haus angefüllt mit Möbeln, so dass wir den Raum, in dem früher das Archiv untergebracht war und das sich in einem bösen Zustand befand (keine Tapete, keine Decke, kein gestrichener Boden, Herberge der Mäuse) auf unsere Kosten herrichteten, weil wir ein weiteres Zimmer unbedingt brauchten. Wir haben das Archiv jetzt so eingerichtet, dass Herr Streitberger jederzeit ungestört darin arbeiten kann. Hält Herr St. uns für Spitzbuben, die das Archiv nicht unberührt lassen, so kann er doch leicht alles in verschließbare Schränke unterbringen lassen. Ein großer, verschließbarer Aktenschrank ist vorhanden. Wir sind bereit, noch ein Übriges zu tun und den Archivraum durch einen Vorhang von unseren Schränken und von unserem Durchgang zum Nebenzimmer abzutrennen. Dies Nebenzimmer ist unser Fremdenzimmer, das augenblicklich und wohl auch den ganzen Winter über nicht benutzt wird. Und Herr St. war bis jetzt in den drei Wochen dreimal kurz im Archivraum. Auch sind wir bereit – wenn es gewünscht wird – für die Stunden des Konfirmandenunterrichtes von Herrn St. in unserem Wohnzimmer so viel Platz zu machen, dass er mit seinen Konfirmanden hereinkommen kann. In dieser Weise habe ich seit meinem Hiersein immer den Unterricht gehalten. Schließlich bin ich ja immer noch Pfarrer von Sulzbach. Eine Beurlaubung kann doch wahrlich nicht als Dauerzustand angesehen werden.
Klaus betet jeden Abend von sich aus – und es ist auch unser Gebet - , 'dass das Leiden bald ein Ende nehme'."'
Am 5. November 1937 beehrte Herr Streit – berger meine Frau mit folgendem Schreiben:
"Es ist mir zu Ohren gekommen, dass Sie am 2. Kirmestag während des Kirchweihgottesdienstes im Pfarrhaus vor 33 Kindern Kindergottesdienst gehalten haben. Nach ortsüblichem Brauch wird auch im Kindergottesdienst Kollekte erhoben. Zwecks Abführung in die hiesige Kirchkasse möchte ich Sie bitten, mir umgehend mitzuteilen, ob und wieviel Sie an Kollekte vereinnahmt haben."
Mutter antwortete ihm:
"Auf Ihre heutige Anfrage teile ich Ihnen mit: 1. Ich habe keinen Kindergottesdienst gehalten, sondern nur eine biblische Erzählstunde. 2. Dabei ist keine Kollekte erhoben worden. 3. Die Kinder haben mir einige Gaben für das Krüppelheim in Arnstadt[62] in die Hand gegeben, die ich direkt an die Anstalt überweisen werde. Zum Zweck der kirchlichen Statistik werde ich Ihnen gern am Schluss des Jahres den Gesamtbetrag mitteilen."
Zu dem Schreiben an Herrn Oberpfarrer Topf vom 25.10.1937 muss ich noch nachtragen, dass ich darauf nichts mehr über die Forderung nach der Räumung unseres Wohnzimmers gehört habe. Erst bei dem „seelsorgerlichen Besuch“ von Kirchenrat Stüber bei meiner Frau am 18. Januar 1938 brachte Streitberger seinem Gönner Stüber gegenüber seine Bitte um einen Raum im Pfarrhaus nochmals vor. Trotz des von Streitberger, Karpe und mir unterzeichneten Übergabeprotokolls vom 4.10.1937 rief mich am 22.11.1937 Oberpfarrer Topf an: Streitberger habe ihm telefonisch mitgeteilt, dass im Archiv das eine Kirchenbuch von Oberndorf fehle. Ich sah sofort im Archiv nach und schrieb an das Oberpfarramt:
"Wie Herr Streitberger und Herr Bürgermeister schriftlich beurkundet haben, wurden bei der Übergabe des hiesigen Pfarrarchivs 'die Bestände des Archivs und der Registratur anhand der Verzeichnisse auf ihre Vollständigkeit geprüft und alles vorhanden gefunden'. Davon, dass ein Buch abhanden gekommen sei, war keine Rede. Wäre das angeführte Taufbuch nicht vorhanden gewesen, hätten ja die beiden Herren etwas Falsches unterzeichnet. Wie ich mich soeben überzeugt habe, steht das Buch noch auf seinem alten Platz im Aktenschrank. Damit ist die Reklamation des Herrn Hilfspredigers Streitberger als eine leichtfertige Lüge gekennzeichnet."
Am 2.12.1937 musste ich mich wieder in Sachen Streit – berger an das Oberpfarramt wenden:
"In der Kirchenvertretersitzung am 29.11.1937 kam unter dem Punkt 'Verschiedenes' auch die Eingabe von Herrn Streitberger, das Oberndorfer Taufbuch von 1850ff. Betreffend, zur Sprache. Dabei wurde wieder den Tatsachen widersprechend erzählt, dass bei der Übergabe des Archivs ein Buch gefehlt habe, nun sei es wieder da. Dieser Bericht hatte zur Folge eine Schimpferei über mich und Herrn Oberpfarrer Topf, der der Vorsitzende in keiner Weise wehrte. Bei der Angabe, dass das Oberpfarramt den Bericht Streitbergers über das angeblich abhanden gekommene Taufbuch nicht an den LKR weitergeleitet habe, rief der Kirchenvertreter Schröder: Das sei ja Unterschlagung! Im weiteren Verlauf der 'Aussprache' wurde ich von dem Kirchenvertreter Remde ein 'Lügner' genannt. Zeuge für diese Vorgänge ist der Kirchenvertreter Erich Wieduwilt, der mir davon berichtet hat, und der Kirchenvertreter Rudolf Dennstedt, der still dieser 'Aussprache' zuhörte. Der Hinweis von Herrn Wieduwilt, dass man über Abwesende, die sich nicht verteidigen könnten, nicht losziehe, wurde mit weiteren Beschimpfungen erwidert.
Als Christen wissen wir, dass wir 'nicht über unserem Meister' sind, den sie 'Beelzebub' geheißen und dass wir willig der Welt Schmähen und Höhnen ertragen sollen. Aber solange sich eine Körperschaft noch Kirchenvertretung nennt und ihr Vorsitzender ein evangelischer Prediger sein will, darf man wohl verlangen, dass sie mehr Takt zeigt und dass der Vorsitzende nicht ungerügt Beleidigungen über Abwesende aussprechen lässt."'
Das war am 2. Dezember 1937. Am 7. Dezember kam meine Ausweisung aus Thüringen. Meinen Rechtsanwalt und Freund Tunze rief ich sofort an und teilte ihm meine Ausweisung mit. Er schrieb zugleich zurück, bat um Vollmachten, da er wohl um meinetwillen bei verschiedenen Behörden vorstellig werden müsste und wollte von mir wissen, welche Behörde meine Ausweisung ausgesprochen habe und was als Grund dafür angegeben worden sei. Die erste Frage konnte ich ihm beantworten, die zweite aber nicht. Die Gestapo hat mir den Grund für die Ausweisung nicht genannt. Am 9.12. schrieb mir Mutter:
"Gleich will ich nach Jena abmarschieren zum Rechtsanwalt."
Am Tage darauf erzählt sie mir:
"Bei Tunze in Jena war ich über fünf Viertelstunden. Er will am Samstag Deinetwegen zur Gestapo nach Weimar fahren, will versuchen, im günstigen Falle einen Weihnachtsurlaub für Dich zu erwirken. Ich kann mich dieser Hoffnung nicht hingeben. Tunze meint, Dein Platz sei hier trotz Deines Fortmüssens nicht aufgegeben. Ich fuhr um zwei Uhr zurück. Nächste Woche soll ich wiederkommen.
Hier wollte mich Frl. Alberti[63] besuchen. Sie war dann in Oberndorf und Herressen bei den Leiterinnen der Frauenhilfe und kehrte auch von Oberndorf befriedigt zurück. Wie müssen wir dankbar sein, dass wir solche Treue hier erleben dürfen."
Am 14. Dezember berichtete sie mir:
"Ich war in Weimar. Dr. Schanze rechnet nicht mit der Möglichkeit, dass Du zurück kommst. Ich auch nicht. Tunze war gestern bei ihm, nachdem er vorher bei der Gestapo vorgesprochen, zerschmettert, erschüttert. In Jena sind wieder neue Aufregungen, einer der BK-Studenten wurde verhaftet. Man spürt nicht, dass es augenblicklich günstiger für die Kirche steht. Dr. Schanze tröstet mich, dass die Gemeinde nicht verlassen sei. Pfarrer Liebe setzt sich ja auch treu ein. Von Pfarrer Bauer in Gotha erhielt ich auch ein Schreiben, bei der gegenwärtigen Lage müssten wir beide Geduld haben. Ich darf hier viel Liebe verspüren."
Am 10.12. erzählte ich Mutter von unserer Fahrt nach Darmstadt und weiter nach Weingarten:
"Endlich, endlich komme ich dazu, Dir zu berichten. Unsere Fahrt war zuerst sehr schwierig: Bis Erfurt dichter Nebel, dann Schnee und schließlich ganz glatte Straße. Wir kamen bei vorsichtiger Fahrt nur langsam vorwärts. In Gotha hörte ich, dass augenblicklich die Lage für die Kirche etwas günstiger wäre. Es hätten schon die ersten Verhandlungen zwischen Kirchenministerium und Lutherischem Rat stattgefunden. Man hoffe, dass meine Ausweisung wieder rückgängig gemacht werde. Es sei wichtig, dass die Stelle gehalten werde. Trotz des schwierigen Fahrens kam ich doch um 11:08 Uhr über die 'Grenze'. Um 12 Uhr waren wir in Fulda und machten eine Stunde Mittagsrast. Hinter Schlüchtern war dann die Straße wieder eisfrei, schließlich auch schneefrei und hinter Hanau wieder trocken. Dass wir trotz all diesen Schwierigkeiten pünktlich, wie vorgesehen, um vier Uhr in Darmstadt ankamen, zeigt, wie wunderbar wir behütet wurden. Einmal war es sehr kritisch. Gleich im Preußischen kamen wir einen Berg hinunter, unten auf der Talsohle hielt ein Lastzug, der wegen der Glätte nicht weiter konnte. Auf der anderen Seite kam ein Auto entgegen. Ich bremste sachte, der Wagen kam nicht zum Stehen. Ich bremste fester. Sofort drehte sich der Wagen glatt herum und versperrte den Zwischenraum zwischen Lastzug und linkem Straßenrand. Doch das entgegenkommende Auto kam rechtzeitig zum Stehen, die Leute vom Lastzug schoben uns auf der spiegelglatten Straße beiseite hinter den Lastzug und schoben mich dann auch wieder an, sonst wäre ich kaum weitergekommen. In D. fuhr ich zuerst ans Postamt und dann erst in die Taunusstraße. Dort war natürlich das Staunen und Entsetzen groß. Wir gingen dann noch zu Agathe aufs Büro und telefonierten dort an Friedrich. Nach dem Abendessen kamen die Heinrichsträßer. Am anderen Morgen machten wir uns auf den Weg zum Meldeamt. Dort wusste der Beamte nicht, was er mit uns machen sollte. Er telefonierte an das Hauptmeldeamt und schickte mich dorthin. Dort hatte man noch meine polizeiliche Meldung von 1919 und holte auch die Karte von meiner Mutter herbei. Der Beamte war sehr freundlich. Wir kamen spät heim, aßen gleich zu Mittag, konnten nur kurz schlafen und kamen doch erst um drei Uhr weiter. In Mannheim kamen wir auch völlig unerwartet an. Martel hatte Deine Karte noch nicht erhalten. Um ein Viertel fünf Uhr ging's weiter, gleich mit Licht. Trotzdem uns ein furchtbarer Sturm entgegen blies, fuhr unser braver Wagen auf der Autobahn doch zwischen 70 und 80 km/h! Um ein Viertel sechs Uhr waren wir hier. Eine halbe Stunde vorher war Deine Karte angekommen.
Heute war ich bei Kühlewein. Dasselbe wie das erste Mal: Er muss erst auch in Gotha und in Berlin anfragen. Er glaubt auch, dass die Ausweisung wieder rückgängig gemacht werde."'
Am 11.12.1937:
"Heute will ich gleich morgens anfangen, Dir zu schreiben, damit es diesmal in Ruhe geschehen kann. Gestern war es ein schwieriges Schreiben. Rings um mich brandete eine lebhafte Unterhaltung. Hoffentlich bist Du doch aus meinem Bericht klug geworden, soweit überhaupt Klarheit in unsere Lage zu bringen ist. Wir müssen ja vorerst die Last der Unsicherheit noch weiter tragen. Ich soll einen Antrag auf Übernahme in die badische Landeskirche stellen. Wann und wie dieser Antrag entschieden wird, ist noch ungewiss. Doch bei all dieser Ungewissheit ist doch eines gewiss: 'ICH bin bei Euch alle Tage.' Ich weiß, dass Du den größten Teil dieser Last zu tragen hast. Wie gerne möchte ich Dir helfen! Wie flehe ich stündlich für Dich um Kraft.
Annedore ist bis jetzt sehr lieb. Wie bin ich so froh an ihr. Mit ihr geht ein Stück Heimat, ein Stück von Dir mit mir.
Hier sind wir lieb aufgenommen worden. Gestern Vormittag war ich bei Kühlewein bestellt. Bei Lydel aßen wir zu Mittag und nahmen sie nach dem Schlafen mit hierher zum Kaffeetrinken. So war es bis jetzt eine rechte Hetze. Wie freue ich mich, dass ich jetzt noch einige Ruhetage habe. Am Mittwoch wollen wir wieder zurück nach Darmstadt. Dort werden wir dann gleich alles zu Eurem Empfang richten. Gestern haben wir noch folgende Pläne für Euren Besuch gemacht: Am 29. fahren wir nach Wertheim, treffen dort mit Lydel zusammen, feiern am 30. Adolfs Geburtstag mit, kommen dann am 31. hierher und bleiben hier bis zum 3. Januar.
Grüße bitte die Buben alle und sag ihnen, dass ich eine große Freude habe, wenn ich höre, dass sie lieb und folgsam sind. Auch von Annedore viele Grüße und 'sie wär argarg lieb', soll ich Dir schreiben."'
Am gleichen Tag schrieb ich an den Bruderrat in Gotha:
"Gestern war ich bei Kühlewein. Ich soll einen Antrag auf Übernahme in die Badische Landeskirche stellen. Er meint, dass die Ausweisung wieder rückgängig gemacht werden könne. Ich glaube nicht, dass diese Möglichkeit bald eintritt. Ich bin in größter Sorge um meine arme Frau, auf der nun die ganze Last des Haushalts, der Kindererziehung und der Fürsorge für die Gemeinden liegt. Dazu kommt noch, dass man sie auf manche Weise bedrücken wird. So schrieb sie mir jetzt, dass sie am Mittwoch Vormittag zweieinhalb Stunden durch den Gendarm verhört wurde. Ob sie das alles aushalten kann? Helfen Sie bitte, bitte mit, dass dieser furchtbare Zustand bald ein Ende finde."
Ja, schon am nächsten Tag meiner Ausweisung, kurz nach meiner Abreise, wurde sie vom Gendarmen zweieinhalb Stunden verhört wegen dem Geld, das nach Arnstadt ans Krüppelheim ging, wegen Sammelpäckchen nach Bethel und wegen des Abends vor meiner Abreise. Doch man ruhte nicht mit Anzeigen und Verhören. Am 14. Januar 1938 berichtete mir Mutter:
"Um vier Uhr kam Frau Richter (die Amtsdienerin) und bestellte mich wieder einmal zum Herrn Wachtmeister. Er fing gleich mit der 'Pfennigsammlung' mit, gemeint war das 'blaue Wunder' (eine Sammlung für die Leitung der Frauenhilfe in Eisenach zur Besoldung einer dritten Kraft; die Frauen fertigten kleine Sammelschächtelchen und beklebten sie mit blauem Papier; die Anregung und Anleitung kam von Frau Oberpfarrer Topf in Utenbach). Er wollte dann genau wissen, wie das in Herressen war, als wir für Frau L...sch gesammelt hätten <Diese Frau hatte kurz vor der Geburt unseres Jüngsten zu einer Nachbarin gesagt: Die arme Frau Pfarrer steht kurz vor der Geburt und wird so gequält, und an allem ist nur der in Herressen schuld; das erfuhr Lindner und erstattete sofort Anzeige gegen sie. Freund Tunze nahm sich ihrer an, die Sache zog sich hin bis zum September. Die Frauen sammelten für die Gerichts- und Anwaltskosten der armen Witwe; W.K.>. Als ich ihm wiederholt sagte, ich wüsste das nicht mehr genau, und er es nicht glauben wollte, verweigerte ich jegliche Aussage. Da waren wir dann schnell fertig, zehn Minuten vor fünf Uhr war ich wieder entlassen. Ich hoffe und wünsche so von Herzen, dass ich es recht gemacht habe. Ich hatte vorher gebetet und war auch ganz ruhig. Er zeigte mir einen ganzen Stoß Akten, die er alle in Herressen aufgenommen hatte. Darauf erwiderte ich: 'Na, da wissen Sie es ja! Und wegen der blauen Schächtelchen wenden Sie sich doch nach Eisenach.' Er: 'Nein, hier muss die Sache untersucht werden!'
Gelt, mein Herzliebstes, Du bist mit mir einverstanden, was soll ich mich immer stundenlang quälen lassen. Frau L. wurde auch verhört. So wird immer gesorgt, dass das Dorf in Aufregung bleibt."'
Wie recht Mutter mit der Verweigerung der Aussage vor dem Gendarmen hatte, zeigte sich dann beim nächsten Verhör vor dem Amtsrichter in Apolda am 27.1.1938. Mutter berichtet darüber:
"Wie dankbar bin ich, dass auch dieser Tag wieder gut vorüber gegangen. Auf dem Amtsgericht hatte diesmal Dr. Trebing[64] das Verhör. Zuerst kam die Herressener Sammlung für Frau L. Ich sollte den Hergang des Abends schildern, sollte sagen, was gesprochen worden. Das konnte ich beim besten Willen nicht, wie er auch ins Protokoll schreiben ließ. Warum ich für Frau L. eingetreten sei? Weil ich ihr, als sie die Zustellungsurkunde erhielt, geraten, sie solle zum Rechtsanwalt sich wenden. Ich wollte ihr helfen, die Kosten für den Rechtsanwalt aufzubringen. (Gelt, es waren 65 RM?) Warum ich das Geld nicht direkt an den Rechtsanwalt geschickt? Das wäre wohl besser gewesen? Ich hatte keine Ahnung, dass ich etwas Unrechtes tue, ich bin nicht so rechtsbewandert. Er: 'Dann wäre die Sache gar nicht vor Gericht gekommen. Ihr Mann hat wohl in Darmstadt veranlasst, dass man für Frau L. sammele?' Ich: 'Das ist ganz ausgeschlossen. Die 18 RM, die meine Schwiegermutter Frau L. gab, waren von Verwandten geschickt worden, die hier auf Besuch gewesen und von der Not von Frau L. gehört hatten.' Er: 'So, das war vor der Verhandlung, als die Sprache noch gar nicht gesprochen war?' Ich: 'Ja, im August oder September.' Er: 'Dann ist das kein Unrecht, wenn es geschah, damit die Rechtsanwaltskosten bezahlt werden können, wie Sie eben sagten.' Dann kam die Sache mit den Schächtelchen. Ich war so ruhig, erzählte, dass man in Erfurt auf diesen Ausweg gekommen, um so dem überlasteten Landesverband eine dritte Kraft zu ermöglichen; dass ich das Musterschächtelchen von Utenbach mitgenommen, dass wir das Papier gekauft und angeregt hätten, die Schächtelchen zu bekleben. Er hörte alles ruhig an und meinte, es sei Sache des Oberstaatsanwalts, über die Sache zu entscheiden, ob es Unrecht sei. Von einviertel zwölf Uhr bis zwölf Uhr ward ich verhört. Als ich um zehn Uhr ins Amtsgericht eintrat, erwartete mich Frl. Alberti. Fräulein Eitner, der ich gedankt und es ihr kurz mitgeteilt hatte, hatte gestern abend telefoniert und Frl. Alberti gebeten, nach Apolda zu kommen. Das ist doch sehr lieb. Ich bin froh, dass Ihr in Darmstadt keine Schwierigkeiten wegen Frau L. bekommen werdet. Wegen Arnstadt und Bethel ward ich nicht gefragt, das wird wohl noch kommen."
Am 9.2.1938 schrieb ich dem Landesbruderrat unter anderem:
"Heute wurde ich hier in Darmstadt einem nochmaligen polizeilichen Verhör unterzogen, weil ich eine Unterstützungsaktion für ein Frauenhilfsmitglied in S. angeregt haben sollte, und weil von mir aus die Anregung für die Sammlung 'Das blaue Wunder' ausgegangen wäre. Beides ist aber nicht der Fall."
Beide „Strafverfahren“, die vor allem Mutter soviel Aufregung gebracht hatten, wurden dann endgültig in einem Schreiben des Oberstaatsanwalts an „Frau Hildegard Koch geb. Meerwein in Sulzbach“ bereinigt:
"Das Verfahren gegen Sie wegen Vergehens gegen das Sammelgesetz und Begünstigung habe ich eingestellt."
Am 10.12.1937 war Herr Oberpfarrer in Sulzbach erschienen, um auftragsgemäß nochmals die Amtsgeschäfte Streit – berger zu übergeben. Mutter schrieb mir darüber:
"Herr Oberpfarrer hat gestern das Archiv übergeben. Er war nur ganz kurz noch bei mir nachher und stellte folgende Fragen, die ich Dir heute übermittle. Der Vervielfältigungsapparat sei aus dem Überschuss der Heimatglocken-Gelder bezahlt worden, also aus Geldern der Gemeinden und gehöre somit dem Pfarramt, meinte Streitberger. Außerdem vermisste Herr Oberpfarrer das Pfarramtskassenbuch, Du habest es bei der Übergabe nicht mit übergeben. Wie es mit Heizung und Beleuchtung (Expeditionsaufwand) stehe und mit dem Portoverzeichnis? Wo das Bild des alten Pfarreres Rüling geblieben sei?"
Am 13.12.1937 beantwortete ich von Weingarten aus in einem Brief an Herrn Oberpfarrer seine Fragen:
"Meine Frau schrieb mir einige offene Fragen von der Amtsübergabe. Hier meine Antworten. Den Vervielfältigungsapparat hatte ich ja schon längst verdient durch die Arbeit, die ich durch sieben Jahre mit der Herstellung der 'Heimatglocken' hatte. Doch Herr St. soll ihn haben. Ich habe meiner Frau in diesem Sinne geschrieben. - Das Bild des alten Pfarrers Rüling habe ich fotografieren lassen, da wir die Kosten für die Wiederherstellung des Bildes nicht aufbringen konnten. Ich rahmte das Bild in einen Rahmen, der meiner Mutter gehört. Da meine Mutter Wert darauf legt, dass ihr der Rahmen erhalten bleibt, nahmen wir das Bild wieder in unsere Verwahrung. Ich schrieb jetzt nach Hause, dass man das Bild aus dem Rahmen tue und ins Archiv stelle. Mit Kirchenbaurat Rade sprach ich bei seinem letzten Aufenthalt in Sulzbach über das Bild. Er billigte das Fotografieren und meinte, das Original könnte man 'in Ehren sterben' lassen. Aber vielleicht Herr St. das Geld für die Wiederherstellung des Originals auf, das ja noch immer in der Sakristei hängt. Ein Pfarramtskassenbuch habe ich nicht mehr geführt. Da die Ausgänge in anderer Reihenfolge kamen als die Eingänge, geriet ich mehreremale in Durcheinander und hatte viel unnötige Arbeit mit dem Fehlersuchen. Darum blieb ich bei unserer früheren Buchung im Kollektenbüchlein. Dies Büchlein hatte Herr St. auch erhalten. Ich sagte ihm damals, dass ich kein Pfarramtskassenbuch mehr geführt habe. - Wegen der Rückerstattung der Expeditionsaufwands- und Dienstaufwandsentschädigung muss Herr St. seine Forderungen an mich stellen. Ich warte schon lange darauf. Durch die Kirchrechnungsführer kann er ja erfahren, was ich bis jetzt bekommen habe und was noch nicht. Als Gegenforderung habe ich noch die Zeugnisgebühren vom ersten Rechnungsvierteljahr von der Kirchkasse Sulzbach zu beanspruchen. Ich wollte schon einmal mit Herrn Karpe darüber abrechnen, doch der lehnte ab und meinte, das sei Sache von Herrn St."
Streit – berger hielt auch nach dem Besuch von Kirchenrat Stüber am 18.1.1938 keine Ruhe. Mutter schrieb in ihrem Brief vom 28. Februar:
"Herr St. hat bei der letzten Kirchenvertretersitzung von 15 RM gesprochen, die wir ihm noch zu zahlen hätten für Heizung, Beleuchtung und Reinigung, und von der Altardecke, die noch nicht da sei. Dabei liegt sie schon monatelang auf seinem Tisch! Wassergeld bezahlte ich ihm."
Noch in ihrem letzten Brief von Sulzbach am 24. März 1938 berichtete Mutter von St.:
"Herr Streitberger hatte herumgeschickt mit einer Aufrechnung für schon erhaltene Gemeindegelder, die ich sofort zuzahlen müsse, weil ich so kleinlich sei und den ganzen Garten geplündert habe. Es stehen aber noch eine Unmenge Blumen darin. Du siehst, der Hass verfolgt mich bis zur letzten Minute."
Als wir im April 1948 zum ersten Mal nach fast zehn Jahren wieder nach Thüringen kamen, erfuhren wir von „Onkel Topf“, dass St. schon bald nach seinem Eintreffen in Sulzbach über das Oberpfarramt an den LKR berichtet habe: „Wenn es mir nicht gelingt, den Pfarrer Koch von hier zu vertreiben, werde ich bald auch meine Freunde (die DC) gegen mich haben.“
Der Kirchenkampf in Thüringen, zehnter TeilBearbeiten
Am 6. April 1938 räumten wir das Pfarrhaus. Viele Frauen kamen, um uns zu helfen und reinigten das ausgeräumte Pfarrhaus vom Speicher bis zum Keller. Sie ließen sich in ihrer Arbeit auch nicht irre machen, als Bürgermeister Karpe mit dem Gendarmen erschien und die Namen der Frauen aufschreiben ließ, da zu viele Frauen hier zusammengekommen seien. Bei unserem ersten Wiedersehen mit unseren Gemeinden erfuhren wir auch, dass St. in der Pfarrchronik von Sulzbach geschrieben hat, dass wir das Pfarrhaus in einem bösen Zustand zurückgelassen hätten. Das ist wahrlich eine schwere Kränkung der treuen, fleißigen und tapferen Frauen, die uns halfen. Ebenso ist es eine glatte Lüge, dass wir – wie es Streitberger in der Pfarrchronik schrieb – den Pfarrgarten verwildert als eine „Kulturschande“ zurückgelassen hätten.
Die Frauenhilfsarbeit ging nach meiner Ausweisung zuerst ungehindert weiter. Mutter erzählte in ihrem Brief vom 12.12.1937:
"Gestern Abend hatte Frau Knauer zum Frauenhilfsabend in Oberndorf eingeladen. Ein großer Zug pilgerte mit mir nach Oberndorf. Ich habe ihnen dann aus dem Philipperbrief vorgelesen und dabei das gleiche gesagt, was Du mir geschrieben: Es ist, als wäre es für uns in unsere Tage geschrieben. Es war mir eine große Freude, dass es für die Oberndorfer selbstverständlich ist, dass sie weiterhin der Sache Treue halten. Dankbaren Herzens kehrte ich um einhalb ein Uhr hierher zurück, begleitet bis ins Haus."
Doch schon am 16.12. heißt es in ihrem Brief in Vorahnung kommenden Unheils:
"Hier heißt es, wir müssten am 21. das Pfarrhaus räumen. Heute Abend spricht Kreisleiter Hofmann in Herressen. Er hätte schon in Apolda fest geschimpft auf Dich. Aber es soll all das unseren Frieden nicht nehmen."
Und als Nachtrag zu ihrem Brief:
"Eben war Rosa Koch da. Hofmann hat gestern Abend erklärt: 'Ich habe gestern drei Frauenhilfen von Sulzbach, Herressen und Oberndorf aufgelöst zum Schutze von Volk und Staat <!>. Wer etwas unternimmt in der Frauenhilfe, wird mit 500 RM bestraft.' Ich habe sofort nach Eisenach telefoniert. Ich soll es schriftlich einreichen. Vorläufig muss alles ruhen. Gelt, Du denkst an uns. Ach GOTT, wann wirst du uns Frieden schenken? Wir sehnen uns so heiß danach! Wärst Du doch bei mir!"
Und dann am Abend des 17.:
"Ein schwerer Tag geht seinem Ende zu. Das war heute früh ein Schlag, die Nachricht von der Auflösung der drei Frauenhilfen! Schriftlich bekam ich nichts zugestellt. Ich beschwerte mich sofort schriftlich in Eisenach. Frau Hermann Sander[65] in Oberndorf teilte mir heute Abend mit, dass Frl. Eitner von Eisenach am Sonntag um drei Uhr zu ihr komme. Ich wusste ja, dass uns der Landesverband nicht im Stiche lässt."
Klaus schrieb dazu:
"Unsere <!> Frauenhilfe ist verboten. Nun dürfen wir auch nicht mehr in die Kinderstunde. Da haben viele Kinder geweint."
Und was war die Begründung für dies Verbot? Als auf die Nachricht von meiner Ausweisung viele Gemeindeglieder ins Pfarrhaus kamen, wurden zwei Frauen – Frau Widuwilt und Frau Loose – auf dem Heimweg aus dem dunklen Hinterhalt mit Steinen beworfen. Sie hatten eine Taschenlampe bei sich und leuchteten damit den beiden halbwüchsigen Burschen ins Gesicht und sagten ihnen, dass sie sie der Polizei anzeigen würden. Obwohl meine Frau ihnen abriet, erstatteten sie doch Anzeige. Darauf wurden die drei Frauenhilfen in den Gemeinden polizeilich verboten mit der merkwürdigen Begründung, die öffentliche Sicherheit sei durch die Frauenhilfen gefährdet; es sei schon fast zu Tätlichkeiten gekommen. Meiner Frau wurde von dem Gendarmen erklärt: Alle drei Bürgermeister hätten strenge Anweisung erhalten, auf sie acht zu geben. In keinem Haus von Frauenhilfsfrauen dürften mehr als vier Frauen zusammenkommen.
Am 18.12.1937 schrieb Mutter:
"Eben habe ich Fräulein Eitner an die Bahn gebracht. Herr Hermann Sander aus Oberndorf hat uns geführt. Wir müssen jetzt stille sein. Man wird sich für unsere Frauenhilfen einsetzen."
Während der Weihnachtsfeiertage, die die ganze Familie in Darmstadt bei der Großmutter zubringen durfte, schrieb Fräulein Eitner an Mutter:
"Wir haben inzwischen die verschiedensten Schritte unternommen, um Ihrer Frauenhilfe wieder zu ihrem Recht zu verhelfen. Gesetzlich ist die Auflösung einer einzelnen Frauenhilfe nicht möglich, nur ein Versammlungsverbot kann ausgesprochen werden. Also, Ihre Frauenhilfe ist nicht aufgelöst <!!>, darf nur vorübergehend nicht zusammenkommen."
Doch dies „vorübergehend“ dauerte dann doch bis zum Zusammenbruch der nationalsozialistischen Herrschaft.
