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Bundesarchiv Bild 183-R0522-177, Erich Mielke

Erich Mielke

Erich Fritz Emil Mielke (* 28. Dezember 1907 in Berlin; † 21. Mai 2000 ebenda) war nach dem Rücktritt Ernst Wollwebers ab 1957 Minister für Staatssicherheit der DDR und somit einer der Hauptverantwortlichen für den Ausbau des flächendeckenden Überwachungssystems in der DDR. Von 1953 bis 1989 war Mielke zudem Vorsitzender der Sportvereinigung Dynamo. Er wurde 1993 wegen Mordes im Jahre 1931 rechtskräftig zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren verurteilt.

Leben Bearbeiten

Jugend und Zeit als KPD-Aktivist Bearbeiten

Erich Mielke wurde 1907 in Berlin-Wedding als Sohn eines Stellmachers geboren. Seine Eltern zählten 1918 zu den Gründungsmitgliedern der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD).[1] Er besuchte das Königsstädtische Gymnasium am Berliner Alexanderplatz, verließ die Schule allerdings vorzeitig ohne Abschluss.[2] 1921 trat er dem KJVD bei und absolvierte von 1924 bis 1927 eine Lehre als Speditionskaufmann. Eigenen Angaben zufolge wurde er 1925 Mitglied der KPD.

Nach Ausbildung und Tätigkeit als Speditionskaufmann arbeitete Erich Mielke von 1928 bis 1931 als Lokalreporter bei der kommunistischen „Roten Fahne“ und gehörte dem als Parteiselbstschutz gegründeten T-Apparat, einer paramilitärisch organisierten und bewaffneten Gruppe der Partei, an. Am 9. August 1931 erschossen er und sein befreundeter Mitstreiter Erich Wichert bei einem Vergeltungsschlag gegen eine verhasste Polizeieinheit auf dem Berliner Bülowplatz – heute Rosa-Luxemburg-Platz – die Polizisten Paul Anlauf und Franz Lenk aus dem Hinterhalt. Mielke floh daraufhin in die Sowjetunion; er wurde erst 1993 für seine Tat verurteilt.

Bundesarchiv Bild 102-12159, Berlin, Trauerzug für ermordete Polizisten

Trauerzug für die von Mielke und Wichert ermordeten Polizisten, Berlin, August 1931

Flucht in die Sowjetunion Bearbeiten

In Moskau erhielt er von 1932 bis 1936 eine politische und militärische Ausbildung an der Lenin-Schule und kämpfte von 1936 bis 1939 unter dem Decknamen Fritz Leissner im Spanischen Bürgerkrieg bei den Internationalen Brigaden. Zuletzt im Range eines Hauptmanns, versah Mielke vor allem Stabsdienst in den Führungen der 14. und 11. Brigade sowie Aufgaben als „Kaderoffizier“ (Politoffizier) in der 27. Division. Unter anderem war er zuständig für das Umsetzen der Stalinschen Säuberungen in diesen Einheiten.

Nach dem Ende des Spanischen Bürgerkrieges tauchte er unter dem Namen Richard Hebel (als angeblicher Lette) in Belgien und Frankreich unter; von März 1939 bis Mai 1940 war er Mitarbeiter der „Neuen Rheinischen Zeitung“ sowie ab 1940 bei den Informationsblättern für die belgische Emigration.

Zweiter Weltkrieg Bearbeiten

Von Mai 1940 bis April 1941 wurde er in Frankreich interniert, war danach bis Dezember 1943 in Südfrankreich tätig, unter anderem als Holzfäller. Mindestens von 1940 bis 1943 beteiligte er sich an der illegalen KPD-Leitung in Frankreich.

Im Dezember 1943 wurde er verhaftet und musste (unter seiner lettischen Identität) von Januar bis Dezember 1944 für die „Organisation Todt“ Zwangsarbeit leisten.

Politische Karriere in der DDR Bearbeiten

Bundesarchiv Bild Y 10-0097-91, 30 Jahre MfS, Erich Honecker, Erich Mielke

Erich Honecker gratuliert Erich Mielke (rechts) zum 30-jährigen Jubiläum des Ministeriums für Staatssicherheit, 1980

Bundesarchiv Bild 183-Z0528-028, Erich Mielke in seinem Wahlkreis 36

Erich Mielke in seinem Wahlkreis 36 Bezirk Halle zusammen mit Genossenschaftsbauern der ZGE Milchproduktion Nessa, Mai 1981

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte er im Juli 1945 nach Berlin zurück und wurde dort Leiter der Polizeiinspektion Berlin-Lichtenberg. Außerdem wurde ihm im Zentralkomitee der KPD die Funktion des Abteilungsleiters für Polizei und Justiz übertragen. Vom Juli 1946 an war er Vizepräsident der Deutschen Verwaltung des Innern (DVdI), des Vorläufers des Ministeriums des Inneren und leitete bis 1950 die Hauptverwaltung zum Schutze der Volkswirtschaft. 1948 heiratete er Gertrud Müller.

