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Elli Helene Barczatis (* 7. Januar 1912 in Berlin; † 23. November 1955 in Dresden) war von April 1950 bis Januar 1953 Chefsekretärin des DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl. Wegen Spionagetätigkeit wurde sie 1955 zusammen mit ihrem Lebensgefährten hingerichtet.

Leben Bearbeiten

Elli Barczatis wurde 1912 als Tochter eines Schneiders in Berlin geboren. Nach Abschluss der Volksschule lernte sie den Beruf der Kauffrau. Sie trat 1929 dem Gewerkschaftsbund der Angestellten bei und erwarb in Abendkursen die Obersekundarreife. Zwischen 1933 und 1945 gehörte sie der Deutschen Arbeitsfront sowie dem Luftschutzbund an. Nach dem Krieg trat sie 1945 dem FDGB und 1946 der SED bei. Ferner war Barczatis Mitglied der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft und des Demokratischen Frauenbund Deutschlands. Sie arbeitete als Stenotypistin und Sekretärin für verschiedene Firmen, ehe sie im Januar 1946 als Sekretärin des Präsidenten der Zentralverwaltung der Brennstoffindustrie eingestellt wurde. Dort lernte sie ihren späteren Lebensgefährten Karl Laurenz kennen. Im April 1950 wechselte Barczatis als Chefsekretärin zum Ministerpräsidenten der DDR und besuchte 1951 die Kreisparteischule. Im Januar 1953 legte sie die Tätigkeit beim Ministerpräsidenten nieder und besuchte einen Qualifizierungslehrgang der Deutschen Verwaltungsakademie "Walter Ulbricht". Anschließend arbeitete sie als Hauptsachbearbeiterin und Referentin im Referat Wirtschaft beim Ministerpräsidenten der DDR.

Beobachtung, Verhaftung und Verurteilung Bearbeiten

Am 26. Juni 1951 eröffnete das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) den Gruppenvorgang "Sylvester" gegen Elli Barczatis und Karl Laurenz. Beide standen fortan unter strenger Beobachtung durch das MfS. Zuvor war Elli Barczatis von der Informantin "Grünspan" dabei beobachtet worden, wie sie ihrem Lebensgefährten in einer Gaststätte Akten übergeben hatte. Letzterer war 1950 aus der SED ausgeschlossen worden, saß 1951 kurzzeitig in Haft und war anschließend als Journalist und Übersetzer tätig. Seit spätestens 1952 arbeitete er auch mit der Organisation Gehlen - dem Vorgänger des Bundesnachrichtendienstes - zusammen. Frau Barczatis, die als Vertraute Otto Grotewohls Zugang zu Geheimdokumenten besaß, gab diese, in dem Glauben er benötige sie für die journalistische Arbeit, an Laurenz weiter. In mehreren Treffen übermittelte dieser die Informationen an den bundesdeutschen Geheimdienst, wo ohne Barczatis' Wissen intern der Deckname "Gänseblümchen" für sie angelegt wurde. Für die Nachrichtenübermittlung bekam Laurenz mehrere tausend Mark, während sie gelegentlich Sachgeschenke erhielt.