Am 9. Januar 1938 schreibt Mutter in ihrem Brief:
"Jetzt ist's gleich zehn Uhr. Eben verabschiedeten sich Frau Widuwilt und Frau Dennstedt, die mir auch Grüße, viele viele Grüße an Dich auftrugen. Frau Widuwilt wurde gestern wieder einmal verhört, weil sie in der vorigen Woche eine 'verbotene Sammlung im Sinne der Frauenhilfe gehalten' habe. Frau Scheide, Lydia, Frau Dennstedt und beide Frau Koch waren am Abend dort gewesen. Sie spielten 'Elfer raus', Herr Widuwilt spielte Harmonium, sie sangen einige Lieder! Frau Widuwilt hat sich sehr aufgeregt. Es ist ja auch schlimm. Der Gendarm hat sie auch gefragt, ob sie auch die Frau Pfarrer besuche. Ob da noch mehr Frauen dabei wären. Ach, wann wird’s endlich, endlich einmal aufhören, all der Hass, all die Aufpasserei und Anzeigerei??"
Ende Februar bis Anfang März war ich auf Einladung des Bruderrats der Bekenntnisgemeinschaft in Hannover und durfte dort in zehn Gemeinden von unserem Kirchenkampf in Thüringen berichten. Nach meinen Unterlagen erzählte ich dabei:
"Dadurch, dass unsere Bekenntnisgemeinschaft in den drei Dörfern über 200 eingetragene Mitglieder hatte, konnte sie aufgrund der kirchlichen Gesetze erreichen, dass ihr ein regelmäßiger Sondergottesdienst alle vier Wochen zugestanden wurde. Zweimal fand dieser Gottesdienst statt, dann wurde er von der Kirchenbehörde verboten mit der Begründung, die bisherigen Gottesdienste hätten zu große Beunruhigung in die Gemeinden gebracht. Die Beunruhigung bestand darin, dass diese Gottesdienste bis auf den letzten Platz besetzt waren, während der DC-Hilfsprediger vor leeren Bänken predigte. So hatten die Gemeinden weder in der Adventszeit, noch zu Weihnachten, noch zu Neujahr einen eigenen bekenntnisgemäßen Gottesdienst. Endlich am 6. Februar wurde ihnen wieder ein Gottesdienst zugestanden, aber unter der sonderbaren Bedingung, dass erstens hinfort die Mitglieder auch die Gottesdienste des DC-lichen Hilfspredigers besuchen, zweitens es nicht wieder zu einer Demonstration komme, d.h. dass die Gottesdienste nicht mehr so gut besucht werden wie bisher. Da beide Bedingungen nicht erfüllt wurden, war dies für absehbare Zeit der letzte Gottesdienst in den Gemeinden.
Während meiner erzwungenen Beurlaubung nach meiner Haftentlassung hatte ich die Arbeit in den Frauenhilfen fortgesetzt und hatte regelmäßig Bibelstunden gehalten. Meine Frau rief sonntags die Kinder zusammen, die keinen Religionsunterricht und nun auch keinen Kindergottesdienst mehr hatten, und erzählte ihnen biblische Geschichten. Nach meiner Ausweisung kam Pfarrer Liebe aus Mattstedt und hielt die Bibelstunden weiter. Als er das erstemal kam, traten die Gemeindeglieder nicht auf dem gewöhnlichen Wege durch das Pfarrtor ins Pfarrhaus ein, sondern hinten herum durch den Pfarrgarten. Als Mutter erstaunt fragte, warum auf diesem ungewöhnlichen Wege, erfuhr sie, dass das Hoftor zugeriegelt sei. Sie ging hinaus und öffnete es wieder. Kurz danach polterte es am Pfarrtor, es war wieder verschlossen. Da gingen einige Männer hinaus und stellten sich in einen Hinterhalt, um zu sehen, wer das sei, der das Tor immer wieder verriegele. Da sahen sie, wie der Bürgermeister mit zwei anderen Männern auf die Mauer des benachbarten Schulgrundstücks sprangen und im Begriff waren, in den Pfarrhof überzusetzen. Als man sich gegen dieses Eingreifen in fremde Rechte verwahrte, erklärte der Lehrer, der Bürgermeister sei Ortspolizeibehörde. Wenn er etwas Verdächtiges <!!> wittere, dürfe er auch fremde Grundstücke betreten und fremde Tore verschließen. Wenn er dies allein nicht ausrichten könne, dürfe er sich mitnehmen, wen er wolle.
Beim nächsten Mal, als sich Pfarrer Liebe zurüstete, nach Sulzbach zu gehen, ward ihm durch Eilboten mitgeteilt, dass ihm das Betreten der Ortschaft bei 50 RM Strafe verboten sei. Als Pfarrer Benner in Apolda ein Mitglied der Bekenntnisgemeinschaft beerdigen wollte, wurde ihm vom Bürgermeister das Betreten des Friedhofs untersagt."'
Das alles spiegelt sich in den Briefen von Mutter wider. Am 12.12.:
"Heute früh waren wieder 32 Kinder zur Erzählstunde da. Inge Wünscher kam am Freitag und erklärte, sie dürfe nicht mehr kommen, ihr Vater leide es nicht. Wo Ronnigers Kinder blieben, weiß ich nicht. Frau Schönerstedt war voller Ärger über die beschlagnahmten Broschen der Frauenhilfe, die von unserer Kasse bezahlt wurden. Aber all das müssen wir ertragen lernen. Und es soll uns das Herz nicht zu schwer machen."
Am 13.12.:
"Nächsten Sonntag will Pfarrer Liebe wieder zur Bibelstunde kommen. Gestern hatten sie während der Zeit immer wieder unser Hoftor zugeschnappt, darüber rege ich mich aber nicht weiter auf. Wegen unserer Gottesdienste spricht Pfarrer Liebe heute mit Herrn Oberpfarrer."
Am 13.1.1938:
"Ich habe mit Pfarrer Benner telefoniert, ob er morgen zur Konfirmandenstunde komme. Ich erfuhr, dass er erst am Samstag sich nach hier aufmachen könne, er habe in dieser Woche dreimal Konfirmandenstunde, eine Beerdigung und eine Goldene Hochzeit. Die Kinder müssten wohl in Zukunft nach Apolda zur Konfirmandenstunde gehen. Mir tut es um der Kinder und um der Gemeindeglieder willen leid, so sehen sie gar keinen anderen Pfarrer mehr! Aber Du tröstest mich ja immer, es sei nicht unsere Sache, die wir treiben. Frau Blaszik will ihr Kindchen von Pfarrer Benner im Hause taufen lassen."
Am 16.1.:
"Der Sonntag will schon zu Ende gehen. Da will ich schnell noch zu Dir eilen. Um zehn Uhr habe ich Gebhard und Hanfried von der Geburt des Johannes und der Darstellung Jesu erzählt. Um einviertel fünf Uhr machte ich mich auf den Weg zur Kirche nach Apolda. In Herressen kam mir Else Scheide entgegen, ich solle doch auf den Omnibus warten, der zwischen einhalb und dreiviertel fünf Uhr käme. Ich besuchte solange Hackholzens, die mir ein Tässchen Kaffee anboten. Auf dem Hinweg waren 24 im Auto, rückwärts war er ganz besetzt. Es waren viele – zehn oder noch mehr – schon zu Fuß gegangen. Es war doch eine große Freude, dass man sich wiedersah. Pfarrer Benner ließ das Lied singen 'Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich' und am Schluss 'Segne und behüte...' Er sprach über die Hochzeit zu Kana: 'Meine Stunde ist noch nicht gekommen!' Durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein! Wie sehr gilt das uns!"
Klaus berichtete am 26.1.:
"Am Sonntag war ich mit mehreren Sulzbachern in Apolda um fünf Uhr in der Kirche. Es predigte ein hessischer Missionar, der in Indien war. Er hat sehr schön gepredigt... Morgen muss Mutter vor's Gericht."
Gebhard schrieb am 28.1.:
"Heute erzählte Pfarrer Benner, dass er am 6.2. um einhalb zehn Uhr in Sulzbach und um zwei Uhr in Herressen Gottesdienst halten solle. Er hält dann von 11-12 Uhr hier Konfirmandenunterricht und isst darauf bei uns zu Mittag. Pfarrer Benner unterrichtete heute bei Widuwilts, weil Werner ein lahmes Bein hatte."
Und Mutter am 29.1.:
"Heute abend war ich in Herressen um wegen der Taufe und dem Gottesdienst Bescheid zu sagen. Nährlichs und Grätschers freuten sich über mein Kommen und lassen Dich herzlich grüßen."
Am 31.1.:
"Heute waren ab zehn Uhr drei Gendarmen in Sulzbach, ein vierter kam noch dazu. Um einhalb acht Uhr waren sie noch da. Benker, Remde, Weiland und noch mehr sind verhört worden. Die Ansicht, dass der Bekenntnisabend von Dr. Schanze durch einen Apparat abgehört worden sei, wird immer mehr geäußert... Streitberger hat in der Kirche abgekündigt, dass Pfarrer Benner am nächsten Sonntag predige unter der Bedingung, dass die Bekenntnisgemeinde auch zu ihm in den Gottesdienst käme!"
Am 1.2.:
"Heute waren wieder den ganzen Tag drei Gendarmen hier, eine ganze lange Reihe von BK-Mitgliedern wurden verhört, alle wegen des Abends von Dr. Schanze, die ganze Familie Scheide und Loose, Herr Loose eineinhalb Stunden lang. Frau Elsa Scheide ist heute Abend hier und erzählt von ihrem Verhör. Gendarm Sundhaus wäre sehr ärgerlich gewesen, weil die 'Weiber' alle nichts wüssten. Es wird wohl selten einen Ort geben, wo so viele Anzeigen an der Tagesordnung sind. JV[66] und BDM[67] sollten an der Beerdigung von Herrn Jüttner teilnehmen, der aus der Kirche ausgetreten ist. Klaus war nicht oben, ich schrieb auch keine Entschuldigung."
Am 3.2.:
"Gelt, am Sonntag denkst Du an uns. Ach, dass sie doch nicht lau und müde und gleichgültig werden!! Herr Kirchenrat Stüber hat in der Sitzung am 18.1. gesagt, der 6. Februar dürfe keine Demonstration werden. Manchmal fürchte ich, sie haben den Bann noch nicht abgeschüttelt, der sie am 18.1. abends gefangen nehmen wollte. Und ich sage es mir immer wieder vor: ER hat's in Händen! Kann alles wenden, wie nur heißen mag die Not!"
Am 5.2.:
"Frau Rosa Koch erzählte heute Abend von ihrem Verhör. Eineinhalb Stunden hat man sie 'gequält', das ist das einzig anwendbare Wort für die Art dieser Herren Gendarmen. Sie möchte nicht mehr vor die Wachtmeister, und ich kann's ihr nicht verdenken, weiß ich doch, wie man es mit mir gemacht hat. Frau Friedrich und Frau Dennstedt holten Lydia ab. Frau Friedrich sagte, dass man in Herressen schon an die Werkstatt von Lehmann gedacht habe für einen Raum der BK. Das hat mir Mut und Freude gemacht, dass Herr Kießling doch auch mit sorgt und denkt."
Am 6.2. morgens:
"Strahlenden Sonnenschein hatten wir heute zu unserem Gottesdienst. Ungefähr 60 Leute waren hier da – (also doch eine 'Demonstration für Sulzbacher Verhältnisse) - ."
Und am 6.2. abends:
"Die Anteilnahme an den beiden Gottesdiensten hat mir wohl getan. Es werden auch in Herressen bei 50-60 gewesen sein. Ich wohnte dem Gottesdienst auch in Herressen bei, damit man wieder einmal unter der BK-Gemeinde war. Man sieht sich ja sonst kaum einmal. Pfarrer Benner sprach in Herressen wärmer als hier in Sulzbach, er spürte doch auch vielleicht unbewusst die Gegenströmung. Ich weiß, dass Du in Gedanken unter uns weiltest. Es war mir, als müsse ich hier Abschied nehmen von unserem Kirchlein, in das wir schon viel Freud und Leid getragen und IHM gebracht haben... Nach der Kirche heute Vormittag hat mich Frau Ille aufgesucht. Ihre treue, stille Art tut einem wohl. Ellys Kindchen ist auch von einem BK-Pfarrer getauft worden."
Am 24.3.:
"Wie Du aus inliegender Karte siehst <leider nicht mehr da; W.K.>, ging es nicht ohne Aufregung gestern ab. Schon den ganzen Tag hatte die eine oder die andere Angst und wollte nicht mehr, obwohl ich sie doch angemeldet hatte. Aber wir waren doch eine ganz schöne Zahl: 33. Frau Widuwilt hatte zugesagt, blieb aber zuhause, ebenso Frau Liesel Koch, deren Mann es nicht erlaubte trotz des Extragrußes! Pfarrer Liebe hat sich sichtlich gefreut, wir wurden sehr herzlich aufgenommen, Kuchen stifteten die Mattstedter, Kaffee nur 25 Pfennige. Es schlug gerade zwölf Uhr, als wir wieder heim kamen.
Dr. Schanze aus Weimar hat gestern auch sehr lieb geschrieben. Ich würde Dir den Brief schicken, aber ich will ihn den Männern zeigen: 'Unmöglich, dass das, was an wirklicher Gemeinde dort gewachsen ist, einfach wieder einschlafen kann. Auf jeden Fall müssen immer wieder Sondergottesdienste beantragt werden. Von einem Wechsel des Pfarrers halte ich nichts. Ein eigener Raum wäre die solideste Grundlage für alle weiteren Operationen... Es erscheint mir zweifelhaft, ob es günstig ist, Rückkehrerlaubnis zum Zwecke des Umzugs zu erbitten. Aber schaden kann es schließlich nichts, wenn man es versucht.'
Es liegt mir schwer auf der Seele, dass niemand für Fahrten zum Gottedienst usw. sorgt, wenn ich weg bin. Pfarrer Benner wusste am Freitag noch nicht, wie es ab Ostern mit den Konfirmanden wird. Ich werde über die Angelegenheit an Pfarrer Schanze in Weimar schreiben."'
Am 25.3.:
"Pfarrer Benner berichtete heute, dass das Büro des Bruderrats in Gotha geschlossen und versiegelt sei. Das hat mich ganz erschüttert. Und dabei behauptete er, es sei zur Zeit ruhig. Die Konfirmanden werden nicht mehr in den Zeitungen veröffentlicht, die Listen sind beschlagnahmt. In Apolda darf nicht mehr in den Schulen Konfirmandenunterricht erteilt werden, sie bauen die Herberge zur Heimat als Saal aus. Herr Streitberger hat heute hier seine erste Passionsandacht gehalten. Es waren drei Erwachsene in der Kirche."
Am 27.3.:
"Die Frauenhilfsfrauen wollen das ganze Pfarrhaus scheuern, Fenster putzen, Türen abwaschen, wenn wir weg sind. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Alle Verantwortung wollen sie tragen."
Am 30.3.:
"Ich hatte gestern viel Besuch. Vor dem Abendbrot Herr Kießling und Frau Else Kießling, dann Frau Zeugner aus Oberndorf mit Frau Knauer, Frau Ziegler, Frau Martha Burkhardt, Frau Dora Scheide, Frau Erna Kürbs und Frau Rosa Koch. Es ist zwölf Uhr geworden, ehe ich zur Ruhe kam. Alle grüßen Dich herzlich, auch Frau Widuwilt, die ich fast vergaß."
Und nun das letzte und traurigste Kapitel:
Der Kirchenkampf in Thüringen, elfter TeilBearbeiten
Vom Evangelischen Landeskirchenrat in Eisenach aus Thüringen hinausgedrängt!!!
Mutter berichtete am 17.1.1938:
"Frau Witasek kam und fragte mich gleich nach der Versammlung morgen. Versammlung? Ich weiß nichts von einer Versammlung! Die Kirchenvertreter seien zu einer gemeinsamen Sitzung mit Kirchenrat Stüber eingeladen worden auf morgen um einhalb acht Uhr! Man vermutet, dass ich räumen soll für Streitberger."
Und am 18.1. nachmittags:
"Jetzt ist's gleich fünf Uhr; bis jetzt war noch niemand da wegen heute Abend. Da richte ich auch nichts."
Und am 18. abends:
"Wie sehnt sich mein Herz heute nach Dir!! Um einhalb sechs Uhr, Frau Le Plat war gerade bei mir, erschien Kirchenrat Stüber mit Herrn Streitberger. Herr KR Stüber hat mir gleich eröffnet, dass Du ab 1. Februar in den Wartestand[68] versetzt bist. Ich habe eine Frist von zwei Monaten zur Räumung des Pfarrhauses! Streitberger brachte sein Anliegen wegen des Konfirmandenzimmers vor. Stüber wollte 'Härten vermeiden', beaugenscheinigte alles, redete dann Streitberger zu, sich die zwei Monate hinzudrücken. Er wollte mir gegenüber als der feine Herr sich zeigen, der 'Verständnis für die Lage der alleinstehenden Frau mit fünf Kindern' habe. Er beklagte sich, dass man einen vom LKR eingesetzten Pfarrer als 'aufgezwungenen Hilfsprediger' bezeichne; inwieweit wir daran schuld hätten, wolle er nicht erörtern. Ich brachte die Sache mit dem Kirchenbuch zur Sprache, weil ich gleich ahnte, dass Herr Streitberger heute Abend sie auftischen würde. Das hat er auch gleich bestätigt. Streitberger hat alles wieder so berichtet wie damals in seinem Schreiben. Darauf sagte ich: 'Da sehen Sie ja, dass man nur einer Seite Gehör schenkt. Es hat gar keinen Wert zu sprechen, wenn einem nicht Glauben geschenkt wird. Wir werden ja behandelt wie Dreck.' Das hat den Herrn Stüber aufgebracht, dagegen wollte er sich wehren. Die Sache mit der Vergütung bat er dann zu regeln, das Geld der Gemeinde zurück zu geben. Ich darauf: 'Wir haben noch nie Geld gewollt, das uns nicht zusteht. Mein Mann hat geschrieben, Herr Streitberger möge sich deshalb an ihn wenden.' Herr Stüber machte mir zum Vorwurf, dass ich mich nie persönlich an ihn gewandt. Die BK'front' lehne ihn ab. Das wäre bitter für den LKR. Ich antwortete ihm, dass ich das nie gewagt, weil der LKR immer nur eine Seite hört und nie in den schweren Monaten mir ein Wort habe zukommen lassen. Er: Die Abzüge am Gehalt träten erst</> nach zwei Monaten in Kraft. Die Zeit sei mit Rücksicht auf den Schulwechsel der Kinder lange hinausgezogen worden. <Alles Schwindel!!!, wie es sich hernach klar herausstellte!; W.K.> Erst nach sieben Uhr verabschiedete sich Herr Stüber; Herrn Streitberger hatte er vorher entlassen, als ich ihm meine Verwunderung über die Begleitmannschaft ausdrückte.
Die Sitzung wurde dann nicht im Pfarrhaus, sondern in der Schenke abgehalten. Die Herren Lehrer haben die Kirchenvertreter gleich dort abgefasst.
Und jetzt? Wärest Du doch bei mir! Wirst Du Dich wohl sofort auf die Suche nach einer Pfarrstelle machen? 'In Thüringen können wir ihn nirgends verwenden' (!), sagte Stüber."'
Am 19.1. schrieb Mutter:
"Frau Widuwilt erzählte heute Nachmittag vom gestrigen Abend. Sie war aufgeregt, dass die Männer drüben nicht mehr Widerstand geleistet haben. Herr KR Stüber habe sie aufgefordert, ihm zu versprechen (!), dass die Gottesdienste von Herrn Streitberger besuchen. Nur Herr Kießling hat gewagt zu sagen: 'Nein, das tue ich nicht.'
Ich war erst niedergeschlagen, trotzdem ich ja erwartete, dass er die Männer mit lauter Süßtun an sich lockt. Aber Du weißt ja: 'Die Sach' ist dein, Herr Jesus Christ'! Die BK-Pfarrer habe er bös runtergezogen, das war ja auch vorauszusehen, um das Benehmen des LKR schon vor sich selbst zu rechtfertigen. Aber Gott weiß ja alles. Ich las gerade eben im 'Boten': 'Das kann uns ein Trost sein, wohin wir auch gehen auf unseres Lebens Wanderung: Gott geht mit!'"
Und Klaus schrieb dazu:
"Gestern war Herr Kirchenrat Stüber bei uns und sagte, dass wir fort müssten. Am Abend war dann eine Kirchenvertretersitzung bei Ludwigs. Zu dieser erklärte er, dass er beauftragt sei, ganz Deutschland zu durchreisen, um für die Nationalkirche zu werben. Weiter sagte er, dass wir alle noch einmal Deutsche Christen würden. Dass ein Kirchenrat so sein könnte, hätte ich mir nie gedacht."
Und der praktische Gebhard:
"Weißt Du schon, dass wir am 1. April das Pfarrhaus verlassen haben müssen? Ja, wie wird es aber da mit der Festung, sollen wir sie einreißen? Du sollst auch weniger Geld bekommen und in den Ruhestand versetzt werden. Wie sollen wir das tun mit der Klingelleitung, sollen wir sie wegreißen lassen oder da lassen?"
Mutter erzählt am 25.1.1938 von einem Besuch beim Bruderrat in Gotha:
"In Gotha erwartete man mich schon. Pfarrer Bauer nahm sich recht Zeit für mich. Er fragte mich, ob wir in finanzielle Not geraten. Ich sagte ihm, dass wir noch keine Schulden gemacht haben. Wir dürften es offen sagen. Und dann: 'Wohin möchten Sie am liebsten? Nicht wahr, nach Baden? Wer soviel durchgekämpft, darf getrost einen Wunsch äußern.' Ich antwortete: 'Nach Württemberg.' Es wird Dir doch recht sein? Pfarrer Bauer lässt Dir sagen, dann solltest Du Dich nur in Württemberg melden, sollst aber angeben, dass Du Deiner Kinder wegen, die die Höhere Schule besuchen müssten, in eine Stadt oder in die Nähe einer Stadt möchtest. Wegen des Umzugs sollten wir uns keine Sorgen machen, bis zur Landesgrenze müsse der LKR bezahlen, und das andere würde schon beglichen werden. Er fragte nach dem Raum hier für die BK-Gemeinde. Ich habe gestern auch darum gebetet, und heute früh erzählte Lydia, Loosens hätten schon an ihre Molkerei dafür gedacht. Was meinst Du dazu?
Pfarrer Bauer berichtete, Herr KR Stüber treibe Schindluder mit mir. Er erzähle: 'Die Pfarrfrau von Sulzbach hat gesagt: Herr Kirchenrat, wenn Sie früher gekommen wären, würde alles nicht so weit gekommen sein!' Es ist doch unerhört, gelt?
Pfarrer Bauer sieht auch schwarz in die Zukunft. Die Gemeinde von Pfarrer Otto in Eisenach stehe treu zu ihm, ebenso seien auch seine Kirchen überfüllt; aber die Absicht, sie beide wegzubringen, werde immer deutlicher. Ich habe mit Pfarrer Bauer Abendbrot gegessen, mich dann bald verabschiedet, um ihn nicht zu lange in Anspruch zu nehmen. Er sagte unter anderem: 'Sulzbach ist mir ein Wunder!'
In Apolda wurde ich von Frau Dora und Elsa Scheide in Empfang genommen und zum Auto von Hermann Sander aus Oberndorf geleitet, das uns schnell nach Hause brachte. Es war alles gut gegangen, Gott sei Dank! ER wird auch weiter helfen! Jetzt ist's schon einviertel zwölf Uhr. Herr Widuwilt hat sich heute auch nach Deinem Ergehen erkundigt und um Deinen Rat gefragt. Er will sein Amt als Kirchenvertreter niederlegen... Heute sind Pfarrer Otto und Pfarrer Bauer in Berlin, da wollen sie selbst beim Reichskirchenminister vorsprechen. Nachher in der Sitzung wird Pfarrer Bauer Deinetwegen mit Wurm oder Pressel reden."'
Pfarrer Fischer[69] in Saalfeld, den ich auf einer Tagung in Bayern traf, schrieb am 4.2.1938 an Mutter:
"In Bayern sprach ich mit Ihrem lieben Mann über den Besuch des KR Stüber bei Ihnen. Über diesen Besuch äußerte der Herr vor der Kirchenvertretung in Saalfeld am 20.1. (als er den Kirchenvertretern die 'Notwendigkeit' meiner Versetzung verständlich zu machen versuchte) im Zusammenhang mit der Erklärung vom 10. Juli 1937 etwa folgendes: Als ich jüngst in Sulzbach war bei einer Pfarrfrau, Mutter von fünf kleinen Kindern, fragte sie mich am Schluß: 'Ach, Herr Kirchenrat, warum haben Sie uns nicht schon früher einmal besucht?' Ich musste ihr antworten: 'Ja, wenn die unglückselige Erklärung vom 10.7. nicht gewesen wäre! Ihr Mann hat uns ja das Vertrauen aufgekündigt. Wie konnte ich Ihnen da einen seelsorgerlichen Besuch machen?'...Es wäre mir sehr wichtig, von Ihnen zu erfahren, ob das Gespräch zwischen Ihnen und KR Stüber in diesem Ton des Bedauerns geführt wurde, oder ob Stüber nicht vielmehr nach seiner Gewohnheit versucht hat, auf Sie als alleinstehende Mutter und Pfarrfrau 'Eindruck' zu machen. Soweit mir Ihr Herr Gemahl darüber berichten konnte, hat sich die Unterredung wesentlich anders abgespielt. Auch wäre es von Interesse zu wissen, wenn KR Stüber sich als Zeugen mitgenommen hat ins Pfarrhaus."
Herr Stüber hatte am 18.1. Mutter erklärt, dass ich ab 1. Februar in den Wartestand versetzt sei, nur noch 60 % des Gehalts erhalte und sie noch eine Frist von zwei Monaten zur Räumung des Pfarrhauses habe. Alles reiner Bluff, die Pfarrfamilie zu schrecken und aus Thüringen zu verjagen. Das ergab sich aus meinem Briefwechsel mit dem LKR in Eisenach und mit dem Oberkirchenrat in Karlsruhe. Am 18.1. schrieb mir Eisenach:
"Die Geheime Staatspolizei hat am 7. Dezember gegen Sie Rede- und Aufenthaltsverbot für den Bereich des Landes Thüringen, der Kreisherrschaft Schmalkalden und der Staatspolizeistellen Erfurt und Halle verfügt. Sie sind infolgedessen verhindert Ihr Amt im Dienste der Thür.ev.Kirche auszuüben, es lässt sich auch nicht absehen, ob und wann Sie Ihr Amt wieder ausüben können. Wir beabsichtigen <!> daher, Sie mit Wirkung vom 1. Februar 1938 in den Wartestand zu versetzen und veranlassen Sie, uns bis zum 30. Januar 1938 mitzuteilen, ob Sie hiermit einverstanden <!!!> sind.
Ihre Wartestandsbezüge würden sich wie folgt berechnen (...), bleiben monatlich 297,96 RM zuzüglich Kinderbeihilfe."'
Ich antwortete ihm am 20.1.1938:
"Ihr Schreiben vom 18.d.Mts. habe ich erhalten. Es ist das erste Wort meiner Kirchenbehörde seit meiner Ausweisung aus Thüringen am 7. Dezember 1937, die ich noch am gleichen Tage dem zuständigen Oberpfarramt telefonisch meldete. Sie fragen an, ob ich mit meiner Versetzung in den Wartestand einverstanden sei. Ich weiß nicht, wie ich diese Frage verstehen soll. Die gesetzlichen Bestimmungen über die Versetzung in den Wartestand sind mir nicht gegenwärtig. Ich kann sie mir hier auch nicht verschaffen. Ich bitte darum den Landeskirchenrat, mir die wichtigsten Bestimmungen mitzuteilen. Der Landeskirchenrat wird doch nicht eine Zustimmung zu dieser Maßnahme von mir erwarten. Ich weiß nicht, womit ich das gegen mich ergangene Rede- und Aufenthaltsverbot verschuldet habe. Seit meiner Beurlaubung habe ich nicht mehr öffentlich geredet, und wo ich in geschlossenem Personenkreis sprach, habe ich nichts gesagt, was irgendwie Volk oder Staat hätte schaden können. Ich darf wohl den Landeskirchenrat bitten, mir mitzuteilen, welche Schritte er übernommen hat, dies Rede- und Aufenthaltsverbot wieder rückgängig zu machen."
Am 25.1.1938 übersandte mir der LKR eine Handausgabe der Verfassung mit Hinweis auf die in Frage kommenden §§. Darin heißt es:
"Die Vorschriften des bisherigen Rechts, die gegen Maßnahmen des Landeskirchenrats Beschwerde an den erweiterten Landeskirchenrat zulassen, finden keine Anwendung <!!>.
Das gegen Sie erlassene Rede- und Aufenthaltsverbot ist eine polizeiliche Maßnahme, auf die der Landeskirchenrat ohne Einfluss <??> ist."'
Ich schrieb dem LKR am 29.1.:
"Dem Landeskirchenrat danke ich für die freundliche Übersendung der Gesetzessammlung. Nachdem ich mir einige Auszüge gemacht habe, sende ich sie hiermit wieder zurück.
Als ich im Jahre 1926 in Sulzbach in mein Amt eingeführt wurde, las der einführende Oberpfarrer aus der Anstellungsurkunde in feierlicher Weise vor der Gemeinde auch den Satz vor, dass diese Anstellung eine endgültige sei. Dieser Satz ist mir bis heute fest im Gedächtnis haften geblieben. Er wurde damals noch besonders dahin erläutert, dass die Kirchenbehörde diese Anstellung nur aus ganz schwerwiegenden Gründen ausnahmsweise zurücknehmen könne. Aus dieser Zusage der Kirchenleitung folgte für mich die Verpflichtung, meinen Gemeinden die Treue zu halten, auch wenn persönliche Wünsche mich noch so stark fort lockten. Diese Verlockungen waren in den ersten Jahren meiner Sulzbacher Amtstätigkeit recht stark, da die Entkirchlichung der Gemeinden schwer auf mir lastete. Sie wurden wiederum los, als die Bedrückungen und Bedrängungen der letzten beiden Jahre kamen. Diesen Verlockungen habe ich widerstanden, da ich nicht von mir aus die Treue brechen wollte, die mir 1926 auch die Kirchenbehörde zusagte. Darum ist es mir auch nicht möglich, jetzt in die vom Landeskirchenrat geplante Versetzung in den Wartestand zu willigen, wenn der Landeskirchenrat darauf verzichtet, die Gründe für das mir auferlegte Rede- und Aufenthaltsverbot klar zu stellen."'
Ich hörte dann lange nichts mehr von dem Plan des Landeskirchenrats, mich in den Wartestand zu versetzen, bis Anfang März durch ein Schreiben des Oberkirchenrats in Karlsruhe an den Landeskirchenrat in Eisenach vom 9.3.1938, das mir der Oberkirchenrat in Abschrift zusandte, und in dem er dem LKR in Eisenach seine Bereitschaft kund tat, mich schon mit Wirkung vom 1. April d.Js. an im Bereiche der Badischen Landeskirche zu verwenden. In seinem Nachtrag an mich heißt es:
"Der thüringische Landeskirchenrat hat uns mitgeteilt, dass Sie bis 30. Juni 1938 noch Ihr volles Diensteinkommen im Betrag von 423,51 RM Grundgehalt und 110 RM Kinderbeihilfe = 533,51 RM monatlich, dazu freie Dienstwohnung beziehen. Die Versetzung in den Wartestand wird voraussichtlich auf 15. April oder 1. Mai 1938<!!!> erfolgen. Ihre Frau habe alsdann noch das Recht, drei Monate das Pfarrhaus in Sulzbach zu bewohnen<!!!>."