Bei der Gründung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS, „Stasi“) im Februar 1950 wurde Wilhelm Zaisser als Leiter eingesetzt und Erich Mielke, neben Joseph Gutsche und anderen, einer seiner Stellvertreter im Range eines Staatssekretärs. In gleichen Jahr wurde er auch Mitglied des Zentralkomitees der SED. Der Prozess gegen Kurt Müller, den ehemaligen Vorsitzenden der West-KPD, wurde maßgeblich von Mielke vorbereitet. Nach den Ereignissen vom 17. Juni 1953 wurde Zaisser abgesetzt und Ernst Wollweber neuer Leiter des MfS. 1957 entließ Walter Ulbricht Wollweber auf dessen Wunsch und Mielke wurde zum Leiter des MfS ernannt. Diese Position bekleidete er bis zum 7. November 1989. Zur Zeit von Mielkes Amtsantritt hatte die Behörde rund 14.000 hauptamtliche Mitarbeiter, 1989 schätzungsweise 91.000.

Erich Mielke war ein begeisterter Anhänger der Sportvereinigung Dynamo, deren erster Vorsitzender er von 1953 bis 1989 war. 1957 bis 1989 war er Mitglied des Vorstandes des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) der DDR und Mitglied des Staatlichen Komitees für Körperkultur und Sport der DDR.

1958 bis 1989 war Mielke Abgeordneter der Volkskammer.

Ab 1971 wurde Mielke Kandidat und ab 1976 Vollmitglied des Politbüros des Zentralkomitees der SED. 1960 bis 1989 war er Mitglied des Nationalen Verteidigungsrates der DDR (NVR), ab 1980 Armeegeneral.

Rücktritt, Verurteilung und Tod Bearbeiten

Am 7. November 1989 trat Mielke zusammen mit der gesamten Regierung Stoph zurück, am folgenden Tag zusammen mit dem gesamten Politbüro des ZK der SED. Am 17. November wurde sein Abgeordnetenmandat aufgehoben. Am 3. Dezember 1989 wurde Mielke aus der SED ausgeschlossen, am 7. Dezember kam er in Untersuchungshaft wegen des Vorwurfs Schädigung der Volkswirtschaft.

Mielke, der zunächst im ehemaligen Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen inhaftiert war, wurde auf Antrag seines Anwaltes wegen zu schlechter Haftbedingungen in die JVA Moabit verlegt.

1993 wurde Mielke wegen des Doppelmordes von 1931 zu sechs Jahren Haft verurteilt und 1995 auf Bewährung entlassen.

Mielke starb am 21. Mai 2000 im 93. Lebensjahr in einem Altenpflegeheim in Berlin-Neu-Hohenschönhausen. Am 6. Juni fand er auf eigenen Wunsch seine letzte Ruhestätte in einem namenlosen Urnengrab auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde.

AuszeichnungenBearbeiten

Wirken und Rezeption Bearbeiten

Zitate Bearbeiten

Am 13. November 1989 sprach Mielke zum ersten Mal überhaupt vor der DDR-Volkskammer mit den Worten:

„Ich liebe — Ich liebe doch alle — alle Menschen — Na ich liebe doch — Ich setzte mich doch dafür ein.“

Erich Mielke: BStU: Mielkes Auftritt vor der Volkskammer

Was mit lautem Gelächter quittiert wurde. Mielkes Worte gehören zu den meistzitierten der Wendezeit, oft jedoch unpräzise bis falsch in der Form Ich liebe euch doch alle.

Seinem Ausspruch voraus ging der Hinweis eines sächsischen LDPD-Volkskammerabgeordneten, Mielke solle in seiner (ohne Manuskript gehaltenen) Rede nicht dauernd die Anrede Genossen einflechten, da sich im Plenum eben nicht nur Genossen befänden. Das tat Mielke (siehe Wikiquote-Zitate) als eine „formale Frage“ ab, worauf sich das erste Gelächter erhob, in das hinein er, bereits stark verunsichert, den historisch überlieferten Satz sprach.