Die ursprünglich für den 8. Dezember 1954 geplante Festnahme wurde verschoben, da das MfS nicht über genügend belastendes Material verfügte. So versuchte das MfS mit präparierten Dokumenten die Spionagetätigkeit Barczatis' zu belegen. Am 4. März 1955 wurden beide getrennt voneinander verhaftet und zur Volkspolizeiinspektion Berlin-Lichtenberg gebracht. Es folgte eine halbjährige Untersuchungshaft in Berlin-Hohenschönhausen. Dort wurden Laurenz von Leutnant Gerhard Niebling und Barczatis von Unterleutnant Karli Coburger vernommen. Laurenz - zunächst geständig - verweigerte die Aussage und verglich die Staatssicherheit mit dem nationalsozialistischen Sicherheitsdienst und der Gestapo, bis die stundenlangen Nachtverhöre gegen ihn eingestellt wurden. Obwohl die Stasi versuchte, beide gegeneinander auszuspielen, versuchte Laurenz vergeblich Elli Barczatis zu entlasten. Barczatis brach nach mehreren stundenlangen Verhören zusammen, war voll geständig und zeigte Reue.[1] Am 17. Juni 1955 wurden die Untersuchungen, mit der Empfehlung die Hauptverhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchzuführen, abgeschlossen. Diese fand ab dem 16. September in Berlin-Mitte unter Vorsitz des Richters Walter Ziegler statt. Weder Barczatis noch Laurenz verfügten über einen Verteidiger. Neben den Angeklagten, dem Gericht und dem Staatsanwalt saßen nur MfS-Offiziere im Gerichtssaal. Obwohl die ursprüngliche Empfehlung lebenslange Freiheitsstrafe lautete, wurden beide Angeklagten am 23. September wegen "Boykotthetze" nach Artikel 6 der Verfassung der DDR zum Tode verurteilt. Die Gnadengesuche wurden von DDR-Präsident Wilhelm Pieck am 11. November abgelehnt. Beide Urteile wurden am 23. November 1955 in der Untersuchungshaftanstalt Dresden I durch das Fallbeil vollstreckt und die Leichname eingeäschert.[2] Am 12. Oktober 1955 wurde der Fall "Sylvester" offiziell abgeschlossen.

Bewertung und juristische Aufarbeitung Bearbeiten

Während die DDR-Presse nicht über den Fall Barczatis berichten durfte, verkündete die DDR im Rahmen einer größeren Enttarnungsaktion die erfolgreiche Verhaftung von mehr als 1000 westlichen Spionen.[3] Für die Bundesrepublik war Elli Barczatis von hohem nachrichtendienstlichen Wert.[4] So bezeichnete der ehemalige BND-Chef Reinhard Gehlen Elli Barczatis in seinen 1971 erschienenen Memoiren als eine "der ersten wichtigen Verbindungen im anderen Teil Deutschlands" und dankte ihr für ihre "hingebungsvolle und erfolgreiche Tätigkeit".[5]

Wegen Totschlags, Freiheitsberaubung und Rechtsbeugung musste sich die Beisitzende Richterin Helene Heymann (zum Zeitpunkt des Prozesses Helene Kleine) 1995 vor dem Landgericht Berlin verantworten.[6] Weil sie wissentlich zu hohe Strafen verhängte, erhielt sie eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren, deren Vollstreckung jedoch ausgesetzt wurde.[7]

Literatur Bearbeiten

  • Fricke, Karl Wilhelm/Engelmann, Roger: "Konzentrierte Schläge" - Staatssicherheitsaktionen und politische Prozesse in der DDR 1953-1956, Berlin 1998, S. 181-194.

Weblinks Bearbeiten

Siehe auch Bearbeiten

Einzelnachweise Bearbeiten

  1. Vgl. Gessler, Philipp: Die teuren Diener, in: taz vom 29. Juni 2002.
  2. Vgl. Staadt, Jochen: Gänseblümchens Tod, in: Frankfurter Allgemeine vom 11. April 2001, Berliner Seiten, S. 3.
  3. Vgl. Museumsmagazin online: Streng geheim: 50 Jahre Bundesnachrichtendienst.
  4. Vgl. Zölling, Hermann/Höhne Heinz: Pullach intern - Die Geschichte des Bundesnachrichtendienstes, in: Der Spiegel 17/1971 vom 19. April 1971, S. 156.
  5. Gehlen, Reinhard: Der Dienst. Erinnerungen 1942-1971, München 1971. Zit. n. BStU: Pressemitteilung vom 17. September 2003: Der Fall "Gänseblümchen".
  6. Vgl. Berliner Zeitung vom 17. Januar 1995: Sechs Menschen starben unter dem Fallbeil.
  7. Vgl. Berliner Zeitung vom 31. März 1995: Wissentlich zu hohe Strafen verhängt.
Fairytale kdmconfig Profil: Barczatis, Elli
Beruf deutsche Agentin, Wegen Spionage zum Tode verurteilte Sekretärin Otto Grotewohls
Persönliche Daten
Geburtsdatum 7. Januar 1912
Geburtsort Berlin
Sterbedatum 23. November 1955
Sterbeort Dresden

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