Wie waren wir froh und dankbar, dass wir dieses Recht nicht mehr brauchten. Am 14.3. schrieb ich dem LKR in Eisenach:
"Bei der heutigen Rücksprache mit dem Ev.Oberkirchenrat von Karlsruhe erfuhr ich von dem zwischen beiden Behörden geführten Briefwechsel... Zur Übernahme des Dienstes in der Badischen Landeskirche bitte ich, mich vom 1. April d.Js. ab bis auf weiteres ohne Gehalt zu beurlauben. Ich bin auch bereit, mich evtl. mit meinem Willen in den Wartestand versetzen zu lassen, wenn dies in allen Ehren geschehen kann, und wenn es dem Landeskirchenrat gelingt, das gegen mich verhängte Rede- und Aufenthaltsverbot wieder rückgängig zu machen.
Der Badische Oberkirchenrat ist bereit, mich späterhin ganz in den Dienst der Badischen Landeskirche zu übernehmen, wenn es dort nicht zu neuen Verwicklungen kommt, was bei einem noch bestehenden Rede- und Aufenthaltsverbot leicht geschehen kann. Soviel an mir liegt, werde ich nach wie vor alles tun, was in meinen Kräften steht und was ich vor Gottes Wort verantworten kann, solche Verwicklungen zu vermeiden."'
Bischof Sasse antwortete selbst am 21. März 1938:
"Wir sind ausnahmsweise bereit, die Umzugskosten nach Ihrer neuen Dienststelle in der Badischen Landeskirche zu übernehmen. Gleichzeitig beurlauben wir Sie vom 1. April 1938 an zur Dienstleistung in der Badischen Landeskirche. Die Zahlung Ihrer Dienstbezüge wird mit dem 31. März 1938 eingestellt.
Wenn Sie Ihr Einverständnis zu Ihrer Versetzung in den Wartestand erklären, braucht in der Wartestandsurkunde nicht auf die Dinge eingegangen werden, die Sie als beschwerend empfinden. Denn wenn die Versetzung in den Wartestand nicht wider Ihren Willen erfolgt, bedarf es einer ausführlichen Begründung der Verfügung nicht. Allerdings sind wir ohne Einfluss auf die Aufhebung des Aufenthalts- und Redeverbotes, das erlassen worden ist, ohne dass der Landeskirchenrat gefragt worden ist. Einstweilen haben wir Ihre Personalakten vom Evangelischen Oberkirchenrat in Karlsruhe zurückgefordert, um das in § 46 der Verfassung vorgeschriebene Verfahren durchführen zu können. Wir haben aber gleichzeitig dem Oberkirchenrat mitgeteilt, dass wir auf Rückgabe der Akten verzichten können, wenn Sie sich doch noch bereit finden sollten, die Einwilligung zur Versetzung in den Wartestand zu erklären. Wir überlassen es nun Ihnen, ob Sie zur Beschleunigung der ganzen unerquicklichen Angelegenheit durch Abgabe einer entsprechenden Erklärung beitragen wollen."'
Am 28. März gab ich diese Erklärung ab, und schon am 29. März ward die Urkunde über meine Versetzung in den Wartestand vom 1. April 1938 ab ausgestellt und mir durch Einschreiben zugesandt.
Doch Not machte es noch, die rechte neue Wirkungsstätte zu finden. Schon Mitte September 1937, kurz nach der Haftentlassung und Beurlaubung durch den LKR waren wir beiden Bischöfen Kühlewein und Wurm. Kühlewein war kühl, Wurm überaus herzlich, beide nicht abgeneigt uns aufzunehmen, wenn ich in Thüringen keinen Dienst mehr tun könne. Nach meiner Ausweisung schrieb ich gleich von Weingarten aus am 11.12.1937 an den Ev.Oberkirchenrat in Karlsruhe mit der Bitte um Übernahme in den Dienst der Badischen Landeskirche nach einer Rücksprache mit Kühlewein. Ich berichtete kurz von unserem Kampf in Thüringen und schloss dann mein Gesuch:
"Seit 1925 bin ich mit der badischen Pfarrerstochter Hildegard Meerwein, Tochter des verstorbenen Pfarrers Gustav Meerwein, verheiratet. Wir haben fünf Kinder. Auf meiner Frau liegt nun die ungeheure Last der Trennung, der Haushaltsführung, der Kindererziehung und der Wirren in den Gemeinden. Ich bin in großer Sorge, ob sie auf die Dauer dies alles ertragen kann. Darum ist es unser heißer Wunsch, dass dieser bitterschwere Zustand bald ein Ende nehme und wir wieder zusammenkommen. Darum bitte ich um Aufnahme in den Dienst der Badischen Landeskirche."
Am 13.12.1937 schrieb mir der Bruderrat:
"Am Sonnabend kam ein kurzer Brief von D.Kühlewein hier an, der uns Ihre Vorsprache meldete und uns um Auskunft bat. Die Badische Landeskirche nimmt sonst, wie er uns schreibt und wie wir auch aus Erfahrung wissen, sehr schwer Pfarrer aus anderen Landeskirchen auf. Sie würde aber in Ihrem Fall eine Ausnahme machen, weil Ihre Frau Badenerin ist und Verwandte von Ihnen im Badischen Kirchendienst stehen. Nur im Augenblick möchte sie die Entscheidung noch nicht treffen. Das wird Sie, lieber Bruder Koch, vielleicht schmerzlich berühren. Es wird gewiss für Sie nicht leicht sein, Ihre Frau in einer schwierigen Lage zu wissen. Aber wir verstehen auch D.Kühlewein. Wir müssen heute alle Entscheidungen mit Blick auf die große Sache treffen. Da lässt es sich nicht vermeiden, dass wir die persönlichen, uns nur zu gut verständlichen Wünsche unserer Brüder nicht immer gleich erfüllen können. Die kirchenpolitische Lage hat sich in diesen Tagen und Wochen entscheidend verändert. Wir stehen vor völlig neuen Perspektiven. Auf's ganze gesehen scheint <leider ein trügerischer Schein; W.K.> die Lage im Augenblick etwas günstiger für uns zu sein. Aber Gewisses können wir noch nicht sagen. Auf jeden Fall dürfen Sie versichert sein, dass wir an Sie denken und alles mögliche tun, um Ihre Lage zu erleichtern und auch zu klären. Dass sich ein Weg für Sie finden wird, ist uns nicht zweifelhaft. Bitte haben Sie nur noch ein wenig Geduld."
Am gleichen Tag (13.12.1937) schrieb der Bruderrat an Kühlewein:
"Grundsätzlich würden wir ein Gesuch des Pfarrers Koch-Sulzbach um Aufnahme in den Dienst der Badischen Landeskirche befürworten. Bei der ungeklärten kirchlichen Lage, insbesondere in Thüringen, würden wir nur bitten, die Entscheidung darüber noch einige Zeit hinauszuschieben. Koch ist, wie Sie sehr richtig bemerken, vom Landeskirchenrat nur vorläufig suspendiert. Die Möglichkeit besteht, ihn wieder nach Thüringen zurück zu bringen. Die derzeitige Entwicklung der Kirchenfrage im Reich wird auch für Thüringen nicht ohne Folgen sein. Möglich, dass in der kommenden Zeit die schwebenden Fälle schneller erledigt werden als wir annehmen konnten. Dann wird auch der Fall Koch so oder so entschieden werden. Aber abgesehen davon scheint es uns auch aus anderen Gründen, die ich nicht näher ausführen brauche, nicht richtig, wenn Koch im Augenblick auf sein Amt in Thüringen verzichtet.
Es ist uns allerdings sehr verständlich und menschlich begreiflich, dass Koch in ein neues Amt und in eine andere Landeskirche strebt. Er ist mir persönlich gut bekannt und gehört zu den tüchtigsten Pfarrern, die wir in Thüringen haben. Mein Vater, der mit ihm einige Jahre im gleichen Kirchenkreise wirkte, schildert ihn als den geborenen Bauernpfarrer. Seine Frau steht ihm als treue Mithelferin in der Gemeindearbeit zur Seite.
Die Gegend, in der er wirkte, ist eine der unkirchlichsten in Thüringen, seit Generationen kirchlich tot. Koch gelang es in wenigen Jahren, das Vertrauen des Großteils seiner Gemeindeglieder zu erringen und – was noch mehr ist – durch seine Verkündigung und durch seine treue Seelsorgearbeit in der Wüste Leben zu wecken. In seinen Gemeinden sind mehrere hundert Glieder der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft beigetreten, ein in dieser Gegend – ich darf wohl sagen – unerhörter Vorgang. Diese Wirksamkeit stieß auf den Widerstand einzelner (einflußreicher) Persönlichkeiten. Obwohl Koch keinesfalls zu den radikalen Vertretern der Bekenntnisgemeinschaft gehört, wurde er in schärfster Weise bekämpft. Seit Jahren tobt der Kampf in den Gemeinden, in dessen Folge er schließlich angeklagt, Wochenlang verhaftet und endlich ausgewiesen wurde... Dass sein Wirksamkeit in diesen Gemeinden unmöglich geworden ist, ist gewiss nicht seine Schuld.
Wir können ihn daher nur auf das Angelegentlichste empfehlen, bitten aber vor weiteren Schritten mit uns wieder Verbindung aufzunehmen."'
Am 28.12.1937 antwortete mir Kühlewein auf <meinen Antrag zur; Erg.P.F.> Übernahme in den Dienst der Badischen Landeskirche vom 11.12.:
"Nach Eingang Ihrer Eingabe habe ich mich alsbald mit Herrn Pfarrer Bauer in Gotha ins Benehmen gesetzt. Herr Pfarrer Bauer bittet, die Entscheidung über Ihr Gesuch noch einige Zeit hinauszuschieben, bis Ihr Fall geklärt ist. Es besteht immerhin die Möglichkeit Ihrer Restituierung in Thüringen, und nach der neuesten Entwicklung der Kirchenfrage ist es auch wahrscheinlich, dass die schwebenden Fälle schneller erledigt werden.
Da die Aufnahme außer-badischer Geistlicher ohnedies z.Zt. allerlei Bedenken begegnet, wie ich Ihnen schon persönlich darlegte, so werden wir zunächst jedenfalls einmal abwarten, wie Ihre Angelegenheit in Thüringen sich entwickelt und je nachdem dann Ihr Gesuch prüfen.
Ich teile den Wunsch des Herrn Pfarrer Bauer, dass Sie baldigst Ihrer Gemeinde in Thüringen zurückgegeben oder wenigstens anderwärts doch wieder verwendet werden können <nur nicht bei uns!; W.K.>. Mit den besten Segenswünschen für das neue Jahr grüßt Sie in herzlicher Anteilnahme..."'
Da ich mit dieser „herzlichen Anteilnahme“ wenig anfangen konnte, wandte ich mich nach „meiner Versetzung in den Wartestand auf 1. Februar“ zuerst einmal wieder nach Württemberg. Am 31.1.1938 schrieb ich an Bischof Wurm:
"Mitte September vorigen Jahres stellte ich mich Ihnen mit meiner Frau vor und bat Sie um Ihre Hilfe für den Fall, dass wir nicht mehr länger in Thüringen bleiben können. Vielleicht erinnern Sie sich noch unserer. Nun ist es soweit gekommen, dass wir Thüringen verlassen müssen. Auch der Bruderrat sieht keine Möglichkeit unseres Bleibens mehr. Am 7. Dezember wurde ich aus Thüringen ausgewiesen. Meine Familie blieb in Thüringen zurück. Der Landesbruderrat hoffte damals auf eine Besserung der kirchlichen Lage und auf die Möglichkeit meiner Rückkehr. Nun hat mir der Landeskirchenrat mitgeteilt, dass er mich am 1. Februar in den Wartestand versetzen will und hat meiner Frau mitgeteilt, dass sie bis zum 1. April das Pfarrhaus in Sulzbach räumen müsse. Nun stehen wir vor der großen, schweren Frage: Wohin am 1. April? Am vergangenen Montag war ich in Stuttgart und sprach mit Herrn OKR Pressel. Der bat mich, Ihnen direkt zu schreiben. Er schilderte mir kurz die augenblickliche Lage in Württemberg, die die Anstellung eines nicht-württembergischen Pfarrers sehr erschwert. Doch ließe es sich in meinem Fall dadurch ermöglichen, dass ich weiter Pfarrer der Thür.ev.Kirche bliebe, von dort meine Wartestandsbezüge erhielte und nur vorübergehend in Württemberg Verwendung fände. Könnte ich wohl in der Woche nach dem 13. Februar einmal zu Ihnen kommen, um mit Ihnen über diese Frage zu sprechen? Sie sehen, unsere Not ist groß, und ich bin gewiss, Sie werden alles tun was Sie können, uns zu helfen. Ich habe mich auch in Baden um eine Verwendung im dortigen Kirchendienst beworben, habe aber noch keine zusagende Antwort bekommen."
Weil die Auskunft aus Stuttgart so unsicher lautete und die die Zweit drängte, wandte ich mich am 1.2.1938 nochmals nach Karlsruhe:
"Wie ich Ihnen bereits mitteilte, habe ich mich auch nach Württemberg gewandt mit der Bitte um Anstellung im dortigen Kirchendienst. Ich erhielt die Antwort, dass man eine so starke Kürzung der Staatsleistungen vorgenommen habe, dass sie vor der Entscheidung stünden, Pfarrstellen so weit wie möglich einzusparen. Nun komme ich wieder zu Ihnen mit der Bitte um Hilfe. Die vom Bruderrat erhoffte Besserung der kirchlichen Lage ist nicht eingetreten. Im Gegenteil: Der Landeskirchenrat hat mir mitgeteilt, dass er mich zum 1. Februar in den Wartestand versetzen wolle und hat meiner Frau eröffnet, dass sie bis zum 1. April das Pfarrhaus räumen müsse. Der Landesbruderrat sieht nun auch keine Möglichkeit einer eventuellen Rückkehr mehr. Wir stehen nun vor der schweren Frage, wohin ich mich am 1. April mit meiner Familie wenden soll. Darum bitte ich Sie herzlich, nun eine Entscheidung über meine Gesuch vom 11.12.1937 zu treffen. Ich möchte es dahin abändern, dass ich vorläufig nur um eine vorübergehende Verwendung im badischen Pfarrdienst bitte, während ich noch Pfarrer der Thüringer Kirche bleibe und von dort auch weiterhin meine Wartestandsbezüge erhalte. Das wird vielleicht Ihnen die Entscheidung erleichtern."
Der Ev.Oberkirchenrat in Stuttgart schrieb mir am 5.2.1938:
"Von dem Herrn Landesbischof der Ev.Landeskirche Badens sind uns die angeschlossenen Papiere zugegangen. Es ist uns in allerletzter Zeit im Zusammenhang mit finanziellen Schwierigkeiten, die in einer Kürzung der Staatsleistungen ihre Ursache haben, von staatlicher Seite die Auflage einer Einstellungssperre gemacht worden. Solange die Verhandlungen hierüber, die erst eingeleitet werden, nicht abgeschlossen sind, sind wir zu unserem Bedauern genötigt, von jeder Übernahme eines Geistlichen aus einer anderen Landeskirche abzusehen. Wir senden Ihnen daher die uns übermittelten Papiere wieder zu."
Am 7.2.1938 schrieb mir Bischof Kühlewein:
"Ich bestätige den Empfang Ihres Schreibens vom 1. Februar d.Js. und habe meinerseits nun eine Anfrage über den Stand Ihrer Angelegenheit an den Thüringer Landeskirchenrat gerichtet. Inzwischen wäre eine nochmalige persönliche Rücksprache erwünscht, da Sie zunächst eine vorübergehende Verwendung beantragen. Zugleich möchte ich Sie anfragen, ob Sie evtl. bereit wären einmal hier zu predigen. Beides könnte dann miteinander verbunden werden."
Ich antwortete am 9.2.1938:
"Haben Sie herzlichen Dank für Ihren Brief vom 7.d.Mts.! Am 14.d.Mts. werde ich mit meiner Frau zu meinen Verwandten nach Weingarten reisen und kann am 15. oder einem der folgenden Tage zu Ihnen kommen. Bitte teilen Sie mir mit, wann ich Sie in der nächsten Woche sprechen kann und wann und über welchen Text ich predigen soll."
Kühlewein antwortete am 10.2.:
"Wenn Sie nächste Woche ohnedies in unsere Gegend kommen, so können Sie vielleicht am Mittwoch, dem 16. Februar, hier vorsprechen, am besten vormittags. Wir können dann alles weitere besprechen."
Bei dieser Vorsprache erklärte sich der Herr Landesbischof bereit, mich in den Dienst der Badischen Landeskirche aufzunehmen. Er schlug mir drei vakante Pfarrstellen vor, die ich alle zusammen mit Mutter besichtigte. Dann aber kam es noch zu einer längeren Aussprache mit OKR Friedrich über meine rechtlichen Beziehungen zur Thüringer und zur Badischen Landeskirche.
Auf Grund dieser Rücksprache mit dem Herrn Landesbischof bat ich ihn, „mir die Pfarrstelle in Adelshofen bei Eppingen übertragen zu wollen“. Am 3. März schrieb OKR Dr. Friedrich an mich:
"Der Herr Landesbischof hat davon Kenntnis genommen, dass Sie es vorziehen, auf der Pfarrei Adelshofen verwendet zu werden. Bevor dies jedoch geschieht, ist es erforderlich, Klarheit über Ihre rechtlichen Beziehungen zur Landeskirche zu schaffen. Aus Ihrem Schreiben vom 1.2.1938 entnehmen wir, dass Sie durch Verfügung des Landeskirchenrats Eisenach mit Wirkung vom 1.2.1938 in den Wartestand versetzt sind. Sie sind also aus dem Thüringischen Kirchendienst nicht ausgeschieden, und wir vermögen aus Ihren Personalakten, die der Thüringer Landeskirchenrat uns nunmehr zur Einsichtnahme überlassen hat, nicht zu ersehen, dass gegen Sie ein Dienststrafverfahren mit dem Ziel auf Entlassung eingeleitet ist. Es ist nun erforderlich, dass Ihre dienstrechtlichen Beziehungen zur Thüringer Landeskirche aufrecht erhalten bleiben, und wir könnten Sie nur unter dieser Bedingung vorerst im Badischen Kirchendienst verwenden. Im gleichen Sinne haben wir bereits unterm 24. Februar 1938 an den Thüringer Landeskirchenrat geschrieben und darauf hingewiesen, dass eine Verwendung voraussichtlich vor dem 1. Mai 1938 bei uns nicht möglich ist und angefragt, ob Ihre Frau bis dahin im Pfarrhaus von Sulzbach wohnen bleiben kann, sind aber bis jetzt ohne Antwort geblieben. Wir denken uns demnach die rechtliche Gestaltung Ihrer Verwendung so, dass Sie Thüringischer Pfarrer im Wartestand bleiben, wobei die Thüringische Kirche mit dem Tage der Verwendung im Badischen Kirchendienst Ihre Bezüge einstellt, die wir auf uns übernehmen. Sobald Sie wieder aus dem Badischen Kirchendienst ausscheiden, leben Ihre Rechte in Thüringen im vollen Umfang wieder auf."
Wie mir OKR Friedrich in unserem Zwiegespräch etwas verschmitzt erklärte, soll der letzte Satz dazu helfen, dass die Thüringer Kirchenleitung ihre guten Beziehungen zur Partei dazu benutzt, dass Komplikationen mit der Partei in Baden möglichst verhindert werden.
In dem schon zitierten Schreiben des Badischen Oberkirchenrats an den LKR in Eisenach erklärte er sich bereit, mich „schon mit Wirkung vom 1. April d.Js. im Bereich unserer Landeskirche zu verwenden“. Damit stand es nun fest, dass am 1. April das Pfarrhaus in Adelshofen für uns als neue Heimstätte bereit stand. Die dringende Frage „Wohin mit uns?“ hatte nach langen Verhandlungen nun ihre Antwort gefunden.
Doch noch eine Frage blieb offen: Wird die Geheime Staatspolizei, Polizeistelle Weimar, mich zur Mithilfe beim Umzug für zwei Tage nach Sulzbach lassen? Am 25.3.1938 schrieb ich an sie:
"Zum 1. April will der Evangelische Oberkirchenrat in Baden mir die Versehung einer Pfarrstelle in Adelshofen bei Eppingen übertragen. Zum 4. April soll der Umzug stattfinden. Nun liegt die ungeheure Last der Umzugsvorbereitungen allein auf meiner Frau, die neben der Versorgung des großen Haushalts und der Pflege für fünf Kinder diese neue Bürde zu schleppen hat. Darum bitte ich mir zu erlauben, dass ich für die Zeit bis zum 5. April zur Bewerkstelligung des Umzugs nach Sulzbach zurückkehren kann.
Ich darf wohl um rasche Erledigung bitten.
Heil Hitler!"
Schon am nächsten Tag war Mutter trotz vielem Abraten persönlich in Weimar vorstellig geworden. Sie schrieb mir darüber:
"Du sollst gleich von Apolda aus Nachricht erhalten. Ich ließ heute früh meinen Kuchenteig stehen und eilte zum Zug 10:18 Uhr nach Weimar. Man war freundlich zu mir. Der Herr wusste nichts von Dir, hatte Deine Sache nicht bearbeitet. Ich wartete über eine halbe Stunde, aber die betreffenden Herren waren nicht da. Man versprach mir, bis 3.4. Bescheid zu geben. Der Herr stellte sich, als ob es schon bewilligt werde, frug zweimal nach dem Tag des Umzugs... Jetzt ist's schon einviertel vier Uhr (in Apolda geschrieben), ich muss nach Hause eilen. Am Montag sollst Du wieder nach Karlsruhe kommen, Du Armes, immer unterwegs. Gelt, bald ist's überstanden!! Wie sehne ich mich nach einer Heimat."
Und am 31.3. um ein Uhr im Zug von Weimar nach Apolda:
"Man hat mich bei der Wache gleich abgefertigt: der Herr, der die Sache zu bearbeiten habe, sei heute nicht zu sprechen. Ob er morgen da sei, sei unbestimmt. Ich soll wieder vorsprechen. Was meinst Du? Soll ich am Samstag noch einmal hierher fahren? Bitte schreibe sofort ganz offen. Pfarrer Schanze hat gar keine Hoffnung. Und meine sank auch nach diesem ausweichenden Bescheid. Aber ich probiere es noch einmal, wenn Du denkst."
Und am Abend in Sulzbach:
"In Weimar war ich erst sehr niedergeschlagen über das Hinhalten, aber ich werde am Sonnabend doch noch einmal nach Weimar reisen."
Und am 2.3. in der Frühe:
"Pfarrer Liebe hat mir gestern ganz abgeraten, noch einmal nach Weimar zu fahren. Er hat mir eine ganze Rede darüber gehalten, als mich beide ein Stück Weges begleiteten. Erreichen werde ich nichts, davon bin ich ja auch überzeugt. Liebes waren sonst sehr lieb."
Und sie fuhr doch!!! Und sie erreichte es doch!!! Sie schickte mir sofort ein Telegramm von Apolda aus nach Darmstadt:
"Urlaub für 4. und 5. gestattet!"
Zu Hause bekam sie es nochmals vom Bürgermeister schriftlich:
"Wie mir amtlich mitgeteilt worden ist, hat Ihr Ehemann, Pfarrer Wilhelm Koch, für den 4. und 5. April Urlaub nach hier erhalten. Ich setze Sie hiermit davon in Kenntnis."
Und am nächsten Tag, dem Sonntag:
"In Ergänzung meines gestrigen Schreibens teile ich Ihnen mit, dass nach eben erhaltener Anweisung der Geheimen Staatspolizei sich Ihr Ehemann sofort nach seinem Eintreffen hier bei mir persönlich zu melden hat <!>."
Am Montag, dem 4.4.1938, fuhr ich früh zusammen mit den Packern von Hannich im Auto nach Thüringen. In Eisenach aßen wir zu Mittag. Am frühen Nachmittag trafen wir in Sulzbach ein!!!
Der Kirchenkampf in Thüringen, zwölfter TeilBearbeiten
Ausklang
Am 8. April 1938 zogen wir in Adelshofen auf. Am Sonntag, dem 10. April, begann ich im Gottesdienst meinen Pfarrdienst. Am nächsten Morgen erschien unser Nachbar, der NS-Ortsgruppenleiter in Uniform, bei mir und frug mich sehr freundlich, ob ich wisse, dass am Abend zum Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich überall die Glocken geläutet werden sollen. Ich antwortete: „Ja, ich habe es heute Morgen in unserem Amtsblatt gelesen.“ Am Abend kam der Schreinermeister Pfeil, unser Organist und NS-Ortspropagandaleiter der Partei in voller Uniform aufgeregt zu mir die Treppe heraufgestürzt, zog seine Schirmmütze ab und sagte:
"Guten Abend, Herr Pfarrer! Heute Abend sollen doch die Glocken geläutet werden. Der Kirchendiener sagt, das sei nicht seine Sache, das sei politisch, das sei Sache vom Ortsdiener. Und der sagt, das gehe ihn nichts an, das stehe nicht in seinem Vertrag. Bitte geben Sie mir den Kirchenschlüssel, damit wir selber läuten können."
Mein erster Gedanke: Merkwürdige Nationalsozialisten hier. So etwas wäre doch in Sulzbach nicht möglich gewesen. Aber es sollte noch toller kommen: Einige Tage danach kam ein Bauer und stellte sich mir vor als der Ortsluftschutzwart. Er müsse einmal unseren Keller besichtigen, denn der solle öffentlicher Luftschutzkeller werden. Ich stieg mit ihm die steile Treppe hinab in das Tonnengewölbe des Pfarrhauskellers. Und dort unten sagte er zu mir:
"Herr Pfarrer, ich kenne ja den Keller, aber ich wollte einmal mit Ihnen allein sein. Ich bin vom Sicherheitsdienst der Partei zu Ihrer Überwachung bestimmt. Aber Sie brauchen vor mir keine Angst zu haben. Wir sind ja froh, dass wir wieder einen Bekenntnispfarrer haben. Einen anderen könnten wir hier nicht gebrauchen."
Doch einer der Kirchenvorsteher warnte mich:
"Hüten Sie sich vor den Nationalsozialisten, sie sind auch hier Nationalsozialisten."
Aber keine linientreuen, wohl aber in Karlsruhe und Sinsheim. Davon erfuhr ich, als mir eines Tages der Schulleiter mitteilte: Zu seinem Bedauern habe er ein Schreiben vom Kultusministerium erhalten, dass mir die Erteilung von Religionsunterricht in der Schule verboten worden sei. Der Oberkirchenrat, der wohl dieselbe Mitteilung erhalten hatte, beauftragte den Pfarrer im benachbarten Richen, den Religionsunterricht in Adelshofen zu erteilen. Die Gemeinde empörte sich. Die Kirchenvorsteher kamen zu mir:
"Herr Pfarrer, wir müssen etwas unternehmen."
Ein Bauer, ein eifriger Kirchgänger, erklärte sich bereit, mit mir beim Kultusministerium in Karlsruhe vorstellig zu werden. Wir wurden vom Ministerialrat Gärtner empfangen, einem Freund vom Onkel Ernst Heck. Unser tapferer Freund Hahn begann das Gespräch:
"Unser Pfarrer soll keinen Religionsunterricht erteilen. Warum das?"
Gärtner antwortete prompt:
"Der autoritäre Staat hat es nicht nötig zu sagen, warum er etwas tue. Die Leute müssen Vertrauen zu ihrer Führung haben, dass sie nichts Unrechtes tut."
Hahn:
"Aber wir wollen wissen, warum unser Pfarrer keinen Religionsunterricht mehr geben darf. Sie müssen wissen, wie es bei uns ist. Wenn einige Leute auf der Straße zusammen stehen, ist das ständig die Frage: Warum darf unser Pfarrer keinen Religionsunterricht geben? Wir stehen 100%ig zu unserem Führer, aber auch 100%ig zu unserem Pfarrer."
Gärtner schickte Hahn für einen Augenblick hinaus und sagte mir vertraulich:
"Ich kann in dieser Sache nichts tun. Das ist eine Anweisung der Geheimen Staatspolizei. Aber ich werde mich an sie wenden."
Er rief Hahn wieder herein und versuchte ihn zu beruhigen:
"Gehen Sie getrost heim und sagen Sie den Leuten: In ein paar Wochen darf unser Pfarrer wieder Religionsunterricht erteilen."
Darauf Hahn prompt:
"Wie? Erst in ein paar Wochen? Was werden die Leute daheim dazu sagen?"
Gärtner:
"Ich werden mein Möglichstes dazu tun, dass Ihr Pfarrer bald wieder in die Schule darf."
Hahn:
"Ja, tun Sie das, Herr Ministerialrat!"
Doch in den nächsten Wochen geschah nichts. Wieder kamen die Kirchenvertreter zu mir und erklärten, sie wollten geschlossen nach Karlsruhe gehen. Ich antwortete ihnen, ich sei bereit, sie hinzufahren, aber mit ins Ministerium ginge ich nicht. So geschah es. Wir fuhren zusammen nach Karlsruhe. Die Kirchenvorsteher gingen allein zu Gärtner. Sie kamen wieder. Wie der Herr Ministerialrat mir schon gesagt habe, könne er die Verfügung nicht aufheben. Das sei Sache der Gestapo. Ob sie zu ihr hingehen könnten? Natürlich, das sei eine Behörde wie jede andere auch. Wo sie sich befinde? In der Reichsstraße Nummer sowieso. So fuhren wir in die Reichsstraße zur Gestapo. Wir wurden in ein offenes Wartezimmer verwiesen. Dann kam eine telephonische Anfrage nach dem Namen der Erschienenen und wer von ihnen der Anführer sei. Zuerst sahen sich die Kirchenvorsteher etwas ratlos an, dann kam der Vorschlag, Adam Pfeil zum Anführer zu benennen. Er solle nach oben kommen ins Zimmer Nummer sowieso. Als er zurück kam, berichtete er: Der Beamte sei recht freundlich gewesen. Man habe von Adelshofen nur Gutes gehört. Sie wollen sehen, was in dieser Sache zu machen sei. Er habe gefragt: Was sollen wir sagen, wenn wir wieder heimkommen? Der Herr habe geantwortet: Ihr Pfarrer darf von der nächsten Woche ab wieder Unterricht halten. Er habe ihn gebeten, sein Ehrenwort darauf zu geben.. Das sei nicht nötig, nächste Woche könne ihr Pfarrer wieder Religionsunterricht erteilen.
Mitte der nächsten Woche erschien ein Gestapobeamter: Ich solle ein Revers unterschreiben, dass ich in meinem Unterricht keine Agitation gegen Staat und Partei treibe. Das konnte ich mit gutem Gewissen tun. Schon zum Beginn der nächsten Woche erhielt ich durch den Schulleiter den Bescheid, dass das Unterrichtsverbot aufgehoben worden sei.