Mielke selbst sah sich als Humanist:

„Wir sind nicht gefeit leider, dass auch mal ein Schuft noch unter uns sein kann, wir sind nicht gefeit dagegen, leider. Wenn ich das schon jetzt wüsste, dann würde er ab morgen schon nicht mehr leben. Ganz kurz — Prozess. Aber weil ich Humanist bin, deshalb habe ich solche Auffassungen. Lieber Millionen Menschen vor'm Tode retten als wie einen Banditen leben lassen, der also uns dann also die Toten bringt. [… unverständlich …] mal richtig erklären, warum man so hart sein muss. All das Geschwafel von wegen nicht Hinrichten und nicht Todesurteil — alles Käse is' Genossen. Hinrichten den Menschen ohne [… unverständlich …], ohne Gerichtsbarkeit und so weiter.“

Erich Mielke: Originalton, wiedergegeben in MDR/ARTE: Alltag einer Behörde — Das Ministerium für Staatssicherheit: 1982, Ausschnitt eines Stasi-Tonbandprotokolls, auf einer Konferenz hoher Stasi-Offiziere, mit Bezug auf die Flucht von Werner Stiller

Charakteristisch sind Mielkes Ansichten zu Republikflucht und Grenzregime:

„Ich will euch überhaupt mal etwas sagen Genossen, wenn man schon schießt, dann muss man dat so machen, dass nicht der Betreffende noch bei wegkommt, sondern dann muss er eben dableiben bei uns. Ja, so ist die Sache, wat is denn das, 70 Schuß loszuballern und der rennt nach drüben und die machen ne Riesenkampagne.“

Erich Mielke: Originalton, wiedergegeben in ZDF: Goodbye DDR, Teil 2 Mielke und die Freiheit

„Leistner ist Mielke“ – das ungeklärte Verschwinden Willi Kreikemeyers Bearbeiten

Im Zusammenhang mit der Kampagne um den „erfundenen Spion“ Noel Field entstand 1950 eine paradoxe Situation, in der der erklärte Stalin-Bewunderer, „alte Tschekist" und „Schüler Berijas“ Erich Mielke selbst zum Stalinismus-Opfer hätte werden können. Noel Field hatte in der Schweiz antifaschistische Emigranten unterstützt. Seine „Enttarnung“ als Spion war der Aufhänger für politische Schauprozesse gegen die suspekten Westemigranten. Willi Kreikemeyer, nun Chef der Deutschen Reichsbahn, war enger Mitarbeiter von Field gewesen. Bei einer Vernehmung wurde ihm eine Liste mit Decknamen von Leuten vorgelegt, die von Field unterstützt worden waren. Gutgläubig ordnete Kreikemeyer den Decknamen „Leistner“ Erich Mielke zu. Theoretisch hätte diese Information Mielkes Karriereende, wenn nicht sein Todesurteil besiegeln müssen: Wer behauptete, mit der „ruhmreichen Sowjetarmee“ nach Deutschland zurückgekommen zu sein, in Wahrheit aber im westlichen Exil Kontakt zu einem amerikanischen Spion unterhalten hatte, war nach damaligen Maßstäben ein Verräter. Aber nicht Mielke, sondern Kreikemeyer verschwand auf Nimmerwiedersehen im Gefängnis. Mielke besuchte ihn in seiner Zelle und versprach ihm baldige Freilassung – er müsse nur alles aufschreiben, was er wisse. Dieses bis heute erhaltene schriftliche Geständnis ist das letzte Lebenszeichen Kreikemeyers. Kreikemeyers Frau wurde sieben Jahre später, nach ihrer 37. schriftlichen Anfrage, mitgeteilt, ihr Mann habe sich bereits kurze Zeit nach seiner Verhaftung in seiner Zelle erhängt. Diese offizielle Version wirkt konstruiert – u. a. weil der Totenschein erst 1957 ausgestellt wurde. Wahrscheinlicher – aber nicht bewiesen – ist, dass Mielke den Mann, der ihm gefährlich werden konnte, ermorden ließ.

Das Ministerium für Staatssicherheit Bearbeiten

Berlin Stasi Normannenstrasse 2005

Das Hauptgebäude der MfS-Zentrale

Die im Volksmund „Stasi“ genannte Staatssicherheit wuchs unter seiner Verantwortung oktopusartig in sämtliche Gesellschaftsbereiche hinein, und selbst im Privaten konnte niemand vor Bespitzelung und Verrat sicher sein. Besonders bekannt wurde der Fall von Vera Lengsfeld (1990 bis 2005 MdB), die von ihrem Ehemann bespitzelt wurde. Ein weiteres prominentes Opfer war Robert Havemann, der zeitweise von etwa 100 Stasi-Mitarbeitern überwacht wurde.