Noch einmal sollte ich es erfahren, dass es auch in Baden linientreue Nationalsozialisten gibt, wenn auch seltener als in meinen thüringischen Gemeinden. Der Direktor von Klaus bat mich, einmal zu ihm nach Eppingen zu kommen. Er berichtete mir, dass er Klaus als seinen besten Schüler für ein Stipendium eingereicht habe. Das sei vom Finanzamt abgelehnt worden mit der Begründung, der Vater lebe in guten finanziellen Verhältnissen. Nun wisse er ja, dass viele Schüler das Stipendium erhalten hätten, deren Eltern sicherlich in noch besseren Verhältnissen lebten als ich. Ich solle doch einmal bei dem Leiter des Finanzamtes in Sinsheim vorsprechen und mich dabei auf seine Angaben berufen. Das Gespräch im Finanzamt verlief sehr kurz: Der Herr Kreisleiter habe Einspruch gegen den Antrag des Herrn Direktors erhoben. Ich solle doch bei ihm einmal vorsprechen. Ich machte mich sofort auf den Weg zu dem Herrn Kreisleiter ins Kreisleiteramt in Sinsheim. Es entspann sich ein merkwürdiges Gespräch, fast nur von ihm geführt: Ich hätte doch genug und brauche doch dies Stipendium nicht. Ich wiederholte, was ich vom Herrn Direktor gehört hatte, dass Schüler, die in besseren finanziellen Verhältnissen lebten, auch das Stipendium erhalten hätten. Ja, der Direktor Harrer in Eppingen sei kein zuverlässiger Nationalsozialist. Und dann ganz unvermittelt: Der NS-Staat brauche ja bald keine Pfarrer mehr, wenn die Partei genug geschulte Leute hätte, zu trauen und zu beerdigen. Er rate mir, mich beizeiten nach einem anderen Beruf umzusehen. Ich sei ja noch jung genug dazu. Ich schwieg und dachte mein Teil: Wie bald wird man keine Kreisleiter mehr brauchen.
Noch war das Strafverfahren des Sondergerichts in Weimar gegen mich „wegen Vergehens gegen das Heimtückegesetz“ noch nicht abgeschlossen. Da schrieb mir mein Rechtsanwalt und Freund Tunze aus Jena am 23.5.1938:
"In der ersten Strafsache – Konfirmandenunterrichtssache – die ja bekanntlich immer noch in der Schwebe hing, erhalte ich soeben von der Geschäftsstelle des Sondergerichtes in Weimar auf meinen fernmündlichen Anruf hin die Mitteilung, dass das Verfahren gegen Sie auf Grund des Gesetzes über die Gewährung von Straffreiheit vom 30. April 1938 eingestellt worden ist! Damit ist auch diese ebenso bösartig aufgezogene wie einfältige Angelegenheit nunmehr endgültig für Sie erledigt! Ich beglückwünsche Sie zugleich im Namen meiner Frau aus tiefstem Herzen dazu, dass nunmehr auch dieser Druck durch Gottes Fügung von Ihnen genommen ist; denn wenn auch unter normalen Verhältnissen, bei denen natürlich schon dieses ganze Verfahren nicht möglich gewesen wäre, so konnte man doch bei den jetzigen Zuständen nie wissen, wie die Sache auslief.
Herzlichen Dank für Ihren freundlichen Brief vom 8. Mai 1938. Wie sehr freuen wir uns mit Ihnen, dass Sie sich in Ihrem neuen Wirkungskreis doch offenbar eingelebt haben und wohl fühlen.
Das ist wahr, dass wir all Ihr Leid und Ihren Kummer mit Ihnen getragen haben und aufs tiefste mitempfunden haben! Sind wir uns doch auch persönlich näher getreten, und wie oft haben wir von Ihnen gesprochen! Wenn ich auch alles getan habe, was ich tun konnte, um Ihnen zu helfen, wie gerne hätte ich Ihnen mehr geholfen als mir beschieden war! Das eine aber darf ich Ihnen noch sagen: Die seelische Haltung, mit der die von mir vertretenen Thüringer Pfarrer und ihre Frauen, soweit ich dies kennengelernt habe, und da ganz besonders auch Sie, liebes Ehepaar Koch, die Ihnen zugefügten körperlichen und seelischen Misshandlungen getragen haben, wird mir unvergesslich bleiben! In dieser Haltung, diesem seelischen Frieden, der sich auch auf diejenigen übertrug, die mit Ihnen in Berührung kamen, fühlte man deutlich Gottes Gnade, die Ihnen zuteil geworden war... Dass Sie und andere für uns Evangelische in Thüringen gelitten haben, dürfen und werden wir nicht vergessen!... Die Deutschen Christen haben es ja nun glücklich soweit gebracht, dass überall, wo sie dominieren, das kirchliche Leben zerstört und verwüstet ist. Der Atheismus, jetzt in das zerschlissene Gewand der sogenannten 'Gottgläubigkeit' gekleidet, treibt die Leute zu Tausenden aus der Kirche, viel schlimmer als in der 'roten' Zeit! Die Drahtzieher davon kennt man ja! Demgemäß sind die Gottesdienste der deutsch-christlichen Pfarrer leer. Von glaubwürdiger Seite wurde mir kürzlich berichtet, dass in einem Hauptgottesdienst des hiesigen Oberpfarrers fünf – sage und schreibe fünf – Besucher gewesen wären! Das nur ein Beispiel für viele! Dagegen bekommen wir, die Bekenntniskirche, keine Kirche mehr zur Verfügung gestellt, natürlich schon deshalb, weil sich die DC schämen, vor der Gemeinde ihren Bankrott zu offenkundig werden zu lassen, indem sie leere, Bekenntnispfarrer aber gefüllte Kirchen haben!... Ich könnte Ihnen noch mehr von den skandalösen kirchenpolitischen Dingen in Thüringen schreiben, bei den jetzigen Zuständen aber, wo es auch kein Briefgeheimnis mehr gibt, muss ich das leider unterlassen <!!!>.... Außer den von mir vertretenen Pfarrern liefen auch noch gegen eine ganze Reihe anderer Thüringer Bekenntnispfarrer Strafverfahren, und natürlich hat auch da der ehrenwerte Thüringer 'Landeskirchenrat' diese, natürlich erst auf seine Veranlassung betriebenen Strafverfahren dann schleunigst dazu benutzt, um die Pfarrer aus ihren Stellen zu vertreiben. Ja, sogar in einer Reihe von Fällen, wo das Strafverfahren schon vor einem halben bis dreiviertel Jahr, also schon längst wieder eingestellt war, sind die Pfarrer trotzdem aus ihren Stellen entfernt, entweder entlassen oder 'in der Wartestand versetzt' worden, weil sie 'für den Staat politisch nicht tragbar seien und man keiner Gemeinde einen politisch untragbaren Pfarrer zumuten könne'. Und endlich hat man sogar die beiden Herrn Pfarrer Bauer-Gotha und Ernst Otto-Eisenach, denen man bisher noch nicht gewagt hatte, ein Strafverfahren an den Hals zu drehen, 'in den Wartestand versetzt'. Das hat man natürlich deshalb getan, weil sie die Führer der Bekenntniskirche in Thüringen waren.
Sie sehen aus Vorstehendem, dass die fluchwürdige Politisierung der Religion und Kirche und das Wüten gegen die Bekenntnispfarrer in Thüringen, so ziemlich dahin geführt hat, dass Thüringen 'bekenntnispfarrerfrei' geworden ist! So sehr man es den verfolgten Pfarrern nachfühlen kann, dass sie bei solchen Zuständen Thüringen den Rücken kehren, so schmerzlich ist das für uns Zurückbleibende. Es fröstelt uns Evangelische in dieser nationalistisch-politischen Eisgruft, die sie sogenannte Thüringer Landeskirche darstellt. "
Oberkirchenrat Friedrich, dem ich diesen Brief zu lesen gab, meinte:
"Hat der aber Mut!"
Noch war ich Pfarrer der Thüringer Kirche. Erst am 16. Februar 1940 schrieb mir der Thüringer LKR:
"Nachdem Sie gemäß Verfügung des Evangelischen Oberkirchenrats Karlsruhe vom 23. Januar 1940 ab als Pfarrer in Adelshofen bestätigt worden sind, entlassen wir Sie Ihrem Antrage vom 6.2.1940 entsprechend mit Wirkung vom 1. Februar 1940 aus dem Dienst der Thüringer Evangelischen Kirche... Die Entlassungsurkunde übersenden wir Ihnen in der Anlage."
Noch herrschte der NS in Deutschland, und seine Herrschaftsmacht hing immer noch wie ein Damoklesschwert über uns. Als am Dienstag nach Ostern 1945 in der Frühe die letzten deutschen Truppen aus Adelshofen abgerückt waren und wir den Einmarsch der amerikanischen Truppen erwarteten, standen einige Männer auf dem Platz vor unserem Pfarrhaus beieinander, unter ihnen auch der Kirchenvorsteher Jakob Bender. „Nun beginnt für uns eine neue Zeit,“ sprach er gelassen aus. Er fand Zustimmung. Und auf Betreiben der Männer stieg der älteste Sohn des bisherigen NS-Ortsgruppenleiters, der gerade krank im Bett lag, mit einer Leiter an ihrem Haus hoch und montierte das große Emailleschild mit der Aufschrift „Ortsgruppenleiter der NSDAP“ ab. Eine symbolische Handlung: Für Adelshofen und damit auch für uns war das Schwert des NS zerbrochen. Es konnte uns hinfort nichts mehr anhaben. In dem sogenannten „Kirchenkampf“ war der Gegner auf der Strecke geblieben.
Aber der Kampf ging doch weiter, der Kampf, von dem der Epheserbrief schreibt: „Unser Kampf richtet sich nicht gegen Menschen, sondern gegen verborgene geistige Mächte, die in dieser Welt herrschen, gegen allen bösen Geist, der auf dieser Erde umgeht“ (Nach der Übersetzung von Jörg Zink).
Und doch dürfen wir auch im Glauben an das Evangelium wissen und daran unerschütterlich festhalten, trotz allem, was scheinbar dagegen spricht:
„Erschienen ist der herrlich Tag,
Dran sich niemand gnug freuen mag:
Christ unser Herr heut triumphiert,
All sein Feind Er gefangenführt.
Zerstöret ist nun all sein Macht,
Christ hat das Leben wiederbracht!“
Dass wir doch alle Tage unseres Erdenlebens uns dessen freuen und rühmen könnten!!!
Erlebnisbericht eines unbekannten Autors, möglicherweise von Max Burkhardt, über Sippenverfolgungen. Bearbeiten
Wahrheitsgetreue verbürgte Abschrift durch Gerhard Berndt vom 21.12.1998 aus Unterlagen der Traditionskommission bei der SED-Kreisleitung
Eine der gemeinsten Spielregeln unter den Nazimanipulationen waren die Sippenverfolgungen, also die Verfolgung der Familienangehörigen von politischen Emigranten, Illegalen und Verurteilten sowie auch sonstigen Verfolgten. Dabei wurde jede Gelegenheit genutzt, und jedes Mittel war recht. Mit allen möglichen Repressalien ging man gegen die Frauen und Kinder vor. Die Kinder wurden schon in der Schule hintenan gesetzt, Anpöbeleien von Seiten der Nazikinder gegenüber Kindern politisch Verfolgter wurden gesehen und geduldet. Ein beliebtes Mittel war auch der Wohnungsentzug. Nazi-Hauswirte klagten ihre sozialdemokratischen und kommunistischen Mieter einfach aus der Wohnung und bekamen immer Recht. Aber nicht nur private Hausbesitzer machten es so, auch die Apoldaer Stadtverwaltung beteiligte sich an solcher Herzlosigkeit.
So wurden im Jahre 1935 allen sozialdemokratischen und kommunistischen Mietern die städtischen Wohnungen gekündigt und gerichtlich herausgeklagt. Eine Begründung dazu wurde nie abgegeben. Es genügte die Forderung auf Räumung. Ersatz gab es kaum, denn jeder anständige Hauswirt hatte ja Angst vor etwaigen Repressalien im Falle der Aufnahme eines Herausgesetzten.
Aber auch den Frauen von Gefangenen wurden noch Möglichkeiten geboten, die Heraussetzung zu vermeiden, wenn sie sich von ihrem Mann scheiden ließen. Solche Gemeinheiten konnten ungestraft begangen werden. Bei der Verweigerung der Scheidung gab es nur eins: Zuweisung in die verwanzten Baracken in der Fischerstraße, denn diese unterstanden der Verwaltung durch die Polizei. Trotz hoher Miete führte es an solchen Brutstätten zu allen nur im Kapitalismus möglichen Entartungen. Die Kinder fristeten ein freudloses Dasein. Trotz alledem gab es noch anständige Hauswirte, die auch Verfolgte des Naziregimes aufnahmen. Und diese wollen wir nicht vergessen!
Zwei Erlebnisberichte Apoldaer politischer Gefangener über die Aktion „Gitter“ vom 22. August 1944Bearbeiten
1. Bericht über die Gitteraktion
Die Nazis hatten für einzelne Aktionen immer eine besondere Bezeichnung. So wie es eine „Gleichschaltung“ und eine „Kristallnacht“ gegeben hat, so hat es auch eine „Gitteraktion“ gegeben, und diese wurde am 22. August 1944 durchgeführt. In grauer Morgenstunde dieses Tages wurde eine Anzahl früherer sozialdemokratischer und kommunistischer Funktionäre durch die örtliche Polizei aus dem Bett heraus verhaftet und in das Polizeirevier im Rathaus geschafft. Dabei wurde auf kranke und körperbehinderte Menschen keine Rücksicht genommen. Was hatten diese Funktionäre verbrochen? Gar nichts, bis auf das, was die Polizei nicht wusste. Der Befehl zur Durchführung dieser neuen Mache schrieb vor, dass alle ehemaligen Arbeiter-Abgeordneten des früheren Reichstages, der Landtage und der Kreistage zu verhaften seien und in ein Konzentrationslager überführt werden sollten. Apolda war damals eine kreisfreie Stadt und der Stadtrat (heute Stadtverordnetenversammlung) zählte somit als Kreistag. Damit war die Verhaftung im Komplex der Gitteraktion begründet.
Damit sollte ein Zusammenhang hergestellt werden mit dem missglückten Führerattentat, welches am 20. Juli 1944 eine große Gruppe von Offizieren und bürgerlichen Politikern versucht hatte.
Verhaftet wurden die Genossen:Friedrich Burkhardt, Max Burkhardt, Albin Dassler, August Friedrich, Erich Köhler, Heinrich Lenk, Karl Schneider und die Genossin Berta Hartung. Da die örtliche Polizei gründliche Arbeit geleistet hatte, wurden auch die Genossen August Berger in Hoyerswerda, Robert Giebler in Saalfeld, Friedrich Guckenburg in Mühlhausen und Ernst Römer auf einer Baustelle in Unterlüss (Lüneburger Heide) verhaftet, weil sie 1933 dem Stadtrat in Apolda angehört hatten.
August Berger kam in das Konzentrationslager Sachsenhausen und ist seit dieser Zeit verschollen. Berta Hartung kam in das Amtsgerichtsgefängnis Apolda und Ernst Römer in das Zuchthaus Celle in Schutzhaft, wie es genannt wurde. Alle anderen sind in das Konzentrationslager Buchenwald transportiert worden. Diese Aktion erwies sich aber bald als ein Fehlschlag. Die Betriebe wurden unruhig, und die Belegschaften forderten von ihren Betriebsführern Reklamationen für die verhafteten Arbeiterfunktionäre. Das geschah auch in fast allen Fällen, und so kam es, dass die Gestapo die meisten der Verhafteten im Verlaufe der nächsten Wochen und Monate wieder entlassen musste. Darin zeigt sich die ganze Verworrenheit der Nazistrategie und ihre eigenen Schwächen. Denn die Leute vom SD sagten ganz offen bei den Entlassungen, dass diese Reklamationen ein halbes Jahr vorher niemand gewagt hätte.
Die illegale Arbeit fing an, Früchte zu tragen. Gerade diese Aktion führte dazu, dass neue Verbindungen hergestellt wurden, denn es kamen in jener Zeit immerhin einige hundert Thüringer Funktionäre zusammen, die sich kannten, aber nur in den verflossenen Jahren nichts voneinender gehört hatten, obwohl ein großer Teil im illegalen Kampf stand und viele schon ein- oder mehrmals durch die Strafanstalten und Konzentrationslager gewandert waren. Das wurde noch erleichtert dadurch, dass am 24. August 1944 das Konzentrationslager Buchenwald von anglo-amerikanischen Flugverbänden schwer bombardiert wurde und dabei eine größere Anzahl von SS-Männern umkamen, so dass einige Tage lang die Ordnung im Kleinen Lager gestört war, in welchem sich die Häftlinge der Gitteraktion befanden.
So entstanden neue Kontakte, die sich zum Guten für die illegalen Tätigkeiten gegen den Faschismus auswirkten.
2. Bericht (wahrscheinlich von Heinrich Lenk)
Am 22. August 1944 wurden alle Mitglieder der KPD und der SPD verhaftet, die vor dem 2. Mai 1933 Abgeordnete der Landes- und Gemeindeparlamente waren. In Apolda waren es sieben Stadtverordnete. Insgesamt wurden 750 Personen in das KZ Buchenwald gebracht. In Apolda wurden verhaftet: Max Burkhardt, Karl Schneider, August Friedrich, Erich Köhler, Friedrich Burkhardt, Friedrich Guckenburg und Heinrich Lenk. Der Kriminalpolizist saß des Zuges dem Gen. Friedrich Burkhardt gegenüber. Burkhardt sagte zu ihm:
“Lassen Sie es sein, Sie werden auch mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet.“
Auf die Frage Demuths“Warum?“
antwortete Burkhardt:
“Sie schaffen doch sieben Schwerbeschädigte in das KZ Buchenwald.“
Demuth antwortete:
“Herr Burkhardt, machen Sie keine Witze, mir ist nicht so zumute.“
Die Kriminalpolizei hatte in Naumburg ein Abteil für sieben Schwerbeschädigte bestellt. In Weimar ging es zur Sammelstelle am Buchenwald-Bahnhof. Der Polizist Schreiber aus Apolda, ein ehemaliger Gewerkschaftskollege von den Verhafteten, führte uns in einen Raum mit dem Bemerken:
“Ich lasse keinen mehr zu euch hinein.“
Ein anderer Polizist riss nach dem Eintreffen des nächsten Transports die Tür zu unserem Raum auf und wollte noch mehr Häftlinge einweisen. Schreiber schrie seinen Kollegen an:
“Hier kommen keine mehr hinein, das sind meine Kollegen, die kenne ich.“
Sie haben sich eine lange Zeit gestritten, aber es kam keiner zu uns. Gegen 16 Uhr wurden wir in einen Lastwagen der SS verladen. Wir mussten stehen. Ein SS-Mann stand vor uns und hielt die Maschinenpistole auf uns, und ein anderer stand hinter uns in derselben Positur. Im Lager vor der Politischen Abteilung wurde noch einmal überprüft, ob alle eingetroffen waren. Genosse Max Burkhardt war krank und konnte nicht so gerade stehen wie wir. Der SS-Mann drohte ihm mit Hiebe, wenn er sich nicht stramm stelle. Nun ging es durch das Haupttor in den Bau neben der Effektenkammer. Hier mussten wir uns vollkommen entkleiden. Alles wurde mit einem Strick zusammengebunden, ein Zettel mit unseren Häftlingsnummern angeheftet. Im Waschraum mussten wir uns im einen Mann mit einem Eimer voll Schmierseife stellen. Er machte einen Kreis mit dem Eimer. Jeder von uns hatte einen Klecks Schmierseife am Körper, und damit unter die Dusche. Nachdem wir den Dreck unserer familiären Ordnung beseitigt hatten, wurden uns im Freien alle Haare am Körper bis auf zwei Millimeter beseitigt. In der Effektenkammer warf man jedem die zukünftige Kleidung und ein paar Holzpantoffeln entgegen. Inzwischen war es 20 Uhr geworden. Es ging in das Kleine Lager, die Quarantäne. Die Baracke Nr. 51 war voll belegt. Nach langer Verhandlung wurde noch mehr zusammengerückt und eine Box frei, also 60 Mann in einem Raum, den sonst in diesem Pferdestall zwei Pferde benötigten. Sechs Pritschen, auf jeder Seite drei übereinander für je zehn Mann. Kamerad Max Burkhardt musste sich an unsere Füße legen, da er wegen seiner Erkrankung nicht die ganze Nacht auf einer Seite liegen konnte. Nachts kamen noch 150 aus dem Walde hinzu. Für jüdische Häftlinge hatte die Lagerleitung ...<hier fehlt ein Stück Text; P.F.> Die Nächte wurden kalt, deshalb kamen diese mit unserem Einverständnis gegen 22 Uhr schweigend zu uns in die Baracke und belegten jede Stelle auf dem Fußboden. Ehe die SS das Waldlager kontrollierte, hatten sie uns verlassen. Diesen Häftlingen war der Raum unter den Buchen zugewiesen, an denen die Haken angebracht waren, an denen Häftlinge an den Armen aufgehängt wurden. Am 24. August bombardierten die Engländer den Teil des Lagers, der sich außerhalb des elektrisch geladenen Zaunes befand. Die SS-Kasernen und die Rüstungsindustrie wurden zerstört. Die SS benutzte die Gelegenheit und hat viele Häftlinge erschossen, die ihre Arbeitsstelle verlassen mussten. Auch Rudolf Breitscheid wurde ein Opfer des Angriffs. Durch den Vormarsch der Sowjetarmee mussten die Faschisten Auschwitz räumen. Die Häftlinge wurden vor dem Einmarsch der Sowjetarmee in die KZ im Westen Deutschlands gebracht. Nur einige von den vielen: Dachau, Bergen-Belsen, Ravensbrück.
Wir hatten auch 125 Zigeunerkinder im Alter von fünf bis 14 Jahren in unserer Baracke. Ich bekam den Auftrag, mit diesen Kindern die Steine auf den Feldern der Ökonomie wieder in die Bombentrichter zu werden. Ich habe die Kinder durch eine Ansprache aufgeklärt über das, was sie machen sollten. Vor allem aber, wie sie es machen sollten. Je 25 Kinder bilden einen Kreis. Im Sitzen werden alle Steine, die innerhalb des Kreises liegen, in die Mitte geworden. Da keine Gefäße zur Verfügung standen, mussten die Steine vom Haufen in die Bombentrichter geworfen werden. Den 14jährigen Jungen Emil aus Merseburg habe ich gefragt, ob seine Eltern noch wanderten. Er antwortete:
“Nein, meine Eltern sind schon lange seßhaft.“
Nachdem unsere Aufgabe erledigt war, hatten die Kinder eine Versammlung. Emil kam zu mir und sagte:
“Onkel, wir wünschen, dass Du recht bald aus diesem Lager herauskommst. Du warst gut zu uns, hast uns nicht geschlagen und auch nicht geschimpft.“
Diese armen Kinder wunderten sich einmal nicht geschlagen und nicht geschimpft wurden. Auf einem angeblichen Transport in das Jugendlager Bergen-Belsen sind diese von der SS erschossen worden, denn die Meldung, dass sie dort angekommen sind, ist nicht in der Politischen Abteilung eingegangen.
Nach 14 Tagen wurden 700 Häftlinge der Gitteraktion wieder entlassen. Einer von denen stellte an den von der Gestapo die Frage:
“Und wir?“
Antwort:
“Ihr bleibt da, ihr gehört zu den Schwerverbrechern."
Demnach waren nach Auffassung der Gestapo Heinrich Lenk und Friedrich Burkhardt Schwerverbrecher. Wer die vier Wochen Aufenthalt in der Quarantäne (Kleines Lager) überstanden hatte, kam in das große Lager. Ich wurde in den Block Nr. 40 eingeliefert. Wir schliefen zu dritt in zwei Betten, links ein Franzose, rechts ein Fallschirmjäger aus Mexico.
Die Geheimorganisation hat vielen geholfen. Vielen Häftlingen hat sie das Leben gerettet, auch dem Fallschirmjäger, der die Nummer eines toten Häftlings trug.
Am 26. Februar 1900 wurde ich als uneheliches Kind einer Dienstmagd und eines Arbeiters in Jena geboren.
Das Brot war knapp zu Hause, und so wurde ich bis zu meinem 14. Lebensjahr bei meinen Großeltern erzogen, die in Rettgenstedt Kreis Eckartsberga als Landarbeiter tätig waren. In dieser Zeit besuchte ich acht Jahre lang die dortige Volksschule, die aus einem Lehrer und einem Klassenzimmer bestand.
Nach meiner Schulentlassung war ich froh, am 1. April 1914 eine Lehre als Polsterer und Dekorateur in Apolda beginnen zu können. Die Freude währte allerdings nicht lange, denn mein Lehrherr bekam die Einberufung zum Kriegsdienst, und ich war mit meinen 16 Lenzen gezwungen, meinen Lebensunterhalt als Hilfsarbeiter zu verdienen.
Kaum achtzehn geworden, musste ich den kaiserlichen Soldatenrock überstreifen und wurde nach zweimonatigem Drill in ein Feldrekrutendepot nach Frankreich geschickt. Hier war ich auch bei Ausbruch der Novemberrevolution. Meine Begeisterung war grenzenlos, und anfänglich glaubte ich, dass der Funke der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution auch bei uns Flammen schlagen würde. Ich stellte mich sofort als bewaffneter Schutz einem Soldatenrat zur Verfügung.
Es war schmerzlich für mich zu spüren, dass die Zerrissenheit und das Fehlen einer revolutionären Führung in der deutschen Arbeiterbewegung die Novemberrevolution scheitern ließen. Deshalb schloss ich mich 1919 als Bergarbeiter der Gewerkschaftsbewegung an und nahm aktiv an den Kämpfen gegen die reaktionären Bürgerwehren des Kapp-Putsches teil.
Im März 1921 trat ich der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands bei. Ich wäre schon vorher ihr Mitglied geworden, wenn es an meinen Arbeitsorten eine Organisation der KPD gegeben hätte. Hier herrschte aber die USAP, und durch die Erfahrung der Novemberrevolution gewarnt, suchte ich nach einer wirklich revolutionären Partei Leninschen Typus.
Es war damals die Zeit des Mitteldeutschen Aufstandes, und die Genossen setzten mich unmittelbar nach meinem Eintritt als Org.-Leiter der KPD-Ortsgruppe Braunsdorf bei Merseburg ein. Seit diesem Tag war ich ununterbrochen bis zu meiner Verhaftung 1933 als KPD-Funktionär eingesetzt:
1922: Orts- und Betriebsgruppenfunktionär in Apolda
1923-1925: Pol.-Leiter der Ortsgruppe Kölleda
In dieser Zeit lernte ich den Genossen Hermann Güntherodt kennen, welcher sich mit einem Kölledaer Arbeitermädchen verheiratet hatte. Er trat sofort als aktiver Genosse an meine Seite, und wir haben in dieser Zeit den Einfluss der KPD in Kölleda beachtlich vorwärts gebracht. Die Zahl der Parteigenossen verstärkte sich um das Doppelte, und bei den Wahlen erhielten wir damals bei einer Zahl von 3.000 Einwohnern 360 Stimmen von Männern und Frauen über 21 Jahren. Bei der Aufstellung der KPD-Wahlliste zum neuen Kreistag im Frühjahr 1925 standen an der Spitze des Wahlvorschlages: Otto Schneidewind, Heldrungen; Ernst Römer, Kölleda; Hermann Güntherodt, Kölleda. Im Wahlkampf standen alle Parteien von der SPD bis zu den Deutschnationalen in gehässiger, todfeindlicher Weise gegen uns. Trotzdem konnten wir zwei Abgeordnete durchbringen.
Im Herbst 1927 verzog ich nach Apolda, weil in Kölleda und Umgebung für mich keine Verdienstmöglichkeiten bestanden, und Genosse Hermann Güntherodt war mein Nachfolger als Abgeordneter im Kreistag Eckartsberga. Nach seinem Wohnungswechsel nach Sachsenburg hat er bis zum Tode genau wie in Kölleda seine Pflicht als Genosse erfüllt.
1926-1927: Ortsgruppen-, Gewerkschafts- und RFB-Funktionär in Merseburg
1927-1931: Pol.-Leiter der Parteiortsgruppe und führender Funktionär des RFB und später des Kampfbundes gegen den Faschismus in Apolda
Außerdem war ich:
1925-1927: Kreistagsabgeordneter der KPD und Fraktionsführer im Kreis Eckartsberga
1927-1930: Betriebsgruppenleiter und Mitglied des Betriebsrates der Firma Gebr. Thiel, Ruhla, Zweigwerk Apolda, wo ich als Metallarbeiter beschäftigt war
1929-1931: Mitglied der erweiterten und engeren Bezirksleitung der KPD Groß-Thüringen
1932: gewählter Stadtrat in Apolda
Im Jahre 1930 besuchte ich jeweils vierzehntägige Lehrgänge der Bezirksparteischule der KPD in Elgersburg/Thüringen und die Reichsparteischule „Rosa Luxemburg“ in Berlin. Besonders die Tage in Elgersburg sind mir in Erinnerung geblieben, weil wir dort mit Hermann Duncker einen der erfahrensten Genossen der KPD als Lektor hatten. Hier machte ich mich auch zum ersten Male in meinem Leben mit den Klassikern des Marxismus-Leninismus vertraut.
Im Frühjahr 1931 wurde ich als Organisationsvolontär in die KPD-Bezirksleitung Groß-Thüringen berufen, und vom 1. November 1931 bis zum Mai 1932 setzte mich das ZK der KPD als Bezirksorganisations-Sekretär in Ostpreußen ein.
Ab Mai 1932 war ich Instrukteur des ZK der KPD. Es war eine Zeit erbittertster Auseinandersetzungen mit dem Klassengegner in Vorbereitung der Reichstagswahlen. Die Bourgeoisie versuchte mit allen Mitteln, die KPD bei ihren Wahlkundgebungen zu stören. Als ich 1932 auf der Insel Poel/Mecklenburg auf einer Wahlreise sprach, versuchte ein Gutsinspektor des berüchtigten Graf Bothmer durch das Dazwischen-Fahren seiner Kutsche zwischen mir und den Versammlungsteilnehmern die Kundgebung aufzulösen. Ähnliche Provokationen und Versammlungsverbote gegen uns waren die ständigen Begleiter unserer propagandistischen Wahlvorbereitung.
Das letzte Mittel der Reaktion war im August 1932 meine Verhaftung und Verurteilung wegen angeblichen Landfriedensbruchs und Rädelsführerschaft zu fünf Jahren Gefängnis. Durch die Schleicher-Amnestie wurde ich zu Weihnachten 1932 entlassen. Sofort und bis zum Februar 1933 nahm ich als Instrukteur der KPD-Bezirksleitung Groß-Thüringen meine politische Tätigkeit wieder auf, um unsere Illegalität vorzubereiten.
Im März 1933 setzte mich die KPD als Instrukteur in Niedersachsen ein, wo ich Ende des Monats verhaftet und im Oktober 1933 vom Oberlandesgericht Hamm wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu zwei Jahren und vier Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Die Untersuchungshaft verbrachte ich in Hannover und Ichtershausen. Die Strafe selbst verbüßte ich in Herford und im westfälischen Werl.
Im September 1935 wurde ich nach Apolda entlassen. Ich stand unter Polizeiaufsicht und arbeitete bei dem Bauunternehmen Friedrich Mehmel AG und kam dadurch auf verschiedene Baustellen Thüringens und Norddeutschlands. Mit kurzer Unterbrechung durch eine sechsmonatige Einberufung zum Wehrdienst und erneuter „Schutzhaft“ wurde ich als Bauarbeiter und später als Baufacharbeiter tätig.
Wer diese Jahre kennt weiß, wie schwer es war, die abgerissenen Verbindungen zu zentralen Parteistellen wieder zu knüpfen. Wir versuchten damals viel mit Briefagitation alle antifaschistischen Kräfte zu sammeln und sie für wirksame Aktionen zu gewinnen. Die illegale Widerstandsbewegung in Apolda hatte eine Zeit lang keine Verbindung zu einer zentralen Leitung. Diese Verbindung so schnell wie möglich wieder herzustellen war dringend nötig. Ich war sehr glücklich, dass wir 1944 wieder Kontakt bekamen mit dem ehemaligen Reichstagsabgeordneten Genossen Franz Moericke aus Berlin. Bei dem Genossen Franz Zirkel war unsere Zusammenkunft mit Genossen Max Burkhardt, mir und noch einigen anderen Genossen. Wir besprachen vor allem das Programm des Nationalkomitees Freies Deutschland, die nächsten Ziele der propagandistischen Arbeit und die Registrierung aller Antifaschisten.
Die Verhaftungswelle im August 1944 zerschlug alle Pläne, denn alle führenden Genossen wurden verhaftet. Ich selbst wurde in Unterlüß auf der Baustelle verhaftet und eingekerkert. Meine Familie in Apolda stand unter gestrenger Gestapo-Aufsicht. Meine Tochter, die wir als Kurier hatten, verließ Apolda. Bis zum Ende des Krieges war sie als evakuierte Frau im Schwarzwald bei einer katholischen Familie verborgen. Im April 1945 verließ ich auf eigene Faust die Baustelle in Unterlüß und kehrte nach dem Einzug der Amerikaner nach Apolda zurück. Für uns Kommunisten gab es viel zu tun. Gleich nach dem Einzug der Roten Armee in Thüringen organisierte ich die offizielle Gründungsversammlung der KPD, hielt das Referat und erhielt das Vertrauen der Genossen als Vorsitzender der Ortsgruppe Apolda.
Am 1. Juni 1945 wurde ich zum Polizeidirektor von Apolda ernannt und war bis zu meiner Versetzung als Polizeidirektor nach Jena am 1. Januar 1946 noch Vorsitzender der KPD in Apolda. Dabei setzte ich mich besonders für die Vereinigung der beiden Arbeiterparteien ein, weil mein eigener politischer Weg mir recht anschaulich klar gemacht hatte, dass nur eine einheitliche Arbeiterklasse ihrer historischen Mission gerecht werden kann.
Nach diesen ersten Nachkriegsjahren habe ich mich auch aktiv in leitenden Funktionen bei der Durchführung der demokratischen Reform der Entnazifizierung, der Bodenreform und dem Aufbau eines neuen Verwaltungsapparates befunden und aktiv mitgewirkt. Bis zur Versetzung als stellvertretender Polizeipräsident nach Erfurt im Jahre 1949 war ich weiterhin Mitglied des Sekretariats des Kreisvorstandes der SED in Jena.
Im Juli 1949 war ich Polit-Kultur-Leiter der VP Weimar-Land und in derselben Funktion und mit dem Dienstgrad als Oberst war ich ab Oktober 1949 mit der ideologischen Entwicklung und dem organisatorischen Aufbau der Grenzpolizei in Thüringen betraut. Da die Abteilung Grenzpolizei ab 31. Dezember 1950 zentral von Berlin aus geleitet wurde und ich Thüringen nicht verlassen wollte, schied ich am 30. April 1951 auf eigenen Wunsch aus der VP aus.
Die Partei setzte mich ab 1. Mai 1951 als Ersten Sekretär der Kreisleitung Nordhausen ein. Auf Grund eines Unfalles war ich von 1954 bis 1955 Invalidenrentner. Von 1956 bis 1957 arbeitete ich dann als Kreissekretär der Nationalen Front in Apolda und von 1957 bis 1962 als Erster Stellvertreter des Vorsitzenden des Rates des Kreises Weimar.
Am 30. April 1962 wurde ich Rentner. Seit diesem Tage habe ich verschiedene ehrenamtliche Funktionen übernommen. Außer einer Vielzahl von Patenschafts-Verpflichtungen bin ich heute noch SED-Kreisleitungs-Mitglied in Apolda, Mitglied des Kreiskomitees der antifaschistischen Widerstandskämpfer, der Parteiveteranen-Kommission sowie einer Wohnbezirks-Parteileitung.
Als Anerkennung meiner politischen Arbeit erhielt ich folgende Auszeichnungen:
Medaille „Kämpfer gegen den Faschismus“
Medaille für die Teilnahme an den Kämpfen 1918-1923
Ehrenzeichen der Deutschen Volkspolizei
Medaille für ausgezeichnete Leistungen in Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften
Erinnerungsmedaille 20. Jahrestag der Demokratischen Bodenreform
Artur-Becker-Medaille der FDJ in Silber
Verdienstmedaille der DDR
Fritz-Heckert-Medaille des FDGB
Ehrenauszeichnung der Partei für 50- und 60jährige treue Parteiarbeit im Kampf für Frieden, Demokratie und Sozialismus
Ehrennadel der DSF in Gold
Vaterländischer Verdienstorden in Silber
Vaterländischer Verdienstorden in Gold
Verfasst von Ernst Römer am 22. Oktober 1977
B – Über Erfahrungen bei der Gestaltung einer antifaschistisch-demokratischen Ordnung nach 1945
Hierbei verweise ich auf den Artikel im „Thüringer Volk“ vom 1. Juni 1946 von mir unter dem Titel „Ein Jahr antifaschistische Stadtverwaltung“.
Nach unserer Haftentlassung waren ab 1936 Verbindungen zur illegalen Widerstandsbewegung hergestellt, wodurch wir über die Beschlüsse der Berner und Brüsseler Konferenz zur Volksfront informiert waren.
Im Jahre 1944 wurden die Beziehungen zu zentralen Leitungen in Berlin, zur Widerstandsorganisation Anton Saefkow, durch den Genossen Franz Moericke-Berlin hergestellt. In dieser Zeit erhielten wir schriftliches Material und persönliche Erläuterungen über die Aufgaben und Ziele des „Nationalkomitees Freies Deutschland“. Wir gründeten auch in Apolda ein Komitee, an der Spitze standen neben mir die Genossen Franz Zirkel, Max Burkhardt, Karl Schneider und Fritz Burkhardt. Wir antifaschistischen Leitungskader waren also rechtzeitig und gut informiert über Ziele und Wege beim Aufbau einer antifaschistischen demokratischen Ordnung in Deutschland. (...) Wir hatten also eine gute Grundlage über das Neubeginnen, nach der bevorstehenden Zerschlagung des Hitlersystems durch die Sowjetarmee eine intensive illegale Aufklärungsarbeit zu leisten.
Nach dem Einmarsch der Amerikaner im April 1945 wendeten wir uns dann mit Erfolg an breitere Bevölkerungskreise, darunter auch an liberale demokratische Bürgerliche. Mit dem Aufruf des ZK der KPD vom 11. Juni 1945 hatten wir dann eine feste Grundlage zur politischen und organisatorischen Arbeit, wobei der Kampf um die Schaffung der Vereinigung der beiden Arbeiterparteien, KPD und SPD, im Vordergrund stand. Bei der ideologischen Arbeit zur Mobilisierung der Massen stand diese Losung unumkehrbar in jeder Versammlung im Vordergrund. So wurde von mir in jeder Versammlung gesagt: Den Kritikastern und versteckten reaktionären Elementen sowie nazistischen Saboteuren muss gesagt werden, dass die fortschrittlichen Kräfte der Werktätigen auf dem Wege zu einem freien demokratischen Deutschland keinen Schritt zurück weichen werden und allen Saboteuren und Feinden dieser Entwicklung den Kampf bis zur Vernichtung angesagt haben.
Nach dem Aufruf des ZK der KPD vom 11. Juni 1945 beim Aufbau der Kommunistischen Partei haben wir nach vorliegendem Referentenmaterial / Notizen folgende Argumentation geführt: Nur wenn alle antifaschistischen Kräfte zusammengefasst und mobilisiert werden und wir an ihrer Spitze stehen und führen, wird es möglich sein, dieses furchtbare Erbe zu liquidieren, das Hitler der deutschen Arbeiterschaft und dem ganzen Volk hinterlassen hat. Um diese unsere große Aufgabe zu lösen, müssen wir neue Wege gehen. In einer Situation, in der die Voraussetzungen für die Durchführung des Sozialismus nicht gegeben sind, müssen Formen und Methoden der Organisation und der Propaganda gefunden werden, die es ermöglichen, den Wiederaufbau Deutschlands unter den gegebenen Voraussetzungen durchzuführen, ohne die marxistisch-leninistischen Erkenntnisse und Grundsätze preiszugeben. Die Aufgaben des ehemals revolutionären Bürgertums übernehmend, d.h. die 1848 nicht durchgeführte Liquidierung des Feudalismus jetzt vorzunehmen und auf demokratischer Grundlage Deutschland neu zu bauen, müssen wir uns nicht nur gründlicher schulen, sondern uns auch die Fähigkeit erwerben, die Sprache zu sprechen, die die Massen verstehen. Es kommt deshalb darauf an, nicht so sehr von Sozialismus zu sprechen, sondern aus den Nöten der Gegenwart die nächsten Aufgaben zu erkennen, über deren Lösung wir auf den Weg zum Sozialismus gelangen. Noch immer in der nazistischen Ideologie gefangen, sieht die Mehrheit des deutschen Volkes nicht, dass der Marxismus-Leninismus absolut in keinem Widerspruch zu nationalen Interessen steht. Dieser Umstand hat das deutsche Volk ja überhaupt erst in die jetzige schwere ausweglose Lage hinein gebracht. Denn sie glaubten an die Richtigkeit der antibolschewistischen, also antisozialistischen und imperialistischen Politik Hitlers und folgten ihm auf seinem Weg in die Katastrophe. Nun stehen wir Kommunisten ideologisch und organisatorisch vor der Aufgabe, das deutsche volk zur Liquidierung der Überreste des Nazismus reif zu machen und es an den Gebrauch der von ihm selbst verscherzten demokratischen Rechte und Freiheiten zu gewöhnen. Wir müssen heute wissen, dass wir, wenn wir heute von einer fortschrittlichen Demokratie sprechen, nicht eine Demokratie im Auge haben, wie es die Weimarer war. Die Weimarer Republik, die nach der Novemberrevolution 1918 entstand, war weit von einer kämpfenden Demokratie entfernt. Es war keine Volksdemokratie. Die Weimarer Republik herrschte mit dem Paragraph 48 usw. Unsere Aufgabe ist es, einen Staatsapparat wieder aufzubauen, nicht diesen Apparat, sondern selbstverständlich einen anderen, einen wirklich antifaschistischen demokratischen Staatsapparat. Heute sind wir Kommunisten eine Partei geworden, die positiv zum Aufbau steht, während wir vorher bis 1933 negativ zum Staatsapparat gestanden haben und dann zum faschistischen Staatsapparat in Todfeindschaft.
Welche Aufgaben standen nun vor uns? Jeder ehrliche deutsche Mensch wird sie verstehen. Es ist klar für jeden ehrlich denkenden Deutschen, dass wir unsere Wirtschaft in Ordnung bringen müssen, und zwar auf kapitalistischer Grundlage. Sie ist zertrümmert und zerstört, und nur durch die Entfaltung der Initiative der Unternehmer, die Eigentümer der Betriebe sind, dadurch dass sie zu uns Vertrauen haben, kommt die Wirtschaft in Ordnung. Und nur dadurch, dass der Bauer aktiv wird, dass er auf seiner Wirtschaft wieder frei arbeiten kann, wird er in der Lage sein, die Bauernwirtschaft wieder in Ordnung zu bringen und unser deutsches Volk soweit wie möglich notdürftig zu ernähren. Natürlich gab es Genossen, welche die Frage stellten: Aber warum denn so? Wir möchten gern zum Sozialismus! Es gehörte Mut und Überzeugungskraft dazu, diesen Genossen klar zu machen, dass es nicht so einfach ist zu sozialisieren. Dazu gehören die entsprechenden Menschen, die Erfahrungen in der Wirtschaft haben. Wir haben heute diese Menschen nicht, sondern müssen sie erst langsam heran bilden. Wir kommen aus diesem Chaos nur dann heraus, wenn wir es verstehen, alle Kräfte, die heute vorhanden sind, zu organisieren und zu entwickeln. Wenn wir das nicht verstehen, kommen wir aus dem Chaos nicht heraus, und daran sind ja die Faschisten am meisten interessiert. Jedes Wort von der Sozialisierung unserer deutschen Wirtschaft ist eine Hilfe für die Faschisten.
Ich könnte noch viele Beispiele bringen, wodurch wir damals die bürgerlichen Kreise und Besitzer von Betrieben (natürlich außer Rüstungsbetrieben und Betrieben von Naziaktivisten, welche unter Sequester fielen) zur Mitarbeit in Apolda gewonnen haben.
Noch ein paar Beispiele: Die Kette von bürgerlichen Besuchern in meiner Dienststelle, wo ich noch zeitweise den Oberbürgermeister vertrat, riss nicht mehr ab, welche uns ihre Mitarbeit beim Wirtschaftsaufbau anboten und vielseitige Vorschläge machten. Darum setzte ich eine Versammlung für alle Unternehmer, Handwerksmeister und Gewerbetreibenden an, welche im August 1945 in der damaligen „Harmonie“ - heute Haus der Textilarbeiter – stattfand. Der Saal war brechend voll besucht. Ich war mit dem damaligen Bürgermeister Dr. Führ erschienen, welcher erschrocken und ängstlich die Versammlung eröffnete und mir das Wort zu meinem Thema gab: „Der Neuaufbau der Wirtschaft in Apolda – ein dringendes Gebot der Stunde“. Nachdem ich die politische Situation auf der Grundlage des Aufrufes des ZK der KPD vom 11. Juni 1945 gründlich erläutert hatte, ging ich über zu den konkreten Aufgaben des Wirtschaftsaufbaus nach unseren Vorstellungen. Ich war überrascht, wie die Bereitschaft zur Mitarbeit zum Ausdruck kam. Zirka 28 Personen meldeten sich zu Wort und brachten Vorschläge, wie und womit man anfangen könnte. Es ging dabei um die Textilindustrie. Festlegungen wurden getroffen, sämtliche Reißwolle zu erfassen und nach Meerane zur Garnaufbereitung zu bringen. Die Treuhänder der Textil-Ausweichlager und Marine-Ausweichlager wurden von uns konkret beauftragt, diese großen Mengen aufzutreiben und den Nähmaschinenbetrieben zur Verarbeitung zum Kauf anzubieten. Weiter: Festlegungen Kohletransport für Herbst und Winter. Bau- und Reparaturbetriebe erklärten sich bereit, Artikel des täglichen Bedarfs aus Lagerbeständen herzustellen usw.
Diese Beispiele sollen zeigen, dass das Vertrauen zu unserem Aufbauprogramm sich von der bürgerlichen Seite aus positiv entwickelt hatte. Diese Versammlung war zu einer richtigen Wirtschaftskonferenz geworden und wurde in ganz Apolda diskutiert.
C – Eine Begegnung mit Ernst Thälmann
Vortrag vor Schülern der POS I in Kölleda am 15. Feburar 1968
Liebe junge Freunde der POS I in Kölleda! Wenn Ihr mich bittet, ein wichtiges Erlebnis aus meiner langen Kampfzeit als Funktionär der Partei der Arbeiterklasse zu schildern, so fällt mir die Wahl schwer, welches Erlebnis ich wählen soll. Ich denke aber, dass ich das Erlebnis wähle, welches für mich einmalig war, und deshalb unvergesslich bleiben wird, nämlich
Eine Begegnung mit Ernst Thälmann
Der Grund meiner Wahl liegt auch in der Tatsache: Je mehr Jahre vergehen, umso weniger Genossen und Freunde wird es noch geben, welche eine solche oder ähnliche Begegnung mit dem geliebten und unvergesslichen großen Sohn des deutschen Volkes Ernst Thälmann hatten, wie mir das Glück zuteil wurde. Und weiter wähle ich dieses Erlebnis, weil Eure große Pionierorganisation den stolzen Namen Ernst Thälmanns trägt.
Es war im Frühjahr 1931. Ich war als Organisationssekretär in der KPD-Bezirksleitung Groß-Thüringen in Erfurt tätig. Durch die Bezirksleitung war eine wichtige erweiterte Bezirksleitungssitzung einberufen worden, welche in dem damaligen Arbeiterlokal „Tivoli“ in Erfurt-Nord stattfand. Das ZK der KPD hatte uns als Referenten für diese Tagung den Genossen Ernst Thälmann zugesagt. Als Tagesordnung stand zur Behandlung: „Die Verschärfung der politischen Lage durch die Politik der Regierung Brüning.“ Vom damaligen politischen Leiter der Bezirksleitung Walter Duddins bekam ich den Auftrag, den Genossen Thälmann unauffällig vom Hauptbahnhof Erfurt abzuholen und in das genannte Versammlungslokal zu begleiten.
Der Auftrag ehrte mich unsagbar; ich war überglücklich. Voll Herzklopfen konnte ich die Zeit nicht erwarten, da ich ganz allein mit unserem geliebten „Teddy“, wie wir ihn zärtlich nannten, zusammentreffen sollte.
Natürlich hatte ich Ernst Thälmann schon einigemale gesehen und gehört: 1925 in Halle; der Märzgefallenen-Gedenkfeier auf dem „Gänseanger“ bei Magdeburg 1927; auf dem Reichstreffen des Roten Frontkämpferbundes in Berlin; beim Reichstreffen der Arbeiterjugend 1930 in Leipzig; beim Roten Sportlertreffen 1930 in Erfurt.
Aber bei all diesen großen Versammlungen und Kundgebungen befand ich mich unter den Tausenden, Zehntausenden und über Hunderttausenden Teilnehmern und Demonstranten. Tausendmal hatte ich in Versammlungen und Diskussionen den Namen Ernst Thälmanns genannt, Zeitungen und Flugblätter mit seinen Reden, seinen Fotos verkauft und verteilt, Plakate mit seinem Bild und der Losung „Wählt Thälmann“ angeklebt, bei vielen Wahlen zum Reichstag und bei Reichspräsidenten-Wahlen, in Versammlungen und auf Kundgebungen gerufen: „Wählt KPD – wählt Ernst Thälmann!“
Aber nun war der Tag da, an dem ich ganz allein, sozusagen unter vier Augen, mit dem Vorsitzenden des ZK der KPD zusammen treffen sollte. Mir wird heute, da ich bald 70 Jahre alt werde, noch heiß ums Herz, wenn ich daran denke, wie mir damals zumute war. Ich sage ganz ehrlich: Ich machte mir Gedanken, um ich wirklich würdig und verdienstvoll genug sei, diesen Parteiauftrag anzunehmen. Diesen Gedanken sagte ich auch Genossen Duddins, der aber lachte und sagte: Ja, gerade Du sollst den Genossen Thälmann abholen!
So machte ich mich von der Leipziger Straße, wo unser Parteibüro und die Druckerei unserer Parteizeitung lag, auf den Weg zum Hauptbahnhof. Nach Lösen einer Bahnsteigkarte und Orientierung an der Fahrplantafel, auf welchem Bahnsteig der Schnellzug aus Berlin einlaufen sollte, stand ich nun gespannt und erregt auf dem Bahnsteig. Nach bangen Minuten lief der D-Zug ein. Damals waren die Züge noch nicht so besetzt wie heute, und es stiegen nur zirka 15 Personen aus, noch dazu weit hinten. Nach einem kurzen Überblick erkannte ich auch den Genossen Thälmann an seiner großen, athletischen Gestalt und ging hastig auf dem Bahnsteig ihm entgegen, begrüßte ihn mit „Rot Front!“ und stellte mich vor. Mit einem freundlichen Lächeln reichte er mir seine kräftige Hand. Ich wollte seine schwere Aktentasche tragen, aber er wehrte mit der Bemerkung freundlich ab: „...das bin ich gewöhnt.“ Seine ersten Fragen waren, wie die Konferenz vorbereitet wurde, über den Zeitpunkt des Beginns, die Teilnehmerzahl usw. Das geschah alles beim langsamen Einherschreiten auf dem Bahnsteig. Auf dem Weg zum Ausgang des Bahnhofs fragte er mich, wie es mir gehe, nach meiner Familie, und wollte wissen, wie ich meine Arbeit durchführe und welche Erfolge und Schwierigkeiten es dabei gibt. Bei diesem Gespräch gab mir Genosse Thälmann ruhig und sachlich wertvolle Hinweise. Dabei hatte ich Gelegenheit, immer wieder in sein derbes, aber männlich schönes Gesicht mit den leuchtend hellen Augen zu schauen. Auf dem Bahnhofsvorplatz gingen wir an die Straßenbahnhaltestelle, wo die Bahn nach Erfurt-Nord abfährt, und mussten zirka zehn Minuten auf die Bahn warten. Während dieser Zeit gingen wir auf und ab, und ich hatte eine ganze Reihe Fragen zu beantworten: über unsere Arbeit in den Betrieben, Erwerbslosenbewegung, Landarbeiter und Kleinbauern, Jugend- und Frauenbewegung und insbesondere über den Stand der Einheitsfront-Bewegung mit den SPD-Arbeitern und anderen fortschrittlichen Kräften. Dabei stellte ich fest, dass Genosse Thälmann mit wärmster Anteilnahme und größter Aufmerksamkeit meine Antworten anhörte und mir feinfühlig kluge kritische Hinweise gab.
Inzwischen kam die Straßenbahn, wir stiegen ein und nahmen auf der hinteren Plattform einen Stehplatz ein. Während der Fahrt sprach Genosse Thälmann über die Geschichte der Stadt Erfurt in einer herzlichen, heiteren Art, und ich staunte, dass er darüber besser Bescheid wusste als ich Thüringer. Die Fahrt dauerte zirka zehn Minuten bis zum „Tivoli“, und ich wünschte, sie wäre noch eine Stunde und länger gegangen.
Beim Eintritt in das Versammlungslokal schritten wir durch einen Raum zum Saal, und da standen schon Genossen, die Thälmann begeistert begrüßten. Die Anwesenden im Saal erhoben sich stürmisch von den Plätzen, und ein Sprecher rief laut: „Wir begrüßen unseren Genossen Ernst Thälmann mit einem dreifachen Rot Front!“ Dreimal hallte unser Kampfruf durch den Saal, anschließend lang anhaltendes Händeklatschen. Bescheiden stand Genosse Thälmann an der Stirnseite des Saales und begrüßte die Teilnehmer nach allen Seiten. Nach dem er am Vorstandstisch Platz genommen hatte, ergriff der Pol.-Leiter der Bezirks-Parteiorganisation das Wort, begrüßte Genossen Thälmann nochmals herzlich und gab einen kurzen Bericht über die politische Lage im Bezirk und den Stand der Parteiarbeit, insbesondere über die politisch-ideologische Lage im Kampf gegen die anwachsende faschistische Bewegung in Thüringen.
Anschließend ergriff Genosse Thälmann das Wort zu einem Referat. Gespannt saß ich auf einem Platz in den ersten Stuhlreihen, und wie gebannt hingen meine Blicke am Munde des Redners. Bisher hatte mich noch keine Rede eines führenden Funktionärs unserer Partei so tief ergriffen wie diese von Genossen Thälmann.
Erlebnisbericht des KPD-Stadtratsmitglieds Max Burkhardt aus dem Jahre 1965 über den Faschismus im Niedergang 1944 Bearbeiten
1. Der Stand der antifaschistischen Widerstandsbewegung 1944/45 im Kreis Apolda
Zugedacht für die Apoldaer Bürger, welche in den letzten 20 Jahren nach Apolda zugezogen sind, und für unsere junge Generation.
“Der Faschismus ist die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen und am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.“
Mit diesen kurzen, markanten Worten charakterisierte Georgi Dimitroff in seiner Verteidigungsrede im Deutschen Reichstagsbrandstifterprozess 1933 zu Leipzig den Faschismus. Diese nicht misszuverstehenden Worte wurden zum Ansporn für eine umfassende antifaschistische Widerstandsbewegung im damaligen Deutschland für die Dauer der 12jährigen Nacht über Deutschland.
Mutig und entschlossen organisierten die deutschen Kommunisten den Kampf um die Erhaltung ihrer verbotenen Partei, sie gingen in die Illegalität, kämpften im Untergrund und durchlitten bittere Not und brachten viele blutige Opfer. Sie fanden Beistand von klassenbewussten sozialdemokratischen Genossen, sie fanden Unterstützung bei parteilosen Arbeitern und fanden Hilfe bei aufrechten demokratisch gesonnenen Bürgern.
Der Kampf ging um die Erhaltung der illegalen Partei, gegen die Diktaturmaßnahmen der Faschisten, ihre schwarzen und braunen Mörderbanden und gegen ein erbärmliches Spitzel- und Denunziantentum. Alles, was zentral angewiesen war, wurde auch im heutigen Kreis Apolda durchgeführt.
Im Kreis Apolda ist während der Zeit des Faschismus niemals der Widerstandskampf zum Erliegen gekommen, und dieser ungleiche Kampf zwischen Antifaschisten und dem faschistischen Machtapparat forderte seine Opfer.
Schon im Jahre 1933 wurde der erste politische Prozess gegen Bad Sulzaer Kommunisten durchgeführt. Im Jahre 1934 folgte der Hochverratsprozess gegen Max Burkhardt und die Genossen Oskar Jancke, Pfeiffenbring, Liebscher, Fritsche, Toni Römer, und im Jahre 1936 gegen Otto Kleine und Genossen. In den folgenden Jahren wurden noch eine ganze Reihe von Strafprozessen gegen kleinere Gruppen und Einzelpersonen durchgeführt. Mit jedem Jahr wurden die Strafmaße höher und härter. So endete in den Jahren 1944/45 der Prozess gegen Hans Ollik und Genossen mit der feigen Ermordung Hans Olliks und die Prozesse gegen die Antifaschisten Schiering und Weiland mit deren Hinrichtung. Nicht alle Widerstandskämpfer fielen der Gestapo in die Hände, sie sind aber dieselben tapferen Kämpfer gegen den Faschismus wie diejenigen, die ihre Freiheit oder ihr Leben verloren. Das bezieht sich auf auf jene tapferen Menschen, die trotz der großen Gefahren Hilfe und Beistand gaben, auf sie, die materielle und finanzielle Beiträge leisteten, und auf jene, die Flüchtenden Asyl gewährten. Sie alle waren aufrechte Antifaschisten, die der Welt unter Beweis stellten, dass es in Deutschland nicht nur Faschisten gab, sondern auch Menschen, die sich die Aufgabe gestellt hatten, die Ehre Deutschlands vor den Augen der Menschheit zu retten.
In den letzten Jahren der faschistischen Herrschaft hatte die Apoldaer Widerstandsbewegung keine Verbindung mehr zu einer übergeordneten Stelle, und so wurde eben auf eigene Zeit (sprich: Faust; P.F.) gehandwerkelt, damit wurde immerhin (etwas; P.F.) getan. Wir spürten überall, besonders in den Rüstungsbetrieben Untergrundarbeit, wir kannten aber die Menschen nicht, die diese Arbeit leisteten. Die alten Kommunisten, zum Teil auch Sozialdemokraten und Parteilose aus dem Kampfbund hatten Zuchthaus, Gefängnis und KZ hinter sich, befanden sich in einer schwierigen Lage. Sie standen in der Regel unter entehrender Polizeiaufsicht und zum Teil auch unter Sippenhaft, daher war es schwierig, sich heimlich zu treffen, denn jeder Zugriff konnte zum Tode führen, das Standgericht hatte die SS nicht zur Verzierung eingerichtet. Trotz aller Schwierigkeiten mussten Treffs stattfinden und eine Verbindung gefunden werden, und bald sollte es so werden.
2. Die Gründung des Nationalkomitees „Freies Deutschland“ in Apolda
Im Juli 1944 kam der ehemalige Reichtagsabgeordnete Franz Moericke aus Berlin nach Apolda zu einem Verwandtschaftsbesuch. Die Verwandten hat er auch besucht, aber das war nur ein Vorwand, er hatte vielmehr von einer bestimmten Berliner Stelle Verbindungen herzustellen. Er suchte seinen alten Freund und Genossen Franz Zirkel auf und sagte diesem Bescheid. Franz Zirkel setzte einige Genossen davon in Kenntnis, und so kam der erste Treff zustande. Genosse Möricke informierte uns über den Zweck und das Ziel des Nationalkomitees „Freies Deutschland“ (NKFD) und empfahl, weitere Mitarbeiter zu gewinnen, und es wurde eine neue Zusammenkunft festgelegt.
Neue Mitarbeiter zu gewinnen war aber nicht leicht. Die Schwierigkeiten, die für die Alten bestanden, haben wir schon beschrieben, und die jüngeren Genossen und Freunde waren trotz verbüßtem Zuchthaus, Ehr- und Wehrunwürdigkeit in die Hitlerwehrmacht oder deren berüchtigten Strafbataillon 999 gepresst worden, eine Anzahl saß noch hinter Schloss und Riegel, und so ging alles nur schwer voran. Das neue Treffen wurde Mitte August durchgeführt, und wir trafen uns in der „Polka“, einem Ausflugslokal bei Bad Berka. Hier wurde das Problem des NKFD gründlich besprochen und die Ortsgruppe Apolda gegründet.
Das NKFD hatte nicht nur die Aufgabe, den Widerstandskampf neu zu organisieren, es hatte in erster Linie die Aufgabe, sich über Maßnahmen klar zu werden, die notwendig sein würden nach der schon sichtbaren Zerschlagung des Faschismus. Wir hatten jetzt ein politisches Bild für die Zukunft, und das sah so aus, wie wir es 1945 durchgeführt haben. Wir gingen voller Hoffnung an die Arbeit, aber erst ging etwas schief. Diese Zeilen wurden bisher nicht veröffentlicht, für die historische Wahrheit bürgen Ernst Römer und Max Burkhardt.
3. Die Gitteraktion
Am 22. August 1944 startete die Gestapo eine Großaktion gegen ehemalige Abgeordnete der Weimarer Zeit. Zu den Verhafteten gehörten auch die Mitglieder des NKFD. Diese Aktion war gründlich vorbereitet. Man hatte auch die nicht vergessen, die schon lange Zeit nicht mehr in Apolda wohnten. So auch das ehemalige Apoldaer Stadtratsmitglied August Berger, der dabei in Sachsenhausen ermordet wurde. Im Laufe dieses denkwürdigen 22. August kamen alle Thüringer kommunistischen und sozialdemokratischen ehemaligen Abgeordneten im KZ Buchenwald zusammen. Hier war die große Möglichkeit, neue Verbindungen zu schließen, und das wurde durch die Bombardierung am 24. August noch begünstigt, weil alles durcheinander ging.
Diese Aktion brachte den Nazis überhaupt keinen Nutzen ein. Die Menschen hatten den Glauben an einen Sieg der Hitlerwehrmacht längst verloren und wieder Mut gefunden. Die Betriebe wurden unruhig, und zum ersten Mal wagten private Unternehmer Reklamation um die verhafteten Arbeiter. Das große Wunder geschah: bald gingen die Entlassungen los. Das war nicht etwa ein Akt der Humanität, es war ein Zeichen der Schwäche, einer Schwäche, die angesichts der bevorstehenden Pleite entstanden war. Schon im Juli hatten sich die obersten Faschisten mit ihren Generalen in die Haare gekriegt, diese Zersetzung begann mit einem misslungenen Attentat auf Hitler und endete mit einem Riesenmassaker an Offizieren, Generalen und Zivilen der obersten Ebene.
Als die Bomben gefallen waren
Wir waren wieder in Freiheit, die eher einer Vogelfreiheit glich, als einer Freiheit der Menschenwürde, denn die Polizeiaufsicht und die Bespitzelung gingen weiter. Aber immerhin: wir hatten in Buchenwald Kontakte zu den sozialdemokratischen Genossen bekommen, und die Menschen machten im allgemeinen einen Wandel ihrer Anschauung durch, und so konnte der Widerstand ausgiebiger geleistet werden.