1989 beschäftigte das MfS etwa 91.000 hauptamtliche und 173.000 inoffizielle Mitarbeiter (IM). 1976 gab Mielke an die HA I, Abt. Äußere Abwehr den Befehl, den Hamburger Michael Gartenschläger festzunehmen bzw. zu töten. Gartenschläger hatte im Jahre 1976 die völkerrechtswidrigen Selbstschussanlagen („Splitterminen SM-70“) von einem Grenzzaun der DDR abgebaut und damit die DDR-Führung international angeprangert. Am 30. April 1976 wurde Michael Gartenschläger von einem Stasi-Sonderkommando erschossen.

Die Folgen des Doppelmordes 1931 Bearbeiten

1934 wurde das bereits eingeleitete Verfahren vom Landgericht Berlin eingestellt, weil Mielke und ein weiterer Täter flüchtig waren. Der ebenfalls angeklagte Mittäter Erich Ziemer wurde bereits 1933 zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt[3], ebenso wie Max Matern, der wegen seiner Beteiligung am Doppelmord im Jahre 1934 hingerichtet wurde. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die Ermittlungen von den deutschen Strafverfolgungsbehörden wieder aufgenommen, die Zuständigkeit wurde ihnen aber durch die sowjetischen Besatzungsbehörden entzogen. Nach der Wiedervereinigung wurde Mielke 1993 im Zusammenhang mit den Straftaten vom 9. August 1931 wegen Mordes in zwei Fällen und eines versuchten Mordes rechtskräftig zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren verurteilt.[4]

Wegen Haftunfähigkeit wurde er bereits 1995 vorzeitig auf Bewährung entlassen.

Verweise Bearbeiten

Literatur Bearbeiten

  • Klaus Bästlein: Der Fall Mielke. Die Ermittlungen gegen den Minister für Staatssicherheit der DDR. Nomos-Verlag, Baden-Baden 2002, ISBN 3-7890-7775-5
  • Erich Mielke: Sozialismus und Frieden - Sinn unseres Kampfes. Ausgewählte Reden und Aufsätze. Dietz-Verlag, Berlin 1987, ISBN 3-320-01159-6
  • Jens Gieseke: Der Mielke-Konzern. Die Geschichte der Stasi 1945-1990. München 2006, ISBN 3-421-05952-7
  • Wolfgang Kießling: Leistner ist Mielke. Schatten einer gefälschten Biographie. Berlin 1998, ISBN 3-7466-8036-0
  • Hagen Koch, Peter Joachim Lapp: Die Garde des Erich Mielke - Der militärisch-operative Arm des MfS - Das Berliner Wachregiment „Feliks Dzierzynski“. Helios-Verlag, Aachen 2008, ISBN 978-3-938208-72-4
  • Wilfriede Otto: Erich Mielke. Biographie. Aufstieg und Fall eines Tschekisten. Dietz-Verlag, Berlin 2000, ISBN 978-3-320-01976-1

Weblinks Bearbeiten


Einzelnachweise Bearbeiten

  1. Ludwig Niethammer: Die Karriere eines deutschen Stalinisten
  2. Jacques Schuster: "Anmerkungen zu Haffner". DIE WELT, 27. Dezember 2007, abgerufen am 8. November 2009.
  3. Ludwig Helmut Roewer, Stefan Schäfer, Matthias Uhl: Lexikon der Geheimdienste im 20. Jahrhundert; Herbig, München (2003) ff S.495, ISBN 3-7766-2317-9
  4. Urteil des Landgerichts Berlin vom 26. Oktober 1993; Az: (523) 1 Kap Js 1655/90 Ks (10/91)
Fairytale kdmconfig Profil: Mielke, Erich
Namen Mielke, Erich Fritz Emil (vollständiger Name)
Beruf deutscher Politiker (SED), Minister für Staatssicherheit der DDR
Persönliche Daten
Geburtsdatum 28. Dezember 1907
Geburtsort Berlin
Sterbedatum 21. Mai 2000
Sterbeort Berlin


da:Erich Mielke en:Erich Mielke es:Erich Mielke



it:Erich Mielke ja:エーリッヒ・ミールケ




ru:Мильке, Эрих


Kopie vom 16.02.2011, Quelle: Wikipedia, Artikel, Autoren in der Wikipedia
Lokale Autorenseite, Lizenz: GFDL, CC-by-sa 3.0

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