Im November 1944 wurde unsere Nachbarstadt Weimar durch anglo-amerikanische Flieger schwer bombardiert. Dabei wurde die durch Weimar führende Apoldaer Wasserleitung auf langen Strecken völlig zerstört. Apolda stand jetzt ohne Wasserzufuhr da, und an den wenigen Brunnen der Stadt standen am Tage und die halbe Nacht Menschenschlangen, die um Wasser anstanden. Hier bestand die Möglichkeit, aus diesen Wasserschlangen Giftschlangen zu machen. Die Menschen reagierten positiv auf jede Flüsterpropaganda, und kein Mensch, außer den ewig bornierten glaubte mehr an die angekündigten Wunderwaffen Hitlers. Es war Vorsicht geboten, denn die Häscher waren überall, aber die faschistische Disziplin (ging) täglich mehr vor die Hunde.
KZ-Flüchtlinge in Apolda
Bei der Bombardierung von Weimar wurde auch das kleine Außenlager vom KZ Buchenwald im Gelände des heutigen Weimar-Werkes getroffen und der Zaun zerstört. Diese Gelegenheit hat eine größere Anzahl von Häftlingen zur Flucht ausgenutzt, davon trafen auch sechs in Apolda ein. Diese sechs wohnten in der Gartenlaube des Konsum-Brotfahrers Walter Weilepp im Garten Am Heerweg. Das war natürlich zuviel für den engen Raum. Es war wieder der Genosse Franz Zirkel, der von der Sache Wind bekam, und zwar von der Schwester des Genossen Franz Moericke. Genosse Zirkel leitete die erste Hilfe ein, und wir brachten drei Genossen im Gartenhaus des Schuhwarenhändlers Steinach im Schötener Grund unter. Zirkel und Steinach sorgten auch für das Materielle, und sowie die sechs Genossen frisch eingekleidet waren, sind sie weiter gewandert, um keiner Streife in die Hände zu fallen, denn Apolda liegt zu nah an Buchenwald. Leider passierte es: Einer wurde aufgegriffen – wir wissen nicht wie – und ist in Buchenwald erhängt worden; die anderen sind scheinbar durchgekommen. Für uns Beteiligte waren die folgenden Tage schlimm, denn die erste Frage ist: Ist der (Verhaftete) dicht beim peinlichen Verhör? Es folgte aber nichts, und so haben wir uns wieder beruhigt.
Das waren kurze Beiträge von der Tätigkeit des NKFD in Apolda.
4. Die ökonomischen, politischen und militärischen Zustände in Apolda
Wie wir wissen, hatte Apolda stärksten Wassermangel, und dieser führte zu großen Rückständen in der Produktion und in der Versorgung. Die täglichen Tieffliegerangriffe auf die Eisenbahn führten bald zu deren völligem Erliegen. Die Postzustellung war unzureichend. Die ständigen Angriffe auf den Landstraßen auf alles, was sich dort bewegte, erschwerte den Verkehr von der Stadt zu den Nachbarstädten und der nächsten Umgebung. Bei so einem Angriff kamen der Genosse Walter Weilepp und sein Kollege Suba ums Leben. Unter diesen Umständen wuchs die Not der Menschen, aber auch ihre Abscheu vor dem Krieg und dem Faschismus.
Apolda besaß eine sehr wichtige Kriegsindustrie. Die Rheinmetall Borsig AG stellte vorwiegend Munition her, ihre Betriebe befanden sich im heutigen VEB ASW in der Bahnhofstraße und im heutigen VEB Laborchemie in der Neusätze. Die Mitteldeutsche Spinnhütte AG stellte Seidentuche für Fallschirme und Fesselballons her. Ihr Betrieb befand sich in der Nordstraße in den Gebäuden, die heute dem VEB ASW zugesprochen sind. Die Franz Ströher AG (Wella-Werk) war eigentlich ein Unternehmen für Frisörgeräte, war aber im Kriege auf dessen Bedarf umgestellt. Sein Betrieb waren die heute vom VEB Apoldaer Lederwaren genutzten Gebäude.
Alle anderen Betriebe der Metallindustrie wie das Total-Werk, Textima, Weimar-Werk produzierten für den Krieg, zum Teil waren noch Textilbetriebe als Zubringer-Betriebe umgestellt. Die Textilindustrie war klein geworden, die größeren Betriebe stellten Wehrmachtspullover her, und die Handwerker, soweit sie nicht in die Kriegsindustrie dienstverpflichtet waren, machten Reparaturen und Ausbesserungen für den zivilen Bedarf. Das war der Bestand der Apoldaer Industrie im Zweiten Weltkriege.
In den Großbetrieben bestand überall eine Untergrundbewegung, und in allen erfolgten Verhaftungen; Rheinmetall Borsig brachte uns drei Todesopfer ein.
Politisch war festzustellen, dass die Abkehr breiter Kreise der Bevölkerung vom Faschismus ständig stieg, die wirtschaftliche Notlage zwang sie, über die wahre Situation nachzudenken. Noch verdiente man gut, Geld hatten alle Menschen. Der Nazistaat ließ sich seinen Krieg etwas kosten, so gab es Gehälter und Unterstützungen, aber was nützte das Geld, man bekam doch nichts dafür zu kaufen. So stieg die Unzufriedenheit bis in die unteren Schichten der Nazisten selbst. Der Staatsapparat war noch intakt, Hitler und Goebbels brüllten ihre Reden zu den Gemeinschaftsempfängen, aber die Zuhörer rissen ihre Witze darüber.
Militärisch war Apolda ohne jede Bedeutung, es war hauptsächlich Lazarettstadt. Die Schulen waren fast alle geschlossen, die Kinder lungerten auf den Straßen herum oder wurden mit Kräutersammeln beschäftigt, einige stillgelegte Textilbetriebe wurden auch zu Lazaretten.
Die Garnison bestand aus ein paar Kompanien Landesschützen, meist ältere Jahrgänge, die unlustige Kriegsgefangene bewachten und mit diesen Verbrüderungen durchführten. Dazu kam der Volkssturm von alten Männern und Jungen, die kaum aus der Schule gekommen waren. Ferner gab es eine Technische Nothilfe, den Luftschutz, die Ortspolizei und die Feuerwehr; diese Einheiten setzten sich in der Mehrzahl aus dienstverpflichteten Arbeitern zusammen, die sich möglichst vom Dienst fernhielten. Über allen denen thronte die Heimat-SS und die Heimat-SA und das Amtsleiter-Korps mit seinem Standgericht, welches sie auf der heutigen Werner-Seelenbinder-Kampfbahn eingerichtet hatten, und nicht nur zur Abschreckung, sondern dort sind tatsächlich Erschießungen vorgenommen worden. Aber trotz allem: das ganze Gebälk war vom Wurm zerfressen.
Das war die Situation, in welcher sich Apolda während des zerfallenden Faschismus befand.
5. Der Zusammenbruch
Der Krieg ging seinem Ende entgegen, die Amerikaner durchquerten Thüringen, wo Widerstand geleistet wurde, wurde derselbe mit den schwersten Kampfmitteln sehr schnell zerbrochen. Für Apolda stand die Frage: Wird die Stadt verteidigt oder wird sie kampflos übergeben? Es bestand die Möglichkeit, dass die sich von Buchenwald – dessen Häftlinge sich schon selbst befreit hatten – absetzende SS festsetzte. Das trat aber nicht ein, und andere Verbände waren in der Umgebung nicht festzustellen. Wohl versuchte ein übergeschnappter Oberleutnant von Weimar die Machthaber im Rathaus zur Verteidigung der Stadt zu überreden, aber die Landesschützen waren abgezogen, ebenso die Stadtpolizei, die SS und SA hatten sich verkrümelt, und so kamen die Herren im Rathaus in letzter Stunde zur Einsicht, die Stadt kampflos zu übergeben. Diese Herren hatten ja schon Tage vorher die völlige Auflösung gesehen, der Bach war ja völlig verstopft mit Hitlerbildern und sonstigen Dingen der braunen Pracht.
Am 11. April nachmittags standen plötzlich amerikanische Vorhuten auf der Leipziger Straße, nachdem sie vorher das Freigut in Niederroßla in Brand geschossen und einige Warnschüsse über die Stadt abgegeben hatten. Parlamentäre, die geschickt worden waren, sagten dem verantwortlichen Kommandeur in Apolda: Apolda sei eine Lazarettstadt und werde kampflos übergeben. So zogen am 12. April die amerikanischen Besatzer in Apolda ein.
Über die Kapitulation Apoldas läßt sich schon einiges sagen. Es gibt noch Menschen, die die Männer im Rathaus als Helden betrachten, dem ist aber nicht so. Wer anderes sollte denn kapitulieren als sie? Die Widerstandskämpfer etwa? Diese hatten den Faschismus nicht aufgezogen, und sie hatten auch den Krieg nicht vom Zaune gebrochen, sie hatten vor den Faschisten nicht kapituliert und hatten jetzt erst recht nicht zu kapitulieren.
In Schmach und Schande waren die Faschisten gezwungen, am 8. Mai bedingungslos zu kapitulieren, deshalb ist es für sie ein Tag der Trauer, für das werktätige Volk ist es ein Tag der Freude wegen der totalen Niederlage des Faschismus. Auch die Herren, die die Macht in Apolda in den Händen hatten, haben zwölf Jahre begeistert mitgemacht, waren Nutznießer eines mörderischen Systems und hatten die Pflicht, wenigstens am Schluss ein wenig Mut aufzubringen – das mögen sie sich ins Stammbuch schreiben. Wir wollen ihnen nichts unterschieben, aber wir wissen nicht, was sie gemacht hätten, wenn sie die Mittel zur Verteidigung gehabt hätten.
Erlebnisbericht des politischen Gefangenen Otto Kleine von einem Evakuierungstransport aus dem Zuchthaus "Roter Ochse" in Halle nach Theresienstadt 1945 Bearbeiten
Von Kleine angefertigte Zeichnung aus seinem Gedichtbuch im Zuchthaus
Ein Transportzug mit fünfeinhalb Tausend KZ-Häftlingen aus dem Buchenwald und Gefangene aus dem Zuchthaus Halle/Saale bewegt sich auf der Strecke Tetschen-Bodenbach-Pilsen mit dem Ziel KZ-Lager Maria Theresienstadt.
Der Zug ist schon über 14 Tage unterwegs. Die Nächte im Riesengebirge sind noch kalt (bis 20 Grad Celsius), und die Häftlinge sind nur mangelhaft bekleidet.
Wir werden in offenen Kohlenloren, ohne Stroh und Decken transportiert. In jeder dieser Loren befinden sich 45-60 Häftlinge und vier Mann Bewachung.
Die Marschverpflegung, für drei Tage berechnet, ist schon lange aufgezehrt, und an den Orten, wo der Transportzug Station macht, ist für die Häftlinge außer Brot keine Verpflegung zu erhalten. Das Brot nur in bescheidenen Mengen. 16-20 Mann bekommen ein Vierpfund-Brot täglich und an manchen Tagen je vier Mann eine rohe Kohlrübe. Kein warmes Essen oder Kaffee, nicht einmal Wasser zum Trinken. Der Hunger ist sehr groß, und die Häftlinge sind abgemagert wie Skelette. Frühmorgens, wenn wir zum Zählen und Austreten aus den Loren gelassen werden, stürzt sich alles auf die bereits gefrorenen Pfützen, um wenigstens einen kleinen Schluck Wasser zu trinken, ganz gleich wie es schmeckt.
Das Gras und der eben hervor sprießende Löwenzahn zwischen dem Schotter der Bahngeleise wird herausgezupft und verzehrt. Trotz Schlägen und Schießen klettern diejenigen, die noch Kraft dazu haben, am Rande des Bahnkörpers auf Weidenbäume, streifen die Knospen ab und verzehren sie. So groß ist der Hunger.
Die Folgen dieser Ernährung sind Brechdurchfall, Ruhr, Entkräftung, so dass die Kameraden in Massen sterben.
Sobald einer gestorben, noch nicht einmal erstarrt ist, reißen ihm die anderen Häftlinge die Kleidung vom Leibe, um sich etwas wärmer halten zu können, so dass es nur nackte Leichen gibt.
Die Zahl der Toten beträgt täglich bis zu 120 Mann. Zum Appell werden die nackten Leichen aus den Loren gezogen, mitgezählt und dann auf einen Haufen geworfen, später auf einen Leiterwagen geworfen, abtransportiert und in irgendeiner Ecke verscharrt. Die Bürgermeister der Ortschaften, die unser Transport berührte, weigerten sich stets, unsere Kameraden auf den Friedhöfen beerdigen zu lassen. Eine Ausnahme machte der Bürgermeister der kleinen Ortschaft Maria Schein. 72 der unseren wurden dort begraben. Beim Ausheben des Massengrabes in dem sehr steinigen Boden durch Buchenwaldhäftlinge wurden vier Mann derselben von dem die Aufsicht habenden rothaarigen SS-Bullen mit dem Spaten erschlagen, weil sie so entkräftet waren, dass sie Spaten und Schaufel nicht mehr heben konnten.
Wir Zuchthausgefangenen waren noch nicht so erschöpft wie die Buchenwälder und meldeten uns darauf freiwillig und schaufelten die Grube fertig. Die toten Kameraden, die nur noch aus Haut und Knochen bestanden und vor Ungeziefer starrten, wurden schichtweise übereinander gelegt und die Grube zugeschaufelt. An jedem Ort, an dem wir Aufenthalt hatten, wiederholte sich das Schauspiel.
In einem Ort – der Name ist mir entfallen – wurden wieder über 100 Kameraden in der Aschengrube einer Porzellanfabrik verscharrt. Wieder freiwillig hoben wir das Grab in der heißen, teilweise noch glühenden Asche aus. Die Leiterwagen mit den nackten Leichen kamen an, und die Kameraden wurden in die Grube gelegt. Die Hälfte des zweiten Wagens ist abgeladen, als sich eines der Skelette aufsetzt, die gefalteten Hände zum Himmel streckt und unverständliche Worte lallt. Der Anblick war furchtbar, so dass selbst die SS-Bewachung wie versteinert stand, bis sich einer von ihnen besann und den Kameraden, der beinahe lebendigen Leibes verscharrt worden wäre, durch ein paar Schüsse erledigte.
Innerhalb acht Tagen starben durch Krankheiten, Entkräftung, Misshandlung und Erschießung rund 1500 Mann.
Ein Kapitel für sich waren die 600 jüdischen Häftlinge in diesem grauenvollen Transport. Nicht einer dieser Juden ist am Leben geblieben. Diejenigen, welche beim Appell die Lore wegen Schwäche und Krankheit nicht mehr verlassen konnten, wurden herausgezogen, auf den Erdboden geworfen und von den SS-Banditen höhnisch aufgefordert, aufzustehen und sich in Reih und Glied zu stellen. Wenn ihnen dieses nicht gelang, so wurden sie mit Stiefelabsätzen, Gewehrkolben und Stöcken so lange bearbeitet, bis sie ganz erledigt waren. Ein besonders beliebtes Mittel der SS war es auch, die Hunde auf die schon halbtoten Häftlinge zu hetzen, die sie dann buchstäblich zerfleischten.
In Billin, einer Stadt des Brauenkohlengebietes Dux-Brüx hielt der Transportzu auf dem Güterbahnhof. Dem Güterbahnhof gegenüber ist eine Fabrik, die Arbeiter gehen zur Frühschicht. Plötzlich Schüsse. Aus einer Lore waren neun Mann gesprungen, mischten sich unter die Arbeiter und liefen in das Fabrikgebäude. Die SS hinterdrein; fünf Mann wurden gefasst. Vier Mann verließen das Fabrikgebäude durch einen anderen Ausgang und entkamen. Die gefassten fünf Häftlinge wurden für alle sichtbar an die Wand eines Güterschuppens gestellt und umgelegt. Man nannte dieses „Abschreckung“.
Einem russischen Kriegsgefangenen, bei dem man eine Schusswaffe gefunden hatte und der sich weigerte, die Herkunft derselben anzugeben, wurden die Hände mit Draht gebunden, und er musste in die Kniebeuge gehen. In dieser Stellung wurde er so lange geschlagen bis er umfiel, und dann zertrat man ihm das Gesicht mit den Stiefelabsätzen, bis es nur noch eine breiige Masse war und ließ ihn liegen.
In einem anderen Ort, in dem wir einige Tage auf dem toten Geleise standen, befand sich eine Polizeischule.
Das Bahnhofsgelände wurde in weitem Umkreise noch zusätzlich von Polizeischülern mit Maschinengewehren abgesperrt. Sobald sich der Kopf oder die Hand eines Häftlings über dem Rand einer Lore zeigte, veranstalteten diese Posten ein regelrechtes Scheibenschießen, so dass wir viele Todesfälle und Verletzungen der Häftlinge zu verzeichnen hatten.
Ich konnte ein nicht für unsere Ohren bestimmtes Gespräch zwischen dem Transportführer, einem SS-Sturmführer, und dem Kommandeur der Polizeischule, einem Major hören, welches unweit unseres Waggons stattfand:
Der SS-Sturmführer:
„Herr Major, ich kann mit dem Transport nicht mehr weiter, habe keine Verbindung zu meiner vorgesetzten Dienststelle, bekomme nirgends Verpflegung für die Vögel. Was raten Sie mir zu tun?“
Der Major:
„Ganz einfach. Wir führen diese Schweine truppweise auf die nächste Wiese und legen sie um.“
Der Vorschlag des menschenfreundlichen Majors fand wahrscheinlich bei dem Transportführer keinen Anklang, denn nach zwei Tagen ging die Reise weiter. Der Transportzug schleppte sich von Station zu Station, vorwärts und rückwärts, bis zum 4. Mai. Unser Ziel Maria Theresienstadt haben wir nicht erreicht.
In Scheeles, einem kleinen Dorfe in der Nähe der Hopfenstadt Saaz im Sudetenland, gelang es mir am 4. Mai 1945 den Transport zu verlassen, und nach dem Einzug der russischen Armee am 9. Mai 1945 konnte ich mich nach neunjähriger Haft wieder frei bewegen.
Mögen diese Zeilen dazu beitragen, dass sich die Schandtaten des „Tausendjährigen“ Hitlerreiches nicht wiederholen. Dies ist das Ziel aller ehemaligen politischen Häftlinge. Vergangen, doch nicht vergessen.
Erlebnisbericht des "Halbjuden" Heinz Ginsburg, etwa 1988 geschrieben Bearbeiten
Am 14.10.1920 wurde ich als Sohn des Schneidermeisters Salemon Ginsburg geboren. Mein Vater wurde am 5. April 1891 in Korma (Rußland) geboren. Ich besuchte acht Jahre die Volksschule in Apolda. Ging dann in die Lehre nach Jena beim Gastwirt und Fleischerei „Zur Rose“ bei Kurt Scheubner als Fleischerlehrling. Nach cirka einem Jahr mußte ich durch staatliche Eingriffe meine Lehre vorzeitig beenden. Hatte später nochmals in Weimar ohne Zustimmung des Arbeitsamtes bei einem Fleischer begonnen, auch dort habe ich nur einige Monate gearbeitet und mußte auch, als das Arbeitsamt dahinter kam, diese Stelle verlassen. Nach dieser Zeit war ich immer von Staats wegen aus ein verfolgter Mensch, sollte unbedingt in die Landwirtschaft gehen. Auf dem Arbeitsamt in Apolda saß damals ein gewisser Mann namens Helbing aus Niederroßla, Kriegsbeschädigter des Ersten Weltkrieges, dieser Mann als großer Kommunisten- und Judenhasser bekannt, machte mir das Leben zur Hölle. So begann ich dann später auf dem ehemaligen Rheinmetall-Borsig-Gelände, jetzt Laborchemie, bei der Essenbau-Firma Topf und Söhne als Bauhilfsarbeiter. Ich meldete mich dort persönlich ohne Zustimmung des Arbeitsamtes. Auch hier wollte mich dieser Helbing vom Arbeitsamt Apolda von dieser Arbeit wegnehmen. Es gelang ihm aber hier nicht, da ich eine große Unterstützung des Bauleiters Rost aus Oberndorf und von einem gewissen Herrn Scheibe von der obersten Bauleitung <erhielt>, welche sich für mich einsetzten. Später dann im Jahr 1941 wurden Dienstverpflichtungen nach den Buna-Werken in Schkopau vom Arbeitsamt ausgegeben, und da war ich auch dabei. Wir wurden dort auch auf Baustellen eingesetzt und mußten zusammen mit Kriegsgefangenen unter Bewachung arbeiten. 1944 bekam ich von Apolda einen Gestellungsbefehl zur Organisation Todt, es war aber nur eine Täuschung.
Wir wurden von dem Apoldaer Bahnhof von dem damaligen Kriminaler Pietsch bis nach Weimar zum Marstall begleitet, dort versammelten sich auf dem Hof hunderte von Menschen aller Nationen. Jeder kleine Angestellte von dort, der den Hof überquerte, belästigte uns mit Schimpfworten, und manche stießen uns auch an, <wir> waren sozusagen Freiwild. Dann wurden wir unter Aufsicht der Gestapo nach Weißenfels zum Dreiwegelager (Zwangsarbeitslager), ehemaliges Krankenhaus, gebracht. Dort wurden wir die ersten Wochen vom Wachpersonal in OT-Uniform bewacht, diese unterstanden aber auch schon der Gestapo wie wir auch, später war es SS-Bewachung. Von diesem Dreiwegelager wurden wir dann täglich mit Lkw ins freie Feld zwischen Bad Dürrenberg und Leipzig gefahren, um dort Flakstellungen und Luftschutzbunker auszuheben. Selbst durften wir dann bei einem Luftangriff der Amerikaner diese Bunker nicht betreten. Wir und sämtliche Kriegsgefangenen durften nur die offenen Splittergräben benutzen. Monate später flüchtete ich bei einem Bombenangriff und begab mich nach Rehehausen bei Bad Sulza, dort versteckte mich eine Frau Trapiel. Beim Einmarsch der Amerikaner in Apolda war ich befreit und traf auch mit ein. Am 1. Juli 1945 trat ich der Volkspolizei bei, um am Wiederaufbau einer neuen Zeit mitzuhelfen. 1946 besuchte sich die Polizeischule in Erfurt. Somit konnte ich dann meinen Dienst noch besser im Interesse aller Werktätigen durchführen. Leider wurde ich am 31.12.1950 von der Volkspolizei entpflichtet, bekam auch ein gutes Zeugnis ausgestellt, das aber nicht ganz den Tatsachen entsprach, und zwar der Satz „auf eigenen Wunsch“. Seit 8.1.1951 bis in die sechziger Jahre war ich bei dem VEB ASW in Apolda als Betriebsschutz tätig. Da ich keine Schicht mehr machen wollte, ging ich von da aus zum Rat der Stadt Abteilung Kultur als Sachbearbeiter.
Da ich mich finanziell verbessern wollte, begann ich beim Kreiskirchenamt in Jena als Steuereinnehmer am 12.10.1964 bis zum 31. Dezember 1981.
Noch kurz von meinem Vater möchte ich berichten, daß er 1938 nach Buchenwald abgeholt worden ist und nach einem Jahr durch eine Reklamation von der damaligen Firma Günther in der Bahnhofstraße in der Schneiderwerkstatt benötigt wurde, um Drillichanzüge zu arbeiten. Mein Vater bekam keine Lebensmittelkarten, mußte von seiner Frau mit verpflegt werden. Im Jahr 1944 wurde er wieder von der Gestapo abgeholt und nach Auschwitz verschleppt und umgebracht. Keine Rücksicht nahm man auf meine Mutter, welche schon seit 1943 völlig blind war.
Heinz Ginsburg
5320 Apolda
Heinrich-Rau-Straße 25
Erlebnisbericht des Apoldaer Oberlehrers i.R. Heinz Baier aus dem Jahre 1998 über seine Erfahrungen als Jugendlicher von 1942-1946 Bearbeiten
Erinnerungen eines 70jährigen an eine schlimme Zeit.
Jahre sind ins Land gegangen.
Ich denke nun viel über die Vergangenheit nach. Die schlimmste Zeit von 1942-1946 wird in meiner Erinnerung wieder wachgerufen. Die unmenschlichen Handlungen der Nazis in der damaligen Zeit haben mich als junger Mensch von 14 Jahren sehr stark berührt und nachhaltig mein ganzes damaliges Denken umgestimmt.Für mich war es als damaliger 13jähriger Junge unverständlich, ja grausam, als ich miterleben musste, wie in Weimar in der Buttelstedter Straße bei Bauarbeiten an der Bahnstrecke in Richtung Schöndorf ein Sträfling nach seiner Notdurft auf einem gegenüberliegenden Feld fliehen wollte, aber kurzerhand von der SS-Bewachung erschossen wurde. Ich befand mich auf dem Weg zu meiner Schwester, die in der F-Straße 27 wohnte. Es war nun an der Zeit für mich, eine Lehre zu beginnen. Eine Lehrstelle bekam ich in den damaligen Gustloff-Werken, im Fritz-Sauckel-Werk in Weimar hinter dem Bahnhof. Wir schrieben das vierte Kriegsjahr, und am 1.4.1943 trat ich die Lehre an. Mein Ausbildungsberuf wurde mit „Dreher“ bezeichnet. Täglich fuhr ich mit der Bahn von Apolda nach Weimar und zurück. Fliegeralarm war damals unser ständiger Begleiter. Anfang 1944 wurde unser Arbeitsplatz aus der Lehrwerkstatt in die damalige Waffenfabrik, kurz WK genannt, oberhalb der Rießner-Straße verlegt. (Die WK ist allgemein als Sched-Halle bekannt). Dort wurden für den „Tiger“-Panzer der Geschützturm und Panzerabwehrgeschütze gebaut. Außerdem wurde für ein Zweigwerk gearbeitet, welches in den unterirdischen Werkstätten im Bereich Kahla lag. Mit der Verlagerung der Lehrlinge in die Sched-Halle lag unser Arbeitsplatz unmittelbar neben den abgesperrten und bewachten Arbeitsplätzen der Häftlinge. Seitlich der Sched-Halle waren damals mehrere Barackenunterkünfte der Häftlinge. Diese Menschen arbeiteten meist in der Stadt Weimar. Bei Fliegeralarm (Vorwarnung) mussten die in ihren Baracken zurück. Den Arbeitern der Sched-Halle war es freigestellt, in den Kellern des Betriebes zu bleiben oder sich im Freien vor den Angriffen zu schützen. Wir Lehrlinge mussten oft mit ansehen, wie bei der Rückkehr der Häftlinge ins Barackenlager diese von den SS-Wachleuten geschlagen wurden, weil sie keine Kraft mehr hatten, bei der Zählung durch die SS aufrecht zu gehen und von ihren Kameraden gestützt wurden. Bei dem Luftangriff auf Weimar sollte vermutlich die gesamte Sched-Halle getroffen werden. Die im Umkreis liegenden Wohnhäuser wurden teilweise schwer beschädigt. Meine Schwester war auch davon betroffen und evakuierte mit ihren Kindern in das Elternhaus nach Apolda. Nach der Entwarnung mussten wir zu unserem Entsetzen feststellen, dass die Häftlingsbaracken neben der Sched-Halle, welche voll gestopft waren mit Häftlingen, schwer getroffen wurden.Nur wenige Häftlinge überlebten. Noch heute ist im letzten Sched am Eingangstor ein Bombendurchschlag sichtbar. Zu unserer Überraschung fuhren auf das Betriebsgelände der Sched-Halle Möbeltransportwagen der Firma Staupendahl an die zerstörten Baracken. Wir Lehrlinge mussten miterleben, wie die überlebenden Häftlinge ihre toten Kameraden in die Möbelwagen packen mussten, die vermutlich in das Hauptlager Buchenwald gebracht wurden. Wie bereits geschildert grenzte unsere Lehrlingsarbeitsstätte an die Einzäunung der Häftlinge. Diese Häftlinge waren vermutlich in ihren früheren Berufen Metallfacharbeiter. Innerhalb der Einzäunung durften wir Lehrlinge zwei Maschinen benutzen. (Eine Bandsäge und eine Maschinensäge). Bald merkten wir, dass es deutsche Häftlinge waren. Versteckt baten sie uns, ihnen etwas von unserem Frühstück abzugeben. Eines Tages sprach mich ein Häftling an, der aus Weimar stammte (an den Namen kann ich mich leider nicht mehr erinnern). Der Hunger der Häftlinge veranlasste mich, auf eigene Gefahr bei Voralarm die Sched-Halle zu verlassen, um ganz in der Nähe die bombardierte Wohnung meiner Schwester aufzusuchen (damalige F-Straße 27). So konnte ich meine Aktentasche mit Lebensmitteln füllen, die noch in der Wohnung verblieben waren und auch solche an meinem Körper verstecken. Noch bei Hauptalarm konnte ich an meinen Arbeitsplatz zurückkehren. Die Lebensmittel versteckte ich an für die SS-Wachmannschaft unzugänglichen Stellen im Raum der Häftlinge. So holte ich nach und nach alles Eßbare aus der Wohnung meiner Schwester. Das Schicksal hat es gut mit mir gemeint: Ich wurde bei meinen Ausflügen nicht erwischt. Auch andere Lehrlinge haben von zu Hause Lebensmittel mitgebracht, die ich an den für die Häftlinge schon bekannten Orten versteckte.Die Bewachung um das eingezäunte Territorium der Häftlinge geschah durch SS-Leute in schwarzer Uniform. Die Fliegerangriffe nahmen an Stärke zu und – für uns kaum zu glauben – rückte die Front immer näher. Alle auswärtigen Lehrlinge wurden von der Betriebsleitung aufgefordert, sich bei den zuständigen Stellen der Wehrmacht zu melden. Schließlich wurde eine Truppe von ca. 20 Männern, jung und alt, zusammengestellt, wir nannten uns „Volkssturm“. Treffpunkt war der Stadtrand von Apolda am Ende der Jenaer Straße. Wir erhielten von einem Wehrmachtsangehörigen der SS (Feldwebel) ein Kleinkaliber-Gewehr und ein Paket Munition. Keiner wusste eigentlich, wo es hingehen sollte. Wir marschierten über die Orte Schöten, Hermstedt, Vierzehnheiligen in Richtung Porstendorf. Neben mir lief Hasso Traber aus Herressen, der – wie ich später erfuhr – beim Übersetzen über die Saale getötet wurde. In einem angrenzenden Waldstreifen, es war inzwischen dunkel geworden, warteten wir auf den Befehl, über die Saale überzusetzen.An dieser Stelle muss ich einfügen, dass ich einige Tage zuvor bei Dr. Salzmann eine Operation an der linken Schläfe hatte, trotzdem musste ich mit marschieren. Es konnte nicht anders sein, dass durch die Anstrengungen mein Kopfverband durchblutete. Mir konnte keiner helfen, ein Sanitäter war nicht aufzufinden. In meiner Angst schlich ich mich noch in derselben Nacht aus dem Waldlager, um doch einen Sanitäter zu suchen, den ich aber nicht fand. So traf ich dann in den frühen Morgenstunden in meiner elterlichen Wohnung in Apolda ein. Meine Mutter war ganz entsetzt, und mein Vater sagte, dass ich eigentlich fahnenflüchtig geworden sei. Dies ist mir in der Angst – ich war damals 15 Jahre alt – gar nicht so bewusst geworden. Mein Vater sagte außerdem, dass die Waffen-SS, die sogenannten Kettenhunde, die Straßen nach fahnenflüchtigen Männern absuchten und die dann aufgefundenen sofort erschossen wurden. Daraufhin versteckten mich meine Eltern bei Bekannten. Die amerikanischen Truppen rückten immer weiter vor, und am 11. April 1945 übergab der damalige Oberbürgermeister Dietz die Stadt an die Amerikaner (Kreuzung Niederroßlaer Straße-B 87). So konnte ich mein Versteck wieder verlassen und kehrte nach Hause zurück. Es dauerte einige Tage, und über Lautsprecherwagen forderte die US-Armee die noch vorhandenen männlichen Bürger auf, sich auf dem Apoldaer Marktplatz zu melden. Es kam eine zusammengewürfelte Truppe zustande: Alte und Junge und auch Behinderte. Sie wurden aufgeteilt und hatten in der nächsten Zeit die leer gewordenen Lazarette zu säubern (Apolda fungierte als Lazarettstadt). Am 20.4.1945 wurde eine weitere Gruppe von jungen Leuten aufgestellt, der Treffpunkt war ebenfalls der Marktplatz, wo wir einen amerikanischen Lkw besteigen mussten. Die Fahrt führte uns erst einmal von Apolda in unbekannte Richtung. Schließlich merkten wir, dass es in Richtung Weimar und – für uns kaum fassbar – in Richtung Ettersberg-Buchenwald ging. Wir wussten gar nicht, was wir denken sollten – in das KZ!!! Am Bismarckturm angekommen, mussten fünf junge Leute absteigen. Ich war auch dabei. Die übrigen fuhren in das Lager Buchenwald. Ca. 30m vom Bismarckturm entfernt bekamen wir von einem tschechischen Arzt den Auftrag, Gräber von 2x1m auszuheben. Werkzeuge wie Spaten, Spitzhacke und Schaufel waren vorhanden. Wir haben einige Tage gebraucht, um auf dem harten Boden die Gräber auszuheben. Nachdem die ersten fünf Gräber fertig waren, erfolgte eine Bestattung von toten Häftlingen durch den tschechischen Arzt und einen amerikanischen Kaplan. Bei diesen Toten handelte es ich vermutlich um höher gestellte Persönlichkeiten. Zwei Tote waren in ihre Staatsflagge eingewickelt. Außerdem bekamen wir den Auftrag, seitlich vom Bismarckturm ein Massengrab auszuheben. Einen nicht zu beschreibenden Auftrag erhielt ich, mit meiner Spitzhacke die Seitentür am Bismarckturm-Gewölbe aufzubrechen. In dem Gewölbe lagen, in graue Decken eingewickelt, tote Zivilisten. Trotz starken Leichengeruchs haben wir die Toten herausgezogen. Da diese Menschen an ihren Fingern noch Eheringe und an den Armen Armbanduhren trugen, befahl mir der tschechische Arzt, die verkrampften Finger zu brechen und die Ringe herunter zu ziehen. Die Leichen wurden dann in dem vorbereiteten Massengrab beigesetzt. Durch die harte Arbeit und die geringe Nahrungsaufnahme (bedingt durch den Anblick der vielen Toten konnte ich nichts essen) stark geschwächt, bekam ich den Auftrag, im Krematorium zu arbeiten. Dieses musste gesäubert werden, dazu gehörten die Verbrennungsöfen und der Kellerraum. Auf dem Zwischendeck des Krematoriums (nicht auf dem Dachboden) waren Holzgestelle errichtet, in denen ein Teil von Blechurnen untergebracht waren. Ein offener Sack mit Blechurnen und die dazu gehörigen Deckel mit den eingravierten Namen der Toten lagen am Boden. Da wir eigentlich nach der schweren Arbeit auch äußerlich wie Häftlinge aussahen und das Lager noch voll von Häftlingen war, bekamen wir – mein Schulkamerad Horst Gengelbach und ich – jeden Tag den Auftrag, in einem Kübel per Lkw in der Großküche Essen zu holen. Wir mussten manchmal lange warten und nutzten die Zeit, uns in dem auffallend großen Gebäude hinter der Großküche umzusehen. Zu unserem Erstaunen haben wir Wehrmachtsangehörige in Uniform ohne Tressen angetroffen. Dieses Gebäude nannten sie die Effektenkammer (ist heute Museum). Im Gespräch stellte sich heraus, dass sie 1944 wegen Fahnenflucht und Absetzen von der Truppe von Militärgerichten zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt worden waren. Wegen Überfüllung der Zuchthäuser kamen sie in das KZ Buchenwald. In den Räumen der Effektenkammer waren sie untergebracht. Nach den Uniformen zu urteilen, waren auch degradierte Offiziere dabei. Die ehemaligen Soldaten gaben uns – in einem Sack eingewickelt – zwei Kastenbrote mit. Mein Schulkamerad und ich bekamen eines Tages den Auftrag, mit dem Lkw tote Häftlinge abzuholen. In einem Raum ohne Fenster und mit grau gestrichenen Wänden lagen nackte tote Häftlinge, die mit Wasser abgespritzt waren. Wir konnten nur mit großer Mühe die nackten Körper auf den Wagenboden des Lkw heben. Sie wurden am Bismarckturm im Massengrab beigesetzt. Meinen Ausführungen liegen Handlungen zugrunde, die aus echt menschlichen Gefühlen heraus entstanden sind. Wir haben Menschen geholfen, die in großer Not und im Elend lebten. Aus der Sicht der heutigen Zeit sehe ich meine damaligen Arbeitseinsätze als ganz junger Mann als einen kleinen Beitrag der Wiedergutmachung an.
Nachbetrachtung. So zirka ein halbes Jahr später treffe ich zufällig in der Stadt Apolda den ehemaligen Häftling aus Weimar, der mich damals in der Sched-Halle um Lebensmittel gebeten hatte. Er war nach Apolda gekommen, um in unserem damaligen Volkshaus der Stadt mit seinen Häftlingskameraden von damals ein Wiedersehen zu feiern. Er nahm mich mit und stellte mich seinen ehemaligen Kameraden vor als derjenige, welcher den Häftlingen geholfen hatte. Ich war mir damals der ganzen Tragweite der Begegnung gar nicht so bewusst. Ich wurde gefeiert, weil ich den Menschen geholfen hatte.
Erlebnisbericht von Martin Berndt über die Geschehnisse am 11. und 12. April 1945 in Apolda Bearbeiten
Drei Jungen im Alter von 13 Jahren, Klaus Lehmann, Martin Sömmering und Martin Berndt, hatten am Nachmittag des 11. April 1945 ihre erste Begegnung mit einer Vorhut der US-amerikanischen Truppen. Aus Niederroßla kommend hielt an der Kreuzung der damaligen F 87/ Niederroßlaer Straße ein Jeep, und ein Offizier der US Army fragte uns in deutscher Sprache nach dem Weg in Richtung Leipzig. Wir zeigten in Richtung Eckartsberga. Daraufhin setzten sich ca. 10-12 Panzer und Lkw in dieser Richtung in Bewegung.Am gleichen Tage gegen Abend – es war bereits Feindalarm gegeben – fiel auf unser Grundstück Apolda, Fischerstraße 2 eine Splitterbombe, vermutlich die letzte Bombe, die während des Krieges auf Apolda fiel. Sie detonierte auf dem Stallgebäude im Hof. Ein Bombensplitter zerschlug die Scheibe des Küchenfensters und verletzte meinen am Tisch sitzenden Vater Louis Berndt am Unterarm. Er musste ärztlich versorgt werden. Deshalb begleitete ich meinen beinamputierten Vater in das Lazarett in der Bergschule. Auf dem Weg dorthin sahen wir, dass mit Leuchtspurmunition aus Richtung Niederroßla über die Stadt geschossen wurde. Heute nehme ich an, dass das ein Test der Amerikaner war, um eine eventuelle Gegenwehr deutscher Truppen zu erkunden.Am 12. April 1945 waren wir drei Jungen wieder an derselben Straßenkreuzung. Es waren noch zwei oder drei Erwachsene aus den umliegenden Straßen in unserer Nähe. Wieder kam ein Jeep der US Army aus Richtung Niederroßla auf uns zu, hielt an, und ein amerikanischer Offizier fragte, ob einer der Anwesenden ein Treffen mit einem offiziellen Vertreter der Stadt Apolda zwecks kampfloser Übergabe der Stadt veranlassen könnte. Soweit ich mich heute erinnere, fiel der Name Max Burkhardt, der zu dieser Zeit in der damaligen Maikowskistraße (später Thälmannstraße) wohnen sollte. Ob Max Burkhardt oder ein anderer Bürger mit diesem Auftrag zum Rathaus ging, ist mir nicht bekannt.Nach einiger Zeit kam ein Opel-Kadett mit einer weißen Fahne zur o.g. Kreuzung. Nach einer kurzen Verhandlung setzte sich der Opel, gefolgt von ca. drei oder vier kleinen amerikanischen Militärfahrzeugen in Richtung Stadtmitte in Bewegung. Soweit ich mich heute noch erinnern kann, hatte der damalige Leiter der NSDAP Apoldas die Absicht, die Stadt zu verteidigen. In der Bachstraße in der ehemaligen Fleisch- und Wurstwarenfabrik soll dann auch ein Waffenlager gefunden worden sein. Durch das besonnene Verhalten der amerikanischen Offiziere und der Vertreter der Stadt Apolda wurde die Stadt kampflos übergeben.
Erlebnisbericht von Toni Römer, Mitglied der KPD, über eine Feier mit befreiten Zwangsarbeitern Bearbeiten
Die schönste Maifeier meines Lebens
Nach jahrelanger Unterdrückung durch den Faschismus war endlich am 11. April 1945 der Tag der Befreiung gekommen. Mir war zumute wie einem Vogel, den man aus dem Käfig herauslässt. Wenn etwas meine Stimmung herabsetzte, so war es diese Tatsache, dass nicht unsere Freunde in der Roten Armee in unsere Stadt einzogen, sondern die Amerikaner.
Eine gute Zusammenarbeit mit ihnen war nicht zu erwarten. Mich beschäftigte immer wieder der Gedanke: Feiern wir dieses Jahr den 1. Mai, den Feiertag der Arbeiter? Denn an Demonstrationen oder andere Zusammenkünfte war nicht zu denken. Eines Tages kam mein Mann mit einem geheimnisvollen Lächeln nach Hause und kündigte mir und meinem sechsjährigen Buben eine Überraschung an. Anderen Tags kleideten wir uns festlich ein, und zu dritt gingen wir ins Lager der „Ostarbeiter“, immer darauf bedacht, von den Amis nicht gesehen zu werden – alle Versammlungen waren ja verboten. Mein Mann, der vor einiger Zeit die Bekanntschaft einiger so genannter Ostarbeiter gemacht hatte, war von ihnen zur Maifeier eingeladen worden. Liebevoll wurden wir von ihnen aufgenommen, obwohl wir uns zuvor nie gesehen hatten: Wir waren Leidensgenossen – sie, die verschleppten Bürger der Sowjetunion, und wir, die Widerstandskämpfer der KPD.
Nie werde ich den Eindruck vergessen, den die saubere, schön geschmückte Stube in der Baracke auf mich machte. Der Tisch war mit rotem Tuch bedeckt, darauf ein Bild mit Lenin und Stalin. Obwohl ich die Worte des jungen Genossen nicht verstand, war mir der Sinn klar, und als dann mein Mann einige Worte sprach, unserer toten Widerstandskämpfer gedachte und ein Hoch auf den Genossen Stalin ausbrachte, war der Jubel allgemein. Gemeinsam sangen wir die Internationale in russischer und deutscher Sprache. Mit wenigen Mitteln war eine Festtafel hergerichtet, und lange blieben wir mit den Freunden zusammen, sangen bei den Klängen der Zieharmonika gemeinsam Kampflieder, oder die sowjetischen Freunde sangen Lieder aus ihrer schönen befreiten Heimat.
Das war die schönste Feier, die ich je erlebte, hatte ich doch die furchtbare Zeit des Faschismus am eigenen Leibe gespürt und in den Jahren 1934 bis 1936 den Ersten Mai im Gefängnis verbracht.
Still erneuerte ich mein Gelöbnis, das ich beim Tode Lenins gefasst hatte: Mich immer und überall für die Sache der Arbeiterklasse und fen Frieden einzusetzen. Nie sollten meine Kinder solche Leidensjahre durchmachen wie ihre Mutter. Nie sollten Kinder wieder in Angst und Bangen aufwachsen. Das Bild Lenins und Stalins, eine einfache Kohlezeichnung, die uns von den Freunden zum Abschied geschenkt wurde, erinnert mich jedes Jahr an die Erste-Mai-Feier in den Baracken 1945.
Allen Frauen und allen Müttern möchte ich aber zum 1. Mai zurufen: Denkt an Eure Kinder, demonstriert mit uns für den Frieden, gegen die Verwirklichung der Pariser und Londoner Verträge, für ein einheitliches Deutschland.
Lebensbilder von Verfolgten und Entkommenen Bearbeiten
Lebensbild von und über Hermann Fischer Bearbeiten
Lebenslauf verfasst von ihm in Leuna am 1. Februar 1974
Als erster Sohn des Werkmeisters Gustav Fischer und seiner Ehefrau Erna geborene Wagner wurde ich, Ernst Hermann Fischer, am 18. Januar 1912 in Asch Kreis Eger geboren. In meinem zweiten Lebensjahre verzogen meine Eltern von Asch nach Apolda in Thüringen.
Hierselbst besuchte ich von 1918 bis 1926 die Volksschule.
Nach meiner Schulentlassung trat ich am 12. April 1926 als Zimmerlehrling bei Herrn Zimmermeister Walther Tröbst in Apolda in die Lehre ein.
Hier erlernte ich für das Zimmerer- und Bautischler-Handwerk alle fachmännischen Arbeiten.Der Zimmerergeselle ist zugleich als Kurier für die KPD tätig
Am 11. April 1929 legte ich meine Gesellenprüfung in obigem Handwerke mit Erfolg ab. Um mich in meinem Beruf zu vervollkommnen, arbeitete ich von 1929 an in verschiedenen Zimmereibetrieben in Apolda. Von 1930 bis 1931 war ich auf Wanderschaft, landete in der CSR und arbeitete dort in Asch im Zimmereibetrieb von Fischer & Neupert.
In den Jahren 1931 bis 1935 war ich durch die schlechte Wirtschaftslage in Deutschland gezwungen, in verschiedenen Berufen zu arbeiten.
Im Jahre 1936 wurde ich wegen politischer illegaler Arbeit für die KPD verhaftet und vom Oberlandesgericht Jena wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu zwei Jahren Zuchthaus und Ehrverlust verurteilt.
Meine Strafe verbüßte ich im Zuchthaus Halle und wurde im Juni 1938 entlassen.
Nach meiner Entlassung war ich im Zimmereibetrieb der Firma Reinhold Fickler, Apolda, beschäftigt. Hier war ich als Zimmermann und Richtmeister tätig.
Am 22. Juni 1941 wurde ich von den Gestapo Weimar abermals verhaftet und im Konzentrationslager Buchenwald in Schutzhaft genommen.
Nachdem im Jahre 1945 das faschistische Regime zusammengebrochen war, wurde ich am 15. Mai 1945 entlassen und als Verfolgter des Faschismus anerkannt. Im Jahre 1945 wurde ich von dem damaligen Polizeidirektor Genossen Ernst Römer als Leiter der Kriminalpolizei Apolda beauftragt und leitete diese bis 1947 mit gutem Erfolg, was auch vom Polizeipräsidium bestätigt wurde.
Während dieser Zeit besuchte ich die Polizeischule in Erfurt und anschließend die Parteischule in Camburg.
Meine Stellung, in der ich gern gearbeitet habe, verließ ich am 31. Dezember 1947 auf eigenen Wunsch, um mich in meinem erlernten Beruf selbständig zu machen.
Daraufhin übernahm ich den Zimmereibetrieb des ehemaligen NS-Ortsgruppenleiters Ernst Scheibe in Apolda. Durch gesetzliche Bestimmung wurde der Betrieb am 1. Januar 1949 der Stadt Apolda als KWU (Kommunales Wirtschafts-Unternehmen) überschrieben, und ich wurde als Betriebsleiter eingesetzt.
Am 31. August 1949 löste ich mein Arbeitsverhältnis, da mir seitens der Direktion die versprochenen Voraussetzungen nicht gewährt wurden.
Ich arbeitete dann in dieser Reihenfolge in verschiedenen Betrieben:
Von 1949-1950 Firma Eduard Wagner Wirkwaren
Von 1950-1951 VEB Stahl- und Walzwerk Hennigsdorf als Zimmermeister
Von 1951-1952 Landessportausschuss Groß-Berlin als Sportorganisator
Von 1952-1953 Sportsachbearbeiter beim Rat der Stadt des Landkreises Apolda, nachdem der Landessportausschuss aufgelöst worden war
Von 1.1.1953-30.9.1953 in Artern beim Rat der Stadt als Bademeister und Trainer der BSG Motor Artern, Sektion Ringen
Am 1. Oktober 1953 wurde ich im Auftrag des Deutschen Ringer-Verbandes beauftragt, als Trainer den Schwerpunkt Ringen in Leuna zu übernehmen. Ab 1. Oktober 1954 wurde der Schwerpunkt Ringen zum Sportclub Chemie Halle umbenannt. Ich arbeitete dort als Trainer bis zum 25. Juni 1969 und konnte dann diese Funktion gesundheitlich nicht mehr ausüben. Ab 1. November 1969 erhielt ich eine halbe Planstelle als Trainer mit wöchentlich 22 einhalb Stunden Arbeitszeit über den VEB Leunawerke „Walter Ulbricht“ für organisatorische Arbeit für den SC Chemie Halle, Sektion Ringen, und für Mithilfe in der BSG Chemie Leuna, Sektion Ringen. Diese Arbeit führe ich heute noch durch.
Ich bin Mitglied der SED, des FDGB, der DSF, des DTSB und VdN.
6. Medaille Kämpfer gegen den Faschismus 1933-1945
(gez.) Hermann Fischer
Lebensbild über Hermann Fischer
Hermann Fischer wurde am 18. Januar 1912 in Asch, Kreis Eger (Tschechoslowakei), als Sohn des Rundstrickers Gustav Fischer und dessen Ehefrau Erna geboren. Er war der älteste von vier Kindern, denen Erna Fischer das Leben schenkte. Neben ihm waren dies Gustav Fischer, der mit 22 Jahren tödlich verunglückte, Olly Fischer und Karl-Heinz Fischer.
Im Jahre 1914 zogen die Eltern nach Apolda, wo Hermann die Volksschule besuchte. Schon während der Schulzeit interessierte er sich für Holzarbeiten. So ist es nicht verwunderlich, dass er die Lehre als Zimmerer bei der Firma Walter Tröbst, Apolda Luisenstraße aufnahm. Nach seiner Lehrzeit arbeitete er in diesem Betrieb.
In seiner Freizeit war er bis 1933 als Ringer im Sportclub Blau-Gold und später im Sportclub Olympia Apolda aktiv tätig. Er wurde mehrfacher Thüringen-Meister. Als diese Organisation 1933 verboten wurde, ging er nach Oberroßla und trainierte illegal weiter.
Während der Weltwirtschaftskrise wurde Hermann Fischer kurzzeitig arbeitslos. In dieser Zeit begann seine illegale Tätigkeit, zunächst in der Organisation „Rote Hilfe“. Diese Gruppe hatte sich zum Ziel gestellt, Familien von Inhaftierten finanziell zu unterstützen. Diese Verbindungen reichten bis in die Tschechoslowakei, von wo auch die Gelder für die Unterstützung kamen.
Im Jahre 1933 wurde er erstmalig wegen illegaler Tätigkeit für einige Wochen inhaftiert.
Um dies alles zu verstehen, sei hier eingefügt, dass bereits im Jahre 1930 in Weimar mit dem späteren Reichsminister Frick eine thüringische Koalitionsregierung profaschistischen Charakters gebildet wurde, der 1932 ein rein nazistisches Kabinett mit Sauckel an der Spitze folgte. Dies hatte zur Folge, dass auch Apolda bald von der braunen Welle überschwemmt wurde.
Von der KPD wurde ein Kampf geführt, in dem viele fortschrittliche Kräfte vereint waren. In Apolda erwarb sich die Widerstandsgruppe Brümmer / Kleine besondere Verdienste. Dieser Gruppe (Kleine) gehörten Hermann Fischer ab 1935 bis zur Verhaftung im Juli 1936 an. Weitere Mitglieder waren Otto Kleine (Onkel von Fischer), August Blanke und Eduard Wagner aus Oberroßla (Bruder seiner Mutter). Insgesamt waren es 14 Personen. Sie erhielten wegen Hochverrats zwischen 14 Jahren (Kleine) und zwei Jahren Zuchthaus. Hermann musste die zwei Jahre im Zuchthaus Halle (sogenannter Roter Ochse) verbüßen. Die Gruppe hatte bis zu ihrer Verhaftung die Verbindung zum ZK der KPD sowie zu zahlreichen antifaschistischen Zentren hergestellt.
Im Jahre 1933 heiratete er Martha Krause, die ihm bis zu ihrem Tode im Jahre 1981 eine treue Lebensgefährtin war. Im Jahre 1935 wurde sein Sohn Lothar Fischer geboren.
Aus dem Zuchthaus wurde Hermann 1938 entlassen und arbeitete nun als Zimmermann bei der Firma Fickler. Er war auch weiterhin illegal tätig (Organisation Rote Hilfe).
Am 22. Juni 1941, dem Tag des Überfalls Hitlers auf die Sowjetunion, wurde Hermann Fischer auf einer Baustelle in Ködderitzsch von der Gestapo verhaftet und nach Weimar in den Marstall (Sitz der Gestapo) verschleppt. Vierzehn Tage später kam er ins KZ Buchenwald und erhielt die Häftlingsnummer 4353.
Im ersten Jahr seiner Lagerzeit musste er in der Strafkompanie im Steinbruch arbeiten. Danach wog er nur noch 40 kg. Durch das Buchenwaldkomitee kam er dann als Zimmermann in eine Baukolonne. Die Jahre 1944/45 war er dann im Außenlager Kassel. Hier musste er bei der Enttrümmerung helfen. Mit dem Vorrücken der Amerikaner ging dieses Außenkommando wieder ins Lager Buchenwald zurück.
So erlebte er am 11. April 1945 die Selbstbefreiung des Lagers. Mit Hermann Fischer wurden an jenem 11. April weitere 21.000 Häftlinge wieder freie Menschen. Sie alle konnten hoffen, ihre Angehörigen wiederzusehen, von denen sie Jahre getrennt waren. Eine Woche nach der Selbstbefreiung fand im Lager Buchenwald eine Trauerkundgebung für die 56.000 Toten statt.
Während seiner Inhaftierung im KZ Buchenwald war seine Frau der Naziwillkür ausgesetzt. Sie arbeitete in der damaligen Uhrenfabrik Thiel (heute VEB UWR) und musste überwiegend Arbeiten machen, die keiner auf Dauer leisten konnte (z.B. Arbeiten mit Lupe). Nach Feierabend musste sie unentgeltlich als Reinigungskraft in der damaligen Firma Bach arbeiten. Ja, es ging so weit, dass Lothar in ein katholisches Heim sollte. Dies scheiterte letztlich daran, dass auch die Kirche von den Nazis verfolgt wurde.
Seine Entwicklung – Lehrzeit, Arbeitersport, Arbeitslosigkeit, Widerstandskampf, Inhaftierungen – prägten das Leben von Hermann Fischer.
Noch im Jahre 1945 trat er in die KPD ein. Ab Mai 1945 arbeitete er auf Befehl der sowjetischen Militäradministration bei der Kriminalpolizei Apolda als Leiter unter dem damaligen Polizei-Direktor Ernst Römer. In dieser Zeit gelang es ihm, einen SS-Mann vom KZ Buchenwald im Kreisgebiet festzunehmen.
Ab 1948 war er ein Jahr Leiter eines Handwerksbetriebes (Bau- und Möbeltischlerei) in der Stobraer Straße. Seinem Ringersport blieb er treu. Bereits im Jahre 1946 bestritt er im Apoldaer Volkshaus einen Schaukampf. Zu dieser Zeit waren Mannschaftskämpfe noch nicht erlaubt. Es wurde in Erwägung gezogen, ihm auf Grund seines Gesundheitszustandes (Buchenwald) im 15minütigen Kampf eine Pause zu gewähren. Dieses aber war nicht notwendig. Den Kampf gewann er durch Schulterwurf.
In den Jahren 1951-1952 wurde er Instrukteur im Landessportausschuss Groß-Berlin. In den Jahren 1949-1953 gehörte er der Ringer-Nationalmannschaft an. 1949 wurde er in Zella-Mehlis gesamtdeutscher Meister im Fliegengewicht (1949 wurden gesamtdeutsche Meisterschaften ausgetragen). Im Jahre 1953 (mit 41 Jahren) beendete er seine aktive Laufbahn.
Kurze Zeit war er Ringer-Trainer in Artern. 1953 erhielt er den Auftrag, in Halle-Leuna einen Sortclub für Ringer aufzubauen, der sich in den folgenden Jahren zum führenden Club in der DDR entwickelt. Hier arbeitete er als Sektionsleiter und Trainer. Mit Stolz erfüllte es ihn, als sein Sohn Lothar 1958 bei der Weltmeisterschaft in Budapest die erste Ringermedaille in Bronze für die DDR errang. (Lothar Fischer war Bezirkstrainer für den Nachwuchs in Halle und ist jetzt Rentner).
Während seiner Trainertätigkeit 1953 bis 1968 errang er mit dem Sportclub Halle-Leuna mehrfach den Mannschaftsmeistertitel und über 50 Einzeltitel. Es wurden außerdem auch Erfolge auf internationaler Ebene errungen, denn er betreute und trainierte neben den Ringern aus Halle noch zusätzlich die Nationalmannschaft der DDR. Mit dieser nahm er an den Olympischen Sommerspielen in Rom teil.
Hermann Fischer hatte wie selten einer die Gabe, Kämpfe, die er bei seinen Schützlingen und auch bei anderen Ringern gesehen hatte, ohne technische Hilfsmittel aus der Erinnerung heraus genau zu analysieren und auszuwerten. Vielleicht lassen sich hierauf auch seine Erfolge als Trainer mit zurückführen.
Im Jahre 1968 wurde er zusammen mit Hans Bachmann zum Cheftrainer berufen. Doch die schwere Zeit im KZ war an ihm nicht spurlos vorüber gegangen, und so musste er aus gesundheitlichen Gründen im Juli 1969 invalidisiert werden. Trotzdem arbeitete er noch bis 1975 halbe Tage. Danach hatte er noch verschiedene ehrenamtliche Funktionen beim Ringerverband inne. Sein besonderes Interesse galt immer wieder dem Nachwuchs.
Am 23.11.1984 verstarb er in Merseburg und wurde in Apolda beigesetzt.
Hermann Fischer wurde mit der Verdienstmedaille der DDR ausgezeichnet. Weiterhin erhielt er die Auszeichnungen „Verdienter Meister des Sports“, die Ehrennadel des DTSB in Gold und die Ehrennadel des Ringerverbandes in Gold.
Er war anerkannter Verfolgter des Naziregimes (VdN) und erhielt auf Grund seines politischen Kampfes die Medaille „Kämpfer gegen den Faschismus“.
In Anerkennung seiner Verdienste, sowohl im Kampf gegen den Hitlerfaschismus, als auch als Sportler und Trainer, erhielt das Trainingszentrum der Apoldaer Ringer am 7. Oktober 1986 den Ehrennamen „Trainingszentrum Hermann Fischer“. Die Ringerhalle in Apolda trägt seinen Namen.
Lebensbeschreibung von Toni Römer durch eine Schüler-Forschungsgruppe im Jahre 1970 Bearbeiten
Sie wird am 21.4.1971 68 Jahre und ist schon über 46 Jahre in der Partei der Arbeiterklasse organisiert.
Als Tochter eines kleinen Eisenbahnbeamten wuchs sie mit noch zehn Geschwistern auf. Das kleine Gehalt des Vaters, das einzige Einkommen der Eltern, war gering, und so lernte sie schon früh die Not der Werktätigen im Kapitalismus kennen.
Nach dem Ersten Weltkrieg 1919 lernte sie ihren späteren Mann kennen, welcher als junger Soldat an der Novemberrevolution 1918 teilgenommen hatte. So kam sie schon in jungen Jahren mit den Ideen von Marx und Engels, Liebknecht und Luxemburg in Berührung. Ihr Mann war schon 1921 kommunistischer Funktionär, und sie unterstützte ihn in seiner Parteiarbeit, bis sie selbst im Rahmen des Lenin-Aufgebots in die KPD eintrat. Dieses Aufgebot führte die Partei unter der Losung: „Lenin ist tot, aber sein Werk lebt.“ Seit dieser Zeit leistete sie ununterbrochen Parteiarbeit in Agitations-, Presse-, Organisations- und Kassenaufgaben der KPD Ortsgruppe Kölleda. Ihr Mann, der Genosse Ernst Römer, war Vorsitzender der KPD-Ortsgruppe und Kreistagsabgeordneter der KPD.
Im Jahre 1927 verzog die Familie Römer, der damals zwei Kinder angehörten, nach Apolda in die Wiedemannstraße 7. Genosse Römer wurde auch hier Ortsgruppenvorsitzender der KPD, und die Genossin Römer übernahm neben anderen kleinen Funktionen den Vertrieb der kommunistischen Tageszeitung, welche damals als „Neue Zeitung“ in Jena gedruckt wurde. Es war eine schwere Zeit, wenn man Kommunist war, denn die Partei wurde mit allen nur möglichen Mitteln wie Verbote, Haussuchungen, Bestrafungen und Verhaftungen unterdrückt. Als Frau des Vorsitzenden der Partei nahm die Genossin Römer eine wichtige Rolle in der Parteiarbeit ein. Da die Partei über kein Büro verfügte, spielte sich – außer den Versammlungen in Lokalen – alles Interne in der Wohnung ab. Kuriere, Redner und Instrukteure der Bezirksleitung und des ZK meldeten sich in der Wohnung des Genossen Römer. Dabei kam der Genossin Römer eine wichtige und verantwortungsvolle Rolle zu, nämlich die Entgegennahme von Material und Informationen und die entsprechende Weiterleitung. Durch diese Tätigkeit wurde sie immer weiter politisch gestärkt und gefestigt.
Nach der Machtübernahme des Faschismus 1933 und dem Reichstagsbrand wurde die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt und nach allem möglichen und unmöglichen durchsucht. Genosse Römerarbeitete im Auftrag des ZK der Partei illegal in Hannover, wo er auch wenige Monate später verhaftet wurde. Während dieser Zeit ging die illegale Parteiarbeit in Apolda weiter, wobei die Genossin Römer sehr stark einbezogen wurde. Ende 1933 kam die illegal lebende KPD-Reichstagsabgeordnete Helene Fleischer nach Apolda und wurde von der Genossin Römer versteckt. Durch Verrat fiel sie nach einigen Monaten den Faschisten in die Hände und wurde nach jahrelanger Haft von den Nazis ermordet. Nach 1945 wurde eine Straße in Apolda nach ihr benannt.
Die Genossin Römer wurde mit noch mehreren Genossen verhaftet und musste zwei Jahre und vier Monate in faschistischen Strafanstalten verbringen. Die Kinder standen ohne Eltern auf der Straße, denn die Wohnung wurde geräumt. Möbel, Hausrat usw. wurden in ein städtisches Gebäude auf einen Dachboden gestellt bzw. geworfen.
Nachdem Jahre vergangen waren, konnte nur mühevoll ein Haushalt wieder aufgebaut werden. Die Kinder konnten nun wieder in eine wenn auch kleine elterliche Wohnung zurückkommen. Natürlich standen die Eltern unter strenger Polizeiaufsicht und waren stündlich von neuen Verhaftungen bedroht. So ging es bis 1945, bis durch den Sieg der Sowjetarmee das deutsche Volk vom Faschismus befreit wurde.
Die Genossin Römer leistete auch jetzt wieder ihren Beitrag beim Aufbau der KPD 1945, bis am 21. April 1946 – zu ihrem Geburtstag – die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands gegründet wurde, unter deren Führung die DDR geschaffen und mit dem Aufbau des Sozialismus begonnen wurde. Die Genossin Römer war in diesen Jahren Stadtverordnete, Kreistagsabgeordnete, Mitglied des Rates des Kreises und jahrelang Schulungsleiter des DFD in Apolda. Heute arbeitet sie noch ehrenamtlich in der Volkssolidarität[70], dem Wohnaktiv des Wohnbezirkes 17 und in der VdN-Kommission des Kreises.
Für ihre Verdienste wurde sie ausgezeichnet mit:
Medaille „Kämpfer gegen den Faschismus“ und eine Veteranenreise in die Sowjetunion
↑Ernst Otto (1891-1941), studierte ev. Theologie in Greifswald und Leipzig, Soldat im Ersten Weltkrieg, Pfarrer in Altenburg, Mitarbeiter im Volksdienst, Pfarrer in Eisenach, 1934 Gründer und Vorsitzender der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft, Teilnehmer an der Barmer Bekenntnissynode von 1934, 1938 Wartestand, 1939 Leiter des ev. Heimes „Hohe Grete“ bei Au/Sieg.
↑Alfred Rosenberg, * 1893 in Reval/Estland, Mitglied in völkisch-nationalistischen Vereinigungen, Reichsorganisationsleiter der NSDAP, einer der wichtigsten Ideologen der Nazis, + 1946 in Nürnberg als Hauptkriegsverbrecher hingerichtet
↑Alfred Hugenberg, * 1865 in Hannover, Direktor im Krupp-Konzern, Deutschnationaler Inhaber einer rechtsgerichteten Zeitungs- und Verlagsimperiums während der Weimarer Republik, dem heutigen Springer-Konzern vergleichbar, Organisator der "Harzburger Front", Minister im ersten Kabinett Hitler, 1945 interniert, danach als "Entlasteter" eingestuft, + 1951 in Kükenbruch/BRD
↑NS-Frauenschaft. Gegründet 1931, seit 1935 Gliederung innerhalb der NSDAP, bestimmt zur ideologischen Schulung von Frauen und Mädchen für die rassistischen Ziele der Partei, insgesamt 4 Mio. Mitglieder, 1945 verboten
↑Reichkirchenausschuss. Im Oktober 1935 vom Reichskirchenminister Kerrl eingesetzte Leitungsgruppe der Deutschen Evangelischen Kirche zur Homogenisierung der Interessen und Ansprüche der protestantischen Kirchen eingerichtet, aber sowohl von diesen nicht durchgängig anerkannt als auch von der Reichsregierung nicht unterstützt, im Februar 1937 durch Rücktritt aufgelöst
↑Deutsches Frauenwerk. Gegründet im Oktober 1933 als Sammelbecken für die gleichgeschalteten bürgerlichen Frauenbewegungen und einzelne nicht parteilich gebundene Mitglieder
↑Mütterdienst. Maßnahmen des NS-Staates zur Schwangeren- und Mütterbetreuung, insbesondere Mütterschulungen und Müttererholung in Heimen der NS-Frauenschaft, der NS-Volkswohlfahrt und der Deutschen Arbeitsfront. 1941 existierten 517 Mütterschulen, darunter zwölf Bräute- und Heim-Mütterschulen. Die Lehrinhalte dienten den rasse- und erbbiologischen Kriterien zur Pflege des "arischen Volkskörpers" und dessen Gesunderhaltung sowie der völkischen Erziehung des Nachwuchses.
↑NSV (NS-Volkswohlfahrt). Gegründet 1931 in Berlin als lokaler Selbsthilfeverein, wurde die NSV ab 1933 mit 17 Mio. Mitgliedern zur zweitgrößten Massenorganisation. Sie organisierte das "Winterhilfswerk", das Hilfswerk "Mutter und Kind" und die "Kinderlandverschickung" sowie im Krieg die Flüchtlingsversorgung und die Betreuung von Bombenopfern. Auch sie arbeitete nach rasse- und erbbiologischen Selektionskriterien, d.h. verweigerte ihre Unterstützung den sogenannten Minderwertigen, Asozialen sowie rassistisch und politisch Ausgegrenzten.
↑KZ Bad Sulza. Eröffnet im November 1933 durch Polizei und SA und ab 1936 betrieben durch die SS bis Juli 1937, in dem etwa 400 politische Gefangene, Juden, Geistliche, "Asoziale" und "Kriminelle" untergebracht waren, darunter auch Frauen. Sie mussten Zwangsarbeit verrichten u.a. beim Straßen- und Wegebau.
↑Zellenabend. Die "Zelle" war nach der untersten Organisationsform "Block" die nächst höhere Stufe in der Parteigliederung
↑Hackemark. Anspielung auf den Frontabschnitt bei Langemarck in Flandern, wo während des Ersten Weltkrieges Tausende junge deutsche Heeressoldaten in feindliches Feuer geschickt wurden und verbluteten.
↑Blockleiter. Der B. war der Führer einer Parteigruppe der NSDAP auf der untersten Ebene eines Dorfes oder Stadtteiles
↑Reichsparteitag. Die R.'e der NSDAP dienten der Machtdemonstration und des Gemeinschaftsgefühls. Der erste (nachträglich so gezählte) fand 1923 in München, der zweite 1926 in Weimar statt, seit 1927 in Nürnberg, um an die mittelalterlichen R. anzuknüpfen. Seit 1933 standen sie jeweils unter einem Motto: 1933 „Sieg des Glaubens“, 1934 „Triumph des Willens“, 1935 „R. der Freiheit“, 1936 „R. der Ehre“, der letzte 1939 „R. des Friedens(!)“ fiel wegen des Kriegsbeginns aus. Zum Programm gehörten immer eine programmatische Rede Hitlers sowie gigantische Inszenierungen mit Wehrmachtseinheiten, Sportgruppen, Treuegelöbnissen und Totenehrungen.. Seit Nürnberg wurden sie Glockengeläut von allen Kirchen der Stadt eröffnet.
↑Deutsche Christen. In der Altenburger Region von Thüringen 1930 entstanden, 1932 als Reichsbewegung konstituiert, verfolgte die Verschmelzung der politischen Ziele des NS mit dem Christentum, lösten 1933 den "Kirchenkampf" aus - eine Verweigerungs- und Widerstandshaltung von bekenntnisgebundenen Pfarrern und Gemeindegruppen gegenüber deren Zersetzungsstrategie. Die Deutschen Christen (DC) organisierten sich in der "Glaubensbewegung Deutsche Christen", in der "Kirchenbewegung Deutsche Christen" und in der "Nationalkirchlichen Bewegung Deutsche Christen", die unterschiedliche theologische und politische Akzente setzten.
↑Reichsjugendführung. Sie gehörte zu den obersten Reichsbehörden und legte die Richtlinien zur Erziehung der Hitlerjugend fest. Reichsjugendführer war bis 1940 Baldur von Schirach, der in Weimar 1926 die HJ gründete, danach Arthur Axmann.
↑Reichsstatthalter. Seit der Gleichschaltung der Länder mit dem Reich übten 11 R. die Aufsicht über die Regierung der Länder aus und waren zugleich Gauleiter des jeweiligen Gaues. Zwei Ausnahmen bildeten Bayern mit Ritter von Epp und Preußen mit Hitler selbst. Die seit 1938 angeschlossenen Gebiete Österreich (Ostmark) und Elsaß-Lothringen und Saarland (Westmark) erhielten gleichfalls R, die mit Kriegsbeginn gleichzeitig Reichsverteidigungskommissare wurden.
↑Gauführer. Eigentlich korrekt Gauleiter, seit 1925 von Hitler eingeführt als regionale Wirkungsgebiete der NSDAP für letztendlich 42 Gaue, der 43. war die Auslandsorganisation der Partei. Der Gau war unterteilt in Kreis, Ortsgruppe, Zelle und Block. Ihre Leiter wurden als „Hoheitsträger“ der Partei bezeichnet. Viele von ihnen gehörten zu den „Alten Kämpfern“ aus der Putschzeit seit 1919, denen Hitler besonders vertraute. Die G. wurden in den Nürnberger Prozessen als verbrecherische Gruppe verurteilt.
↑Rönck, * 12. April 1908 in Altenburg; † 1990) war ein evangelischer deutscher Pfarrer und Bischof.
Hugo Rönck studierte Theologie in Göttingen und Jena, wurde am 2. Oktober 1932 in Denstedt bei Weimar ordiniert und trat der Kirchenbewegung Deutsche Christen bei. Im Jahre 1925 wurde er Mitglied in der NSDAP (Träger des „Goldenen Parteiabzeichens“). Rönck wurde 1936 zum Landesjugendpfarrer berufen. Von 1939 bis 1943 nahm er als Wehrmachtssoldat am 2. Weltkrieg teil. Im Jahre 1943 wurde er als Nachfolger des verstorbenen Landesbischofs Martin Sasse zum Präsidenten des Landeskirchenrates. Im Jahre 1944 wurde er aus der NSDAP ausgeschlossen. Im Jahre 1945 nahm er den Titel Landesbischof an. Im April 1945 wurde er von den Vertretern der innerkirchlichen Opposition (Moritz Mitzenheim, Erich Hertzsch, Gerhard Kühn) zum Rücktritt von seinem Amt gedrängt und wenige Tage später von US-amerikanischen Truppen verhaftet. Im August 1945 wurde er aus dem kirchlichen Dienst entlassen. Später war er von 1947 bis 1976 Pastor in Eutin. (http://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%B6nck)
↑Ablasskrämer. In der mittelalterlichen Kirche wurden von A. päpstliche und bischöfliche Urkunden mit kirchenrechtlicher Kraft verkauft, die die Vergebung von Sünden versprachen.
↑Hitlerjungen. Nach Vorläufern seit 1922 wurde die 1926 von Kurt Gruber initiierte „Großdeutsche Jugendbewegung“ im gleichen Jahr durch Hans Severus Ziegler in Hitlerjugend umbenannt. Ihre Aufgabe wurde die politische Schulung und die körperliche Ertüchtigung der Jugend.
↑Lutherische Bekenntnisgemeinschaft in Thüringen. Gegründet 1934 in Weimar, wollte sie geistliche und Laien für die Abwehr der NS-Ideologie in der Kirche aktivieren. An der Spitze stand als Leitungsgremium der Landesbruderrat. Vorsitzender war Pfarrer Ernst Otto, Stellvertreter Pfarrer Gerhard Bauer. Im Gutshaus der Gräfin Keller in Stedten bei Erfurt kam das Gremium häufig zusammen. Der LBG haben zwischen 1934 und 1945 etwa 11.000 Laien und 100 Pfarrer angehört.
↑Arno Liebe * 30.11.1882 in Marksuhl als Sohn eines Superintendenten, nahm die typische Karriere eines Pfarrerssohnes: Studium in Jena, Beitritt zur Burschenschaft Arminia, Freiwilliger des Ersten Weltkrieges, Offiziersanwärter. Liebe vertrat eine national-konservative Weltanschauung. 1943 unterzeichnete er eine Erklärung des Pfarrernotbundes gegen die Übernahme des Arierparagrafen in die Kirche und erhielt dafür vom Landeskirchenrat einen Verweis. Nach dem Dienst in mehreren Pfarrstellen wurde er aus seiner Pfarrstelle in Ebeleben weg genötigt, für die Pfarrei Friemar gewählt, doch durch den Landeskirchenrat nicht bestätigt. Dieser versetzte ihn 1935 nach Mattstedt. Getreu der Erziehung im Elternhaus wurde Sohn Reinhard Fliegerpilot und beteiligte sich als Staffelkapitän einer Aufklärungsstaffel am Luftkrieg gegen die spanische Republik, wobei er mit dem Spanienkreuz in Gold und anderen Auszeichnungen dekoriert wurde. Den Fliegertod fand der 27jährige im Juli 1940 über Frankreich. Sein Vater Arno Liebe starb am 16. Mai 1962 in Apolda.
↑Mahrenholz, * 11.8. 1900 in Adelebsen Kreis Northeim als Sohn des Pfarrers Christian Mahrenholz und seiner Ehefrau Klara Helene, geb. Großcurth, + 15.3. 1980 in Hannover, bestattet in Amelungsborn.
1933 - auf seiten des von den Deutschen Christen vorübergehend partiell entmachteten Landesbischofs August Marahrens - Oberlandeskirchenrat (von 1936 bis 1945 als Mitglied der hannoverschen Kirchenregierung), 1953 Geistlicher Dirigent und 1965, im Jahr seines Ruhestandes, Geistlicher Vizepräsident. Zwischen Oktober 1935 und Februar 1937 setzte er sich als Mitglied des von Reichskirchenminister Hanns Kerrl berufenenen achtköpfigen Reichskirchenausschusses (und Stellvertreter des Vorsitzenden Wilhelm Zoellner) in Berlin ohne Erfolg für die Wiederherstellung verfassungsmäßiger Zustände in der Deutschen Evangelischen Kirche ein. (http://www.bbkl.de/m/mahrenholz.shtml)
↑Geheime Staatspolizei (Gestapo). Gegründet 1933 durch den preußischen Ministerpräsidenten Göring angeblich zur Sicherheit des Reiches, tatsächlich aber gegen alle kommunistischen und sozialdemokratischen Bestrebungen
gerichtete Zentralbehörde mit Abteilungen in jedem Regierungsbezirk. Seit 1933 von R. Diels geleitet, seit 1934 von Heinrich Himmler als Reichsführer der SS überwacht, zunächst der Sicherheitspolizei und seit 1939 dem Reichssicherheits-Hauptamt unterstellt. Amtschef der Gestapo war seit 1937 Heinrich Müller. Die insgesamt 67 Staatspolizei- oder Staatspolizeileitstellen verhängten Schutzhaft, Einweisungen in Arbeitslager und Konzentrationslager, konnten durch „verschärfte Vernehmung“ (Folter) Geständnisse erpressen und Gefangene ermorden, „Sonderbehandlung“ genannt. Ihr waren auch Zwangsarbeiter ausgeliefert, stellte Kommandos zur Ermordung von Kriegsgefangenen, sogenannte „Einsatzgruppen“, organisierten die Deportation der Juden, Sinti, Roma ua. Verfolgter in Vernichtungslager. Die Zahl von etwas mehr als 31.000 Mitarbeiter(inne)n und Angestellten war relativ gering, weil sie sich auf die Denunziationsbereitschaft vieler Pgs und Volksgenossen verlassen konnte. Das Nürnberger Tribunal stufte die Gestapo als verbrecherische Organisation ein.
↑Reichspressekammer. Die R. war neben der Reichsschrifttumskammer, der Reichsrundfunkkammer, der Reichsfilmkammer, der Reichsmusikkammer und der Reichskammer für bildende Künste ein Teil der sogenannten Reichskulturkammer unter der Führung von Joseph Goebbels. Sie lenkte diese Bereiche im NS-Sinne, sprach Berufsverbote aus. Alle Kulturschaffenden waren zur Mitgliedschaft verpflichtet und konnten daher leicht kontrolliert und gelenkt werden.
↑Impressum. Herkunftsangabe für jedes öffentlich relevante Druckerzeugnis
↑Systemzeit. Gemeint ist die Zeit der Weimarer Republik, die wegen zeitweiliger Beteiligung linksdemokratischer Politiker von den Nazis mit weiteren abschätzigen Begriffen wie „Judenrepublik“ bezeichnet wurde.
↑Fräulein Eitner (1886-1949), Fürsorgerin aus Neustadt/Orla, seit 1926 Mitarbeiterin im Volksdienst der Thüringer Kirche, seit 1930 Geschäftsführerin des Verbandes der Ev.Frauenvereine, seit 1934 Mitglied in der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft, seit 1945 zusammen mit Hedwig Pfeiffer Leiterin der Thüringer Ev.Frauenhilfe.
↑Propagandawelle. Die Nazis organisierten Höhepunkte zur Beeinflussung und Einschüchterung der Öffentlichkeit in ihrem Sinne. Z.B. wurden bei einer P. in Apolda 1935 „Rasseschänder(innen“) oder „Kritikaster“ und „Meckerer“ durch die Stadt getrieben oder auf einem mobilen Pranger-Lkw gefahren. Anschließend erfolgte die Überstellung in das KZ Bad Sulza.
↑9. November. Der 9. November wurde von den Nazis jährlich als „Gedenktag an die Märtyrer der Bewegung“ gefeiert, die beim Hitlerputsch in München 1923 ums Leben kamen.
↑Deutsche Heimatschule. Gegründet durch den völkischen Pädagogen Theodor Scheffer (1872-1945) in der Kleinstadt Bad Berka bei Weimar. Rassistischer Antisemitismus gehörte zu seinen Lieblingsthemen.
↑Evangelisationswoche. Unter Evangelisation versteht man ein Sonderprogramm oder eine Sonderveranstaltung (in diesem Falle eine Veranstaltungsreihe während einer Woche) zur Verbreitung des christlichen Glaubens, besonders zielgerichtet auf bisher areligiöse oder nichtkirchliche Zeitgenossen.
↑Kirchenwahlen. Seit der Gründung der Thüringer Evangelischen Kirche im Jahre 1921 und der Konstituierung eines 58köpfigen Kirchenparlamentes („Landeskirchentag“) wurden in mehrjährigem Abstand Kirchenwahlen durchgeführt, bei denen kirchlich wahlberechtigte Erwachsene Kandidaten wählen konnten, die von mehreren vorhandenen Gruppierungen (Strömungen) in der Kirche vorgeschlagen wurden. Beim Übergang von der Republik zur faschistischen Diktatur sind die Wahlergebnisse dieser Gruppen aufschlußreich. Bei den Kirchenwahlen vom 22. Januar 1933, also noch eine Woche vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, wurden in den Kirchgemeinden von Wilhelm Koch, in der Kirchgemeinde Apolda und in den Kirchgemeinden im Thüringen-Durchschnitt folgende Ergebnisse in % erzielt:
.............................................................................Oberndorf:......12
.............................................................................Sulzbach:........9
.............................................................................Apolda:.........19
.............................................................................Thüringen:......12
Christlich-Deutsche Einheitsliste:.......................Herressen:......1
.............................................................................Oberndorf:.......0
.............................................................................Sulzbach:........1
.............................................................................Apolda:..........0
.............................................................................Thüringen:.......0
Deutsche Christen (Kirchen-Nazis):.....................Herressen:.......25
.............................................................................Oberndorf:......12
.............................................................................Sulzbach:.......14
.............................................................................Apolda:.........46
.............................................................................Thüringen:......30
Aus dieser Übersicht geht hervor, dass in der Pfarrgemeinde von Wilhelm Koch im Januar 1933 zwei Drittel der Evangelischen für Bekenntnistreue votierten, während nur ein Achtel den DC ihre Stimme gaben und noch eine beachtliche Zahl für die Religiösen Sozialisten votierten. Die anderen Stimmen kann man vernachlässigen. Auch in Herressen stimmten nur ein Viertel für die DC und mehr als ein Drittel für die Bekenntniskirche. In Oberndorf stimmten die Hälfte mit Kochs Liste, während die DC ähnlich wie in Sulzbach nur auf ein Achtel kamen.
Dieses Stimmverhalten änderte sich bei den von Hitler angeordneten Kirchenwahlen im Juli 1933 wie folgt. Es traten nur noch drei Gruppierungen zur Wahl an:
Christlicher Volksbund (traditionell-konservative):......Herressen.......1
..............................................................................Oberndorf.......3
.............................................................................Sulzbach.........3
...............................................................................Apolda.........6
..............................................................................Thüringen.......7
Einigungsbund für reformatorisches Christentum
(am lutherischen Bekenntnis orientiert):.................Herressen.......5
..............................................................................Oberndorf.......0
.............................................................................Sulzbach........13
............................................................................Apolda............2
..............................................................................Thüringen.......5
Deutsche Christen (Kirchen-Nazis):.....................Herressen:.......94
.............................................................................Oberndorf:......97
............................................................................Sulzbach:........84
...........................................................................Apolda:...........92
.............................................................................Thüringen:......89
Daraus wird erkennbar, dass unter der Herrschaft der Nazis die mit den DC konkurrierenden Fraktionen zur Bedeutungslosigkeit zusammenschmolzen. Aber immerhin bekam in Kochs Gemeinden die Bekenntniskirche noch fünf Prozent der Stimmen (soviel wie im Thüringen-Durchschnitt), und im Falle der Hauptgemeinde Sulzbach sogar noch respektable 13 Prozent, im Schnitt mehr als das Doppelte aller Thüringer Gemeinden
↑Dr. Franz. Volkmar Franz (1893-1960) war Jurist und seit 1923 juristisches Mitglied des Landeskirchenrates mit dem Titel eines Kirchenregierungsrates, Mitglied der Kirchenbewegung „Deutsche Christen“, Mitglied der NSDAP, seit 1938 Mitarbeiter im Reichskirchenministerium und in der Kirchenkanzlei der DEK, seit 1943 Oberlandeskirchenrat und Vizepräsident (Stellvertreter von Kirchenpräsident Rönck). 1945 wurde er in den Wartestand versetzt und ab 1946 als juristischer und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Landeskirchenamt weiter verwendet.
↑Gottesfeierstunde. G. nannten die DC ihre religiösen Versammlung in deutlicher Abgrenzung zu den herkömmlichen Gottesdiensten. Die G'n werden gehalten mit Texten einer „entjudeten“ Bibel und mit von jüdischen Begriffen gesäuberten Kirchenliedern, auch neuen Liedschöpfungen mit NS-Inhalten.
↑Sakrament. Das S.bezeichnet eine religiöse Handlung, im evangelischen Gottesdienst die Feier der Taufe und des Abendmahles.
↑Aufkläricht. Verächtliche Bezeichnung der Inhalte von geschriebenen oder gesprochenen Beiträgen, die von Verfassern des Humanismus und der Aufklärung stammen.
↑Fürbitte. F. ist die kirchliche Benennung des Hauptgebetes im Gottesdienst, bei dem derjenigen Menschen und Vereinigungen gedacht wird („für sie gebetet wird“), denen die versammlte Gemeinde ihre Gedanken und ihr Gedenken widmet.
↑Verjudung. Darunter verstanden die Mitglieder der DC alle jene Texte und Lieder der christlichen Tradition, in denen Begriffe, Namen und Vorgänge aus dem Zusammenhang des Alten Testaments, also des Lebens im israelitischen Volk des alten Bundes, verwendet wurde. Das 1939 in Eisenach gegründete „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“ betrachtete es daher als eine seiner wichtigsten Aufgaben, Bibel und Gesangbuch zu „entjuden“.
↑Faksimile. Wiederholung eines Schriftbildes oder einer Grafik, die dem Original gleichkommt.
↑Heldengedenktag. Er ist aus dem Volkstrauertag entstanden und wurde von Hitler auf den Sonntag „Reminiscere“ im Frühjahr verlegt
↑Bischof Meiser. Evangelischer Theologe (1881-1956) mit volkskirchlicher Prägung, der den Konflikt mit dem Hitlersystem vermied und durch Taktieren die Wirkung der Evangelischen Kirche erhalten wollte.
↑General Franco. Francisco Franco y Bahamonde (1892-1975), spanischer Militärpolitiker und General, der gegen eine gewählte Volksfront-Regierung 1936 eine klerikal-faschistische Diktatur errichtete, der Hitler durch massive militärische Unterstützung den Sieg sicherte, obwohl eine breite Solidaritätsbewegung mit Freiwilligen aus zahlreichen Ländern für die Erhaltung der Republik kämpften.
↑Hilfsprediger Walter. Georg Walter, * 28.4.1910, war seit Oktober 1935 im Dienst der Stadtkirchgemeinde Jena
↑Dimissoriale. Erlaubnisschein des zuständigen Pfarramts, der zur Ausführung einer kirchlichen Amtshandlung außerhalb des Wohnortes eines Kirchenmitglieds benötigt wird.
↑Onkel Topf. Otto Topf (*1883), im Jahre 1907 ordinierter evangelischer Pfarrer, der von 1920-1953 in Utenbach Dienst tat und viele Jahre Oberpfarrer des Bezirkes Apolda-Land war.
↑Oberkirchenrat Lehmann. Paul Lehmann (1884-1960), evangelischer Pfarrer, Mitglied der NSDAP und der DC, zuerst nebenamtlich, dann hauptamtliches Mitglied des Landeskirchenrates, seit 1943 im Wartestand, seit 1945 amtsenthoben und außerkirchlich tätig.
↑Gravamina. Lat.: schwerwiegende Probleme, große Beschwernisse
↑Heimtückegesetz. Im März 1933 erließ Hindenburg die „Verordnung des Reichspräsidenten zur Abwehr heimtückischer Angriffe gegen die Regierung der nationalen Erhebung“, mit der die Verbreitung „unwahrer“ Behauptungen, die Reich und Partei schaden konnten, mit Gefängnis und Zuchthaus bestraft wurden, die von Sondergerichten verhängt wurden. Im Jahre 1933 wurden allein 3744 solche Verstöße geahndet. In Apolda und Umgebung endeten sie gewöhnlich mit der Einlieferung in das KZ Bad Sulza.
↑Rechtsanwalt Tunze. Jenaer Jurist (* 1878), der aufgrund seiner evangelisch-konfessionellen Bindung besonders häufig von der NSDAP angegriffene Pfarrer und Kirchenmitglieder vor Gerichten vertrat.
↑Pfarrer Schanze. Wolfgang Schanze (1897-1972) studierte evangelische Theologie und Germanistik in Leipzig, promovierte zum Dr. phil, wurde Schloßprediger in Coburg und seit 1928 Pfarrer in Weimar. Seit Gründung war er Mitglied der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft, theologisch und politisch von konservativer Gesinnung, nach 1945 Oberkirchenrat.
↑Gustav-Adolf-Büchsen. Der Gustav-Adolf-Verein, der sich für evangelische Minderheiten deutscher Sprache im Ausland einsetzte, konnte mit eigenen Spenden-Sammlungen die Mittel für seine Hilfsaktionen einwerben. Das geschah u.a. mit speziell gekennzeichneten Sammelbüchsen.
↑Deutsche Glaubensbewegung. Im Jahre 1933 schlossen sich verschiedene nicht- oder antichristliche deutsch-gläubige Gruppierungen zur D.G. zusammen. Ihr Führer wurde der Religionswissenschaftler Jakob Wilhelm Hauer. Als 1936 die Hoffnungen auf Gewährung eines religiösen Führungsanspruchs durch die NSDAP endgültig enttäuscht wurde, fiel die Gruppierung, die immer eine Randerscheinung geblieben war, wieder in konkurrierende Grüppchen auseinander.
↑Adelshofen. Adelshofen ist ein Dorf im Landkreis Heilbronn in Baden-Württemberg, das seit dem 1. Juli 1971 nach Eppingen eingemeindet ist. Die Einwohnerzahl lag zu Kochs Zeiten zwischen 662 (1939) und 723 (1945). (http://de.wikipedia.org/wiki/Adelshofen_(Eppingen))
↑Frau Kirchenrat Pfeiffer. Hedwig Martin (1890-1949), Ehefrau des Kirchenjuristen Dr. Paul Pfeiffer, seit 1934 Mitglied in der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft, war seit 1925 ehrenamtliche Mitarbeiterin und seit 1935 Vorsitzende der Evangelischen Frauenhilfe in Thüringen. Nach ihr ist ein Haus der evangelischen Frauenarbeit in Weimar benannt.
↑DC-Hilfsprediger Streitberger. Werner Streitberger (* 1908) wurde am 1. Oktober 1937 vom DC-Landeskirchenrat als Hilfspfarrer und Gegenspieler von Koch mit der Verwaltung der Pfarrstelle Sulzbach betraut, bis er am 1. Juli 1938 wieder versetzt wurde nach Oberweid in der Rhön. Seine Hauptarbeit zum Zweiten theologischen Examen widmete sich dem Thema: „Die Predigt Jesu aus dem Gegensatz zum Judentum“. In Oberweid hatte er die Pfarrstelle ab 1.10.1942 inne.
↑Bischof Wurm. Theophil Wurm (* 7. Dezember 1868 in Basel; † 28. Januar 1953 in Stuttgart) war evangelischer Pfarrer und von 1929 bis 1948 Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Wurm übte als einer von wenigen Geistlichen Kritik an der NS-Politik, gestand dem Staat aber auch das Recht zu, das Judentum als „gefährliches Element“ zu bekämpfen. Nach 1945 beteiligte er sich in der „Stillen Hilfe“ am Schutz von NS-Tätern.
↑Registratur. Die R. bezeichnet die Ordnung der laufenden Akten in einem Pfarramt, die bei auslaufender Verwendung ins Archiv überführt werden.
↑Kirchenrat Stüber. Hugo Stüber (1887-1950) studierte evangelische Theologie in Erlangen und Jena, wurde Pfarrer in Niedersynderstedt, im Ersten Weltkrieg Militärpfarrer, Pfarrer und Superintendent in weiteren Pfarrämtern, Kirchenrat, 1933 Mitglied des Landeskirchenrates, Mitglied in der NSDAP und bei den DC, seit 1945 im Ruhestand. Nach seinem Ausschluss aus dem kirchlichen Dienst wurde er 1950 wieder in die kirchlichen Rechte ein- und zugleich in den Ruhestand versetzt.
↑Krüppelheim in Arnstadt. Gemeint ist das Evangelische Marienstift, ein Heim für körperbehinderte Menschen.
↑Frl. Alberti. Marie Alberti war die Leiterin der Ev.Frauenhilfe in Flurstedt.
↑Dr. Trebing. Dr. Oskar Trebing (* 1880) war Sohn eines Färbermeisters aus Berka/Werra, Rechtsanwalt und Notar, seit den 1920er Jahren Amtsgerichtsvorstand, seit 1923 Oberamtsrichter, seit 1934 SA-Mitglied und Truppführer seit 1937 Mitglied der NSDAP, 1945 Entfernung aus dem Dienst, 1946 neun Monate Untersuchungshaft, seit Juli 1947 wieder als Notar zugelassen.
↑Frau Hermann Sander. Altertümliche Benennung einer verheirateten Frau nach dem Vornamen ihres Ehemannes
↑JV. Im Jungvolk, eigentlich „Deutsches Jungvolk“ (DJ) umfasste die Altersgruppe zwischen 10-14 Jahren („Pimpfe“), wurden den heranwachsenden Jungen die Naziideale vom Hartsein, Ehrbewusstsein und unbedingter Treuer gegenüber der Führung eingeimpft.
↑BDM. Im „Bund Deutscher Mädel“ wurde den heranwachsenden Frauen die völkischen Ideale von der Reinheit, der Dienstbarkeit und der Mutterpflichten nahegebracht.
↑Wartestand. Juristische Bezeichnung des Beamtenrechts für verbeamtete Personen, für die zeitweilig keine reguläre Stelle zur Verfügung steht
↑Pfarrer Fischer. Rudolf Fischer (1899-1976), studierte ev. Theologie in Göttingen, Jena und Gießen, Vikar in Regensburg, Pfarrer in Watzendorf/Bayern, seit 1931 Pfarrer in Saalfeld, 1934 Mitglied der LBG, 1937 Verhaftung und Beurlaubung vom Dienst, während des Krieges in anderen Pfarrämtern tätig.
↑Volkssolidarität. Wohlfahrts-Organisation der DDR